Zeitschrift-Artikel: Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil 18

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Titel: Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil 18
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Elisa – einer von Gottes Segensträgern Teil 18

Vortext

Da sandte er Pferde und Wagen dorthin und ein starkes Heer; und sie kamen bei Nacht und umzingelten die Stadt. Und als der Diener des Mannes Gottes früh aufstand und hinaustrat – siehe, ein Heer umringte die Stadt, und Pferde und Wagen. Und sein Knabe sprach zu ihm: Ach, mein Herr! Was sollen wir tun? Aber er sprach: Fürchte dich nicht! Denn mehr sind die, die bei uns, als die bei ihnen sind.  Und Elisa betete und sprach: HERR, tu doch seine Augen auf, dass er sehe! Da tat der HERR die Augen des Knaben auf; und er sah: Und siehe, der Berg war voll feuriger Pferde und Wagen, rings um Elisa her. Und sie kamen zu ihm herab; und Elisa betete zu dem HERRN und sprach: Schlage doch dieses Volk mit Blindheit! Und er schlug sie mit Blindheit nach dem Wort Elisas. Und Elisa sprach zu ihnen: Dies ist nicht der Weg, und dies nicht die Stadt; folgt mir, und ich werde euch zu dem Mann führen, den ihr sucht. Und er führte sie nach Samaria. Und es geschah, als sie nach Samaria gekommen waren, da sprach Elisa: HERR, tu diesen die Augen auf, dass sie sehen! Da tat der HERR ihnen die Augen auf; und sie sahen: Und siehe, sie waren mitten in Samaria. Und der König von Israel sprach zu Elisa, als er sie sah: Soll ich schlagen, soll ich schlagen, mein Vater?  Aber er sprach: Du sollst nicht schlagen. Würdest du die schlagen, die du mit deinem Schwert und mit deinem Bogen gefangen genommen hast? Setze ihnen Brot und Wasser vor, damit sie essen und trinken und dann zu ihrem Herrn ziehen. Und er bereitete ihnen ein großes Mahl, und sie aßen und tranken; und er entließ sie, und sie zogen zu ihrem Herrn. Und die Streifscharen der Syrer kamen seitdem nicht mehr in das Land Israel. (2Kö 6,14–23)

