Zeitschrift-Artikel: Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil4

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Titel: Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil4
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil4

Vortext

Und es geschah, als sie hinübergegangen waren, da sprach Elia zu Elisa: Erbitte, was ich dir tun soll, ehe ich von dir genommen werde. Und Elisa sprach: So möge mir doch ein zweifaches Teil von deinem Geist werden! Und er sprach: Du hast Schweres erbeten! Wenn du mich sehen wirst, wie ich von dir genommen werde, so soll dir also geschehen; wenn aber nicht, so wird es nicht geschehen. Und es geschah, während sie gingen und im Gehen redeten, siehe, ein Wagen von Feuer und Pferde von Feuer, die sie beide voneinander trennten; und Elia fuhr im Sturmwind auf zum Himmel. Und Elisa sah es und schrie: Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter! Und er sah ihn nicht mehr. Da fasste er seine Kleider und zerriss sie in zwei Stücke. Und er hob den Mantel Elias auf, der von ihm herabgefallen war, und kehrte um und trat an das Ufer des Jordan. (2Kö 2,9-13)

Text

› Der Charakter-Test Im Bewusstsein seiner kurz bevorstehenden Entrückung hatte Elia seinem jungen Freund und Nachfolger die entscheidende Frage gestellt, deren Antwort deutlich machen würde, welche Ziele, Hoffnungen und verborgenen Herzenswünsche Elisa für seinen bevorstehenden Dienst hatte. In dieser schwerwiegenden, fast feierlichen Situation unter Ausschluss der Öffentlichkeit erbat sich Elisa keine Bedenkzeit. Er wünschte auch keine Rücksprache mit Eltern, Freunden oder anderen Ratgebern. Schon längst hatte er die Weichen seines Lebens gestellt und auf den vergänglichen Wert und Besitz materieller Güter verzichtet. Gott hatte ihn in die Nachfolge des Propheten Elia gerufen und in den vergangenen Monaten der Gemeinschaft mit diesem Mann Gottes hatte er Ewigkeitswerte kennengelernt, die auch seine Lebensziele geprägt hatten. Und dann hörte Elia, der wahrscheinlich mit höchster Spannung auf die Antwort seines Nachfolgers wartete, den schlichten, kurzen aber inhaltsschweren Herzenswunsch: „So möge mir doch ein zweifaches Teil von deinem Geist werden!“ Elisa wird seinem geistlichen Vater mit dieser kurzen Antwort unendliche Freude bereitet haben, denn hier wurde deutlich, dass Elisa im Hinblick auf seine kommenden Aufgaben seine eigene Unfähigkeit und Kraftlosigkeit erkannt hatte. Ihm war bewusst, dass Wissen, Bildung und intellektuelle Begabung nicht ausreichen, um ein Segensträger Gottes gerade auch in schwierigen Zeiten zu sein, sondern dass geistliche Kraft und Vollmacht für diesen schweren Dienst nötig sind. Der alte Ausleger Matthew Henry schreibt dazu sehr treffend: „Am meisten vorbereitet für geistliche Segnungen sind diejenigen, die am meisten Gespür für ihren Wert und gleichzeitig für ihr eigene Unwürdigkeit, sie zu empfangen, haben.“1 › Das „zweifache Teil“ Beim ober ächlichen Nachdenken über diesen Wunsch könnte man den Eindruck gewinnen, dass Elisa ziemlich unbescheiden für sich die doppelte Geisteskraft des Elia erbittet. Doch der Kontext dieser Geschichte und das Wissen um die Anweisungen Gottes für den doppelten Anteil des Erstgeborenen vom Erbe des Vaters (5Mo 21,17) machen deutlich, das Elisa sich unter den zahlreichen „Söhnen“ des Propheten als der „Erstgeborene“ bezeichnen durfte. Angesichts der Schwere seiner zukünftigen Aufgaben wünschte er sich als „Erstgeborener“ ein doppeltes Teil von der geistlichen Kraft, die Elia als Erbe den Prophetensöhnen hinterlassen würde. › „Du hast Schweres begehrt ...“ Die Reaktion des Elia über den weisen und geistlichen Wunsch seines Nachfolgers überrascht. Man sollte meinen, dass der alte Prophet in Jubel ausbrechen würde, nachdem deutlich geworden ist, dass Elisa seine „Abschlussprüfung“ mit Auszeichnung bestanden hat. Aber bei aller Freude und Dankbarkeit über die gute Gesinnung und geistliche Reife seines Nachfolgers macht seine Antwort etwas von dem Gewicht, der Bedeutung und Verantwortung dieses „Erbes“ deutlich: Es war „schwer“, weil geistliche Kraft nicht wie materielle Güter vererbbar ist. Kein Mensch hat die Autorität und die Fähigkeit, geistliche Gaben zu vererben oder zu vermitteln. Zur Zeit der Apostel glaubte der Zauberer Simon, dass er eine „Gabe Gottes“ mit Geld kaufen könnte und musste sich das