Zeitschrift-Artikel: Hiskia

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Titel: Hiskia
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hiskia

Vortext

„Er vertraute auf den Herrn, den Gott Israels; und nach ihm ist seinesgleichen nicht gewesen unter allen Königen von Juda noch unter denen, die vor ihm waren. Und er hing dem Herrn an, er wich nicht von ihm ab; und er hielt seine Gebote, die der Herr Mose geboten hatte. Und der Herr war mit ihm; überall, wohin er zog, gelang es ihm. Und er empörte sich gegen den König von Assyrien und diente ihm nicht. Er schlug die Philister bis Gaza und verheerte dessen Gebiet, vom Turm der Wächter an bis zur festen Stadt.“ (2Kö 18,5-8)

Text

Außergewöhnliche Prädikate!

Beim Nachdenken über den König Hiskia bekommt man den Eindruck, als würde Gott mit diesen besonderen Prädikaten ein Zeugnis über sein ganzes Lebenswerk ausstellen: Gottvertrauen, Hingabe, Gehorsam!

Sein Gottvertrauen

Keinem der Könige Judas vor und nach Hiskia konnte der Herr ein solch außergewöhnliches Lob aussprechen! Er vertraute auf Gottes Schutz vor wütenden Götzen-Priestern, wenn er ihre Höhen und Bildsäulen zerstörte und ebenso vertraute er ihm in Bezug auf seine orthodoxen Untertanen, als er zu ihrem Entsetzen die eherne Schlange zermalmte und sie dadurch um eine „ehrwürdige“ Reliquie ärmer machte. Wir werden noch sehen, wie er Angesichts einer erdrückenden Übermacht des Feindes in – menschlich geurteilt – völlig aussichtsloser Situation auf das Eingreifen Gottes vertraute und nicht enttäuscht wurde. Sein Vertrauen gründete sich nicht auf eigene Kraft, Weisheit oder Frömmigkeit, sondern allein auf Gottes Zusagen und Verheißungen. Spurgeon hat mit einem Satz ausgedrückt, was er unter biblischem Glauben versteht: „Glauben heißt: Gott zum größten Faktor in unseren Berechnungen zu machen und dann nach der gesündesten Logik zu handeln.“ Biblischer Glaube ist keine Einbildungskraft, sondern die felsenfeste Überzeugung, dass Gott – der nicht lügen kann (Hebr 6,18) – zu seinem Wort steht (4Mo 23,19). Gottvertrauen kann entstehen, wenn wir Gott in seinem Wort kennen lernen, in welchem er sich durch seinen Geist offenbart, durch ein intensives Gebetsleben und darauf folgenden Gehorsam. Und Gottvertrauen wird dann wachsen, wenn wir in unseren großen und kleinen Alltags-Situationen den Herrn einbeziehen, ihn beim Wort nehmen und dadurch Glaubenserfahrungen machen. Erfahrungen mit Gott macht man im Allgemeinen nicht am Schreibtisch, beim Theoretisieren oder in Diskussionsrunden, sondern im stürmischen Lebensalltag, wo unser Gottvertrauen auf die Probe gestellt wird und sich hoffentlich bewährt.

Seine Hingabe

Wörtlich – wenn auch etwas holperig – könnte man übersetzen: „Und er hing dem Herrn an, er wich nicht von hinter ihm her.“ Wie eine Klette heftete er sich an den Herrn, weil er weder auf sich selbst noch auf Rat und Hilfe von Menschen vertraute. Wie ein Spürhund folgte er den Spuren seines Gottes und ließ sich durch kein Ablenkungsmanöver aus der Spur bringen. Wie erfrischend ist sein Vorbild und wie ermutigend sind auch Christen in unserer Zeit, die sich weder durch Beifall und Schmeicheleien von Freunden noch durch Kritik und Drohgebärden von Gegnern abhalten lassen, konsequent dem Herrn zu folgen!

Sein Gehorsam

„… und er hielt seine Gebote, die der Herr Mose geboten hatte.“ Hingabe an den Herrn ist untrennbar mit Gehorsam verbunden. Der Herr Jesus sagte dem Jünger Judas: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“ (Joh 14,23). Und in 1Joh 5,2 lesen wir von den untrüglichen Kennzeichen echter Liebe und Hingabe: „Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.“ Gehorsam ist in den letzten Jahren zu einem „Unwort“ unter vielen Evangelikalen geworden. Sicher ist daran auch die Tatsache schuld, dass dieser Begriff in der Vergangenheit oft missbraucht wurde, um Autorität für selbstsüchtige Ziele auszuüben und über die Gewissen anderer zu herrschen. Aber ein Leben in der Nachfolge Jesu ist nur möglich, wenn wir seinen Herrschaftsanspruch uneingeschränkt und freudig akzeptieren. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr alles tut, was immer ich euch gebiete“ (Joh 15,14 nach Schlachter).

