Zeitschrift-Artikel: Elisa- einer von Gottes Segensträgern - Teil 11

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Titel: Elisa- einer von Gottes Segensträgern - Teil 11
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Elisa- einer von Gottes Segensträgern - Teil 11

Vortext

Und als Elisa in das Haus kam, siehe, da war der Knabe tot, hingelegt auf sein Bett. Und er ging hinein und schloss die Tür hinter ihnen beiden zu und betete zu dem HERRN. Und er stieg auf das Bett und legte sich auf das Kind, und er legte seinen Mund auf dessen Mund, und seine Augen auf dessen Augen, und seine Hände auf dessen Hände und beugte sich über ihn; und das Fleisch des Kindes wurde warm. Und er kam zurück und ging im Haus einmal dahin und einmal dorthin, und er stieg wieder hinauf und beugte sich über ihn. Da nieste der Knabe sieben Mal, und der Knabe schlug seine Augen auf. Und er rief Gehasi und sprach: Ruf diese Sunamitin. Und er rief sie, und sie kam zu ihm herein. Und er sprach: Nimm deinen Sohn! Da kam sie und fiel ihm zu Füßen und beugte sich zur Erde nieder. Und sie nahm ihren Sohn und ging hinaus. (2Kö 4,32–37)

Text

› Wie Tote zum Leben erweckt werden

Dort, in dem besagten „kleinen, gemauerten Obergemach“, auf jenem Bett, wo Elisa zu ruhen pfegte, lag nun der gestorbene Sohn der Sunamitin. Sie selbst hatte ihn dorthin gelegt und die Türe verschlossen. Ihren unsagbaren Kummer hatte sie jetzt Elisa anvertraut. Elisas Auftrag an Gehasi hatte kein Leben hervor gebracht. In dieser Situation unterschied sich Elisa von seinem geistlichen Vater Elia. Auch dieser stand vor der Herausforderung, den Sohn der Witwe in Zarpath, wo Elia zu Gast war, zu neuem Leben zu erwecken. Damals bemühte Elia keinen Diener oder Prophetenstab, sondern ging sofort in das „Obergemach“, wohin er den Toten auf sein Bett gelegt hatte und betete das mutige und ergreifende Gebet, das Gott erhörte. (1Kö 17, 20–21) Vielleicht erinnerte sich Elisa erst nach der vergeblichen und demütigenden Aktion Gehasis an sein großes Vorbild. Denn nun finden wir auffallende Parallelen im Verhalten beider Propheten:?• Verschlossene Türen?• Ernsthaftes, anhaltendes Gebet?• Identifkation?• Eine heilige Unruhe – weniger bei Elia, als bei Elisa?• Kein Aufgeben bei scheinbarem Misserfolg – auch hier bei Elisa auffallender als bei Elia?• Ausdauer bis zur endgültigen Gebetserhörung?Diese beiden erstaunlichen Totenauferweckungen sind eine deutliche Illustration und ein Musterbeispiel für ein noch größeres Wunder in unserer Zeit: Wie geistlich Tote zu ewigem Leben erweckt werden können.

› Eine verschlossene Tür

Echte Wunder Gottes geschehen auch heute meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Elisa kündigt nicht durch eine „prophetische Proklamation“ einem großen Publikum eine spektakuläre Totenauferweckung an. Sozusagen als „Demonstration des Reiches Gottes durch Zeichen und Wunder“. Das ist in den vergangenen Jahrzehnten leider immer wieder in gewissen charismatischen Kreisen geschehen, zum Gespött der ungläubigen und sensationslüsternen Zuschauer! Die sich manchmal nach der erfolglosen Zeremonie anhören mussten, dass Gott nun ein noch größeres Wunder vollbracht hat, indem er den Toten direkt zu sich in den Himmel nahm ...

› Ernsthaftes Gebet?

