Zeitschrift-Artikel: Vergebung Vergebung für Johannes für Johannes Calvin? Calvin?

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Titel: Vergebung Vergebung für Johannes für Johannes Calvin? Calvin?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Vergebung Vergebung für Johannes für Johannes Calvin? Calvin?

Vortext

Text

„Geistliche Kampfführung“ ist eine Praxis innerhalb der Charismatischen Bewegung („Dritte Welle“), die besonders in den 90er Jahren bekannt geworden ist. Es geht hier um sogenanntes „Identifizieren“ und „Binden“ von Dämonen mit dem Ziel, Menschen und Gebiete (Territorien) von bösen Geistern zu befreien, den Sieg Jesu über den Teufel zu proklamieren und Land und Leute für Jesus einzunehmen. Bei dieser Praxis beruft man sich vor allem auf Epheser 6, 10-18 wo der geistliche Kampf beschrieben wird. Man übersieht dabei allerdings, dass es in diesem Text weder um Identifizieren noch um Binden von Dämonen geht, sondern darum, die Angriffe des Teufels abzuwehren und das „Evangelium des Friedens“ zu verkündigen. C. Peter Wagner – der „Apostel der globalen Gebetsbewegung“ C. Peter Wagner, einer der „Väter“ der Dritten Welle, der von seinen Freunden der „Apostel der globalen Gebetsbewegung“ (1) genannt wird, ist ein Motor dieser selbst unter Charismatikern umstrittenen Praxis. In zahlreichen Büchern hat er sie beschrieben und bekannt gemacht. Interessanterweise gab er in einem Gespräch mir gegenüber zu, dass man die heutige Praxis der „Geistlichen Kampfführung“ nicht eindeutig mit der Bibel belegen kann, sie sei aber durch „Offenbarungen“ legitimiert worden. C. Peter Wagner, dem der „Prophet“ Dick Mills bereits vor Jahren mitteilte „Gott würde ihn gebrauchen, um drei Strömungen des Leibes Christi für eine endzeitliche Arbeit zusammenzeugen“(2) - gemeint ist der charismatische, evangelikale und liberale Strom der Christenheit - beschreibt in seinem neuen Buch „Der Herrschaftsbereich der Himmelskönigin“ die drei Ebenen der „geistlichen Kampfführung“, wie sie vom „International Spiritual Warfare Network“ festgelegt worden sind: ? Die Basis der geistlichen Kriegsführung beinhaltet das Austreiben von Dämonen aus Personen. ? Die okkulte Ebene der geistlichen Kampfführung bedeutet das Angreifen von organisierten Formen dämonischer Kräfte, wie wir sie etwa in Hexerei, Satanismus, Freimaurerei, östlichen Religionen und anderen Formen des Okkulten finden. ? Die strategische Ebene der geistlichen Kampfführung konfrontiert hochrangige Mächte und Gewalten, die Macht über Territorien, wie Städte, Nationen, Menschengruppen oder andere soziale Netzwerke ausüben.(3) Neue Formen der „Geistlichen Kampfführung“ In den letzten Jahren wurde dann auch „Prophetische Fürbitte“, „Prophetische Musik“, „Prophetische Proklamation“, „Prophetische Handlungen“ usw. bekannt. So sammelte z.B. ein bekannter charismatischer Leiter aus Lüdenscheid bereits vor Jahren Abendmahlsreste aus aller Welt, um sie in der Mongolei mit dem Ziel zu vergraben, die „Gebietsämonen“, die seit einem Konzert der „Rolling Stones“ die Mongolei beherrschen sollen, zu binden bzw. zu vertreiben. Im Februar 2000 waren die sog. „Adler Gottes“ unterwegs, ein „Fürbitteteam“, das von Chuk Pierce, einem engen Mitarbeiter von C. Peter Wagner, geschult wird. Pierce berichtet, dass Gott ihm einen Weg gezeigt habe, der ihn in zehn wichtige Finanzorte der Welt (wie Frankfurt, London, Zürich, Los Angeles, Singapor usw.) führe, „um dort für die Freisetzung und den Transfer des Wohlstandes zu beten“ (4) und um die „Kriegsbeute“ für die finanziellen Mittel, die für die „kommende Ernte“ gebraucht werden, freizusetzen. Es wird berichtet, dass Gott den Befehl gegeben habe, in jeder dieser Städte eine kleine Goldmünze zu vergraben, als ein „Beispiel prophetischer Fürbitte und prophetischen Handelns, welches ein weltveränderndes Potenzial in sich trägt.