Zeitschrift-Artikel: Frei wie ein Vogel im Wind

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Titel: Frei wie ein Vogel im Wind
Typ: Artikel
Autor: Gary Richmond
Autor (Anmerkung):

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Titel

Frei wie ein Vogel im Wind

Vortext

Text

Es wollte mir nicht einleuchten: Die Diebe waren frei, und die gestohlenen Vögel steckten im Gefängnis. Das wird auch Ihnen unbegreiflich sein. Ich will es erklären: Während der ersten Zeit meiner Anstellung in der Zooklinik versorgte ich eine ganze Voliere mit Rotschwanzbussarden. Es waren 15 Vögel, die in einem erbärmlich kleinen Käfig zusammengepfercht waren. Meiner Meinung nach sahen sie richtig bedrückt aus. Ich erkundigte mich, warum wir 15 Rotschwanzbussarde versorgten und ihnen keinerlei Flugmöglichkeit boten. Die Antwort ließ mich erschauern. Oberwärter Johnny Torres – ein ganz jovialer Mexikaner – erklärte mir: „Nun ja, diese Bussarde sind Beweismaterial für eine Gerichtsverhandlung. Sie wurden illegal gefangen, und wir halten sie so lange hier, bis die Burschen verurteilt sind.“ „Und nach den Gerichtsverhandlungen, was geschieht dann mit den Tieren?“, fragte ich weiter. „Das weiß ich nicht“, antwortete er. „Wir erfahren sowieso nichts. Einige Vögel sind schon sehr lange hier. Wir wissen auch gar nicht, welcher Vogel zu welchem Gerichtsverfahren gehört. Wahrscheinlich werden sie auch hier sterben.“ „Das ist doch komplett sinnlos!“, protestierte ich. „Richmond, wer hat dir das Märchen erzählt, dass hier etwas sinnvoll ist? Du solltest nicht zu viele Fragen stellen. Die Freunde in der Verwaltung schätzen solche Probleme nicht. Wenn ich dir einen Rat geben darf: Vergiss es!“ › Der Plan ... Ehrlich gesagt, es ist nicht meine Art, Dinge unter den Teppich zu kehren. Die Armen, die Kinder und die Tiere brauchen unsere Hilfe, und das hier war schlicht und einfach Unrecht. Die Wilddiebe waren – bis zur Verurteilung – auf freiem Fuß, und die Opfer wurden bestraft. Ich forschte vorsichtig weiter nach und kam zu der Überzeugung, dass die Tiere in Not geraten waren. Niemand kümmerte sich um ihre prekäre Lage. Der Amtsschimmel, der Abhilfe schaffen konnte, trabte träge und schwerfällig dahin, und niemand konnte ihn beschleunigen. Es blieb nur ein Ausweg: Die Vögel mussten ‚versehentlich‘ freigelassen werden. Wenn ungefährliche Tiere durch die Unachtsamkeit eines Wärters ausbrachen, gab es in der Regel nur einen Aktenvermerk. Bisher hatte ich noch keinen in meinen Unterlagen. Dieser Preis schien mir außerdem sehr gering, wenn ich damit das Unrecht in Bezug auf die Bussarde beseitigen konnte. Ich beschloss, sie an einem Dienstagnachmittag freizulassen, wenn die Aufseher zur Konferenz über Tiergesundheit zusammenkamen. Dann waren sie für etwa zwei Stunden außer Reichweite. Ich hatte also reichlich Zeit, meine Mission zu erfüllen. › Niemand in Sicht! Der Dienstag kam, und die Aufseher verschwanden aus dem Klinikbereich. Ich ging zur Voliere, löste den Riegel und ließ die Tür weit offen. Vorsichtig sah ich mich um: Niemand war in Sicht. Ich huschte ins Gesundheitszentrum zurück und machte mich mit einem tiefen Gefühl der Genugtuung wieder an meine Arbeit. Ich fühlte mich rundum zufrieden. Leider nicht sehr lange ... Nach einer Stunde ging ich wieder zur Voliere. Ich traute meinen Augen nicht: Alle 15 Vögel saßen nach wie vor gemütlich auf den Stangen im Käfig. Aber noch war Zeit! Vielleicht brauchten die Rotschwanzbussarde eine besondere Aufforderung? Nun, da konnte ich ihnen helfen. Ich lief in die Voliere, schlug mit den Armen um mich und brummte wie ein Bär. Richtig, das schreckte die Vögel auf. Sie flogen hinaus und landeten etwa drei Meter neben der Tür des Vogelhauses. › Ein erbärmlicher Anblick! Sie waren ganz verängstigt, und mir wurde klar: Sie wollten in ihren Käfig zurück. „Seht euch doch mal den Himmel an!