Zeitschrift-Artikel: Unterwegs in Bolivien

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Titel: Unterwegs in Bolivien
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Unterwegs in Bolivien

Vortext

Text

Es war im Februar dieses Jahres. Genau in den Tagen, in welchen sich der von den meist armen Koka-Bauern gefeierte, aber ansonsten undurchsichtige, linke Präsident Evo Morales von Schamanen in einem von allen Fernsehsendern übertragenen Ritus – dem Inca-Kult – weihen ließ. Wir – das sind Peter Lüling, Rudi Rhein und ich – waren in diesem armen, gebeutelten Land unterwegs, um in Wort und Schrift auf unseren Herrn Jesus hinzuweisen. Die erste Station war Guayaramerin, eine Stadt an der Grenze zu Brasilien, wo am Rande des Dschungels und bei tropischen Temperaturen unser Freund Rudi Rhein mit seiner Familie und vielen jungen Familien und Mitarbeitern aus Deutschland eine großartige missionarische Arbeit unter den Bolivianern leistet. Wie in einem kleinen „Fort“ wohnt hier diese „Missionsfamilie“ mit etwa 20 Erwachsenen und 16 Kindern. Sie betreiben einen christlichen Buchladen, verkaufen dort auch täglich frische Milch aus eigener Produktion, starten von hier aus evangelistische Einsätze in der Umgebung und in den etwas entfernteren Dschungel-Dörfern und versuchen außerdem, den bolivianischen Christen und Gemeinden eine Hilfe zu sein. Tägliches Bibelstudium und Gebetsgemeinschaften, fröhliches Singen, gemeinsame Arbeit und gemeinsame Mahlzeiten bestimmen die Atmosphäre. Mitten drin und vorne weg: Rudi, den – ähnlich wie „Balu“ im „Dschungelbuch“ – nichts aus der Ruhe bringen kann, der immer gute Laune versprüht, stets ein Lied auf den Lippen hat und mit dem man auch unterwegs in drei gemeinsamen Wochen einfach keinen Streit provozieren kann ... › Mit Hammer, Nagel und „Gute Saat“ Typisch für Rudi: Kaum waren wir in Guayaramerin, da packte er sich eine Kiste frisch eingetroffener Abreißkalender „La buena semilla“ („Die gute Saat“), dazu einen Hammer und eine Anzahl stabiler Nägel und sagte zu seinen jungen Mitarbeitern: „Kommt mit!“ Dann folgte dieser Tross ihrem Anführer, der entschlossen in die Büros der Stadtverwaltung ging, auch vor dem Bürgermeister keinen Halt machte, sondern mit einem fröhlichen und unüberhörbaren „buenos dias!“ die verblüfften Beamten begrüßte. Dann griff er gleich zum Hammer, schlug einen Nagel in Augenhöhe in die Wand und befestigte den Kalender daran. „Damit ihr damit keine Arbeit habt und erst noch lange einen Nagel suchen müsst ...“ mit solchen oder ähnlichen Sätzen verabschiedete sich Rudi dann freundlich, um das nächste Zimmer zu stürmen und seinen jungen Mitarbeitern mit gutem Beispiel voranzugehen. (Für Kuzzeitler oder FSJler übrigens eine ideale, prägende und sehr empfehlenswerte Möglichkeit, geistlich zu wachsen und herausgefordert zu werden!) › Freizeitcamp „Nueva Canaan“ In dem naheliegenden, wunderschönen Camp nden jährlich eine Menge Freizeiten für Kinder und Jugendliche statt, die fast alle aus ungläubigen Familien kommen. Gegen einen symbolischen Mini- Betrag erleben sie hier eine Woche lang ein abwechslungsreiches Programm mit vielen Bibelarbeiten, Wettbewerben und einer Menge Liedern, die sie begeistert mit nach Hause nehmen. Überall in Bolivien begegneten wir Leuten, die vor Jahren einmal an einer solchen Freizeit teilgenommen haben und Rudi lautstark begrüßten und herzlich umarmten. Zuletzt der Pilot eines Flugzeuges der Fluggesellschaft „Amazonas", der uns von Guayaramarin nach Santa Cruz brachte. Zur Zeit wird in „Nueva Canaan“ ein weiteres Haus gebaut, um Waisenkinder aufzunehmen. › Santa Cruz Zu Dritt ogen wir mit dem besagten Piloten und den übrigen Fluggästen in diese Großstadt, wo wir in den dortigen Brüderversammlungen erwartet wurden, eine Konferenz durchführen konnten und ein großes Interesse an Bibelstudium und auch an christlicher Literatur erlebten. Fast alle Bücher, die wir mitgebracht hatten, waren gleich am ersten Abend verkauft. Ermutigend, dass hier gerade auch junge Christen Lesehunger zeigten. Die Abend-Bibelschule mit etwa 100 Teilnehmern, die von unseren Freunden Carlos und Marcello geleitet wird, hat sich offensichtlich sehr positiv auf das geistliche Leben und Wohl der Geschwister ausgewirkt. Es war für uns eine Freude, bei den Gemeinde- und