“(5) „Identifikationsbuße“ Diese Praktik wurde vor allem durch Mitarbeiter von „Jugend mit einer Mission“ wie John Dawson und Lynn Green bekannt. Green und seine Mitarbeiter erforschten z.B. die unbekannten Routen des ersten Kreuzzuges von Köln nach Jerusalem, um dann am 900. Jahrestag mit einer Gruppe von „Fürbittern“ den Weg des ersten Kreuzzuges drei Jahre entlangzumaschieren, um „öffentlich Buße für die Sünden unserer christlichen Vorfahren an den Moslems und Juden in diesem Gebiet zu tun. Ihr herrlicher Einzug nach Jerusalem am 15.7.1999 war einer der Höhepunkte dieses Jahrzehnts.“ (6) In Deutschland sind es vor allem Männer wie Friedrich Aschoff und Berthold Becker („Fürbitte für Deutschland“), die in den vergangenen Jahren „Versöhnungsmärsche“ nach Moskau und an Orte der Kriegsgräuel organisierten, um auf diesem Weg „stellvertretende Buße“ für die Sünden der Vergangenheit zu tun. „Campus für Christus“ in der Schweiz unter der Leitung von Hanspeter Nuesch und Roland Kurth hat in den vergangenen Jahren nicht nur viele charismatische Praktiken übernommen, sondern diese auch durch Großveranstaltungen wie „Explo 2000“ ( Charisma 112/2000: „die bisher größte evangelikal-charismatische Konferenz“!) per Satellitenübertragung weltweit bekannt gemacht. In der Zeitschrift „Frisch“ von „Agape – Geschäftsbereich für Dienste Ausland von Campus für Christus“ konnte man den Bericht über ein „Fürbitteseminar“ mit 120 Teilnehmern lesen, das unter der Leitung von Barbara Fernrite und Billie Boatwright von „Intercessors International“ durchgeführt wurde. Im Anschluss an dieses Seminar wurde von den beiden Frauen ein siebenköpfiger „Gebetseinsatz“ in Genf organisiert, um die gelernte Theorie nun in die Praxis umzusetzen. „Prayerwalk“ in Genf Zunächst wurden Fakten aus der Geschichte dieser Stadt gesammelt, in welcher der Reformator Johannes Calvin gewirkt und großen Einfluss ausgeübt hat. Die „Fürbitter“ beschäftigten sich mit der Biographie Calvins und fragten sich, ob Calvins Prädestinationslehre (die Lehre von der souveränen, erwählenden Gnade Gottes) möglicherweise mit nicht erfahrener Vaterliebe zusammenhing (Calvins Vater hätte ihn angeblich gezwungen Jura zu studieren!). Sie stellten in Frage, ob Calvin selbst die Vaterliebe Gottes gekannt und erlebt habe. Ein Gebetsmarsch führte dann zur St. Pierre-Kathedrale, auf deren Kanzel Calvin während seiner Zeit in Genf gepredigt hat. Dort proklamierte ein „Fürbitter“, dass an diesem Ort nur „die Wahrheit gepredigt werden solle und dass die Menschen hier die vollkommene Liebe Gottes erfahren.“ Der Marsch führte anschließend zu dem Ort, wo der Häretiker Michael Servet – der die Trinität Gottes leugnete – 1553 mit der Zustimmung Calvins öffentlich verbrannt wurde. Dort wurde „stellvertretende Buße“ getan und ein „prophetischer Akt“ durchgeführt: „Als prophetischen Akt gossen wir Wein (das Blut Jesu) über die Hände zweier Genfer Teilnehmer ... Den Boden, auf den der Wein tropfte erklärten wir zu heiligem Land, wo Menschen die Wahrheit erkennen sollen.“ Endstation des „Prayerwalks“ war die Grabstätte Calvins. Da er auf seinen ausdrücklichen Wunsch in einem Massengrab ohne Grabstein beerdigt wurde, um einer Menschenverherrlichung vorzubeugen, ist das Grab Calvins nicht eindeutig zu lokalisieren. Allerdings hat die Stadt Genf auf diesem Friedhof eine Gedenkstätte für Calvin errichtet, wo das Fürbitteteam „Vergebung aussprach und die echte Vaterliebe Gottes proklamierte.