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Zeitschrift-Artikel: »Indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen« Impressionen einer Kubareise

Zeitschrift: 150 (zur Zeitschrift)
Titel: »Indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen« Impressionen einer Kubareise
Typ: Artikel
Autor: Daniel Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 138

Titel

»Indem du den Glauben bewahrst und ein gutes Gewissen« Impressionen einer Kubareise

Vortext

Text

Als wir am Freitag, den 27.3.2015 um ca. 21:50 Uhr auf dem Flughafen von Havanna landen, rechnen wir mit dem Schlimmsten. Im Jahr zuvor hat man stundenlang unsere Koffer durchsucht und uns erst nach einem echten Nervenkrimi erlaubt, mit dem Gepäck den Zollbereich zu verlassen. Doch dieses Jahr werden wir noch nicht einmal kontrolliert – einer von vielen Vorteilen, die uns der Besitz eines Visums für Missionare im Verlauf der Reise noch gewähren sollte. Sobald wir das Visum gezeigt haben, lässt man uns durch. Der Präsident des Verbundes der Baptistengemeinden Kubas hat dieses Visum erfolgreich für uns beantragt, mit dem wir das Recht haben, zumindest im Umfeld der Baptistengemeinden öffentlich von der Kanzel zu predigen. Im vergangenen Jahr musste alles noch heimlich gemacht werden. › Stromausfall und Magenknurren ... Die Brüder Jorge Luis und Vladimir erwarten uns bereits, so dass wir um ca. 24:00 Uhr in El Gabriel eintreffen, wo wir uns auf die wohlverdiente Nachtruhe freuen. Leider gibt es in El Gabriel gerade einen Stromausfall, so dass wir mit dem Display-Licht des Handys (die Taschenlampen-Funktion des Handys finden wir leider nicht) die Toilette, das Waschbecken etc. suchen und unsere Koffer auspacken müssen. Nach einer kurzen Nachtruhe freuen wir uns auf das Frühstück am nächsten Morgen, bevor es um 9 Uhr mit der ersten Konferenz losgehen soll. Doch dann erleben wir die zweite unangenehme Überraschung: Wegen des Stromausfalls hat kein Bäcker Brot backen können, so dass es nichts zum Frühstück gibt. Gott sei Dank haben wir noch ein paar Kekse vom Flug aufbewahrt, so können unsere Mägen wenigstens ein wenig gefüllt werden ... Die bereits erwähnte Konferenz findet in einer Baptistengemeinde in der Hauptstadt Havanna statt, die von Pastor Vladimir betreut wird. Viele Pastoren sowie Verantwortliche und Älteste anderer Gemeinden sind zu dieser Konferenz gekommen, so dass wir insgesamt ca. 70 Personen sind. Wolfgang studiert mit den Anwesenden das Gebetsleben Jesu, während ich versuche, so gut es geht zu übersetzen. Am nächsten Tag kann ich vor versammelter Gemeinde über die „Helden Davids“ predigen. Die Literatur, die unser Freund und Bruder Jorge Luis im Vorfeld der Reise hat „illegal“ drucken lassen („Jesus unser Schicksal“ von Wilhelm Busch, „Anbetung“ von Benedikt Peters sowie das Buch „Hiskia“ von W. Bühne) wird von den Geschwistern dankbar angenommen, zumal in den offiziellen Buchläden und auf der Straße fast ausschließlich politische Literatur angeboten werden darf. Einige Teilnehmer haben einzelne Bücher bereits am nächsten Tag gelesen, das Interesse an geistlicher Literatur ist riesig und wir sind dankbar, dass wir diese Bücher kostenlos weitergeben können. › Irdische Probleme und geistliches Leben Es ist uns eine große Freude, in diesen Tagen den Pastor Vladimir und seine Familie etwas näher kennenzulernen. Vladimir lebt ein selten zu beobachtendes Gleichgewicht zwischen einem sanften und demütigen Wesen und einer inhaltlichen Klarheit und Geradlinigkeit in seinen Predigten und Entscheidungen, so dass man viel von unserem Herrn Jesus in ihm wiedererkennen kann. Durch die Gespräche mit ihm können wir auch etwas besser verste- hen, wie schwierig das Leben als Christ in Kuba ist. Vladimir verdient pro Monat umgerechnet 40 Euro, womit er ein