Zeitschrift-Artikel: Die neue Toleranz

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Titel: Die neue Toleranz
Typ: Artikel
Autor: Alexander Selbel
Autor (Anmerkung):

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Titel

Die neue Toleranz

Vortext

Text

Gedanken zu dem gleichnamigen Buch von Josh McDowell und Bob Hostetler

"Während Sie diese Zeilen lesen, erlebt die Gesellschaft um Sie her den vielleicht schnellsten, verhängnisvollsten kulturellen Umschwung der Menschheitsgeschichte, den der Autor Dennis McCallum bezeichnet als eine 'kulturelle Metamorphose, die über Schulwesen, Film, Fernsehen und andere Medien ausgebreitet wird und so jeden Bereich des alltäglichen Lebens verwandelt'. Es ist eine so gewaltige Veränderung, dass ihre Folgen irrsinnig sind. Am allerbeängstigendsten ist, dass die meisten Christen sie anscheinend gar nicht mitbekommen" (S. 13).

Dieses Zitat macht etwas von der Brisanz und Aktualität des vorliegenden Buches deutlich.

Worum geht es?

Während der alte Begriff der Toleranz gemäß Websters Wörterbuch noch besagte, dass man den Glauben und das Verhalten usw. anderer auch anerkenne und respektiere, ohne sie zu teilen, erklärt die neue Toleranz allerdings: "Weil es mehrere Beschreibungen der Wirklichkeit gibt, kann nicht eine Meinung in einem letzten Sinne wahr sein." Wer absolute Aussagen und Maßstäbe vertritt, verurteilt und diskriminiert andere und das ist intolerant. Mit anderen Worten, die "Neue Toleranz" vertritt den totalen Relativismus, bzw. die Überzeugung, dass es viele verschiedene Wahrheiten gibt. Sie mündet in der bekannten Aussage: Alles ist gleich gültig und damit letzten Endes auch gleichgültig. Jeder Glaube ist als Religion auch gleich wahr. Die neue Toleranz will andere zwingen, ihre Haltungen und Aktivitäten gutzuheißen und daran teilzunehmen. Wer dies ablehnt, gilt als intolerant und hat immer mehr Widerstand zu erwarten..

Die neue Toleranz ist in Wirklichkeit eine aggressive Ideologie, die das Christentum bekämpft und Götzendienst schützt. Und wenn Toleranz die Kardinaltugend ist, die alleinige und absolute, dann kann es auch nur ein schlimmstes aller Laster geben, nämlich Intoleranz. Jedes Individuum, das dogmatisch an irgend etwas glaubt, insbesondere an absolute Wahrheit, ist per Definition der Intoleranz schuldig. Das Zauberwort dafür lautet Diskriminierung. Wer eine absolute Aussage fällt, hat andere diskriminiert und macht sich nach diesem neuen Moralkodex strafbar. Wer z.B. Homosexualität als falsch bezeichnet, hat eine verurteilende Aussage getroffen und gilt als homophob.

Die Botschaft der neuen Toleranz hat nach Meinung des Autors eine grundlegende negative Auswirkung auf das Bildungssystem - und wichtiger noch, auf unsere Kinder. Es gibt sechs Hauptbereiche, die negativ beeinflusst werden. Die neue Toleranz unterdrückt schulische Leistungen, entwertet den Bildungsinhalt, schreibt die Geschichte um, ignoriert Tatsachen, schränkt Freiheiten ein und verleugnet elterliche Rechte. Diese Aussagen werden belegt und die Fallbeispiele sind erschütternd.

Die Diktatur der Toleranz

Josh McDowell schildert dies neue Toleranz als riesige Krebsgeschwulst, die erst zufrieden ist, wenn sie alles absorbiert und verschlungen hat. Mit dem Instrument der politischen Korrektheit versteht man, unliebsame Gegner mundtot zu machen. Weitere Auswirkungen dieser "Diktatur der Toleranz": "Weil es keine objektive Wahrheit gibt, darf Geschichte nach den Bedürfnissen einer speziellen Gruppe umgeschrieben werden. Wahrheit muss nicht hinderlich sein... Studenten werden einer versuchten Gehirnwäsche unterzogen, die das westliche Lernen verwirft und eine im Namen des Multikulturalismus geförderte neomarxistische Ideologie hochhält. Die Bildung ist der Indoktrination gewichen" (S. 105). Die neue Toleranz lehnt Wissenschaft ab, während sie Spiritualität integriert (natürlich nur aus der östlichen, monistischen und pantheistischen Vielfalt). S. 146

Der Autor kommt zu dem erschütternden Ergebnis: "Der christliche Konsens, der einst das öffentliche und private Leben der USA und anderer westlicher Nationen bestimmte, ist bis zu dem Punkt zerfallen, dass wir nicht mehr in einer nachchristlichen Gesellschaft leben; wir leben in einer antichristlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in welcher der christliche Glaube abgewiesen oder verspottet wird und Christen verdächtigt und ihre Motive und ihr Verhalten massiv beschimpft werden" (S. 118). Denn ein anderer Schlüsselgrundsatz der Neusprache der neuen Toleranz ist die Deklarierung aller christlichen Glaubensbekenntnisse, Gebete, Symbole und ähnlicher Ausdrücke des Glaubens als diskriminierend.