“ Jeder, der die Bibel und die Kirchengeschichte ein wenig kennt, kann über die – gelinde ausgedrückt – naive und geringschätzige Beurteilung Calvins nur den Kopf schütteln. Sicher hatte dieser hochbegabte und gottesfürchtige Reformator seine Einseitigkeiten und Fehler und seine Zustimmung zur Verbrennung Servets kann man nicht entschuldigen. Aber der Tenor seiner Theologie und seines Lebens war: Gott allein die Ehre zu geben und seine Verherrlichung zur Mitte des Lebens und des Gottesdienstes zu machen. Tausende von Hugenotten, Puritanern und Männer wie Jonathan Edwards, George Whitefield, Charles H. Spurgeon usw. waren calvinistisch geprägt und haben in der Englisch sprechenden Welt geistliche Spuren hinterlassen, die heute noch sichtbar sind. Doch was viel tragischer ist: Diese völlig unbiblischen Vorstellungen und Handlungen, die man mit keiner Stelle aus dem NT belegen kann, zeigen eine Mischung von katholisch-mystisch-magischen Praktiken, die offenbar von einem immer größer werdenden Teil der Evangelikalen bereitwillig aufgenommen werden. Der „Prophet“ T. B. Joshua Neuerdings pilgern Scharen von Evangelikalen aus Holland und Deutschland, die sich als konservativ und bibeltreu bekennen, nach Nigeria und berichten begeistert u.a. von Aids- und Krebskranken, die dort angeblich in großer Zahl geheilt werden, obwohl der „Prophet“ T. B. Joshua sogar unter Charismatikern eine umstrittene Person ist. So werfen ihm z.B. Pastoren der „Full Gospel Churches“ in Lagos u.a. vor, dass er in seinem Dienst „Elemente afrikanischer Religion und Magie“ verwende (7). In seinem Heilungszentrum in Lagos segnet er nicht nur Taschentücher, von denen eine heilende Wirkung ausgehen soll, sondern auch einen großen Behälter mit Wasser, welches dann (symbolisch?) in „Blut Jesu“ verwandelt wird, mit welchem man sich dann duschen bzw. reinigen lassen kann. Eine Reisegruppe aus Deutschland berichtete, dass sie dieses „heilende Wasser“ in Flaschen abgefüllt und mit nach Deutschland genommen habe. Zeitschriften, Fernsehaufzeichnungen, Videos und Cassetten machen diesen Heilungs- und Befreiungsdienst zur Zeit weltweit bekannt. Verändern „Wunder“ biblische Überzeugungen? Anstatt anhand der Bibel Überzeugungen zu gewinnen, öffnet man sich Offenbarungen, Träumen, Bildern und Eindrücken und verwechselt menschliche oder dämonisch-mystisch inspirierte Phantasie mit dem Reden und Wirken Gottes. Statt Gott in „Geist und Wahrheit“ anzubeten (Joh 4,24), wird das Interesse auf Personen, Orte und sichtbare Gegenstände gelenkt, wie es zur Zeit des Alten Testamentes üblich war. Man erlebt scheinbare oder wirkliche Wunder und wirft von heute auf morgen biblische Überzeugungen über Bord, die man jahrelang mündlich und schriftlich verbreitet hat. Leider bewahrheitet sich, was Rick Joyner – einer der bekanntesten Männer der heutigen „Prophetenbewegung“ – geschrieben hat: „In den letzten Jahren sind einige der brillantesten Theologen und Apologeten ... zu einer neuen Erkenntnis gekommen, nachdem sie selbst ein Wunder erlebt haben ... Demonstrationen der Kraft Gottes verwandeln intellektuelle Konzepte ...“(8) Dass ausgerechnet Johannes Calvin Objekt „stellvertretender Buße“ und „prophetischen Handelns“ wurde, wundert nicht. Calvin hat wie kaum ein zweiter Reformator den die Sinne beeindruckenden Götzen- und Bilderdienst in der Kirche verworfen und den Wert des geschriebenen und gepredigten Wortes Gottes in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerückt. Deshalb steht dieser Reformator nicht nur bei Katholiken, sondern auch bei Arminianern und Charismatikern in denkbar schlechtem Ruf. Die Stadt Genf – wie auch die übrige Welt – benötigt keinen Neo-Mystizismus, weder „heilende Taschentücher“ noch „prophetische Handlungen“, sondern die vollmächtige Predigt des biblischen Evangeliums. „Der Prophet, der einen Traum hat, erzähle den Traum; und wer mein Wort hat, rede mein Wort in Wahrheit! Was hat Stroh mit dem Korn gemein? Spricht der Herr. Ist mein Wort nicht also – wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert? Jeremia 23, 28-29

Nachtext

Quellenangaben

ANMERKUNGEN: 1) C.P. Wagner: Der Herrschaftsbereich der Himmelskönigin, Solingen, 2001, S. 36 2) Cindy Jakobs: Der Prophet in dir, Lüdenscheid, 2001, S. 34 3) C.P. Wagner a.a.O., S. 15 4) a.a.O., S. 62 5) a.a.O., S. 18 6) a.a.O., S. 20 7) Charisma 118, Düsseldorf, 2001, S. 20 8) Rick Joyner: Eine prophetische Vision für das 21. Jahrhundert, Winterthur, 2000, S. 200