Zeitschrift-Artikel: Kuba – eine Nation vor der Wende?

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Titel: Kuba – eine Nation vor der Wende?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Kuba – eine Nation vor der Wende?

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Auch wenn die Schlagzeilen der Medien von den erschütternden Ereignissen im Nahost-Konflikt oder der Flüchtlingsfrage bestimmt werden, so gibt es doch im „fernen Westen“ Entwicklungen, die – Gott sei Dank – nicht blutig, aber für die Zukunft der Bevölkerung dort ziemlich bedeutsam sein können. Auf den ersten Blick scheint es, dass nach dem Tod des venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavez in einigen bisher sozialistisch geprägten Mittel- und Südamerikanischen Ländern ein leichter „Rechtsruck“ zu beobachten ist. Das hat sicher zum großen Teil ökonomische Gründe. Deutlich ist das auf jeden Fall in Kuba zu erkennen, wo man viele Jahre vom billigen Öl aus Venezuela pro tiert hat. Da durch den anhaltend niedrigen Ölpreis Venezuela selbst enorme finanzielle Probleme bekommen hat, wirkt sich das auch auf die befreundeten Länder wie Kuba aus, das viele Jahre von Venezuela stark unterstützt wurde. › Die Öffnung zu USA und Europa Die inzwischen aufgenommenen diplomatischen Beziehungen zu den USA und auch vermehrte Kontakte zur EU machen deutlich, dass die kubanische Regierung nur noch in einer politischen Öffnung Überlebenschancen sieht. Geschätzte 50% der Kubaner können nur überleben, weil sie von Exilkubanern aus den USA nanziell unterstützt werden. Der erste Besuch Raul Castros in Frankreich vor wenigen Wochen und der Besuch des deutschen Wirtschaftsministers in Kuba vor einigen Monaten zeigt, dass Kuba Investoren und Unterstützung aus Europa dringend benötigt. Noch hält sich die USA zurück, weil eine Mehrheit im US-Kongress nicht einverstanden ist, der von Obama angestrebten Aufhebung des Handelsembargos gegen Kuba zuzustimmen. Das Embargo verbietet US-Bürgern bisher Investitionen in Kuba. Das Verbot touristischer Reisen in das Land wird bisher nur in Ausnahmefällen gelockert – zeigt aber Wirkung und wird auch in Havanna sichtbar. › „Hilfe – sie kommen!“ Das ist der Aufschrei vieler Touristen aus Europa und Kanada, welche den Ansturm der US-Amerikaner und dadurch eine völlige Veränderung der Kultur des nostalgischen Kubas befürchten. Daher verzeichnet Kuba seit Juli 2015 einen Touristenboom aus den genannten Ländern, die noch einmal – bevor nach ihrer Befürchtung die Besucher aus den USA das Land überschwemmen – „ihr“ altes Kuba besuchen möchten ... Aber nicht nur europäische Besucher machen sich Sorgen über den vorhersehbaren Besucherstrom aus den USA. Ende November 2015 waren wir zu Besuch in Havanna bei dem Präsidenten der Baptisten-Vereinigung im Land, wozu über 1.000 Gemeinden gehören. Der Austausch mit ihm war für uns eine große Freude und Ermutigung. Konservativ-evangelikal geprägt, mit einer besonderen Liebe zu C.H. Spurgeons Predigten und mit einem gedruckten Gebet dieses bekanntesten Baptisten über seinem Schreibtisch, hatten wir eine weitgehende Übereinstim- mung in den wichtigsten Glaubensüberzeugungen. Aber auch er teilte uns seine Sorge mit, dass Tausende von Mormonen aus den USA schon „mit den Füßen scharren“, um beim „Start-Schuss“ die Ersten zu sein, welche die Kubaner mit ihren Irrlehren beeinflussen können. Auch zahlreiche Evangelikale diffuser Herkunft aus den USA, die in den vergangenen Monaten eine Besuchserlaubnis nach Kuba erhalten hatten, waren bei ihm und seinen Mitbrüdern erschienen und hatten mit Dollarscheinen gewunken, um offene Türen bei den Baptisten-Gemeinden zu ermöglichen. Allerdings waren unsere Brüder weise und vorsichtig genug, um diese Besucher abzubremsen weil sie fürchten, dass damit auch unbiblische, schädliche Einflüsse in die Gemeinden eindringen können. Sie legen jedenfalls großen Wert darauf, dass weder zweifelhafte Verkündiger noch ungeprüfte