Zeitschrift-Artikel: Fragenbeantwortung - Wird es wieder einen Tempel geben?

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Titel: Fragenbeantwortung - Wird es wieder einen Tempel geben?
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
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Titel

Fragenbeantwortung - Wird es wieder einen Tempel geben?

Vortext

Frage: Ich muss der Meinung widersprechen, Jerusalem werde im „1000- jährigen Reich“ wieder der geografische Mittelpunkt der Verehrung Gottes sein. Natürlich ist es möglich, dass Juden wieder ein Haus bauen, das sie Tempel nennen und dort Opfer bringen. Das hätte aber keine andere Bedeutung als jeder andere Opferdienst von Anhängern irgendeiner Religion... Der wahre Tempel ist die Gemeinde. Dort wird Gott in Geist und Wahrheit angebetet und dort ist der Messias (der Herr Jesus) anwesend. Christen schauen nicht auf den Berg Zion in Jerusalem, sondern auf das himmlische Jerusalem (Vgl. Hebräer 12,18f). Im Neuen Testament werden prophetische Stellen des AT immer geistlich, nie irdisch ausgelegt. Wir tun gut, uns an diese Regel zu halten. (Leserbrief stark gekürzt) Dein Rainer T.

Text

Antwort: Lieber Rainer, danke für deine Mail zu meinem Artikel über die explosivsten Quadratmeter der Welt (f+t Nr. 99). Schon immer habe ich deine eigenständige, quer denkende Art zu schätzen gewusst. Deine Über- zeugungen zu Israel und dem Nahen Osten sind ja für deine gemeindliche Umgebung ziemlich untypisch. Zunächst nenne ich die Punkte, in denen wir übereinstimmen: In der Tat gibt es für Israeliten wie für jeden Menschen keinen anderen Heilsweg als die Buße zu Gott und den Glauben an den Herrn Jesus Christus. Zwar verstehe ich die Heilige Schrift im Gegensatz zu dir so, dass sie von einer großen nationalen Zukunft Israels unter der Herrschaft des Messias spricht. Auch sehe ich eine Erfüllung biblischer Prophezeiungen darin, dass viele Israeliten in das Land ihrer Väter zurückgekehrt sind und zurückkehren. Jedoch bin ich mit dir der Überzeugung, dass der israelische Staat das göttliche Ziel in vieler Hinsicht nicht mit moralisch sauberen Mitteln anstrebt. Nach meinem Verständnis der biblischen Prophetie wird an der Spitze des jüdischen Staates der Antichrist stehen, bevor der wahre Christus seine Herrschaft als König der Juden antritt. Eine blinde Begeisterung und eine fanatische Parteinahme für die Politik des israelischen Staates ist für einen Christen, der die Heilige Schrift kennt, völlig unangebracht. Im Weiteren versuche ich auf die Punkte einzugehen, in denen wir geteilter Meinung sind: 1. „Im NT werden prophetische Stellen des AT immer geistlich, nie irdisch ausgelegt.“ Ich nehme an, damit schließt du dich der Auffassung an, die nach der konstantinischen Wende bis zu den Erweckungsbewegungen im 19. Jahrhundert in der Christenheit nahezu Allgemeingut war und auch heute noch weit verbreitet ist: Sie besagt, dass die Prophezeiungen des AT für Israel in einer geistlichen Bedeutung auf die Gemeinde übergegangen sind, in ihrer buchstäblichen Bedeutung für Israel jedoch hinfällig wurden. Zunächst ist es sachlich nicht richtig, dass prophetische Stellen aus dem AT im NT immer geistlich, nie irdisch ausgelegt werden. Im AT wird z. B. prophezeit, der Messias würde in Bethlehem geboren werden (Mi 5,1). Ist diese Prophezeiung geistlich oder irdisch gemeint? Offensichtlich bezieht sich die Prophezeiung auf einen konkreten irdischen Ort. Genau so wurde sie auch im NT von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten verstanden (Mt 2,3-6) – und zwar völlig zu Recht. Wenn aber diese und viele andere Vorhersagen sich konkret, wörtlich und „irdisch“ erfüllt haben, warum dann nicht auch die Prophezeiungen über die Zukunft Israels? Ich meine, wir sollten alle Vorhersagen der Bibel so annehmen, wie sie dort stehen, es sei denn, die Heilige Schrift liefert uns selbst den Schlüssel dafür, dass sie bildlich gemeint sind und eine übertragene, „geistliche“ Bedeutung haben. 