Text

Geöffnete und verschlossene Augen Dieser hochinteressante Abschnitt enthält eine Menge wichtiger Lektionen über geistliche Sehfähigkeit, aber andererseits auch über geistliche Blindheit. Da ist der namenlose Prophetenschüler des Elisa, der trotz seines geistlichen Eifers für unsichtbare Realitäten blind ist und große Angst bekommt. Dann berichtet die Bibel von dem „starken Heer“ der Syrer. Auf das Gebet des Elisa hin wird es von Gott zunächst mit Blindheit für sichtbare Realitäten geschlagen. Einige Stunden später – wieder als Antwort auf das Gebet Elisas – werden ihre Augen für ihre sehr bedrohliche Situation geöffnet. Wir sehen den Propheten Elisa, wie er in tiefem Frieden und aller Ruhe mit Gebet auf die lebensgefährlichen Umstände reagiert, weil er geöffnete Augen für die geistlichen Wirklichkeiten hat. Schließlich wird uns der König Israels vorgestellt, der von all den ihn umgebenden und wahrgenommenen Wundern zwar kurzzeitig beeindruckt, aber nicht geistlich verändert wird. In einem alten Lied gibt es eine Strophe, in welcher der Dichter ein Gebet ausspricht, das wir alle nötig haben: „Jesus, gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an; denn das ist die größte Plage, wenn am Tage man das Licht nicht sehen kann.“ „Groß Macht und viel List …“ Ein starkes Heer mit „Pferden und Wagen“ ist unterwegs, um den Propheten Gottes gefangen zu nehmen, denn er hat die Angriffspläne des syrischen Königs vereitelt. Sie kommen heimlich des Nachts und legen einen Belagerungsring um die Stadt Dothan, um dann am frühen Morgen von der Bevölkerung die Herausgabe des Propheten zu fordern, von dem sie vermuten, dass er sich dort ängstlich verborgen hält. Welch ein gewaltiger Aufzug, um einen wehrlosen Mann in ihre Hände zu bekommen! Jeder Bibelleser wird wohl bei dieser Szene an eine andere Nacht denken, in der unser Herr Jesus ebenfalls von einer „großen Volksmenge“ mit „Schwertern und Stöcken“ (Mt 26,47), mit „Leuchten und Fackeln“ (Joh 18,3) gesucht wird. Als würde es sich um einen gewaltbereiten, gemeingefährlichen Verbrecher handeln, der das Tageslicht scheut und sich aus Angst versteckt hält. Ein ängstlicher Diener Dieser namenlose Diener stand nun an Gehasis Stelle im Dienst des Propheten, um an dessen Seite zu lernen, Erfahrungen zu teilen und ihm in Bescheidenheit zu dienen. Ein schönes Vorbild von gesegneter Zweierschaft, wie es unser Herr mit seinen Jüngern und auch Paulus mit seinen jüngeren Mitarbeitern vorgelebt hat. Positiv fällt an diesem jungen Mann zunächst auf, dass er – wie der Bericht betont – ein Frühaufsteher war. Allerdings fällt sein erster Blick am frühen Morgen nicht auf Gottes Wort und seine Verheißungen, sondern auf ein gewaltiges feindliches Heer, mit Rossen und Wagen, das die Stadt umzingelt hat. Weiter kann man positiv feststellen, dass dieser Diener beim Anblick der großen Gefahr nicht entsetzt flieht, sich versteckt oder sogar Fahnenflucht begeht, sondern mit seiner Angst und Todesfurcht zu Elisa eilt und sein Herz ausschüttet: „Ach, mein Herr! Was sollen wir tun?“ Wenn keine Gefahr in Sicht ist, singen wir laut, gerne und in froher Stimmung und Gemeinschaft mit vielen Christen: „Wenn des Feindes Macht uns drohet und manch Sturm rings um uns weht, brauchen wir uns nicht zu fürchten, flieh’n zu ihm wir ins Gebet.“ Aber wenn der Satan im Alltagsleben plötzlich auftaucht und wie ein brüllender Löwe sein Maul aufreißt und uns bedroht, dann zeigt sich, welche Glaubwürdigkeit unsere großen Bekenntnisse in Wort und Lied tatsächlich haben. Wie gut, wenn wir uns dann an dem Diener des Elisa ein Beispiel nehmen. Der alte Ausleger Henry Rossier schreibt dazu: „Alles in der Welt ist geeignet, armen, kraftlosen und sündigen Wesen, wie wir sind, Furcht einzuflößen. Wir haben mit schwierigen Umständen zu kämpfen, mit der Welt, ihren Verführungen oder ihrer Feindschaft, mit dem Hass Satans, mit uns selbst und unserer sündigen Natur … Wer wird auf die vielen beunruhigenden Fragen eine Antwort geben? Wer kann die Angst und Erregung unserer Herzen beschwichtigen? Gott allein, denn Er hat auf alles eine Antwort.