Hausbesuchen eine überwältigende Gastfreundschaft und Fürsorge zu erleben und ein großes Interesse an geistlichen Themen festzustellen. › Mennoniten-Kolonien – „Das fürchterliche Idyll“ In der Illustrierten „Stern“ vom 17.12.2014 gab es eine Reportage über einen Besuch in den Kolonien wie „Manitoba", etwa 150 km von Santa Cruz entfernt. Der Inhalt war schockierend, aber nicht übertrieben. Die Mennoniten, die sich hier vor Jahrzehnten angesiedelt haben, stammen meist aus Mexiko oder Paraguay. Sie haben hier in Bolivien eine neue Heimat gefunden, um der „Verweltlichung“ – wie z.B. den gummibereiften Traktoren – in ihren ehemaligen mennonitischen Kolonien zu entfliehen. Kein elektrischer Strom, kein Handy oder Telefon – geschweige denn Internet, kein Auto. Kaum Bildung, keine Bücher, keine Bilder, Schulunterricht auf niedrigstem Niveau von nicht ausgebildeten Lehrern. Sport und Musik sind Sünde. Es wird „Plattdütsch“ gesprochen und Hochdeutsch nur schwer verstanden. Man lernt mechanisch Hochdeutsch lesen, versteht aber meist die Begriffe nicht. Jede mögliche Verbindung zur „Welt“ soll der jungen Generation schon im Ansatz gekappt werden, was natürlich zur Heuchelei führt. Heimlich wird von vielen jungen Leuten all das praktiziert, was verboten ist. Natürlich haben diese Farmer mit teilweise riesigen Ländereien Trecker – aber nur mit Eisenrädern, damit keiner auf die Idee kommt, in die Stadt zu fahren. Man hat gewaltige Dreschmaschinen mit Gummirädern, die aber von diesen Treckern mit Eisenrädern gezogen werden müssen, um nicht „unter Gemeindezucht“ zu geraten. › Uhren benötigt man hier nicht ... Uhren werden hier nicht benötigt, weil man mit dem Sonnenaufgang aufsteht und sich z.B. am Sonntag eine Stunde nach Sonnenaufgang zum Gottesdienst trifft. Dort versteht man zwar kaum ein Wort, weil meist eine Predigt aus dem 18. Jahrhundert in Hochdeutsch gelesen wird, aber man bemüht sich sehr wohl, nach dem abschließenden, eintönigen Sing-Sang aus der Kirche zu eilen. Das ist auch ratsam, um möglichst als erster mit der eigenen Kutsche die Kolonne von Kutschen anzuführen, um nicht auf den selbst geschobenen, von eigenen „Wegemeistern“ gewarteten, schnurgeraden, nicht geteerten Wegen von einer Wolke aufgewirbeltem Staubes umhüllt zu werden. Wenn in dem neuen, fragwürdigen und umstrittenen Buch „Die Jesus Revolution“ die Autoren Claiborne und Campolo über die Mennoniten schreiben, dass sie „einen einfachen Lebensstil pflegen“ und dadurch „immer mehr Faszination und Ein uss vor allem auf die junge Generation ausüben“ (S. 214), dann trifft das zumindest nicht auf die Mennoniten-Kolonien in Bolivien zu. Ganz im Gegenteil! Wer Radio hört, dem wird angedroht, in der Hölle zu landen, ebenso derjenige, der es wagt, sich der Kolonie „Chihuahua“ anzuschließen, die in den letzten Jahren etwa 40 km von „Manitoba“ entfernt entstanden ist. Dort haben die zum lebendigen Glauben gekommenen Mennoniten eine neue Kolonie gegründet, wo man auf alle unbiblischen Traditionen verzichten und dem Evangelium gemäß leben möchte. Diese sehr fleißigen, bestimmt nicht armen Farmer hatten wir ja bereits vor 14 Monaten besucht und schätzen gelernt. Sie hatten uns nun eingeladen, in ihrem großen, wunderschönen Gemeindesaal am Vormittag Seminare für Mitarbeiter und Interessierte durchzuführen und abends vor der ganzen Gemeinde Vorträge zu halten, zu denen bis zu etwa 700 Zuhörer, incl. Kinder und Säuglinge, erschienen. Dort saßen sie alle in fast preußischer Ord- nung: Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder – jeweils nach Geschlechtern getrennt, aber meist mit fröhlichen Gesichtern und Bibeln in den Händen. Unser Hochdeutsch wurde zwar nicht von allen zu 100% verstanden, aber man hörte zu und interessierte sich auch für die deutschen Bücher, die wir besorgt und mitgebracht hatten. (Man bedenke, dass nicht wenige der recht reichen, intelligenten und durchaus engagierten Brüder außer der Bibel bisher kein weiteres Buch gelesen haben!) Eine frustrierende Erfahrung machte allerdings Peter mit seiner Bibel. Um zu frühstücken unterbrach er seine Stille Zeit vor dem Haus und legte die aufgeschlagene Bibel auf einen Gartentisch. Kurze Zeit später wurde ihm die Bibel gebracht, die inzwischen um die Propheten Jeremia bis Maleachi ärmer geworden war: Ein Hund