Zeitschrift-Artikel: Der "Auskehrricht der Welt" GEDANKEN ZU 1. KORINTHER 4,13

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Titel: Der "Auskehrricht der Welt" GEDANKEN ZU 1. KORINTHER 4,13
Typ: Artikel
Autor: Leonard Ravenhill
Autor (Anmerkung):

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Titel

Der "Auskehrricht der Welt" GEDANKEN ZU 1. KORINTHER 4,13

Vortext

LEONARD RAVENHILL (1907–1994) wirkte als origineller Evangelist, Prediger und Autor in England. Man erzählt von ihm, dass seine Freiluftversammlungen während der Kriegsjahre nicht selten zu einem Verkehrs-Chaos führten, weil sich die Menschenmassen so sehr um ihn drängten. In Deutschland ist Ravenhill nur durch einige Bücher bekannt geworden, die in den vergangenen Jahrzehnten vereinzelt aufgelegt, aber relativ wenig gelesen wurden. In diesen Büchern brandmarkt er schonungslos den lauwarmen Zustand der Evangelikalen, prangert ihre Selbstsucht und Selbstgenügsamkeit an und geißelt ihre Weltförmigkeit. Sein Freund A.W. Tozer (?1963) schreibt über ihn: „Leonhard Ravenhill ist ein Mann, der von Gott nicht dazu berufen wurde, die gewöhnliche Arbeit der Gemeinde fortzuführen, sondern dazu, den Priestern des Baal auf ihren eigenen Höhen entgegenzutreten, den falschen Propheten die Stirn zu bieten und die Leute, die von ihnen verführt werden, zu warnen.“ Leider habe ich bisher wenig biografisches über Ravenhill erfahren können. Selbst führende Männer der deutschen Pfingsbewegung konnten mir keine Informationen über diesen Mann geben, der als Pfingstprediger (das scheint sicher zu sein) weder seine eigene Denomination, noch die Charismatiker, noch die Fundamentalisten schonte. Sein Anliegen war nicht die Verkündigung typischer Pfingstlehren – er blies als Wächter und Warner in die Posaune, wo immer er die Gefahr erkannte, dass die Wahrheit des Evangeliums durch falsche Lehren oder durch unglaubwürdiges Leben der Christen verraten wurde. Ein Kapitel aus seinem Buch „Immer noch ein Tal voller Knochen“ (Asaph Verlag) möchten wir leicht gekürzt mit freundlicher Genehmigung des Verlages hier wiedergeben. Damit möchten wir nicht eine tolerante Haltung zu unbiblischen Pfingstlehren markieren, sondern wollen uns den Dienst einer Gabe Gottes zu nutze machen, die uns „Nichtpfingstlern“ wichtiges zu sagen hat. Wolfgang Bühne