vernichtende Urteil des Petrus über dieses „Geschäft“ anhören (Apg 8,18-21). Auch heute gibt es immer wieder selbsternannte Apostel und Fernseh-Evangelisten, die sich einbilden und lautstark davon reden, dass sie durch eine „besondere göttliche Salbung“ in der Lage seien, Geistesgaben wie Krankenheilung, Prophetie usw. durch Handauflegung übertragen zu können. Für diese falschen Propheten ist es ein leichtes, angebliche Geistesgaben zu vermitteln, wenn nur jede Menge Mikrophone, Fernsehkameras, eine große begeisterte Menschenmenge und bereitstehende Eimer für Kollekten-Sammlungen den nötigen Rahmen dafür bilden. Nein, Elia wusste nur zu gut, dass dieser Wunsch außerhalb menschlicher Fähigkeiten liegt und sich gleichzeitig nicht mit unserer alten, ungebrochenen Natur vertragen wird. Wilhelm Busch schreibt dazu: „Dass es sich um etwas Hartes („Schweres“) handelt, wenn der Heilige Geist ein Herz erfüllt, sei vor allem den schwärmerischen Naturen gesagt, die sich einbilden, der Heilige Geist bringe Entzückungen und Erhebungen. Diese schwärmerischen Entzückungen, die uns heute wieder in besonderer Weise als „Geistesfülle“ angepriesen werden, stammen wohl von einem anderen Geist, der nichts von Zerbruch weiß.“2 Aber Elisas Bitte war auch „schwer“, weil sie „gewichtig“ oder „schwerwiegend“ war. Im Alten Testament lesen wir oft von Propheten, die von einer „Last“ sprachen, die ihnen Gott als Botschaft und Auftrag auferlegt hatte. Geistliche Kraft ist ein wertvolles Geschenk und gleichzeitig auch eine verantwortungsvolle Last. › Das Geheimnis geistlicher Kraft Der zweite Teil der Antwort Elias macht deutlich, dass der erwünschte Segen an eine Bedingung geknüpft war: „Wenn du es sehen wirst, wie ich von dir genommen werde, so soll dir so geschehen.“ Diese Bedingung zeigt, dass Elisa den alten Propheten nicht mehr aus dem Auge lassen durfte. Absolute Aufmerksamkeit und Konzentration wurden nun gefordert. Man kann sich gut vorstellen, dass Elisa bei dem folgenden Gang und Gespräch keinen Blick mehr für die Umgebung oder andere Nebensächlichkeiten hatte. Er suchte um jeden Preis den Augenkontakt mit seinem Meister, um den entscheidenden Augenblick seines Lebens, von dem der Segen abhing, nur ja nicht zu verpassen. Diese Beobachtung enthält eine sehr wichtige und wertvolle Lektion für jeden, der sich nach geistlicher Kraft sehnt. Wer auf sich selbst sieht und sich bespiegelt, wird – je nach Veranlagung – entweder arrogant und eingebildet oder aber depressiv und verzagt. Selbstbespiegelung ist kein Dünger, sondern Gift für geistliches Wachstum. Bei aller Wertschätzung geistlicher Vorbilder sollten wir uns aber auch der Begrenztheit dieser Vorbilder bewusst sein. Vor allem der Blick auf den Herrn, auf sein Vorbild als Mensch auf dieser Erde und als der verherrlichte Sohn Gottes im Himmel wird uns mit Kraft und mit Freude erfüllen und uns gleichzeitig Ihm ähnlicher machen. „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist.“ (2Kor 3,18) Täglich und stündlich im Bewusstsein der Gegenwart des Herrn zu leben, Ihn in allen Lebensbereichen als Vorbild im Gedächtnis zu haben – das ist keine „leichte“ Aufgabe. Wie viele Wünsche, Umstände und Sorgen im Alltagsleben wollen unseren Blick auf den Herrn Jesus verdunkeln oder ablenken. Der Teufel wird versuchen, uns alle möglichen anderen Dinge und auch die Reichtümer dieser Welt vor Augen zu halten, damit unser Herz nicht auf unseren Herrn und ewige Werte fokussiert ist. Das ist schwer! › Ein seltener und gesegneter letzter Gang ... „Und es geschah, während sie gingen und im Gehen redeten ...“ Vier Mal wird in den Versen 7 bis 11 betont, dass sie miteinander gingen und redeten. Der alte Prophet, der um die letzten Minuten seines leidgeprüften Lebens auf dieser Erde wusste, zeigt sich ohne eine Spur von Bitterkeit und ist bereit abzutreten, um bei seinem Gott zu sein. Wie selten und wertvoll sind solche Brüder und Schwestern, die an der Schwelle der Ewigkeit mit der folgenden Generation vertrauensvolle Gemeinschaft pflegen können. Und wie wertvoll sind junge Geschwister, die in einer ähnlichen Situation die Gemeinschaft mit der älteren Generation suchen und nicht überheblich und besserwisserisch die „Stabübergabe“ herbeisehnen und sich einbilden, es besser als ihre Väter machen zu können ... › Ein bewegender Blick und ein verzweifelter Schrei ... „Und Elisa sah es und schrie: Mein Vater, meine Vater ...