Zeitschrift-Artikel: Nach der Taufe kam der Terror - Über die Flucht zweier afghanischer Familien nach Indien

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Titel: Nach der Taufe kam der Terror - Über die Flucht zweier afghanischer Familien nach Indien
Typ: Artikel
Autor: Tabitha Bühne
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Titel

Nach der Taufe kam der Terror - Über die Flucht zweier afghanischer Familien nach Indien

Vortext

Text

Flüchtlings-Gottesdienst in Delhi Es gibt kein Kreuz an der Wand, kein Schild – nur eine kleine Treppe in eine Art Kellerraum. Die Decken-Ventilatoren surren wild, es ist heiß an diesem Sonntag in Delhi und Moskitos schwirren um uns herum. Der schlauchartige Raum füllt sich mit vielen jungen Leuten und Familien aus Afghanistan und anderen muslimischen Ländern. Ihr Gesang berührt mich, dabei verstehe ich kein Wort. Der Pastor ist selbst vor ein paar Jahren aus Afghanistan geflohen. Fünf seiner Glaubensgeschwister sind damals umgebracht worden, ihm wurde ins Knie geschossen. Jetzt will er ein Vater für die Verfolgten sein. Dabei ist es in Indien auch nicht einfach als Christ. Einige seiner Mitarbeiter wurden für fünf Monate ins Gefängnis gesteckt – wegen ihrer Missions-Einsätze. Das mag man in Indien nicht. Und so bleibt es ein harter Kampf des Glaubens. „Aber einer, der sich lohnt. Wir haben zwar alles verloren“, sagt der junge Afghane Masood. „Aber Jesus ist bei uns. Er wird uns nie verlassen!“ Ich habe ihn vor ein paar Tagen getroffen, zusammen mit einer anderen Flüchtlingsfamilie und Sarah – einer mutigen jungen Frau, die sich ihnen angeschlossen hatte. Das hier ist ihre Geschichte: Auf der Flucht Es ist mitten in der Nacht und es bleibt keine Zeit, um mit Sorgfalt den Koffer zu packen. Sarah kann nicht viel mitnehmen. Aber schlimmer ist, dass sie sich nicht von ihren Eltern und Geschwistern verabschieden kann. Wenn die wüssten, dass sie an Jesus glaubt, wäre das eine riesige Schande und eine Gefahr für die ganze Sippe. Sarah ist gerade mal 19 Jahre alt und schon auf der Flucht. Sie spricht kein Englisch und weiß nicht, was in der Fremde auf sie wartet. Aber sie muss Kabul verlassen, zusammen mit ihren Freunden Masood und Zohra, um sich in Sicherheit zu bringen. Es heißt jetzt oder nie. Denn Gnade kann sie als konvertierte Christin in Afghanistan nicht erwarten. Bring deinen Mann um! Zohra war gerade dabei Wäsche zu waschen, als es an der Tür klopfte. Sie reagierte nicht sofort. Ihr Mann Masood war mit einem Freund gerade in Indien bei einer kleinen christlichen Konferenz und ihre fünf Kinder schliefen schon. Als sie zur Tür ging, fand sie einen Brief auf dem Boden – aber keinen Menschen vor der Tür. Auf dem Papier klebte eine Speicherkarte. Darauf fand sie Videos und Bilder von einer Taufe, die sie kürzlich erlebt hatten. An dem Tag hatte es so viel Grund zur Freude gegeben: Ihre Freundin Sarah und ihre Schwester hatten sich taufen lassen. Zohra unterbricht das Video. Ihr läuft es kalt den Rücken hinunter. Jemand muss diese Karte aus ihrer Kamera genommen haben. Jemand hat sie verraten. Aber wer? Die Kamera lag immer im Haus. Es muss jemand aus der Familie sein, ein Freund … Zohra greift nach dem Papier. „Bring deinen Mann um, oder wir werden das Video verbreiten!