2. „Betrachtet man das NT, wird man vergeblich nach dieser 'Israel-Begeisterung' bei den Aposteln und anderen Schreibern suchen.“ Fakt ist, dass die Apostel an eine große nationale Zukunft Israels, so wie sie im AT verheißen wurde, geglaubt haben. In Apg 1,6 fragen sie: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“ Der Herr Jesus antwortet hier aber nicht, wie es deiner Sicht entsprechen würde: „Die Wiederherstellung des israelischen Reiches könnt ihr getrost vergessen. Sie spielt in Gottes Heilsplänen mit dieser Erde keine Rolle mehr.“ Er stellt die Tatsache des zukünftigen israelischen Reiches nicht in Frage. Er sagt sogar, dass der Vater den Zeitpunkt der Wiederherstellung bereits festgesetzt hat: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat.“ (Oder nach einer anderen Übersetzungsvariante: „... die der Vater in seine eigene Vollmacht gesetzt hat.“ Paulus hatte zwar keine blinde Israel-Begeisterung, aber eine tiefe Liebe zu den Israeliten (Röm 9,1-5). Im Übrigen sagt er dort, dass den Israeliten die Bündnisse und die Verheißungen gelten (nicht: gegolten haben). In Röm 11 behandelt er die rhetorische Frage, ob Gott sein Volk – die Israeliten – etwa verstoßen habe. Dies ist keineswegs der Fall. Er bringt in diesem Kapitel mindestens drei Argumente, die zeigen, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat: Es gibt auch in der jetzigen Zeit einen Überrest nach Wahl der Gnade (Vers 5), das sind die Israeliten, die Christen werden bzw. Christen geworden sind und somit zur Gemeinde des lebendigen Gottes gehören. Die Tatsache, dass Gott sich den nicht-israelischen Nationen zuwandte, hat (auch) den Zweck, die Israeliten zur Eifersucht zu reizen, damit etliche errettet werden (V. 11-15). Schließlich spricht Paulus in Römer 11 deutlich von zwei Zeitepochen: von der „jetzigen Zeit“ (V. 11), in welcher der Fall Israels zum Reichtum der Nationen geführt hat und in der die Vollzahl (oder die Fülle) der Nationen eingeht (V. 12+25) und von einer Zeit, nachdem die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird und dann die Vollzahl Israels eingehen (V. 12) und ganz Israel gerettet werden wird (V. 26). Diese Prophezeiung ist völlig in Einklang mit den vielen alttestamentlichen Voraussagen, die Israel als Nation eine von Gott gesegnete und glorreiche Zukunft verheißen. 3. „In Geist und Wahrheit anbeten...“ Du hast Recht. In Joh 4 spricht der Herr Jesus von einer Zeit, in welcher der Vater weder auf dem Berg Garizim noch auf dem Berg Zion angebetet werden würde (V. 23). Diese Vorhersage ist durch die Entstehung der Gemeinde und die Zerstörung des Tempels in Erfüllung gegangen. Aber sagt er damit, dass Gott nie wieder auf dem Tempelberg angebetet werden wird? Dadurch würde man etwas in den Text hineinlegen, was dort nicht steht. 4. „Natürlich ist es möglich, dass Juden wieder ein Haus bauen, das sie ‘Tempel’ nennen und dort wieder Opfer bringen. Das hätte aber keine andere Bedeutung als jeder andere Opferdienst von Anhängern irgend einer Religion.“ Nach meinem Verständnis ist in Mt 24,15 sowie in Dan 9,27 und 12,11 von dem zukünftigen Tempel und dem darin stattfindenden Opferdienst die Rede. „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, dem Propheten, geredet ist, an heiliger Stätte stehen seht ...“ Hier ist meines Erachtens gemeint, dass im Tempel ein Götzenbild (im AT oft als Gräuel bezeichnet, z. B. 5Mo 27,15; 32,16; 1Kö 11,5) aufgestellt wird, so dass die Darbringung von „Schlachtopfer und Speisopfer“ (Dan 9,27), „das regelmäßige Opfer“ (Dan 12,11) eingestellt werden muss. Etwas Ähnliches passierte bereits 168/167 v. Chr., als der syrische König Antiochus IV das Heiligtum in einen Zeus-Tempel verwandelte, den Brandopferaltar zu einem Zeus-Altar umfunktionierte und ein Standbild des Zeus mit den Gesichtszügen von Antiochus IV aufstellen ließ. Dieses Ereignis wird von Daniel mit ähnlichen Worten wie die zukünftige Entweihung des