Gutverdienender in Kuba ist. Er muss sich selbst, seine Frau und zwei Söhne ernähren – einer davon ist Autist. Lebensmittel etc. dürfen nur in den legalen staatlichen Verkaufsstellen gekauft werden. Studiert man die folgende kleine Tabelle mit den aktuellen Preisen (alles umgerechnet in Euro), erkennt man sofort das große Problem: Gegenstand – Preis – Preis bei illegalem Kauf 1 Liter Super-Benzin – 1.30€ – 0,80 € 1 Tüte Milchpulver (6 Liter) – 6,60€ – 3,00 € Brot für einen Monat (2 Baguettestangen täglich) – 12,00€ – / 1 Tüte mit 5 Hähnchenkeulen – 2,60€ – / 1 Sack Zement – 6,60€ – 5,00€ 1 kg Rindfleisch (illegaler Kauf wird mit bis zu mehreren Jahren Haft bestraft)– 9,60€ – 5,00€ 460 Gramm Schweinefleisch – 1,60€ – / 500 Blätter Papier – 6,60€ – 3,00€ Stromkosten pro Monat (mindestens) – 6,60€ – / Summe – 52,90€ – 16,80€ Die 40 Euro reichen nicht ansatzweise, um eine Familie ernähren zu können (man beachte, dass in der Tabelle zahlreiche Dinge fehlen, ohne die wir kaum leben könnten). Diese Tatsache führt im Wesentlichen zu zwei Konsequenzen: • Jeder Kubaner versucht, auf irgendeine Weise zusätzliches Geld zu verdienen. • Man ist gezwungen, illegal einzukaufen. Während Vladimir mit uns über diese Dinge redet, merkt man, wie sehr er darunter leidet, Dinge illegal kaufen zu müssen. Es ist ihm eine unglaubliche Last und wir können ein wenig erahnen, wie schwierig es für die Geschwister in Kuba sein muss, der Aufforderung Paulus an Timotheus angemessen nachzukommen: „... indem du den Glauben und ein gutes Gewissen bewahrst“ (1Tim 1,19). › Schmutziges „Glück" Zur gleichen Zeit lernen wir den Bruder Delfin aus El Gabriel kennen. Er arbeitet in einem kleinen Laden, in dem offiziell Metallgitter für Gartenabsperrungen sowie das Absichern von Fenstern verkauft werden sollen. Diese Metallgitter sieht man an fast jedem Haus, es handelt sich also um einen Artikel, den jeder Kubaner kaufen sollte. Delfin erklärt uns jedoch, dass kein Mensch in seinen Laden kommt, um solch ein Gitter zu kaufen, und zwar aus folgendem Grund: Die Chefs und die Arbeiter der staatlichen Fabriken, die diese Gitter herstellen, nehmen einen Teil der Produkte mit nach Hause und verkaufen sie illegal. Somit kauft jeder diese Gitter auf dem Schwarzmarkt, die Chefs und Arbeiter der staatlichen Fabrik verdienen so zusätzliches Geld, und alle – bis auf Delfin – sind glücklich. Delfin hat aus diesem Grunde aus seinem Laden eine kleine Werkstatt gemacht und verdient Geld, indem er Reparaturen aller Art durchführt. Es klingt absurd – und das ist es auch, das Leben in Kuba. Am Sonntagabend fahren wir zur Brüdergemeinde nach El Gabriel, wo Wolfgang einen Vortrag über Anbetung hält. Etwa 70 bis 80 Geschwister versammeln sich dort in einem Wohnzimmer, weil das gekaufte Gebäude wegen fehlender finanzieller Mittel noch nicht fertig renoviert werden konnte. Aus einer riesigen Scheune ist bereits ein großer Saal mit Betonträgern und einem massiven Dach geworden, doch es müssen noch Toiletten, Fenster, Elektrizität und ein Fußboden fertiggestellt werden, bevor die Gemeinde in diesen Raum umziehen kann. › „Wasser oder Benzin?“ Bevor wir zur nächsten Konferenz in Cruces aufbrechen (etwa 300 km entfernt), müssen wir noch schnell tanken. Als uns der Tankstellenbesitzer fragt, ob wir Wasser brauchen, fragen wir zwei Deutsche uns, was der Mann von uns will. Unser Fahrer Jorge Luis weiß, was der Mann meint, und bejaht. Wir fahren den Wagen auf ein Gestell abseits der offiziellen Tanksäule, der Tankwart nimmt den „Wasserschlauch“ und tankt unseren Wagen voll – natürlich nicht mit Wasser, sondern mit dem gleichen Benzin, dass man ein paar Meter entfernt vom gleichen Tankwart legal viel teurer getankt hätte. Der Weg von Havanna nach Cruces führt uns über eine der wenigen, aber breiten Autobahnen