“, lauten die ersten Zeilen. „Töte ihn. Wenn du das nicht kannst, schick ihn mit euren Söhnen zur Moschee. Und sag uns, wer die Ausländer sind, die euch manipuliert haben. Außerdem wollen wir 300 Euro.“ Zohra kämpft gegen Tränen und aufsteigende Panik. Sie verriegelt die Tür, schaut aus dem Fenster. Es ist niemand zu sehen. Es gibt kein Zurück … Masood ist nach dem Anruf seiner Frau völlig aufgebracht und berät sich mit seinen Glaubensbrüdern. Sie raten ihm, in Indien zu bleiben – es sei zu gefährlich zurückzufliegen. Laut Scharia gibt es kein größeres Verbrechen, als dem Islam den Rücken zu kehren. Darauf steht die Todesstrafe. Also bleiben Masood und Zaki in Indien, das ist für die ganze Familie sicherer. Doch der Terror geht weiter. Zohra bekommt zehn Morddrohungen. Sie ist völlig verzweifelt: „Es hört nicht auf. Der Imam will 50.000 Afghanis (etwa 600 Euro) von uns haben und er will eine Nacht mit mir verbringen …“ Masood versucht ruhig zu bleiben und rät ihr: „Sag ihm, dass du mehr Zeit brauchst, um das Geld aufzutreiben – und gib ihm ein bisschen Geld, damit er Geduld bewahrt!“ Zohra und ihre Kinder werden weiter drangsaliert. Das Video von der Taufe verbreitet sich im Internet und Fernsehen und damit auch der Hass. Ihren Schönheits-Salon muss sie zumachen. Zohra weiß, dass sie dabei ist, alles zu verlieren, was ihr mal lieb und kostbar war. Sie und ihr Mann hatten beide gute Jobs und Ansehen in Kabul. Als Masood vor ein paar Jahren durch einen Freund Christ wurde, war sie zuerst einfach nur wütend und wollte die Scheidung. Masood betete viel und seine Frau erlebte, wie er durch die Liebe und Güte seines Gottes verändert wurde. Irgendwann kam der Tag, an dem sie Jesus doch kennenlernen wollte. „Es war Liebe in diesem Gott, die wir nie zuvor gekannt hatten. Und was Jesus aus Liebe für uns getan hat, berührte unsere Herzen wie nichts zuvor!“ Masood startete mit einem Freund ein neues Projekt – einen Kindergarten in Kabul. Dort konnte er den Kindern von der Liebe Gottes erzählen, natürlich ganz vorsichtig und meist Geschichten aus dem Alten Testament. Eine der Mitarbeiterinnen, Sarah, freundete sich mit seiner Familie an. Sie hatte Fragen, bekam eine Bibel geschenkt, las darin und wurde Christin. Ihrer Familie hat sie nie davon erzählt. Es wäre eine zu große Schande. In der Nacht, als ihre Freunde fliehen mussten und ihr Vaterland verließen, packte Sarah ihren Koffer und folgte ihnen. Fremdlinge in Indien Neben Masoods Familie und Sarah sind auch Zaki und Ichatira nach Delhi geflüchtet. Sie haben zwei Kinder, eines ist gerade 18 Monate alt. Sie waren schon seit langem mit Masood und seiner Frau befreundet. Als sie von deren „Bekehrung“ erfuhren, wollten sie zunächst keinen Kontakt mehr mit ihnen haben. Sie trafen sich, sprachen lange. Dann folgten zwei Jahre Kontaktpause. Als sie sich wiedersahen, redeten sie erneut viele Stunden und die beiden gaben ihr Leben schließlich auch in Jesu Hände – trotz des Wissens um die damit verbundene Gefahr. Sie leben zu zwölft in einem kleinen Haus mit zwei Räumen. Arbeiten dürfen sie nicht, sie sprechen kein Hindi und sind total auf Gott angewiesen. Ihr Name ist auf der „schwarzen Liste“, ein Zurück nach Afghanistan gibt es nicht.

Nachtext

Quellenangaben