Zeitschrift-Artikel: "Für einen Mörder sind "Für einen Mörder sind 7 /2 Jahre Knast zu wenig!" EIN LEBENSBERICHT VON WOLODJA TARANTCHUK

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Titel: "Für einen Mörder sind "Für einen Mörder sind 7 /2 Jahre Knast zu wenig!" EIN LEBENSBERICHT VON WOLODJA TARANTCHUK
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

"Für einen Mörder sind "Für einen Mörder sind 7 /2 Jahre Knast zu wenig!" EIN LEBENSBERICHT VON WOLODJA TARANTCHUK

Vortext

Während der Konferenz in Karaganda wurden wir täglich in einem alten, klapprigen “Lada” von unserer Unterkunft zum Konferenzort und zurück transportiert. Unser Chauffeur war ein junger Mann, dessen Tätowierungen in einem merkwürdigen Gegensatz zu seinem ernsthaften und glaubwürdigen Verhalten standen. Wir wurden neugierig und fragten ihn nach seiner Herkunft. In der Nacht vor unserem Rückflug erzählte er mit Tränen in den Augen seine bewegende Geschichte:

Text

Eine vergessene Kindheit „Ich bin in Kasachstan in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen und wohnte bei Oma und Opa, die ständig im Streit lebten. Oma war orthodox, aber das war nur Tradition. Worte aus der Bibel habe ich in meiner Jugend nie gehört. 1987 bekam ich als 17jähriger eine Arbeitsstelle im Bergwerk und ein Jahr später wurde ich für zwei Jahre zum Militär eingezogen. Der Kommandant war streng: wer nicht Ordnung hielt, dem wurde mit Gefängnis gedroht. Unterordnung fiel mir sehr schwer und nach einigen Monaten kam es zu den ersten Schlägereien. Mord beim Militär Eines Tages kam es zu einem Diebstahl in unserem Zimmer. Es gab einen heftigen Streit und ich spielte mich als Richter auf, um den Streit zu schlichten, den ich selbst angezettelt hatte. Dabei schlug ich dem vermeintlichen Dieb ins Gesicht und als die anderen Kameraden riefen, das sei noch nicht genug, trat ich mit meinen Stiefeln auf ihn ein. Er sackte plötzlich zusammen und ich wußte: jetzt ist etwas Furchtbares geschehen. Ich rannte zum Arzt, weil ich um sein Leben bangte. Der kam sofort und machte Wiederbelebungsversuche – aber es war zu spät. Der Kamerad war tot! Sofort kamen Offiziere und stellten Untersuchungen an. Ich versuchte durch Lügen eine passende Erklärung abzugeben, aber als ich später zu meinen Kameraden in den Schlafsaal ging, war es beängstigend still. Alle erwarteten, dass die Sache aufgeklärt würde. Aber erst am anderen Morgen war ich bereit, die Wahrheit zu sagen. Die Schuldfrage war eindeutig. Die schwerste Zeit meines Lebens begann. Ich kann meine Gefühle während der drei Monate Einzelhaft nicht beschreiben. Es gab Leute, die mich verfluchten, andere, die Mitleid mit mir hatten. Doch ich konnte mich nicht rechtfertigen und sah nur einen Weg: Selbstmord Ich konnte mir eine Rasierklinge besorgen und schnitt damit meine Schlagader auf. Doch ich schnitt nicht tief genug, denn während meine Gefühle den Tod ersehnten, sagte mein Verstand „Nein”. Schließlich merkte das Wach- personal, was ich getan hatte und alamierte den Arzt, der mich versorgte. Auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung versuchte ich einen zweiten Selbstmord. Auf dem Weg zur 3. Etage wollte ich aus dem Fenster springen, aber im letzten Moment hielt ich mich fest. Ein Funken Lebenswille hielt mich zurück. Man brachte mich zum Psychiater. Bei der Gerichtsverhandlung wollte ich nichts zu meiner Entlastung aussagen. Die Eltern des Verstorbenen waren anwesend, hielten das Foto ihres Sohnes hoch und schrien mich unter Weinen an: „Das hast du angerichtet!” Mein letztes Wort vor dem Urteilsspruch war an die Eltern gerichtet: „Ich bin der höchsten Strafe schuldig! Wenn es euch möglich