Kubas. Wir überholen Fußgänger, Fahrradfahrer, Pferdegespanne und andere Fahrzeuge. Auf der Gegenfahrbahn sehen wir einen Klein-LKW umgekippt auf dem Boden liegen, der Fahrer scheint den Unfall nicht überlebt zu haben. Sein Fahrzeug ist mit einer Gruppe von ca. 5 Rindern zusammengestoßen, welche die Autobahn überqueren wollten. Alle Rinder liegen tot auf der Autobahn. › Lebendiges Gemeindeleben In Cruces werden wir sehnsüchtig von Wilfredo erwartet, einem 70 Jahre alten Diakon der Gemeinde. Wilfredo ist ein kantiger Kubaner, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich mit anderen Geschwistern der dortigen Baptistengemeinde um die Rand guren der kubanischen Gesellschaft zu kümmern: Alkoholiker, Kriminelle, Behinderte, Obdachlose. Wilfredo sucht mit seinem Team all diese Leute auf und hilft ihnen materiell, vor allen Dingen aber geistlich, indem er mit großer Begeisterung auf den wahren barmherzigen Samariter hinweist. Die Christen in Cruces und der Umgebung fallen nicht nur durch diesen missionarischen Eifer auf – während der eintägigen Konferenz erleben wir sie auch als bibelfeste, gebildete und eifrig studierende Geschwister. Die letzte Gemeinde, die wir während unserer Reise besuchen, ist die Brüdergemeinde von Guines. Diese Gemeinde trifft sich in dem Haus des Ältesten Orlando. Letztes Jahr mussten sich die ca. 30 Geschwister noch in der kleinen Küche zusammenquetschen, doch dieses Jahr ist ein größerer Raum nutzbar. Freudig bedanken sich die Geschwister dafür, dass sie durch die Spenden der Geschwister aus Deutschland einen richtigen Gemeinderaum im Haus Orlandos bauen konnten. Die Liebe der Geschwister untereinander ist deutlich spürbar. Während der spontan einberufenen Versammlung mitten am Tag und einem Vortrag über die „Herberge“ (Lk 10,33-35) – als Bild für eine der wichtigen Funktionen einer biblischen Gemeinde – steht Trinidad, ein alter Bruder, auf. Dann singt er ein Lied über eine Taube, die gebrochene Flügel hat und nicht mehr fliegen kann. Und darüber, dass es uns noch schlechter ging als der Taube, bevor Jesus sich unser erbarmte. Trinidad hat nach einer langen Leidenszeit seine Frau verloren, ist aber für die anderen Geschwister ein Vorbild an Freude und Dankbarkeit. › Wo wahres Glück zu finden ist ... In deutschen Zeitschriften habe ich vor der Reise viel über Veränderungen in Kuba gelesen: über ein langsames Erwachen, über Kubaner, welche die neuen Freiheiten nutzen, um Geld zu verdienen. Im April 2015 reichten sich Obama und Raul Castro nach fast 60 Jahren eisigen Schweigens die Hand und viele Menschen erwarten dramatische Veränderungen in Kuba als Folge dieser politischen Annäherung. Doch im Frühjahr 2015 kann man davon noch nicht viel erkennen. Der „normale“ Kubaner lebt weiter so, wie er es seit Jahrzehnten tut, lediglich in seinem Kopf existiert ein wenig mehr Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Begeisterung für das kommunistische System ist schon in den neunziger Jahren erloschen, als das Geld der Sowjetunion ausblieb und das Leben in Kuba deutlich schwieriger wurde. Jetzt träumen viele von einer Zukunft voller Wohlstand, Glück und Zufriedenheit. Aber auch diese Seifenblase wird irgendwann zerplatzen. Die Christen in Kuba haben in den vergangenen Jahren eindrucksvoll und überzeugend vorgelebt, dass wahres Glück nur in Gott zu finden ist. Man kann nur hoffen und beten, dass dieses Zeugnis auch bei möglichen wirtschaftlichen und politischen Veränderungen bestehen bleibt. Denn dass Wohlstand, politische Freiheit und Vergnügungen nicht automatisch glücklich machen, sehen wir einmal mehr am 4.4.2015 um 14:30, als wir nach langem Flug wieder deutschen Boden betreten und in die vielen leeren und gestressten Gesichter rund um den Frankfurter Flughafen blicken ...

Nachtext

Quellenangaben