Wie gewöhnlich weist der Autor nicht nur auf den Schaden hin, sondern er gibt auch die biblische Antwort, wie man diese neue Strategie der Intoleranz, besonders der biblischen Wahrheit gegenüber, nicht nur zu durchschauen vermag, sondern wie man als Christ darauf reagieren soll. Am Beispiel Christi zeigt der Autor auf, wie Jesus die Menschen bedingungslos geliebt, sie von diesem Blickwinkel her gesehen also voll toleriert hat, ohne ihr Verhalten, wie es die neue Toleranz fordert, gutzuheißen. Ihr Verhalten, ihre Sünde hasste Er, buchstäblich bis in den Tod. Nur diese radikale Liebe, so ist Josh McDowell überzeugt, kann noch eine Änderung bewirken.

Toleranz und Christenheit

Aus christlicher Sicht interessiert besonders das Thema "Toleranz und Christenheit". Des Autors Schlussfolgerung: Die Kapitulation der christlichen Kirche vor den Ideen und Idealen der neuen Toleranz hat unbestreitbar begonnen und schreitet mit beängstigender Geschwindigkeit an drei Fronten voran: In der Leiterschaft, an den theologischen Ausbildungsstätten und in den Reihen der Gemeinschaft selbst (S. 150).

Eine weitere Folge der neuen Toleranz ist, dass Gefühle begonnen haben, in menschlichen Überlegungen und Entscheidungen an die Stelle von Tatsachen zu treten; Emotion hat Vernunft ersetzt und Stil erringt den Sieg über Inhalt. Dieses Denken hat auch unter den Gläubigen schon viel mehr Fuß gefasst, als gemeinhin angenommen wird.

Die Auswirkungen sind direkt vor unseren Augen. Denn auch viele Evangelikale sind den Sirenen-Klängen der neuen Toleranz längst erlegen. Was früher noch als Irrlehre oder als ein fremder Geist diagnostiziert wurde, wird heute als "Frömmigkeitsstil" bezeichnet. McDowell spricht in diesem Zusammenhang von einem "interpretativen Relativismus" durch postmodernes Gedankengut (S. 153).

Dieses Buch ist von brennender Aktualität und sollte von jedem geistlichen Verantwortungsträger, eigentlich von allen Christen, gelesen werden. Die Entwicklung gilt nicht allein für Amerika. Wir haben nicht nur eine Regierung, für welche die neue Toleranz Programm ist. Auch die jüngsten Ereignisse in Stuttgart waren eine Zelebrierung des neuen Gedankenguts, denn die EKD im allgemeinen und der Kirchentag im besonderen ist ein Großtempel der neuen Toleranz geworden. Ähnlich sagt es auch Josh McDowell: "Die neue Toleranz wird zu einem glänzenden Tempel für Götzen jeder Art und Größe" (S. 47).

Wer weiterhin meinen und träumen will, es sei alles nicht so schlimm und eigentlich habe sich ja nichts geändert, der sollte dieses Buch tunlichst meiden. Wer aber aufwachen und erkennen will, was die Stunde geschlagen hat und was immer schneller auf uns zukommt, für den ist dieses Buch ein absolutes Muss.

Das abschließende Zitat von Alan Keyes, früherer Uno-Botschafter der USA, vermag vielleicht die ganze Tragweite unserer "freien Welt" aufzuzeigen:

"Wo finden wir die am meisten verfolgten Christen in der Welt?...Ich finde sie in den Klassenzimmern unserer öffentlichen Schulen, wo der Angriff sich nicht gegen den Körper, sondern gegen die Seele richtet. Ich finde sie in den Lügen, die unseren Menschen erzählt werden; immer wieder, an verschiedenen Orten versuchen sie vorzutäuschen, dass sexuelle Perversion und Promiskuität die normale Tagesordnung seien. Ich finde diese Verfolgung auf den Bildschirmen unserer Kinos und in unseren Fernsehspots, wo der Angriff sich nicht gegen den Körper richtet, sondern gegen die Wahrheit, die Seele formt...Und ich finde diese Verfolgung in den sterilen Kliniken, in denen Abtreibungsmörder täglich ihre Morde an unschuldigen Ungeborenen verüben und mit diesem Schlag nicht nur das körperliche Leben eines Babys wegnehmen, sondern das moralische Herz und die Seele unseres Landes. Das empfinde ich als Verfolgung" (S. 118).

Nachtext

Quellenangaben