Text

Was ist „der Auskehricht der Welt“? Ist er der Schoß des Bösen, aus dem das organisierte Verbrechen des Volkes geboren wird? Ist er der böse Genius, der überall auf der Welt Umwälzungen bewirkt? War es Babylon? Ist es Rom? Ist es Sünde? Hat man einen Stamm böser Geister lokalisiert, der diesen ekelhaften Titel trägt? Ist es eine Geschlechtskrankheit? Tausend Vermutungen zu dieser Frage können tausend verschiedene Antworten erbringen, von denen nicht eine stimmt. Die richtige Antwort ist genau das Gegenteil von dem, was wir erwarten. Dieser „Auskehricht der Welt“ kommt weder von Menschen noch von Teufeln. Er ist nicht schlecht, sondern gut – nein, noch nicht einmal gut – sondern das allerbeste. Er ist auch nicht materiell, sondern geistlich; ebenso wenig von Satan, sondern von Gott. Er ist nicht nur von der Kirche, sondern ein Heiliger. Er ist nicht nur ein Heiliger, sondern der Heiligste aller Heiligen, der Kohinoor unter den Edelsteinen. „Wir Apostel“, sagt Paulus, „sind der Auskehricht der Welt.“ Dann fügt er der Verletzung noch Beleidigung hinzu, erhöht die Infamität und vertieft die Demütigung: „(und wir Apostel sind) ein Abschaum aller“ (1. Korinther 4,13). Einer, der sich so „Auskehricht der Welt“ nennt, hat keinen Ehrgeiz – so braucht er auf nichts eifersüchtig zu sein. Er hat keinen guten Ruf – so muss er auch um nichts kämpfen. Er hat keinen Besitz – und deshalb nichts, um das er sich sorgen müsste. Er hat keine „Rechte“ – und deshalb kann ihm nicht Unrecht getan werden. Gesegneter Zustand! Er ist bereits tot – und so kann ihn niemand umbringen. Wundert es uns, dass die Apostel mit solch einer Einstellung „die Welt über den Haufen warfen“? Der ehrgeizige Christ sollte diese apostolische Haltung der Welt gegenüber bedenken. Der populäre, von keiner Narbe verunzierte Evangelist mit dem Hollywood- Lebensstil sollte seine Lebensweise überdenken. Schlimmer als 195 Peitschenhiebe Wer war es dann, der Paulus viel mehr verletzte, als ihn seine 195 Peitschenhiebe, seine drei Steinigungen und drei Schiffbrüche je hätten verletzen können? Die streitsüchtigen, fleischlichen, kritischen Korinther! Diese Gemeinde war gespalten aufgrund von Fleischlichkeit – und von Geld! Deshalb sagt Paulus: „Ihr seid ohne uns zur Herrschaft gekommen.“ Manche hatten eine Blitzkarriere als Händlerfürsten der Stadt gemacht. Betrachte die krassen Gegensätze in 1. Korinther 4,8: „IHR seid satt, IHR seid reich geworden; IHR seid ohne uns zur Herrschaft gekommen. – WIR sind Narren, WIR sind verachtet, WIR leiden sowohl Hunger als Durst und sind nackt“ (Vers 10). Der wunderbare Ausgleich findet sich in Vers 9: „WIR (Apostel) sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als Menschen.“ Es fiel Paulus nach diesem allen nicht schwer, sich selbst als jemand zu bezeichnen, der noch unter dem Geringsten stand. Dann richtete Paulus diese ganze Wahrheit gegen die, deren Glauben seinen Mittelpunkt verloren hatte. Diese Korinther waren voll, aber nicht frei. (Ein aus der Zelle entlaufener Häftling, der immer noch seine Kette hinter sich herzieht, ist nicht frei.) Paulus ist nicht darüber bekümmert, dass sie Luxus und Überfluss haben und er nichts. Er beklagt, dass ihr Reichtum ihre Seele schwach gemacht hat. Sie haben Komfort, aber kein Kreuz; sie sind reich, aber nicht um Christi willen angeklagt. Er sagt nicht, dass sie nicht zu Christus gehören, aber dass sie einen dornenfreien Weg in den Himmel suchen. Er erklärt: „Oh, dass IHR doch wirklich zur Herrschaft gekommen wäret, damit auch WIR mit euch herrschen könnten!