“1 „Fürchte dich nicht!“ Wie oft lesen wir diese ermutigenden Worte im Alten wie auch im Neuen Testament. Wie oft hat unser Herr verzagte und furchtsame Jünger mit diesen Worten aufgerichtet und Trauernde getröstet. Hier spricht ein Elisa – der die Umlagerung und die Absichten der Feinde längst wahrgenommen hat – diese aufrichtenden Worte zu seinem „Schüler“. Sein Diener sollte in der Dienstgemeinschaft mit seinem Herrn Erfahrungen machen, die seinen späteren Dienst nach dem Tod seines Meisters prägen sollten. Und sicher war die furchtlose und friedvolle Haltung des Elisa in dieser Bedrohung für seinen Diener ebenso wichtig und unvergesslich wie seine Worte. Und dann konnte Elisa aus seiner eigenen Erfahrung heraus sagen, was sein Diener nun praktisch erleben sollte: „Denn mehr sind derer, die bei uns, als derer, die bei ihnen sind.“ „Wenn ein Diener Gottes sich im Willen Gottes befindet und dessen Werke wirkt, ist er so lange unsterblich, bis er seine Arbeit beendet hat.“2 (Warren W. Wiersbe) Elisa hatte eine Gewissheit, die vorher schon David erlebt und in seinen Psalmen ausgedrückt hatte: „Als Übeltäter mir nahten, um mein Fleisch zu fressen – meine Bedränger und meine Feinde –, sie strauchelten und fielen. Wenn ein Heer sich gegen mich lagert, nicht fürchtet sich mein Herz; wenn Krieg sich gegen mich erhebt, hierauf vertraue ich …“ (Ps 27,3) „Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und er befreit sie.“ (Ps 34,8) Viele Begebenheiten in der Bibel berichten von wunderbaren Bewahrungen, Befreiungen und Ermutigungen durch Engel als Boten Gottes. Auch aus der Missionsgeschichte sind uns erstaunliche Berichte bekannt. Und sicher haben wir auch selbst als Nachfolger unseres Herrn ähnliche Erfahrungen gemacht oder zumindest unwissend „Engel beherbergt“ (Hebr 13,1–2). Das Gebet um geöffnete Augen Elisa macht seinem Diener keine Vorwürfe wegen Kleinglauben oder Zweifeln an der Macht Gottes. Nachdem er ihn mit wenigen Worten stark ermutigt und auf die Macht Gottes hingewiesen hat, betet er für ihn. Es sind nur wenige Worte, aber sie machen deutlich, dass wir alle auf Hilfe und Erleuchtung angewiesen sind – auch wenn wir Gottes Wort hören oder lesen: „Das hörende Ohr und das sehende Auge, der HERR hat sie alle beide gemacht.“ (Spr 20,12) „Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue in deinem Gesetz!“ (Ps 119,18) Gott erhört sofort dieses Gebet und der Diener bekommt einen gewaltigen Eindruck von der Macht Gottes und sieht das, was dem Propheten schon lange bewusst ist und was er als „Sohn“ des Propheten Elia bei dessen Entrückung gesehen und erlebt hat: „Wagen von Feuer und Pferde von Feuer“ (2Kö 2,11). „Auch für uns ist es gut, wenn uns auf der Reise durch eine feindliche Welt das gesegnete Bewusstsein des Glaubens begleitet, dass einer bei uns ist, der gesagt hat: ‚Ich will dich nicht versäumen noch dich verlassen‘; und dass wir in der gnädigen Fürsorge jener Engelheere stehen, die ausgesandt sind ‚zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen‘ (Hebr 1,14).“3 Ein ungewöhnliches Gebet! Unerschrocken zeigen sich Elisa und sein ermutigter Diener der feindlichen Macht, indem sie vom Berg herab kommen und sich mit dem Angebot unter die Feinde mischen, ihnen den Weg und die gesuchte Person zu zeigen. Allerdings hatte Elisa vorher im Glauben gebetet, Gott möge die Feinde mit Blindheit schlagen. Spurgeon schreibt treffend an dieser Stelle: „Wir können Blinde führen, aber nicht sehend machen; wir können die Wahrheit vor ihnen ausbreiten, aber ihre Augen nicht öffnen. Das ist allein Gottes Werk.