Zeitschrift-Artikel: Weil sie die Finsternis mehr liebten als das Licht ... Die Verbannung des Aristides

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Titel: Weil sie die Finsternis mehr liebten als das Licht ... Die Verbannung des Aristides
Typ: Artikel
Autor: Christoph Grunwald
Autor (Anmerkung):

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Titel

Weil sie die Finsternis mehr liebten als das Licht ... Die Verbannung des Aristides

Vortext

Text

„Da sagte der Statthalter: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrieen noch viel mehr und sprachen: Kreuzige ihn!“ (Mt 27,23) Noch müde wanderten die Männer über die ausgetretene Straße nach Athen. Es war noch dämmrig und selbst die Sonne schien an diesem Tag träge zu sein. Schwerfällig bewegte sie sich am Horizont empor, nur um gleich wieder hinter einem Wolkenfeld zu verschwinden. Die Wanderer nahmen ohnehin kaum Notiz von der sie umgebenden Landschaft, in der herbstlich gefärbte Hügel den Blick auf die Ägäis versperrten und Olivenhaine den Wegen Richtung gaben. Sie kannten den Weg, die Hügel und die Olivenhaine. Der Rat der Fünfhundert hatte die Volksversammlung allein in diesem Jahr schon 34mal auf den Pnyxhügel in Athen einberufen. Seit sich Kleisthenes nach der Vertreibung des Tyrannen Hippias 510 v. Chr. gegen den reaktionären Isagoras durchgesetzt hatte und die solonische Verfassung nicht nur wieder aufrichtete, sondern weitere, demokratische Reformen einbrachte, hatten sie Stimmrecht. Sie, die Bauern, Händler und Handwerker, das einfache Volk. Sie waren auf einer Höhe mit den großen Politikern Athens – dachten sie anfänglich. Inzwischen waren ihre Illusionen der Realität gewichen. Und obwohl Demokratie dem Einzelnen neben individuellen Rechten auch Pflichten auferlegt, nahmen sie die ihren nicht mehr allzu regelmäßig wahr. Der Weg war zu weit, um über untergeordnete Anträge abzustimmen, die sie auf dem Land nur in wenigen Fällen betrafen. Es war wichtiger, gerade Furchen in die Äcker zu pflügen, als den verworrenen Diskussionen der Volksversammlung zu folgen. Heute war es anders. Heute waren sie wieder auf dem Weg nach Athen. Ein Scherbengericht – ein „Ostrakismus“ – war angekündigt. Jedes Mitglied der Volksversammlung durfte den Namen eines ihm unbeliebten Bürgers auf eine Tonscherbe kratzen. Die Person, die nach der Auszählung am häufigsten genannt worden war, musste für 10 Jahre in die Verbannung. Ein solches Spektakel ließen sie sich nicht entgehen. Der große Themistokles hatte das Scherbengericht angeregt. Es sollte seinen Kontrahenten Aristides treffen, der ihm in der wichtigen Frage der militärischen Verteidigung des Landes öffentlich widersprach. Der Perserkönig Xerxes I. hatte schon bei seiner Thronbesteigung vor drei Jahren begonnen, sein Reich gegen Griechenland zu mobilisieren. Er wollte die Eroberungspläne seines Vaters Dareios wieder aufnehmen und verwirklichen, der sich 490 v. Chr. nach der empfindlichen Niederlage bei Marathon zurückziehen musste. Die Griechen wussten um Xerxes Absichten, waren sich aber über die beste Verteidigungs- Strategie nicht im Klaren. Themistokles warb für einen Kampf auf See, aber Aristides argumentierte gegen eine Verstärkung der Flotte und für eine Konzentration auf Fußsoldaten. Als einer der Strategen1 bei der Schlacht von Marathon konnte ihm niemand eine Kompetenz in Sachen Kriegsführung absprechen und sein Wort hatte Gewicht. Aristides! Das Volk nannte ihn nur „den Gerechten“. Woher er diesen Titel hatte, wusste keiner genau, aber alle hatten eine eigene Meinung dazu. Das belastbarste Gerücht lies verlauten, dass dieser Beiname das erste Mal von einem Händler gebraucht wurde, bei dem Aristides auf eine geringe Summe Wechselgeld verzichtet hatte. Der Kaufmann hatte diese noble Geste mit einer wichtigen Miene seiner Nachbarin erzählt, die solche Geschichten schätzte und bereitwillig weiter gab. „Der Gerechte“ – das klang ja auch zu gut! Sagt man jemandem Negatives nach, so bleibt es an ihm haften – unabhängig davon ob es stimmt oder nicht. Positives bleibt selten – und nur dann, wenn es stimmt. Aristides wurde seitdem „der Gerechte“ genannt und niemand kam auch nur auf die Idee, dass sein Anspruch auf diesen Beinamen fragwürdig wäre. Selbst Themistokles wusste, dass das Volk Recht hatte. Er hatte lange und vor allem vergeblich versucht, irgendeinen triftigen Grund zu finden, um seinen politischen Kontrahenten zu diskreditieren. Zwar lachte er nur kurz auf, schüttelte den Kopf und bemerkte mit einer Handbewegung, mit der man eine lästige Fliege vertreibt, dass „Gerechtigkeit“ die vorgestrige Moralvorstellung eines Spießers sei, aber den Titel nahm er nur mit äußerstem Unwillen zur Kenntnis. Denn so wie