“ Wenn sie tatsächlich herrschten, dann wäre Jesus schon wiedergekommen, das Tausendjährige Reich wäre angebrochen, und, fügt Paulus hinzu, „WIR würden mit euch herrschen“. Die ärgerliche „andere“ Revolution Wer aber möchte so entehrt, verachtet, entwertet werden? Solche Wahrheit ist revolutionär und ein Ärgernis für unsere verdrehte christliche Lehre. Können wir uns darüber freuen, für Narren gehalten zu werden? Ist es leicht, den eigenen Namen in den Schmutz getreten zu sehen? Der Kommunismus erniedrigt alle Menschen, so dass sie auf einer Ebene sind; Christus erhebt alle Menschen, so dass sie auf einer Ebene sind! Wahres Christentum ist viel revolutionärer als der Kommunismus (allerdings natürlich ohne Blutvergießen). Die Bulldozer des Sozialismus haben versucht, die Hügel des Reichtums „abzutragen“ und die Täler der Armut „aufzufüllen“. Sie dachten, dass sie durch Erziehung „das Krumme gerade“ machen könnten – durch einen Beschluss des Parlaments, und dass ein Wink mit dem politischen Zauberstab das so lang überfällige Tausendjährige Reich herbeiführen könne. Aber die Veränderungen in Russland waren nur ein Austauschen der Bosse, und der Underdog ist immer noch ganz unten. Heute sind viele Menschen reich, weil sie andere arm machen, aber Paulus sagte, er war „arm, machte aber dennoch viele reich“. Dank sei Gott, dass der Geldsack von Simon dem Zauberer für den Heiligen Geist immer noch nicht interessant ist! Wenn wir noch nicht gelehrt wurden, wie wir den „ungerechten Mammon“ einzuschätzen haben, wie sollen wir mit den „wahren Reichtümern“ betraut werden? Und so wurde Paulus, materiell und gesellschaftlich bankrott, zu den wenigen Auserwählten gerechnet, die als der „Auskehricht der Welt“ aufgelistet sind. Dies half ihm sicher zu verstehen, dass er, als Kehricht, von den Menschen mit Füßen getreten werden würde. Obwohl er auf dem Areopag den Philosophen, den Stoikern und Epikuräern antworten konnte, ließ er sich um Christi willen bereitwillig als „Narr“ einordnen. Die Welt stand Jesus grundsätzlich und immer feindselig gegenüber. Brüder, entscheiden wir uns dafür? Was ist uns unangenehmer, als zu den „Ungebildeten und Unwissenden“ gerechnet zu werden? – obwohl ein Ungebildeter und Unwissender die Offenbarung geschrieben hat, die die Gelehrten immer noch vor Rätsel stellt. Voller Kopf und leeres Herz Heute leiden wir unter einer Plage von Dienern Gottes, die sich mehr darum kümmern, dass ihr Kopf gefüllt als dass ihr Herz feurig wird... Tatsache ist, dass geistliche Dinge geistlich wahrgenommen werden (nicht psychologisch). Weder Gott noch seine Urteile haben sich geändert. Durch sein Vorrecht gibt es immer noch Dinge, die den Weisen vorenthalten und den „Unmündigen offenbart“ werden. Und Unmündige sind nicht sonderlich intellektuell! Die Kirche brüstet sich heute mit dem insgesamt hohen IQ ihrer Diener. Moment mal, bevor wir im Fleisch triumphieren! Gleichzeitig haben wir eine insgesamt niedrige Rate bei den geistlichen Geburten, denn der Teufel, Bruder Apollos, ist von deinen verbalen Wasserfällen nicht beeindruckt! Die Abgrenzung von der Welt ist deutlich, absichtlich. Bunyans Pilger, die durch den Markt der Eitelkeit kommen, dienten der Anschauung. In Kleidung, Sprache, Interesse und Wertgefühl unterschieden sie sich von den Weltlingen. Ist dies heute auch bei uns der Fall? Während des letzten Krieges sagte ein britischer General: „Wir müssen unsere Männer hassen lehren, denn was der Mensch hasst, das bekämpft er.