Seine Kraftquelle

„Und der Herr war mit ihm; überall, wohin er zog, gelang es ihm.“ Gehorsam Gott gegenüber wird immer Gemeinschaft mit ihm zur Folge haben und diese Gemeinschaft ist wiederum die Kraft- und Segensquelle für alle Situationen und Aufgaben im Dienst für den Herrn. Joseph ist für diese Erfahrung sicher eines der schönsten Beispiele. Während er Sklave im Haus Potiphars war, lesen wir von ihm: „Und der Herr war mit Joseph, und er war ein Mann, dem alles gelang“ (1Mo 39,2). Und diese Gemeinschaft mit Gott erlebte Joseph auch kurze Zeit später als Gefangener, der völlig schuldlos inhaftiert wurde. Wahrscheinlich galt er in den Augen seiner Mitgefangenen als einer, der vom Pech verfolgt wurde, weil er um seiner Treue willen den Zorn einer beleidigten und boshaften Frau auf sich gezogen hatte: „Und der Herr war mit Joseph und wandte ihm Güte zu ... der Herr war mit ihm; und alles was er tat, ließ der Herr gelingen“ (1Mo 39,21.23). Ähnliches lesen wir von David (1Sam 18,12.14; 2Sam 5,10; 8,6), der von sich selbst in Ps 16,8 bekennen konnte: „Ich habe den Herrn stets vor mich gestellt; weil er zu meiner Rechten ist, werde ich nicht wanken.“ Als Wilhelm Busch 1937 nach einem Vortrag in einer Darmstädter Kirche von der „Gestapo“ verhaftet wurde, standen etwa zweitausend Menschen um den Wagen herum, in dem Busch zum Gefängnis gefahren werden sollte. Peinlicherweise sprang in diesem Gewusel die „grüne Minna“ nicht an. Während der Chauffeur vergeblich zu starten versuchte und die SS-Leute im Wagen angesichts der Menschenmenge immer nervöser wurden, stimmte plötzlich jemand das Lied an: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wieder mich …“ worauf die Menge einstimmte und ein gewaltiger Gesang auf dem Kirchenvorplatz ertönte. Danach wurde es sehr still und nur die vergeblichen Startversuche der Nazis waren zu hören – bis jemand auf der Kirchentreppe mit gewaltiger Stimme den Liedvers in die Menge rief: „Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht… ja – Jesus siegt!“ Während der Mann schleunigst in der Menge untertauchte, sprang der Motor endlich an und der Wagen ruckelte los. Wilhelm Busch schreibt in Erinnerung an diese Szene: „Ich war so voll Siegesfreude, dass ich es nicht lassen konnte – ich wandte mich an den Kommissar und erklärte ihm: ‚Ich möchte nicht mit Ihnen tauschen!’ Da sackte dieser erschüttert zusammen und erwiderte: ‚Früher – früher war ich auch einmal in einem Bibelkreis für höhere Schüler.’ ‚Armer Mann!’ sagte ich, der Verhaftete, zu dem, dem Gewalt über mich gegeben war. Und dann fuhren wir ins Gefängnis.“1 So kann man auch als Gefangener ein freier, siegesfreudiger Mensch sein, weil die Gemeinschaft mit dem Herrn und sein Beistand in solchen Situationen einen Frieden und eine Freude vermitteln, die das Herz über alle bedrückenden Umstände triumphieren lässt. „Die Gunst Gottes und geistliches Gedeihen begleiten die Treue.“ (Henri Rossier)