“ Der für unsere Phantasie kaum vorstellbare Moment war gekommen, in dem Gott auf ungewöhnliche, gewaltige, beeindruckende und ganz dem Charakter des Propheten entsprechende Weise Elia durch „Wagen von Feuer“ und „Pferde von Feuer“ im „Sturmwind“ in den Himmel entrückte. Elisa war Augenzeuge dieser dramatischen Entrückung, die für seinen weiteren Weg so entscheidend sein sollte. „Elisa sah es ...“ und das „zweifache Teil“ des Geis- tes Elias war ihm nun sicher – aber er scheint nicht daran gedacht zu haben. Auf jeden Fall brach er nicht in Jubel und Triumph aus, sondern in einen Schrei der Trauer und des Schmerzes, der deutlich machte, was Elia ihm bedeutet hatte: „Mein Vater, mein Vater!“ Elisa hatte seinen geistlichen Vater verloren! Aber er fühlte nicht nur seinen persönlichen Verlust. Dieser verzweifelte Schrei: „Wagen Israels und seine Reiter!“ beinhaltet auch die Frage, was aus Israel werden soll, wenn dieser mutige Einzelkämpfer auf den Schlachtfeldern Israels nicht mehr zur Verfügung steht! Welch eine demütige und bescheidene Gesinnung zeigt sich hier und was für eine freundschaftliche und vertraute Beziehung muss diese beiden unterschiedlichen Männer miteinander verbunden haben! Interessant ist auch, dass Jahrzehnte später Elisa selbst auf seinem Sterbebett lag, als der König Joas tränenüberströmt mit dem gleichen Ausruf von ihm Abschied nehmen wollte: „Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!“ (2Kö 13,14) Elisa, der in Elia einen geistlichen Vater hatte, wurde später vielen jüngeren Männern ein geistlicher Vater. Diese Tatsache sollte uns, die wir älter oder auch Eltern sind, dazu ermutigen, Zeit, Kraft und Erfahrungen in das Leben unserer leiblichen und geistlichen Kinder zu investieren. › „Und er sah ihn nicht mehr ...“ Es liegen Schmerz und Wehmut in diesen wenigen Worten. Menschliche Beziehungen sind nicht ewig und auch geistliche Beziehungen gehen einmal zu Ende. Doch wie gesegnet sind wir, wenn wir dankbar auf geistliche Väter und Mütter zurücksehen dürfen, die uns den Weg zum Herrn gezeigt und uns auf dem Weg der Nachfolge begleitet und ermutigt haben. Aber die Fackel muss weitergegeben werden ... „Die Hand an den Pflug legen und die Tränen abwischen – das ist Christentum!“, dieser Ausspruch von Watchman Nee könnte treffend die damalige Gefühlslage Elisas beschreiben. Elia war in der Ewigkeit. Er hatte weder Krone noch Zepter noch andere materielle Güter hinterlassen. Was von ihm zurückblieb, war sein Mantel – das untrügliche Kennzeichen des Mannes Gottes. So hat auch unser Herr nach seiner Himmelfahrt den Jüngern keine irdischen Reichtümer hinterlassen, sondern sein Vorbild, wie es in den Evangelien beschrieben wird. „Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf und folge mir nach.“ (Lk 9,23) „Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.“ (1Petr 2,21) › „Da fasste er seine Kleider und zerriss sie in zwei Stücke ...“ Elisas Reaktion ist eine beeindruckende Illustration zu der Aufforderung unseres Herrn, uns selbst zu verleugnen und ihm nachzufolgen. Die Kleider, die für Elisas bisherige Identität standen, waren nun in seinen Augen nur noch wert, zerrissen zu werden. Damit setzte er ein weiteres radikales Zeichen seiner Selbstverleugnung. Hatte er vor Jahren radikal mit seinem ehrenwerten Beruf gebrochen, um Elia nachzufolgen, so wollte er nun nach der Entrückung seines Meisters nicht mehr in seinen eigenen Kleidern, sondern nur noch in den Kleidern des abgerufenen Propheten gesehen werden. Er plante nicht, seine Kleider irgendwo zu deponieren und um sie bei passender Gelegenheit wieder anzuziehen. Sein Leben sollte eindeutig sein und keine Gelegenheit zu einem Doppelleben bieten. „Elisa zerreißt seine Kleider in zwei Stücke. Er bedarf ihrer hinfort nicht mehr, denn er besitzt den Mantel des Elia, das zweifache Teil seines Geistes. In dieser Kraft wird er inmitten Israels wandeln. Möchte es mit uns ebenso sein! Möchten wir unser altes Kleid zerreißen, nachdem wir Christus angezogen haben, um Ihn der Welt im Zeugnis darzustellen.“3

Nachtext

Quellenangaben

Quellenangaben 1 Arthur W. Pink, Das Leben des Elias, Hamburg: RVB,2002, S. 304 2 Wilhelm Busch, Elisa, Neukirchen-Vluyn: Aussaat, 2006, S. 44 3 H. Rossier, Betrachtungen über das zweite Buch der Könige, Neustadt: E. Paulus Verlag, 1961, S. 29