“, rief ich. „Ihr seid doch für den Himmel geschaffen!“ Im Käfig fühlte ich mich etwas befangen. Darum trat ich hinaus und redete von Neuem auf die Vögel ein: „Was ist denn mit euch los? Ihr seid doch keine Hühner! Ihr seid majestätische Raubvögel. Ihr erjagt euch eure Nahrung. Gott gab euch eine Aufgabe. Fliegt los und erfüllt sie!“ Ich ging zum Gesundheitszentrum zurück. Vielleicht würde ihr Instinkt sie leiten und das Bedürfnis wecken, sich dem Wind zu überlassen. Ich ließ 15 Minuten vergehen. Dann eilte ich wieder zur Voliere. Kein einziger Vogel hatte ein natürliches Flugbedürfnis verspürt. Einige waren tatsächlich in den Käfig zurückgetrippelt. Nach einer weiteren Viertelstunde gab ich es auf. Ich muss gestehen, dass ich völlig verblüfft war. Das Ganze endete so, dass ich die Vögel wie Gänse in den Käfig zurückführte. Was hatte ich verkehrt gemacht? Ich hatte das Problem menschlich beurteilt, oder anders ausgedrückt: Ich hatte meine Gedanken auf die Vögel übertragen. Die Vögel hatten gar nicht schwermütig und sehnsüchtig im Käfig gesessen. Das war nur mein Eindruck gewesen, meine Projektion. Sie waren schon lange völlig zufrieden damit, nur herumzusitzen und auf Futter zu warten. Sie brauchten keinen Hunger zu leiden, keine Dürreperioden zu überwinden und keine Gebietskämpfe auszutragen. Es ging ihnen gar nicht schlecht. Ich empfand zwar ein Unbehagen für sie, aber sie selbst empfanden dies nicht. Dieses Unbehagen war offensichtlich so entstanden: Mit dem Einsperren hatten wir den Bussarden etwas genommen, was ihren Wert ausmacht – ihre Zweckbestimmung. Die Rotschwanzbussarde, die Gott schuf, haben sich als ausgezeichnete Ratten-, Mäuse- und Schlangenjäger erwiesen. Nur wenige Vögel können so elegant fliegen und so gezielt ihre Beute verfolgen wie sie. Unserer Vogelgruppe war eindeutig ihr ökologischer Zweck geraubt worden. Und wir gaben den Zoobesuchern nicht einmal die Gelegenheit, den Wert dieser Vögel zu erkennen. Das war es, was mich so aufregte! Als ich an diesem Tag meine Pflicht getan hatte, dachte ich noch etwas über „Freiheit“ nach. Ich kam zu dem Ergebnis, dass Freiheit die Fähigkeit ist, die Aufgabe, für die wir geschaffen sind, zu erfüllen. › Zur Freiheit berufen ... Ich überlegte weiter, dass der Mensch durch nichts davon abgehalten werden kann, seine Zweckbestimmung zu erfüllen. Er ist immer und in allen Lebenslagen frei, das zu tun, wozu er geschaffen ist. Die Bestimmung des Menschen ist es, Gott zu lieben und ihm zu dienen. Je schwieriger die Lebensumstände sind, desto größer ist die Gelegenheit, diesem Zweck zu entsprechen. Wir sind jetzt und allezeit frei, das zu sein, was wir sein sollen: Geschöpfe, die Gott verherrlichen und sich an ihm erfreuen. Der weise Salomo drückte es so aus: „Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch. Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in das Gericht über alles Verborgene bringen“ (Pred 12,13-14). Der Apostel Paulus schreibt in Galater 5,1: „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht ...“ Und in Vers 13 fährt er fort: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; nur gebraucht nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dient einander.“ Erfüllen wir den Zweck, für den wir bestimmt sind? Oder geben wir uns mit dem zufrieden, was die sichtbare Welt bietet? Wir haben die Freiheit, selbst zu entscheiden.

Nachtext

Quellenangaben

Aus: Gary Richmond „Kudus, Kobras, Killeraffen – Allerlei Menschliches aus dem Reich der Tiere“, CLV 2016, S. 34–37