“ Wir haben viel (wenn auch nicht halb so viel wie nötig) über die vollkommene Liebe gehört; aber wir müssen auch wissen, wie man zornig ist, ohne zu sündigen. Der geisterfüllte Gläubige wird Missetaten, Ungerechtigkeit und Unreinheit hassen; und er wird gegen diese alle ins Feld ziehen. Weil Paulus die Welt hasste, hasste die Welt Paulus. Auch wir müssen so in der Opposition stehen. Stanley schrieb sein „Dunkelstes Afrika“ und General Booth sein „Dunkelstes England“ inmitten zermürbender Opposition. Der erste sah den hohen undurchdringlichen Urwald mit seinen lauernden Leoparden, versteckten Schlangen und Bewohnern der Dunkelheit. Booth sah die englischen Straßen, wie Gott sie sah – die lauernde Lust, die Säemänner der Sünde, die Spielsucht, das Verderben der Prostitution – und er stellte eine Armee für Gott auf, die das bekämpfte. Jetzt sind unsere Straßen Missionsfelder an der Front. Vergesst Zivilisiertheit, denn eine wohlerzogene, freundlich sprechende Dame mit guten Ma- nieren kann so weit von Gott entfernt sein wie die Mau-Mau-Mutter im Bast-Rock. Unsere Städte leben mit der Unreinheit. Ein Christ, der Abend für Abend vor seinem Fernseher träumt, hat ein totes Hirn und eine bankrotte Seele. Er täte besser daran, Gott zu überreden, ihn aus dieser Welt zu nehmen, wenn er so wenig von dieser laxen, losen, lüsternen Zeit mitbekommt, dass die Blindheit der Sünder ihm nicht mehr die Seele zerreißt. Jede Straße ist jetzt voll von Teuflischem, Trunksucht, Scheidung, Dunkelheit und Verdammnis. Wenn ihr gegen all dies aufsteht, dann wundert euch nicht, Brüder, dass die Welt euch hasst. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das ihre lieben. Paulus erklärt auf gut Deutsch: „Die Welt ist mir gekreuzigt.“ Lässt das nicht die Christen des zwanzigsten Jahrhunderts weit hinter sich? Viele gingen nach Golgatha, um die Demütigung der Verbrecher mitzuerleben. Am Kreuz war Karneval, über das Elend wurde gespottet. Wer aber kam am nächsten Morgen, um nach den Opfern zu sehen? Als erste die Geier – um ihre Augen auszuhacken und ihre Rippen abzunagen; dann fraßen Hunde die Gliedmaßen, die von diesen bewegungslosen Opfern herunterhingen. So entstellt und dekoriert mit den eigenen Einge- weiden waren die Verbrecher schrecklich anzusehen. Und genauso unattraktiv war für Paulus die gekreuzigte Welt! Das Gold und die Gier sind ihr Gott Auch wir könnten gut innerlich geschüttelt und mit zitternden Lippen diesen Satz wiederholen: „Die Welt ist mir gekreuzigt!“ Nur wenn wir so der Welt und all ihren Spielen, ihrem eitlen Pomp und verblassenden Freuden gestorben sind, können wir die Freiheit kennen, die Paulus kannte. Tatsache ist, dass wir Nachfolger Christi die Welt, ihre Meinungen, Vorlieben und Qualifikationen respektieren. Ein moderner Kritiker sagt, dass uns Gläubigen Gold der Gott und Gier das Glaubensbekenntnis ist. (Darüber ärgert sich nur, wer sich ertappt fühlt!) Auf der anderen Seite kenne ich östlich und westlich des Atlantiks einige Christen, die von anderen abgelegte Kleidung tragen und so alle ihre Dollars und Cents (oder Mark und Pfennig) in Gottes Reich stecken. Bei seiner starken Betonung der Abtrennung wundert man sich, dass Paulus überhaupt je Bekehrungen sah. Dieser gesegnete Mann, dem die Welt gekreuzigt war, wurde für „verrückt“ gehalten. Darüber hinaus präsentierte Paulus seine Botschaft so, dass einige ihn umbringen wollten, weil ihr Handwerk in Gefahr war! Diese gesegneten Apostel mit ihrer gesunden, heiligen Geringschätzung der Welt beschämen uns. Bald heißt es; „Lebewohl, Sterblichkeit!“ und: „Willkommen, Ewigkeit!“ Ich wünsche dir, geliebter Gläubiger, ein Jahr opferbereiten Dienstes für den, der unser Opferlamm war. Auch wir wollen unseren Lauf mit Freude vollenden.

Nachtext

Quellenangaben