Zeitschrift-Artikel: Aus alten Briefen: Matthias Claudius

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Titel: Aus alten Briefen: Matthias Claudius
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Aus alten Briefen: Matthias Claudius

Vortext

Text

Matthias Claudius (1740 - 1815), der "Wandsbecker Bote", hat eine Menge origineller, tiefsinniger Briefe an Freunde, Bekannte und vor allem an seine Kinder geschrieben, die es wert sind, auch heute noch gelesen und überdacht zu werden.

Aus diesen Briefen haben wir einen Brief an seinen Sohn Johannes ausgewählt, den Cladius im Jahr 1799, also vor zweihundert Jahren an der Schwelle des 19. Jahrhunderts, geschrieben hat.

Auch wenn Claudius nach diesem Brief noch 16 Jahre lang lebte, hatte er beim Verfassen dieser Zeilen seinen Tod vor Augen und so gab er seinem damals 16jährigen Sohn und späteren Pastor Johannes ein Vermächtnis weiter, das sicher nicht nur diesem sondern auch uns zu Herzen gehen kann.

Wir haben den Stil und die Ausdrucksweise des Briefes nicht verändert, ihn allerdings aus Platzgründen etwas gekürzt. Es ist gut, wenn man diesen Brief langsam und in Ruhe liest, um darüber nachdenken und daraus lernen zu können.
Wolfgang Bühne

An meinen Sohn Johannes, 1799

»Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, gebe ich Dir.«

Lieber Johannes!

Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wiederkömmt.
Ich kann Dich nicht mitnehmen und lasse Dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist. Niemand ist weise von Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung lehren hier und fegen die Tenne.
Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht alles Gold, was glänzet, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen.

Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket, daß er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit innegeworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist...

Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, was ich gefunden habe und was die Zeit mich gelehret hat.

Es ist nichts groß, was nicht gut ist, und ist nichts wahr, was nicht bestehet. Der Mensch ist hier nicht zu Hause, und er geht nicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Denn siehe nur, alle anderen Dinge hier mit und neben ihm sind und gehen dahin, ohne es zu wissen; der Mensch ist sich bewußt und wie eine hohe bleibende Wand, an der die Schatten vorübergehen...

Laß Dir nicht weismachen, daß der Mensch sich raten könne und selbst seinen Weg wisse. Diese Welt ist für ihn zu wenig, und die unsichtbare siehet er nicht und kennet sie nicht.

Spare Dir denn vergebliche Mühe und tue Dir kein Leid und besinne Dich Dein.

Halte Dich zu gut, Böses zu tun. Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding.

Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten.

Was Du sehen kannst, das siehe und brauche Deine Augen, und über das Unsichtbare und Ewige halte Dich an Gottes Wort. Bleibe der Religion Deiner Väter treu und hasse die theologi­schen Kannengießer.

Scheue niemand so viel als Dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht rügt und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter. Nimm Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zu tun, und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirne und frage ihn um Rat...

Lerne gerne von anderen, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend etc. geredet wird, da höre fleißig zu. Doch traue nicht flugs und allerdings; denn die Wolken haben nicht alle Wasser, und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache hätten, wenn sie davon reden können und davon reden... Worte sind Worte, und wo sie gar leicht und behende dahin fahren, da sei auf Deiner Hut; denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrit­tes...

Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der das will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket, daß er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit innegeworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist...

Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen.
Sorge für Deinen Leib, doch nicht so, als wenn er Deine Seele wäre

Gehorche der Obrigkeit und laß die andern über sie streiten.

Sei rechtschaffen gegen jedermann; doch vertraue Dich schwer­lich.

Mische Dich nicht in fremde Dinge; aber die Deinigen tue mit Fleiß.

Schmeichle niemand, und laß Dir nicht schmeicheln.

Ehre einen jeden nach seinem Stande, und laß ihn sich schämen, wenn er 's nicht verdient.

Werde niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob alle Deine Gläubiger wären...

Hilf und gib gerne, wenn Du hast, und dünke Dir darum nicht mehr; und wenn Du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand, und dünke Dir darum nicht weniger.

Tue keinem Mädchen Leides, und denke daran, daß Deine Mut­ter auch ein Mädchen gewesen ist.

Sage nicht alles, was Du weißt; aber wisse immer, was Du sagst. Hänge Dich an keinen Großen.

Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die Elendesten unter allen Kreaturen.

Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte, und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheint und wärmt, wenn sie auch nicht redet.

Tue, was des Lohnes wert ist und begehre keinen.

Wenn Du Not hast, so klage sie Dir und keinem andern. Habe immer etwas Gutes im Sinn.

Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht.

Stehe Deiner Mutter bei und ehre sie, solange sie lebt, und begra­be sie neben mir.

Und sinne täglich nach über Tod und Leben, ob Du es finden möchtest, und habe einen freudigen Mut, und gehe nicht aus der Welt, ohne Deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Chri­stentums durch irgend etwas öffentlich bezeugt zu haben.

Dein treuer Vater

Nachtext

Quellenangaben