Wir können heute nicht – wie in apostolischen Zeiten – Zeichen und Wunder vollbringen. Noch viel weniger mit eigener Kraft oder irgendwelchen psychologischen Tricks und Überredungskünsten das Wunder der Wiedergeburt bewirken. Denn das ist von A bis Z ausschließlich ein Werk Gottes. Daher ist das ernsthafte, anhaltende Gebet für geistlich Tote gleichzeitig das Eingeständnis der eigenen Ohnmacht und der völligen Abhängigkeit von Gott. Andererseits hat man oft das Gebet als den „Vorläufer der Gnade“ bezeichnet. Da, wo in der stillen Kammer oder auch in Gebetsversammlungen im Gebet anhaltend um Verlorene gerungen wird, bekennt sich Gott dazu. Alle Pioniermissionare waren vor allem Beter, die mehr Zeit auf den Knien als auf der Kanzel verbracht haben. Stellvertretend für zahlreiche andere sei hier an den Indianer-Missionar David Brainerd (1718 – 1747) und den China-Missionar Hudson Taylor (1832 – 1905) erinnert, die darin beeindruckende Vorbilder waren.

› Aktive Identifikation

?„Aktivität ohne Gebet ist Vermessenheit. Gebet ohne Aktivität ist Heuchelei“, bemerkt C.H. Spurgeon in einer ergreifenden Predigt über diese Verse.1 Derjenige, der ernsthaft und anhaltend für Verlorene betet, wird auch einen Weg suchen und nden, um Kontakt zu den Gesuchten zu bekommen. Wilhelm Busch hat in seiner Betrachtung über Elisa darauf hingewiesen, dass Elisa sich nach dem Gesetz (4Mo 19,11) verunreinigte, als er nicht nur den Toten berührte, sondern sich ganz auf ihn legte. Aber genau diese völlige Identifikation oder Kontaktaufnahme ist eine Voraussetzung dafür, wenn „Tote“ zum Leben erweckt werden sollen. Unser Herr Jesus ist genau darin unser großes Vorbild. Wie oft lesen wir in den Evangelien und besonders in dem des Arztes Lukas, wie der Herr Aussätzige, Blinde, Taube usw. anrührte, bevor er sie heilte. Und das erschütterndste Beispiel für Identi kation sehen wir auf Golgatha, wo der gekreuzigte Sohn Got- tes unsere Sünde und die Folgen unserer Sünde auf sich genommen und vor Gott stellvertretend gebüßt hat. „Hier haben wir einen wunderbaren Hinweis auf Jesus. Er ging hinein in unseren adamitischen Tod, den wir durch die Sünde herbeigeführt haben. Und so wurde Er, Jesus, der Erretter aus dem Tod!“2 erinnert Wilhelm Busch. C.H. Spurgeon hat in der bereits erwähnten Predigt zu Sonntagschul-Lehrern gesprochen und sehr praktische Anwendungen gemacht, wie Identifikation in unserem Dienst aussehen kann: „Wenn Sie dieses tote Kind erwecken wollen, so müssen Sie die Kälte und das Grauen dieses Todes selbst fühlen ... Sie müssen mehr oder weniger ein deutliches Gefühl des furchbaren Zornes Gottes und der Schrecken des zukünftigen Gerichts haben, sonst wird es Ihnen an heiliger Energie in Ihrer Arbeit fehlen ... Wenn Sie so Ihren Mund auf des Kindes Mund legen und Ihre Hände auf seine Hände, müssen Sie darum bemüht sein, sich so weit wie möglich der Natur, den Gewohnheiten und dem Temperament des Kindes anzupassen. Ihr Mund muss des Kindes Worte aus- ndig machen, so dass das Kind versteht, was Sie meinen. Sie müssen die Dinge mit eines Kindes Auge ansehen; Ihr Herz muss die Gefühle eines Kindes haben, so dass Sie ihm ein Freund und Gefährte sind. Sie müssen die Sünden der Jugend genau beobachten. Sie müssen die Versuchungen der Jugend mitfühlen. Sie müssen, so weit wie möglich, in die Freuden und Leiden der Kinder eingehen.“3 Diese Ratschläge des bekannten Seelengewinners können wir ebenso auf Evangelisation unter Jugendlichen, Kriminellen, alten Menschen, Studenten wie Obdachlosen anwenden. Hudson Taylor hat vorgelebt, wie wichtig es in der Mission ist, die Sprache und Kultur derer gut zu kennen, denen wir das Evangelium vermitteln möchten. Er erlernte die recht schwierige chinesische Sprache. Er kleidete sich und aß wie ein Chinese. Und ließ sich einen Zopf wachsen, wie es damals unter Chinesen üblich war, was ihm nicht nur den Spott seiner Landsleute, sondern auch der anderer Missionare einbrachte. Der ehemalige Gewohnheitsdieb, Zuchthäusler und spätere Straßenevangelist Wolfgang Dyck (1930–1970) konnte in Discotheken, Gefängnissen, auf öffentlichen Plätzen usw. mit entsprechendem Vokabular, Beispielen aus der Tageszeitung und Gegenstands-Lektionen glaubwürdig evangelisieren und wurde gehört. Er kannte das Lebensgefühl, das Denken und die Probleme seiner Zuhörer aus eigener Erfahrung und aus seinem Umgang mit Menschen und konnte ihnen daher auf ihrem Niveau begegnen.