ist, dann verzeiht mir bitte. Ich habe einen Bruder durch einen Unfall verloren und weiß, was das bedeutet.” Die Atmosphäre im Saal war bewegt, selbst der Richter mußte sein Taschentuch ziehen. Obwohl der Staatsanwalt zehn Jahre Gefängnis forderte, fühlte ich mich nach meinem Bekenntnis endlich frei, eine große Last fiel von meinem Herzen. Als das Gericht nach kurzer Beratung das Urteil verkündigte: „7 1/2 Jahre Gefängnis!”, schrien die Eltern des Verstorbenen auf und forderten eine längere Strafe. Mit Kufajka + Plastiktüte im Knast Nach dem Urteil stellte ich den Antrag, die Haftstrafe in der Ukraine verbüßen zu dürfen, weil ich mich schämte, meinen Eltern in Kasachstan unter die Augen zu kommen. Der Bitte wurde entsprochen und so trat ich meine Strafe an. Mein einziger Besitz war eine Kufajka (Steppjacke) und eine Plastiktüte mit etwas Tabak, einer Zahnbürste und dem Urteilsspruch. Im Gefängnis bekam ich eine Arbeit auf dem Bau zugewiesen, die für mich sehr schwer war. Bereits am ersten Tag brach ich bewußtlos zusammen und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich es hier sieben Jahre aushalten könnte. Später bekam ich eine körperlich leichtere Arbeit, die sogar mit Verantwortung verbunden war: Ich hatte andere zur Arbeit einzuteilen. Zuerst war ich sehr glücklich über diesen Wechsel, aber ich ahnte nicht, daß ich von nun an immer zwischen zwei Feuern saß: einerseits die Lagerleitung und auf der anderen Seite die Häftlinge. In dieser Zeit wurde ich wieder in eine Schlägerei verwickelt. Ein Mitgefangener prügelte auf mich ein, ich wehrte ab und schlug ihn zu Boden. Als er am Boden lag, wollte ich seinen Kopf packen und auf den Boden schlagen, aber eine innere Stimme warnte mich: „Wenn du jetzt nicht aufpasst, dann gibt es wieder einen Totschlag!” Ich bekam eine weitere Gelegenheit, die Arbeitsstelle zu wechseln. So wurde ich zunächst Tellerwäscher und weil ich schnell und fleißig war, konnte ich mich zum Koch hocharbeiten. Doch bei aller Arbeit blieb mir der Mord in Erinnerung und quälte mich. Erste Berührung mit der Bibel Im Jahr 1990 – nach der Perestroika - kamen Christen in unser Gefängnis und evangelisierten. Ich ging zunächst nicht hin, aber ein Knacki, der mir in der Küche half, bekannte sich als Christ. Ich ärgerte ihn bei jeder Gelegenheit, aber seine Reaktionen machten mich nachdenklich. Als wir schließlich in eine Zelle verlegt wurden, bat ich ihn, mir seine Bibel zu leihen. Zum ersten Mal hatte ich nun dieses Heilige Buch in Händen. Ich las 1. Mose 1, das nächste Mal Offenbarung 13 und dann Sprüche 18: „Wer eine Frau gefunden hat, hat Gutes gefunden...”. Dieser Aussage konnte ich nur seufzend zustimmen. Wieder kamen die Christen ins Gefängnis, verteilten Broschüren und luden zur Evangelisation ein. Ich lehnte die Einladung ab mit den Worten: „Ich kann nicht kommen, ich muß mich erst ändern!” In der folgenden Zeit bekam ich ein Buch von David Wilkerson in die Hände mit dem Titel „Worte des Amos”. Dieses Buch packte mich und weil ich es meinen Eltern schenken wollte, schrieb ich es Wort für Wort ab. Unter dem Einfluß des Buches sagte ich zu meinen Mitgefangenen: „Unser Leben ist kaputt, wir müssen Gott suchen!