„Heilige“ Empörung

„Und er empörte sich gegen den König von Assyrien und diente ihm nicht. Er schlug die Philister bis Gaza und verheerte dessen Gebiet, vom Turm der Wächter an bis zur festen Stadt.“ Hier unterscheidet sich Hiskia sehr deutlich von seinem Vater Ahas. In 2Kö 16,5-9 lesen wir, wie sich die Syrer zum Kampf gegen Jerusalem rüsten. Obwohl Ahas von Jesaja eindrucksvoll aufgefordert wurde, diesen Angriff nicht zu fürchten und die Niederlage der Syrer verheißt, entschied sich Ahas, Rettung und Unterstützung bei den Assyrern zu suchen und machte sich und sein Volk damit tributpflichtig. Es ist äußerst beschämend zu sehen, mit welchen Worten der König des Volkes Gottes sich damals der Weltmacht Assyrien unterwarf: „Da sandte Ahas Boten zu Tiglat-Pileser, dem König von Assyrien und ließ ihm sagen: Ich bin dein Knecht und dein Sohn; komm herauf und rette mich aus der Hand Syriens …“ (2Kö 16,7) Bündnisse mit der Welt haben dem Volk Gottes zu allen Zeiten geschadet und führen immer zu geistlicher Armut und zur Knechtschaft. Damals entfernte Ahas alles Gold und Silber aus dem Tempel und aus seinem eigenen Haus, um sich damit die Gunst und die Zusammenarbeit der Assyrer zu erkaufen. Diese ungöttliche Allianz belastete nicht nur das Volk Gottes zu seiner Zeit, sondern wurde auch zu einer drückenden Bürde für die nächste Generation. Daran wird deutlich, dass faule Kompromisse und Bündnisse im Leben und Dienst von Führern des Volkes Gottes nachhaltig Schaden anrichten und die Gläubigen oft über lange Zeiträume in Knechtschaft, Abhängigkeit und auf Abwege führen. Hiskia „empörte sich“ gegen den König von Assyrien. Ein heiliger Zorn überfiel ihn, wenn er daran dachte, das Kräfte und materielle Werte, die eigentlich Gott zur Verfügung gestellt werden sollten, als Tribut an eine feindliche Macht gezahlt wurden. Hiskia war ein Diener Gottes und er war nicht bereit, die Herrschaft Assyriens auch nur noch einen Tag länger zu dulden, auch wenn er damit den Zorn der damaligen Weltmacht herausfordern würde. Auch in dieser entschiedenen Haltung erkennen wir das Vertrauen Hiskias auf seinen Gott. Die Ehre Gottes war ihm wichtiger als die scheinbaren Vorteile, ein Vasalle der Assyrer zu sein. „Er diente ihm nicht!“ – diese entschlossene, eindeutige Weigerung sollte auch das Kennzeichen jedes aufrichtigen Christen sein. Hiskia hat damals verstanden und in Taten umgesetzt, was viele Jahrhunderte später auch Jakobus schrieb: „Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Gottes Feind“ (Jak 4,4).

Kampf den geistlichen Blutsaugern!

Eine weitere Konsequenz seiner Entschiedenheit zeigt die Tatsache, dass er die Philister schlug, die sich während der Regierung seines Vaters im Süden Judas eingenistet und breit gemacht hatten. Während wir in den Assyrern ein Bild der feindlichen Welt sehen können, die uns tributpflichtig machen möchte, verkörpern die Philister eher die Gefahren einer „irdischen Gesinnung“, die sich zu allen Zeiten in das Volk Gottes einschleichen und etablieren möchte. ‚Philister’ versuchen unsere Interessen auf vergängliche Dinge zu richten und unsere völlige Hingabe an den Herrn zu unterbinden oder zu unterminieren und so unsere Freude am Herrn zu zerstören und den Segen zu rauben. Das sind oft keine sündigen Dinge, die auf den ersten Blick als gefährlich zu erkennen wären, sondern meistens harmlos scheinende Hobbys oder Liebhabereien, die dann gefährlich werden, wenn sie Interesse, Zeit und Kraft stehlen und uns hindern, uns an unserem Herrn, an seinem Wort und an den geistlichen Schätzen, die nicht vergehen, zu erfreuen. John Piper hat das so ausgedrückt:

„Wir müssen Gott unaufhörlich bitten, dass unsere Augen in Bezug auf die Unzulänglichkeit der weltlichen Vergnügungen geöffnet sind – selbst der harmlosesten. Und wir müssen inständig bitten, dass die Geschmacksknospen unserer Seele immer für die Schönheit Christi lebendig bleiben.“2

Nachtext

Quellenangaben

1 W. Busch: Variationen über ein Thema, CLV, S. 74-78
2 J. Piper: Wenn die Freude nicht mehr da ist, CLV, S. 169