“ Vielleicht war es so, dass „ihre Augen gehalten wurden, so dass sie ihn nicht erkannten“, wie bei den Emmaus-Jüngern (Lk 24,16), oder wie unser Herr von denen spricht, die nicht glauben: „… sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen“ (Mt 13,14). Mit welch einem Vertrauen auf Gottes Erhörung seines Gebetes ist Elisa auf die Soldaten zugegangen? Und wir sollten nicht vergessen, dass sein Diener ihm auf diesem Weg folgte. Wahrscheinlich mit schlotternden Knien, aber er folgte nach und machte auf diesem Weg eine wunderbare Glaubenserfahrung. Solche Erfahrungen macht man nicht am Schreibtisch, oder beim Lesen ergreifender Biographien, sondern nur auf dem Weg der praktischen Nachfolge. Wenn man sich die Szenerie dieser wundersamen Geschichte bildlich vorstellt, kann man vielleicht auch etwas von Gottes Ironie bemerken: Da folgte ein gewaltiges Heer, Infanterie und Kavallerie, vertrauensvoll seinem vermeintlichen Erzfeind. Sie werden nichtsahnend bis in die Hauptstadt des feindlichen Königs geführt, wo sie zu ihrem Entsetzen – wiederum nach dem Gebet des Mannes Gottes um geöffnete Augen – sowohl den gesuchten Elisa als auch die nun übermächtigen feindlichen Soldaten erkennen! Einer der sieht und doch nichts begriffen hat In dieser Geschichte kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Der König Joram, der kurze Zeit später in demselben Kapitel wutentbrannt den Kopf Elisas fordern wird (V. 31), ist Augenzeuge dieses Wunders, sieht seine Feinde schutzlos vor ihm ausgeliefert und bezeichnet Elisa erstaunlicher Weise als seinen „Vater“. Immerhin drischt er nicht spontan auf seine Feinde ein, sondern wendet sich an Elisa und bittet ihn um Erlaubnis: „Soll ich schlagen, soll ich schlagen, mein Vater?“ (V. 21). Elisas Antwort an diesen wankelmütigen „Mördersohn“, wie er den König Israels etwas später in Vers 32 bezeichnet, zeigt etwas von dem vorbildlichen Charakter Elisas. Er ruft nicht wie Elia für seine Feinde „Feuer vom Himmel“ herab (2Kö 1,10), sondern er zeigt ein Verhalten wie später unser Herr Jesus, als die beiden „Söhne des Donners“ voller Zorn mit „Feuer vom Himmel“ auf Ablehnung reagieren wollten (Lk 9,54). Unser Herr hatte seinen Jüngern sehr deutlich befohlen, wie sie auf Feindschaft und Ablehnung reagieren sollten: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet die, die euch fluchen; betet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6, 27) In der gleichen Gesinnung reagierte Elisa auf die Absicht Jorams. Er befiehlt, Gnade zu erweisen und die Feinde nach ihrem langen Marsch mit einem „großen Mahl“ (V. 23) zu segnen und zugleich zu beschämen. Welch eine wertvolle praktische Lektion in Sachen Güte und Gnade konnte Joram von Elisa lernen. Leider war und blieb der König Israels für diese Eigenschaften blind, obwohl er – wahrscheinlich mit innerem Widerwillen – den Befehl Elisas ausführte. Doch sein Herz blieb völlig unberührt von dem erlebten Wunder und der Gnade Gottes. Er sah zwar, begriff aber nichts. Von dem englischen Reformator William Tyndale wird berichtet, dass er auf dem Scheiterhaufen vor seinem Tod ein letztes Gebet sprach: „Herr, öffne dem König von England die Augen!“ Er forderte keine Rache, kein Gericht für seinen Mörder, sondern offene Augen für die Gnade Gottes. Sicher ein Gebet, das wir angesichts der politischen und moralischen Verirrungen unserer Obrigkeit in jüngster Zeit vermehrt beten sollten. So endet diese dramatische Geschichte mit dem Rückzug der syrischen Soldaten, die mit tiefen, hoffentlich bleibenden Eindrücken von der Gnade, Barmherzigkeit und Wahrheit des Gottes Israels und seines Propheten Elisa in ihre Heimat zurückkehren und sich nicht mehr an weiteren Einfällen beteiligen.

Nachtext

Quellenangaben

H. Rossier, Betrachtungen über das 2. Buch der Könige, Neustadt: Ernst Paulus Verlag, 1961, S 87–88 Warren W.Wiersbe, Sei anders, Dillenburg: CV Verlag, 2002, S. 64 Hamilton Smith, Elia und Elisa, Neustadt: Ernst Paulus Verlag, 1984, S. 179