Zeitschrift-Artikel: Stricke und Verstrickungen

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Titel: Stricke und Verstrickungen
Typ: Artikel
Autor: Andreas Fett
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1571

Titel

Stricke und Verstrickungen

Vortext

Was uns fünf Seile der Bibel lehren können.

Text

Der unerbittliche Strick
»Bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars.« Psalm 118,27

1 Diese nicht ganz eindeutig zu übersetzende Stelle aus den Psalmen gibt einen grausigen Hinweis: Viele Tiere, die zum Opferaltar geführt wurden, sträubten sich offenbar bei ihrem letzten Gang. Spürten sie instinktiv ihr Ende? Witterten sie das Blut an den „Hörnern des Altars“ (2Mo 29,12)? Deshalb musste nicht selten das Opfertier zum Altar gezogen werden. Dazu legte man ihm einen Strick um den Hals. Das andere Ende schlang man um eines der Hörner des Altars. Nun konnte mittels der ›Umlenkrolle‹ das Tier bis zur Schlachtstatt gezogen werden – bis Horn an Horn stieß. Bei dem hebräischen Wort für ›Opfer‹ (Korban) klingt etwas an von „Nahekommen“. Der Opfernde konnte nur so Gott nahen – um den Preis eines Opfers. Wenn Luther diese Stelle mit „schmücket das Fest mit Maien (Girlanden)“ übersetzt, so erwähnt er dennoch: „Bei Psalm 118 wussten wir durchaus wohl, dass die jüdischen Rabbiner so lesen: ›bindet das Osterlamm mit Seilen bis an die Hörner des Altars...‹ Weil denn solch jüdischer Sinn dieses Textes irrig ist und wir wissen, dass dieser Psalm von Christus und seinem Reich singt ... so haben wir es deutlich gemacht.“[1]

Der überflüssige Strick
»Sie banden Jesus und führten ihn zum Hohenpriester.« Johannes 18,12

2 Der Herr bewegte sich täglich frei im Tempel, doch seine Häscher kamen heimlich bei Nacht. Als sie ihn verhaften wollten, ging er freiwillig auf sie zu. „Als er nun zu ihnen sagte: ›Ich bin‘s!‹, wichen sie zurück und fielen zu Boden.“ (Joh 18,6). Er wich nicht zurück! Er sträubte sich nicht. Er ließ sich fesseln! Er war opferbereit, obwohl er genau wusste, was ihm bevorstand. Ihn musste man nicht zur Hinrichtung zerren. Ihn hätte man nicht gefesselt abführen müssen. Er hat uns mit jeder Faser geliebt und sich damit selbst „einen Strick gedreht“, seinen Untergang herbeigeführt, sein Todesurteil besiegelt. „Ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ (Jes 50,5-6) Wieviel mehr als Simson hätte er seine Stricke abschütteln und seine Fesseln als Farce erweisen können. Aber er streckte seine Hände freiwillig aus. Daher fragte er: „Warum seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Stöcken, mich zu fangen? Täglich saß ich bei euch, im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht gegriffen.“ (Mt 26,55) Dennoch schleppte man ihn gefesselt von Verhör zu Verhör (Joh 18,24; Mk 15,1), in Banden, wie einen Übeltäter (2Tim 2,9).

Bisher haben wir zwei Stricke verglichen:
– den Strick eines unfreiwilligenOpfers, das sich weigert – und
– den Strick eines Opfers, das nicht widerspenstig gewesen ist.


Nun wollen wir zwei weitere betrachten:
– den Strick eines Hohenpriesters, der gezogen werden muss – und
– den eines Hohenpriesters, der zieht!

Der ›man-weiß-ja-nie‹-Strick
»Das Volk ... wunderte sich darüber, dass er im Tempel verzog.« Lukas 1,21

3 Der große Versöhnungstag war der einzige Tag im Jahr, an dem das Allerheiligste betreten werden durfte. Der Hohepriester war die einzig befugte Person, der Gott den Zutritt durch den Vorhang gewährte. Es war die einzige Gelegenheit, vor Gottes Gnadenthron zu treten – aber niemals ohne das Blut eines Opfers (Hebr 9.7)! Unwürdige Priester wurden vor Gottes Altar niedergestreckt: (siehe Nadab und Abihu in 3Mo 10,1). Gott hatte angeordnet: „Unterscheidet zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen, zwischen dem Reinen und dem Unreinen, wenn ihr in das Zelt der Zusammenkunft hineingeht, dass ihr nicht sterbt ...“ (3Mo 10,10). Um das Allerheiligste betreten zu können, musste der Hohepriester strengste Reinigungsvorschriften befolgen. Nach jüdischer Überlieferung band man zur Vorsicht dem Hohenpriester ein Seil um die Hüfte [2]! Wozu das? Mit diesem Strick konnte man ihn notfalls herausziehen, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Denn kein Mensch durfte das Heiligtum betreten, während der Hohepriester hineinging, um Sühnung zu tun, bis er wieder herauskam (3Mo 16,17). Mit der ›Bergungsleine‹ hätte man ihn aus dem ›Gefahrenbereich‹ ziehen können. Die heilige Scheu vor dem Betreten des Allerheiligsten lässt sich ein wenig an den Wartenden in Lk 1 ablesen. Als Zacharias über die gewohnte Zeit im Tempel verzog, befürchteten sie ...

