Zeitschrift-Artikel: "Befestigt eure Herzen ..."

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Titel: "Befestigt eure Herzen ..."
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 152

Titel

"Befestigt eure Herzen ..."

Vortext

Gedanken zum Jahreswechsel

Text

Es war am Samstagmorgen, der 26.11.2016 in „El Gabriel“, einer kleinen Ortschaft in Kuba, etwa 35 km von der Hauptstadt Havanna entfernt. Alois und ich waren bei Freunden untergebracht und wir hatten schon einige lange und mühsame Touren hinter uns, mit vielen interessanten Erfahrungen und Begegnungen, bei denen wir Tausende von evangelistischen und weiterfüh- renden Bücher verteilen konnten. Ich hatte eine erholsame Nacht hinter mir und freute mich auf das Frühstück in der Hoffnung, dass es an diesem Morgen wieder Brot geben würde. Bereits an drei Tagen hatte es kein Brot gegeben, weil entweder beim Bäcker der Strom ausgefallen war oder ihm jemand einen Sack Mehl geklaut hatte. Aber an diesem Morgen hatte ich die Trillerpfeife schon beim Aufgang der Sonne gehört – und das war das Signal, dass der Bäcker Brot gebacken hatte und es im Dorf anbieten konnte ...

› „Fidel Castro ist gestorben!“

Doch bevor ich die Küche unserer Gastgeberin betrat, war nicht „Brot“ das Thema, sondern die aktuelle Nachricht, dass Fidel Castro in dieser Nacht gestorben sei. Und das sei diesmal keine „Ente“, sondern die Wahrheit. Raul Castro selbst, der etwas jüngere Bruder und Fidels Nachfolger als Staatsoberhaupt, habe es im Radio verkündigt. „Gott sei Dank!“, rutsche es mir spontan aus dem Mund. Und das lag daran: Wenige Tage vorher hatten wir in Cruces bei unserem Freund Wilfredo gesessen, einem 70-jährigen baptistischen Evangelisten, der immer noch sehr aktiv ist. Er hatte uns mit bewegter Stimme erzählt, wie er als junger Christ in den 60er Jahren von Castros Militär ohne Verhör und Verhandlung für zwei grauenvolle Jahre ins KZ gesteckt wurde – nur weil er Christ war. Was er dort an Folter, Hunger, Schikane und Unmoral erlebt hatte, wollte er uns nicht im Detail erläutern, aber wir spürten ihm ab, welch furchtbaren Erinnerungen er an diese Zeit hatte. Während des Frühstücks mit Brot, Mayonaise und Kaffee sickerten dann weitere Nachrichten durch: 9-tägige Staats-Trauer mit Alkoholverbot, Castros Leiche solle eingeäschert und in Santiago de Kuba beigesetzt werden. Auf der etwa 860 km langen Reise von Havanna nach Santiago de Kuba solle die Urne damit die umgekehrte „Route der Freiheit“ antreten, auf der Fidel und die Revolutionäre 1959 in Havanna eingezogen waren, damit das trauernde Volk von ihrem „Comandante“ Abschied nehmen könnte ...

› Rolando Nuñez lebt!

In den folgenden Stunden trafen nach und nach Brüder aus dem Osten des Landes ein, die in den vielen kleinen Versammlungen der Bergdörfer geistliche Verantwortung tragen und die zu einem Seminar eingeladen waren. Darunter Rolando, ein Familienvater von knapp 50 Jahren, der mit seiner Familie und seinem alten Vater eine „Finka“ in den Bergen verwaltet – weitab von jeder Zivilisation. Dort, wo keine Straße hinführt, sondern man nur zu Fuß oder mit einem Ochsenkarren die verstreuten kleinen Landwirtschaften besuchen kann, war vor Jahren eine kleine, aber blühende Gemeinde entstanden. Ich hatte Rolando viele Jahre nicht mehr getroffen, erinnerte mich aber gut an seine Glaubenserfahrungen, die er in besonders harten Zeiten gemacht und die er gelegentlich auf Konferenzen usw. bezeugt hatte. Ich bat ihn, uns eine dieser eindrücklichen Erfahrungen, die ich nur noch schwach in Erinnerung hatte, noch einmal zu schildern, um sie hier weiterzugeben: „Es war vor Jahren, als es bei uns in den Bergen noch keinen Strom gab und man abends beim trüben Schein einer Petroleumfunzel die Bibel las oder beim Kerzenschein die Windeln wechseln musste. Wir hatten mit meinem Vater und unseren Kindern Reis gesät – eine harte Arbeit. Aber er wuchs gut und in einem Monat konnte man mit der Ernte rechnen. Damals gab es hier noch kein Radio und so erfuhren wir damals nichts von der aktuellen Zyklon-Warnung, die für Kuba ausgegeben wurde. Ein fürchterliches Unwetter brach über uns herein. Die ganze Reisernte wurde völlig vernichtet und auch wir selbst lagen mutlos am Boden. Aber dann kam unser Vater – der uns in seiner Hingabe an den Herrn und in seinem praktischen Glauben ein großes Vorbild war und ist – und sagte: ‚Ich werde den Reis aufrichten!‘ Dann ging er in den Wald, suchte und sammelte in tagelanger Arbeit Tausende kleiner Stöckchen und sagte uns und unseren Kindern: ‚Jede Reisp anze, die von jedem von Euch aufgerichtet wird, soll ihm gehören!‘ Und dann ging er an die Arbeit. Zunächst dachte ich: ‚Lieber esse ich ein Jahr keinen Reis und nur noch Bohnen, als diese Wahnsinns-Arbeit auf mich zu nehmen!‘ Aber dann sah ich den Vater bei der mühsamen Arbeit und wie sich auch unsere Kinder nach anfänglichem Zögern daran machten. Schließlich wollte ich nicht länger nur verärgert zusehen, begann mich zu bücken und jede einzelne Pflanze aufzurichten, an ein Stöckchen zu binden und damit zu stabilisieren. Es war eine unglaublich harte Arbeit – aber nach vielen Tagen hatten wir etwa 80% der Reisernte gerettet. Zur Verwunderung unserer Nachbarn, denn wir waren die einzigen in der weiteren Umgebung, die den Reis mit Gottes Hilfe und durch das Vorbild unseres Vaters retten und ernten konnten.“ Welch eine schöne Illustration zu der Aufforderung in Jakobus 5,8: „Habt auch ihr Geduld, befestigt eure Herzen, denn die Ankunft unseres Herrn ist nahe gekommen.“ Wie oft liegen auch wir mutlos am Boden oder sehen, wie unsere Geschwister sich nicht wieder aufrichten können. Aber Gottes Verheißungen sind da und wir können uns selbst und unsere Mitgeschwister damit ermutigen – auch wenn damit viel Kniearbeit verbunden ist. Hauptsache: Die Ernte eines Jahres wird gerettet und eingefahren!

Nachtext

Quellenangaben