Tempels vorausgesagt: „... und sie werden das Heiligtum, die Bergfeste entweihen und werden das regelmäßige Opfer abschaffen und den verwüstenden Gräuel aufstellen“ (Dan. 11,31). Worauf ich hinaus will ist Folgendes: Du siehst den möglichen zukünftigen Tempel und den darin stattfindenden Opferdienst auf einer Stufe mit dem moslemischen oder einem sonstigen heidnischen Opferdienst. Der Herr Jesus spricht jedoch von „heiliger Stätte“. Würde er so über die Kaaba in Mekka reden? Im Buch Daniel ist das Aufhören des Opferdienstes im Tempel eine Katastrophe. Der Opferdienst steht in einem scharfen Gegensatz zu dem sich daran anschließenden Götzendienst. Die beiden religiösen Praktiken stehen also mit Nichten auf einer Stufe. Die eine ist Gottesdienst, die andere ein Gräueldienst. 5. „Ich erspare mir, kapitelweise aus dem Hebräerbrief zu zitieren, den man nicht lesen kann, ohne davon überzeugt zu sein, dass der alte Dienst endgültig abgetan ist und nie wieder eine Bedeutung haben wird.“ Zugegebenermaßen ist dieses Argument nicht leicht zu entkräften. Der Hebräerbrief lehrt deutlich ein Ende des alttestamentlichen Tempelgottesdienstes und des aaronitischen Priestertums. In Hebr 7,15 wird besonders betont, dass Christus kam, um in einer neuen priesterlichen Ordnung, nämlich nach der von Melchisedek, zu dienen. Der zukünftige Tempeldienst wird ausführlich in Hes 40-47 beschrieben. In der Tat werden viele Parallelen zum alttestamentlichen Tempeldienst genannt: - Altar, auf dem Blut gesprengt wird (43, 13-18) - Brand-, Sünd- sowie Schuldopfer (40,39) - Passah- und Laubhüttenfest (45, 21-25) - Halten von Sabbat- und Festtagen (46,1) usw. Wichtig ist allerdings, auch die Unterschiede zu dem alttestamentlichen, levitischen System zu sehen, die zeigen, dass im 1000-jährigen Reich der Opferdienst des AT nicht einfach wieder auflebt, sondern etwas Neues darstellt: In den Vorhersagen werden beispielsweise - keine Bundeslade - keine Gesetzestafeln - kein Vorhang - kein unzugängliches Allerheiligstes - kein Hoherpriester, der am großen Versöhnungstag Sühnung tut usw. erwähnt. Das Priestertum wird nicht mehr von der gesamten Familie Aarons ausgeübt, sondern ist auf die Familie Zadoks beschränkt. Ein weiterer auffälliger Unterschied ist der Fürst, der Opfer darbringen wird einschließlich des täglichen Brandopfers (45, 17), eine im levitischen System nicht vorgesehene Einrichtung. Diese Unterschiede und viele andere Unterschiede machen deutlich, dass es sich nicht um eine ‘Reanimation’ der alttestamentlichen Ordnung handelt. Die Opfer werden zweifellos wesensmäßig Opfer des Gedächtnisses sein. Es sind keine Opfer, die man mit der Absicht darbringt, Heil zu erlangen, sondern Opfer angesichts einer vollbrachten Errettung am Kreuz auf Golgatha. Der Hebräerbrief hat den Blickwinkel, die Ablösung der alttestamentlichen Ordnung durch die Zeit der Gemeinde zu beschreiben, in der Christus verherrlicht im Himmel ist und in der es ohne Belang ist, ob jemand Jude oder Grieche ist. Im Propheten Hesekiel geht es um die Wiederherstellung Israels als Volk Gottes. Die Herrlichkeit des Herrn wird wieder im Lande Kanaan wohnen, der Unterschied zwischen Israeliten und Nationen wird wieder von Bedeutung sein. Die Israeliten werden zu besonderen Segensträgern Gottes werden. Zum Schluss möchte ich dir gerne noch einige Fragen stellen: Hälst du es für blanken Zufall, dass die Israeliten unter alle Völker zerstreut, dort verfolgt und verachtet wurden und in der Gegenwart aus allen Völkern zurück in das Land ihrer Väter kommen, genau wie dies in der Bibel vorhergesagt wird? Wenn dies eine ‘irdische’, konkrete Erfüllung biblischer Prophetie ist, warum sollten sich die anderen Vorhersagen – die Israel als Nation eine zentrale Rolle in Gottes Segensherrschaft über diese Erde und dem Tempel in Jerusalem eine wichtige Rolle in der Verehrung Gottes im Tausendjährigen Reich zuschreiben – nicht erfüllen? Dein Gerrit Alberts

Nachtext

Quellenangaben