des Hauses hatte offensichtlich Freude daran gefunden und sie zerrissen oder gefressen. Zum Glück war das Buch Nehemia unbeschadet geblieben, über das Peter anschließend zu lehren hatte ... › Ein Fallbeispiel Um deutlich zu machen, unter welchen Druck suchende Alt-Kolonnisten geraten, wenn sie Kontakte zu den bekehrten Mennoniten in Chihuahua suchen, folgende Begebenheit, die wir in diesen Tagen miterlebten: An einem Nachmittag besuchten wir erstmals die berüchtigte Kolonie „Manitoba", um uns selbst ein Bild von der Situation zu machen. Wir stellten fest, dass man uns nicht getäuscht und auch nicht übertrieben hatte. Das „fürchterliche Idyll“ fanden wir genau so vor, wie man es uns beschrieben hatte: Frauen und Mädchen in langen, bunten Röcken und Hüten, Männer in Latzhosen, keine Autos, kein Strom, dafür Pferde und Kutschen und uns gegenüber kritische, misstrauische Blicke. Wir besuchten eine Schmiede, wo u.a. die Eisenräder für die Trecker hergestellt werden. Unsere mennonitischen Freunde und Begleiter Milton und Daniel, die einzelne Kontakte zu diesen Leuten pflegen, begannen ein kurzes Gespräch mit den angestellten jüngeren Arbeitern. Sie erwähnten vorsichtig die abendlichen Vorträge in Chihuahua und tatsächlich zeigte einer der jungen Ehemänner Interesse und erwägte, an einem Abend zu kommen. Was wir allerdings nicht wussten: Dieser junge Ehemann aus Manitoba musste vor seiner Hochzeit einen Vertrag mit seinem Schwiegervater unterzeichnen, in dem stand, dass seine zukünftige Frau wieder zu ihren Eltern zurückgeholt würde, wenn der zukünftige Mann sich auf den Weg „in die Hölle“ wagen, das heißt, sich bekehren und sich der „abgefallenen“ Kolonie Chihuahua anschließen würde! › Auf dem Weg zur „Hölle“ ... Genau dieser Mann zeigte also Interesse für das Evangelium. Da er auch seine Frau dafür gewinnen wollte, plante er unter dem Vorwand, seine Frau müsse einen Arzt aufsuchen, mit seiner Frau per Taxi zu der abendlichen Versammlung zu fahren. (Taxi fahren darf man, weil das Auto nicht einem Mennoniten, sondern einem ungläubigen Bolivianer gehört und von ihm gefahren wird!) Am Abend, während ich im Saal das Wort Gottes verkündigen durfte, traf das Taxi – wie beabsichtigt – mit etwas Verspätung vor dem großen Gemeindesaal ein. Das Taxi fuhr weiter und der junge Ehemann bat seine Frau, doch mit ihm in die Versammlung zu kommen. Sie weigerte sich strikt und blieb vor dem Eingang stehen, während ihr Mann sich zu den Zuhörern setzte. Nach einer Weile befahl die empörte oder verwirrte Frau einem Ordner, ihren Mann aus der Versammlung zu holen. Wahrscheinlich, weil sie an die besagte Unterschrift ihres Mannes dachte ... Als ihr Mann sich aber entschlossen weigerte den Saal zu verlassen, trat sie ebenso entschlossen in den Saal und zog ihren Mann mit aller Kraft an den Hosenträgern aus dem vollen Saal. Dummerweise war es inzwischen dunkel, das Taxi war weg und ein Handy besaßen sie auch nicht. So gab es für sie keine andere Möglichkeit, als die Einladung eines Bruders aus der Gemeinde anzunehmen, in seinem Haus zu übernachten, und sie am nächsten Morgen nach Manitoba zu fahren. Wie diese Geschichte dann weitergegangen ist, haben wir leider nicht mehr erfahren können, weil es der Vorabend unserer Abreise war. Aber die geschilderte Situation ist ein Beispiel dafür, mit welch verdrehten Vorstellungen und Ängsten junge Menschen in den traditionellen Kolonien aufwachsen und mit welchen Konsequenzen sie rechnen müssen, wenn sie sich dem Evangelium öffnen. Gott sei Dank arbeiten seit einigen Jahren drei mennonitische Ehepaare aus Deutschland unter diesen Alt- Kolonisten, um Kontakte zu knüpfen, Vertrauen zu schaffen und mit der Hilfe des Herrn das Evangelium zu leben und zu verkündigen. Es ist eine schwere, aber gesegnete Arbeit, die diese Missionare Herbert Schönke, Viktor Neufeld und Peter Giesbrecht mit ihren Familien in diesem abgeschotteten Umfeld verrichten. Und Gott konnte sie gebrauchen, um eine inzwischen ständig wachsende Zahl dieser durch eine heuchlerische, unbiblische und grausame Tradition irregeführten Menschen das Evangelium zu erklären und sie zu unserem Herrn Jesus zu führen. Beten wir, dass diesem Volk, das tatsächlich in der Finsternis wandelt, das strahlende Licht des Evangeliums aufgeht.

Nachtext

Quellenangaben