› Das Vorbild des Harold St. John?

Patricia St. John zitiert in ihrer großartigen Biographie über ihren Vater Harold St. John eine Erfahrung, die er als junger Evangelist gemacht hatte und die eine treffende Illustration für Identifikation in der Evangelisation ist: „Als ich noch sehr jung war, ging ich regelmäßig in die Slums von London. Ich ging in eine der normalen Unterkünfte, meist Sonntagabend. Ich trug Gehrock und Zylinder und stand da mit meinem Neuen Testament in der Hand und predigte und predigte. Ich war sehr erstaunt, wie verstockt sie waren! Hier stand doch ein Mann in Gehrock und Zylinder, und sie hörten überhaupt nicht auf ihn! Und dann verstand ich, warum sie nicht hören wollten, besorgte mir den ältesten Anzug, den ich mir nur irgendwo leihen konnte und steckte in seine Tasche die Summe von 4 Pence. Am Abend ging ich mit den Radaubrüdern und Herumtreibern aus dem Viertel?in eine Unterkunft, in der zwei- oder dreihundert Männer schlafen sollten. Ich setzte mich dorthin, wo sie saßen, und die Flöhe, die sie bissen, bissen auch mich, und die gleichen Krabbeltierchen, die auf ihnen herumkrabbelten, besuchten auch mich. Ich verbrachte einige Nächte in diesem schrecklichen Raum und hörte mir ihre Nöte und Sor-?gen an. Eines Morgens um sechs Uhr früh, als sie alle ihr Frühstück bekamen, erhob ich mich und begann zu ihnen zu reden, und nun merkte ich, dass ich nicht die geringste Schwierigkeit hatte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ich hatte gesessen, wo sie saßen, in der Regel neun schla ose Stunden, und verstand genau, wie dreckig sie waren, wie das Leben mit ihnen umsprang, und nun waren sie völlig bereit, einem Mann zuzuhören, der alles mit ihnen geteilt hatte. Denn der größte Tag der menschlichen Geschichte war es, als es Gott gefiel, uns näher zu kommen als jemals zuvor. Nachdem Gott sich 4000 Jahre in einer Wolke und in tiefster Finsternis verborgen hatte, beschloss er in seinem Herzen, uns näher zu kommen. Denn er sandte seinen Sohn nicht in erster Linie, damit er uns Moral predigte. Als unser Herr das Werk der Erlösung begann, sagte er erst einmal dreißig Jahre lang kein öffentliches Wort. Dreißig Jahre lang saß er da, wo die Menschen saßen und lernte ihre Gedanken und Erfahrungen kennen. Dreißig Jahre lang lernte er Hunger, Müdigkeit, Armut und die Nöte und Sorgen seiner kleinen Familie kennen, und erst als er all das kennengelernt hatte, öffnete er seinen Mund zum Predigen. Und die Welt hat ihm seitdem immer zugehört.“4 Spurgeon weist in seiner Predigt zu Sonntagschul- Lehrern noch auf ein kleines und interessantes Detail im Bibeltext hin, das man leicht übersehen kann: „Der Prophet beugte (streckte) sich über das Kind. Man hätte denken können, dass es heißen müsste ‚er zog sich zusammen‘. Er war ein erwachsener Mann, und der andere bloß ein Knabe. Nein, er ‚beugte‘ sich. Und merken Sie sich: Kein Beugen ist schwerer, als wenn sich ein Mann zu einem Kind beugt. Der ist kein Narr, der zu Kindern sprechen kann. Ein Einfaltspinsel irrt sich sehr, wenn er meint, das seine Narrheit Knaben und Mädchen interessieren kann. Um die Kleinen zu lehren, haben wir unsere eißigsten Studien, unsere ernstesten Gedanken, unsere reifsten Kräfte nötig.“5

› Eine „heilige“ Unruhe?