christliche Literatur in ihre Gemeinden eindringen und das geistliche Klima negativ beein ussen. › Hunger nach guter Literatur Wenige Tage später durften wir vor etwa 100 Studenten und Lehrern des Baptisten-Seminars einen Vortrag halten und auch mitgebrachte Literatur auslegen. Der Andrang auf die Literatur war so groß, dass in wenigen Minuten die etwa 1.200 mitgebrachten Bücher fast restlos mitgenommen waren und wir noch einige Titel nachliefern mussten. Diese „illegal“ im Land gedruckten Bücher konnten kostenlos mitgenommen werden, denn ein Kubaner – der im Normalfall 18 bis 20 Dollar im Monat verdient – kann sich den Kauf von Büchern nicht leisten, abgesehen von der Tatsache, dass christliche Bücher im Land offiziell nicht erhältlich sind. Entsprechend groß ist die Dankbarkeit für solche Aktionen – aber auch die Lesefreudigkeit, weil die Kubaner im Gegensatz zu uns nicht von fragwürdigen Medien über utet und abgelenkt werden. › Nutzen wir die Wendezeit Erinnern wir uns an die Zeit um 1990 – als sich die Grenzen zur DDR und den sowjetischen Ländern öffneten. In großen Mengen wurden evangelistische Bücher in diese Länder gebracht und die Nachfrage war so groß, dass z.B. das bekannte Buch „Jesus unser Schicksal“ in Millionen- Stückzahlen gedruckt, verteilt und begeistert gelesen wurde. Aber mit wachsendem Wohlstand nahm das Interesse an geistlicher Literatur langsam aber beständig ab. Die von vielen erwartete große geistliche Erweckung zeigte mit nur relativ wenigen Ausnahmen kaum echte, nachhaltige, geistliche Früchte. Besonders deutlich kann man das in den meisten neuen Bundesländern im Osten Deutschlands beobachten. Diese ernüchternde Erfahrung treibt uns an, die zur Zeit offenen Herzen in Kuba mit dem Evangelium und auch mit weiterführender, erbaulicher und erwecklicher Literatur zu versorgen, so lange wir die Möglichkeit dazu haben und der Bedarf da ist. Einige Bücher werden zur Zeit in die spanische Sprache übersetzt und bestehende Übersetzungen in „illegalen“ Druckereien schlicht, aber gut lesbar vervielfältigt. Unser Freund und Bruder Jorge Luis aus der Umgebung von Havanna fährt mit seinem alten Lada durchs Land – meist begleitet von einem Mechaniker, der bei dem anfälligen Auto und den schlechten Straßen „Erste Hilfe“ leisten und bei den Verteileinsätzen mit anpacken kann. Immer mehr Gemeinden verschiedener Prägung bitten um diese Literatur und wir sind sehr dankbar, dass wir diesen wichtigen Dienst mit Gebet und praktischer Hilfe unterstützen dürfen. › Neues Gemeinde-Haus in El Gabriel Nachdem vor zwei Jahren ein älteres, aber sehr ausbaufähiges und größeres Haus durch Gaben aus Deutschland und Österreich gekauft werden konnte, wurde es in den folgenden Monaten unter dem Einsatz von vielen eißigen Geschwistern in Eigenleistung umgebaut. Ein großer Saal, in dem etwa 200 Personen gut Platz finden können, mit weiteren Räumen für Seminare, Kinder-und Jugendarbeit und einer Wohnung stehen jetzt zur Verfügung und wir konnten am 22. November 2016 bei der Einweihung dabei sein. Viele Geschwister aus der näheren Umgebung waren als weitere Gäste dabei und teilten die große Freude der Gemeinde am Ort. Damit steht nun ein schönes und geräumiges Gebäude auch für Konferenzen, Seminare und ein Literatur-Lager zur Verfügung, wo bisher nur noch die Toiletten fehlen ... Mitte März dieses Jahres steht eine weitere Reise nach Kuba bevor, wobei Vorträge im Bibelseminar der Baptisten geplant sind und eine Anzahl Besuche in Gemeinden und bei Freunden auf dem Programm stehen. Die nach wie vor große Armut – die von of zieller Seite durch falsche Zahlen und Angaben verschleiert wird – veranlasst uns, außer Literatur auch Medikamente, technische Geräte und auch nanzielle Hilfen mitzunehmen, um nach unseren Möglichkeiten dort zu helfen, wo dringender Bedarf besteht. Bitte betet dafür, dass alle Hilfe unbeschadet, zum Segen der Empfänger und zur Ehre Gottes in die richtigen Hände gerät.

Nachtext

Quellenangaben