“ Aber sie lachten nur verständnislos und hielten mich für verrückt. „Die Tür ist offen!” – auch im Gefängnis Nun hatte ich auch Mut gefunden, die Gruppenstunden der Christen zu besuchen und dort bekam ich ein Buch, das mein Leben veränderte: „Die Tür ist offen” von C. H. Spurgeon. Ich begann zu fasten und zu beten: „Gott, verändere mein Leben!” Ich las dieses Buch und schlug die angegebenen Bibelstellen auf und entdeckte Jesaja 53. Die Leiden Jesu standen vor meiner Seele und eine Frage kam in mir hoch: „Weißt du, wer Jesus diese Wunden zugefügt hat?” Ich wußt es. Eine schwere Last drückte mich. Als bei der nächsten Evangelisationsstunde zur Bekehrung aufgerufen wurde, wußte ich, daß für mich die Uhr geschlagen hatte. Mit zwei anderen ging ich nach vorne, wir sanken auf die Knie und ich betete: „Gott, ich bin der größte Sünder. Nimm meine Hände in deine Hände. Wenn es möglich ist, vergib mir meine Sünden! Amen.” Nach diesem Gebet wußte ich: Meine Sünden sind vergeben. Jesus, der Sohn Gottes, hat dafür am Kreuz bezahlt! Eine wunderbare Zeit begann jetzt für mich im Gefängnis. Während meine Kameraden vorm Fernsehen hockten oder mit Spielen ihre Zeit tot schlugen, nahm ich meine Bibel und las Worte der Gnade. Mein Herz floß über und mein Mund konnte davon nicht schweigen. Aber es gab auch Kapitel in der Bibel, die ich nicht verstand. Schließlich las ich laut, aber ich verstand immer noch nichts und betete: „Gott, ich begreife nicht!” Als ich nach vier Tagen an Stellen kam, die ich verstand, jubelte ich und dankte Gott voller Freude. Natürlich gab es auch Anfeindungen. Unser Fußballtrainer sprach mich an: „Du hast dich bekehrt? Das war die größte Dummheit! Wenn ich könnte, ich würde dich zusammenschlagen!” „Einmal Knacki – immer Knacki?” Aber es gab auch eine große Ermutigung, als sich ein Mitgefangener bekehrte, der Sohn eines Ältesten einer Gemeinde in Kiew. Die Jugend dieser Gemeinde kam nun ins Gefängnis, las mit uns die Bibel und betete mit uns. Eines Tages wurde in dieser Runde ein Brief vorgelesen, den eine junge Schwester aus der Gemeinde geschrieben hatte. Ich war davon tief beeindruckt und wünschte, dieses Mädchen kennenzulernen. Gutes gefunden Meine Bitte um einen Briefwechsel mit der Gemeinde wurde erlaubt und so schrieb ich einen Brief an die Gemeinde, malte die Buchstaben und zitierte einen Bibelvers nach dem anderen. Dieser Brief wurde in der Gemeinde vorgelesen und dann wurde die Frage gestellt: Ist jemand hier, der einen Briefwechsel mit diesem Wolodja beginnen will? Eine Schwester war bereit - ausgerechnet die, die den ersten allgemeinen Brief an uns geschrieben hatte. Als ich ihren Brief bekam, brannte er in meinen Händen und mein Herz schlug schneller. Ein Gedanke schoß durch meinen Kopf: Das wird einmal deine Frau sein! Doch der nächste Ge- danke war ein Gebet: „Herr, vergib mir!” Nun, es begann ein Briefwechsel mit Mila, so hieß dieses Mädchen, und ihr ahnt schon, womit dieser Briefwechsel nach Monaten endete: Mila wurde meine Frau, obwohl ich ihr nichts zu bieten und ihr meine ganze Vergangenheit offengelegt hatte. Freunde hatten sie gewarnt: Was kann Gutes aus einem Gefängnis kommen?! Aber sie hatte um Gottes Führung und Bewahrung gebetet und innere Freiheit für diese Entscheidung bekommen. Als ich meiner Mutter nach meiner Bekehrung einen Brief schrieb antwortete sie: „Wenn du alle Papiere wieder in Ordnung hast, Arbeit suchst, heiraten wirst und Kinder hast, dann weiß ich, dass deine Bekehrung echt ist.” Heute sind meine Papiere in Ordnung, aber was noch viel wichtiger ist: Mein Name ist im Himmel angeschrieben! Ich bin mit Mila sehr glücklich verheiratet, wir haben zwei Söhne und erwarten das dritte Kind. Und Arbeit habe ich genug. Nach meiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis bekam ich eine Stelle im Bergwerk und jetzt arbeite ich vollzeitig als Evangelist, im Gefängnis und helfe auch in der Gemeinde mit. Leider haben sich meine Eltern noch nicht bekehrt. Wir haben wieder eine gute Beziehung zueinander. Meine Frau und ich beten, dass der Herr auch ihr Gewissen anrührt und ihnen den rettenden Glauben schenkt.

Nachtext

Quellenangaben