Der hinlängliche Strick
»Wir haben einen Anker, der bis ins Innere des Vorhangs hineingeht.« Hebräer 6,18

4 Wenn „alle Stricke reißen“ – dieser nie! Wir haben eine Zuflucht gefunden, haben eine Hoffnung ergriffen, haben eine Rettungsleine gepackt, die als ein sicheres und festes Ankerseil bis in „das Innere des Vorhangs hineinreicht“ (Hebr 6,18-20). Wenn ein großer Frachter eine gefährliche Hafeneinfahrt passieren muss, kommt ihm ein Lotsenboot entgegen. Dieses ortskundige, wendige Schiff zieht ein Schiffstau vom Frachter hinter sich her und vertäut es am sicheren Ufer. Nun muss das große Schiff nur noch in den Hafen gezogen werden. Dieses Bild aus der Schifffahrt liegt unserem Text zugrunde. Jesus hat als „Vorläufer“ – als „Lotsenboot“ – für uns im Himmel festgemacht. Wir sind verankert in seiner Rettungstat. Er hat uns an sich gebunden. Kurz vor seinem Sterben sagte er: „Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Dies aber sagte er, andeutend, welches Todes er sterben sollte.“ (Joh 12,32-33) Er zog uns „mit Seilen der Liebe“ (Hos 11,4). Ein reißfestes Tragseil führt vom Felsen Golgatha bis hinauf zur „Gipfelstation“. Er ist kein Hoherpriester, dessen Leichnam man aus dem Todesbereich bergen musste. Der Auferstandene selbst zieht: Er zieht uns zu sich! Nicht wir halten den Anker – der Anker hält uns. Nicht wir ziehen – er zieht! Das betrifft Gottes Seite – darin ruht unsere völlige Sicherheit.

Doch zu diesen Stricken, die uns Gottes Heilstat verdeutlichen, kommt eine fünfte Kategorie, die unsere Verantwortung anmahnt. Es lauern unzählige Fangschnüre und Fallstricke, vor denen wir auf der Hut sein müssen. Deshalb: Vorsicht vor Verstrickungen!

Der selbstgedrehte Strick
»Lasst uns jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen« Hebräer 12,1

5 Mehr denn je revoltiert der autonome Mensch gegen Gottes Gebote: „Lasst uns zerreißen ihre Bande, und von uns werfen ihre Seile!“ (Ps 2,3) Weg mit göttlichen Geboten. Weg mit biblischen Bandagen! Weg mit frommen Fesseln! Bloß keine einschnürende Enge. Bloß keine Gängelei. Doch statt Freiheit zu erreichen, verstrickt man sich in immer tiefere Gebundenheit. Salomo, der es aus bitterer Erfahrung wissen muss, warnt: „Deine eigenen Missetaten werden dich fangen, und in deiner Sünde Banden wirst du festgehalten werden.“ (Spr 5,22) Wer seine Bindung an Gott aufgibt, wird so „frei“ sein wie ein Drachen, dessen Lenkschnur zerreißt und der sich im nächsten Gestrüpp verheddert. Deshalb: „Tue nun Buße ... denn ich sehe, dass du in Galle der Bitterkeit und in Banden der Ungerechtigkeit bist.“ (Apg 8,23) Aber diese Aufforderung gilt auch uns Christen: Deshalb: „Lasst auch uns, indem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, mit Ausharren laufen den vor uns liegenden Wettlauf, hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“ (Hebr 12,1) ■

Nachtext

Ziehe mich: wir werden dir nachlaufen. Der König hat mich in seine Gemächer geführt: wir wollen frohlocken und deiner uns freuen, wollen deine Liebe preisen ... (Hohelied 1,4)

Er wird mich bergen in seiner Hütte ..., er wird mich verbergen in dem Verborgenen seines Zeltes; auf einen Felsen wird er mich erhöhen ... und Opfer des Jubelschalls will ich opfern in seinem Zelt, ich will singen und Psalmen singen dem HERRN. (Ps 27, 5-6)

Quellenangaben

[1] Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens (1533), in: E. Mühlhaupt (Hg.), Luthers Psalmenauslegung 3, Göttingen 1965, S. 344.
[2] Hinweise in den rabbinischen Schriften zu Gebräuchen am „Yom Kippur“