man die moralische Überlegenheit eines anderen gerne als Spießertum karikiert, so grämt man sich doch darüber, wenn einem die Anerkennung derer, die wissen, dass es sich dabei um eine Tugend und keine Rückständigkeit handelt, selbst nicht zukommt. Neben dem Neid war es der öffentliche Widerspruch des Aristides, der Themistokles’ Unwillen zu Hass wandelte. Aristides wurde unbequem. Zu unbequem. Der „Ostrakismus“ war ein relativ neues politisches Instrument. Man hatte es erst vor vier Jahren eingeführt2 – und bislang nur dreimal angewandt. Das Reizvolle daran: Es war völlig unerheblich ob derjenige, den man zu verbannen beabsichtigte, etwas Dummes getan hatte, dumm war oder einfach nur dumm aussah. Als Ankläger und Initiator war es lediglich entscheidend, die Mehrheit des Volkes für sich zu gewinnen. Da viele den kurzen Moment der Schadenfreude für genüsslicher erachteten, als das Nachsinnen über das langfristige Schicksal des Einzelnen, war es einfach, einen unliebsamen Gegner für zehn Jahre auszuschalten. Man brauchte nur eine gewisse rhetorische Gabe. Und die hatte Themistokles. Er streute Gerüchte und verbreitete Wahres und Unwahres in dem üblichen, geschickt dosierten Mischungsverhältnis, dass es einem unmöglich macht, dieses von jenem zu unterscheiden. Gelangweilt folgten die Männer der Sitzung. Die ersten Entscheide waren beschlossen, es ging um Abgaben, eine neue Müllverordnung und kleinere legislative Eingriffe in die Organisation der Polis 3. Das Scherbengericht war der nächste Tagesordnungspunkt. Die Aufmerksamkeit bei den Abgeordneten stieg spürbar, als sie aufgefordert wurden Personen zu nennen, über die abgestimmt werden sollte. Einzelne, unbekannte Namen, wie Eosander, Hippographus und Alektor, wurden gerufen. Als aber ein unbekannter Abgeordneter den Namen „Aristides“ rief, ging ein Raunen durch die Menge. Nicht nur der auffrischende Wind ließ einige der Anwesenden auf der Pnyx frösteln. Es ging nicht nur um das Persönliche. Dieses Scherbengericht war gleichzeitig eine politische Abstimmung. Und daher sahen sich nicht wenige im Dilemma – sie befürworteten die Politik des Themistokles, wussten aber, dass die umlaufenden Gerüchte über Aristides nicht stimmten. Die meisten von ihnen hielten es für richtiger, den einen für das Volk zu opfern. Tonscherben wurden verteilt, Griffel oder zweckmäßig geformte Steinchen herumgereicht und das kreischende Geräusch des Kratzens auf gebranntem Ton nahm dem Tag seine Unschuld. Ein einfach gekleideter Mann sah auf seine noch unbeschriebene Scherbe. Er drehte sie zögerlich zwischen den Fingern, runzelte die Stirn, blickte sich hilflos um und stieß dann vorsichtig den neben ihm stehenden älteren Herrn an. Neben seinem staubigen Saum verriet auch sein Akzent, dass er den weiten Weg aus dem Umland auf sich genommen hatte. Sein „S“ war zu scharf und sein „o“ klang eher wie ein „eu“. „Entschuldigung!“ – und weil die Demokratie zwar davor schützt, dass Einzelne zu viel Macht bekommen, aber nicht davor, dass gelegentlich auch Unfähige Macht ausüben dürfen – fuhr er fort: „Ich kann weder lesen noch schreiben, würdest du mir das Täfelchen ausfüllen?“ Der Angesprochene zog verwundert die Augenbrauen hoch und antwortete in reinstem Attisch: „Aber selbstverständlich. Welchen Namen soll ich schreiben?“ „Aristides!“ Der Hilfsbereite stutzte kaum merklich: „Warum? Was hat er Dir getan?“ „Nichts“, lautete die Antwort, „ich kenne ihn gar nicht, aber ich kann es nicht leiden, dass sie ihn alle »den Gerechten« nennen.“ Aristides kratzte seinen eigenen Namen in das Täfelchen des Tölpels. Dann ging er ins Exil – denn die Menschen liebten schon immer die Finsternis mehr als das Licht. — — *** Themistokles setzte sich mit seiner Politik durch, die 480 v.Chr. in der Schlacht bei Salamis, unter seiner Führung als Stratege, bestätigt wurde. Während Aristides schon drei Jahre nach seiner Verbannung zurückkehren und an der Schlacht teilnehmen konnte, wurde Themistokles 471 durch ein Scherbengericht selbst verbannt ... Der „Ostrakismus“ des Aristides und die Tatsache, dass er seinen eigenen Namen in das Täfelchen eines Analphabeten ritzte der ihm den Titel neidete, wird von Plutarch und dem römischen Historiker Cornelius Nepos (möglicherweise in Anlehnung an Plutarch) überliefert. Neben dem historischen Hintergrund und den verbürgten Kernfakten (s. hierzu ZEIT, Welt- und Kulturgeschichte Bd. 4) ist die Geschichte frei erfunden.

Nachtext

Quellenangaben

1 Eine Art General, der die Bürgerarmee in kriegerischen Auseinander- setzungen anführte. Die Strategen wurden für jede Auseinanderset- zung in der Regel neu gewählt. 2 487 v Chr. – Je nachdem, welcher historischen Interpretation man folgen mag. 3 Der Stadtstaat