Elisa begnügte sich nicht mit der Feststellung, dass seine Körpertemperatur den toten Körper des Jungen erwärmte. Er ruhte nicht eher, bis der Tote eindeutige und untrügliche Lebenszeichen von sich gab. Es ist unbedingt gut und wichtig, wenn wir im Umgang mit unbekehrten Familiengliedern, Freunden und Bekannten Wärme vermitteln und Vorurteile abbauen. Wir sollten ein Vorbild in echter Freude am Herrn und an seinem Wort sein und damit Interesse und Aufmerksamkeit wecken. So wie Elisa sich nicht mit der steigenden Körpertem- peratur zufrieden gab, sondern von seinem Obergemach herabstieg und sorgenvoll „einmal hierhin und einmal dorthin“ ging, sollten auch wir vorsichtig sein, vorschnell von „Bekehrung“ zu reden, wenn noch keine deutlichen Früchte einer Wiedergeburt zu sehen sind. Aber Begeisterung, Erschütterung, emotionales Aufgewühltsein, Tränen usw. können zwar Anzeichen einer Erweckung sein, bedeuten aber nicht unbedingt, dass eine Wiedergeburt stattgefunden hat.

› Ausdauer bis zur endgültigen Gebetserhörung

Erst als Elisa wieder das Obergemach bestieg, sich ein weiteres Mal über den Toten „beugte“, ein siebenfaches Nießen hörte und in die nun offenen Augen des Jungen schauen konnte, war er gewiss, dass Gott sein Gebet erhört hatte. Auf dem Jungen ausgestreckt zu liegen und dann ein siebenfaches Nießen mitzuerleben, wird für Elisa kein ästhetischer, sondern eher ein feuchter „Hörgenuss“ gewesen sein. Aber er wird in Elisas Ohren wunderbarer als Händels „Hallelujah“ geklungen haben. Ähnliche Erfahrungen werden auch heute diejenigen unter uns berichten können, die evangelistisch unter solchen Menschen arbeiten, die nicht in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sind und denen das Vokabular der Sprache Kanaans noch fremd ist.

› „Nimm deinen Sohn!“?

Mit diesen Worten empfängt Elisa die herzugerufene Mutter, die überwältigt von der Gnade und dem Erbarmen Gottes zu den Füßen des Mannes Gottes niederfällt, sich „zur Erde beugt“ und damit Gott allein die Ehre gibt. So begann und endete die erste Totenauferweckung Elisas ohne Spektakel und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erst mindestens sieben Jahre später sorgte ausgerechnet der mit Aussatz gestrafte Gehasi dafür, dass dieses Wunder dem gottlosen Sohn Ahabs, dem König Joram in Samaria, mit Begeisterung berichtet wurde (2Kö 8,4–5).

Nachtext

Nachtext: »Die Dämmerung meines Lebens war mir eine geheiligte und freudevolle Erfahrung. Das Buch, das ich mein Leben lang geliebt habe und nach dem ich geliebt habe, öffnet mir in immer größerer Fülle seine Geheimnisse, mehr als je zuvor,? und das Angesicht des Herrn strahlt immer heller.«? Harold St. John auf der Feier seines 75. Geburtstages

Quellenangaben

Quellenangaben 1 C.H. Spurgeon, „Ratschläge für Seelengewinner“, Wuppertal, Verlag der Ev. Ges. 1975, S. 112) 2 Wilhelm Busch, „Elisa“, Neukirchen-Vluyn, Aussaat 2006, S. 128 3 Spurgeon a.a.O. S. 112–113?4 Patricia St. John: Reisender in Sachen Gottes, CLV, Bielefeld?5 Spurgeon, a.a.O. S ...