Zeitschrift-Artikel: Das unbeschreibliche Leid afghanischer Christen

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Titel: Das unbeschreibliche Leid afghanischer Christen
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Das unbeschreibliche Leid afghanischer Christen

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Text

Es war im Juni dieses Jahres – mein erster kurzer Besuch in Indien. Ich hatte die Gelegenheit, die völlig versmokte Metropole Neu Delhi ein wenig kennenzulernen, in die es unsere Tochter Tabitha mit ihrem Mann Markus verschlagen hat. Von ihnen hörte ich vom Drama der afghanischen Christen, die nach Neu Delhi geflohen waren und natürlich entstand der Wunsch, diese Geschwister kennenzulernen. Sie versammelten sich gar nicht weit von uns entfernt in einem dunklen Kellerraum. Der Kontakt wurde schnell hergestellt und ich wurde spontan eingeladen, eine kleine Predigt zu halten. Und so kam es zu dem ersten und sehr eindrücklichen Besuch bei diesen Geschwistern, die alle eine äußerst leidvolle Geschichte hinter sich haben. Nach der Predigt, die Tabitha ins Englische übersetzte, saßen wir noch lange zusammen, um bei einer Tasse Tee die einzelnen erschütternden Lebensschicksale zu erfahren. Und die waren so aufwühlend, dass wir mit den verantwortlichen Leitern der Gemeinde ein weiteres Treffen in einem Café vereinbarten, um mehr über die Flucht dieser Christen aus Afghanistan zu hören. Zwei Tage später saßen wir dann erneut zusammen und erfuhren die leidvollen Berichte unserer Geschwister, von denen ich hier die Geschichte von Ahmadullah weitergebe. Erst Koran, dann Kommunismus, endlich Christus Ahmadullah, der „Vater“ dieser kleinen afghanischen Gemeinde in Neu Delhi, ist 62 Jahre alt. Seine Gesichtszüge sind ernst, die dramatischen Erlebnisse haben deutliche Spuren hinterlassen. Er wuchs in Kabul auf, in einer streng muslimischen Familie. Sein Vater war Mullah und der Wunsch für seinen Sohn stand lange fest: Er sollte auch ein großer Koran-Lehrer werden. So hat Abdullah bereits in jungen Jahren oft den Koran gelesen – oder lesen müssen. Als die Kommunisten unter dem Einfluss der Sowjetunion Einfluss auf die Politik in Afghanistan nahmen, begann er sich als Teenager für diese neuen Ansichten zu interessieren. Damals bestand noch das Königtum und der klaffende Unterschied zwischen arm und reich machte die Ideen von den kommunistischen Gleichheits-Idealen sehr attraktiv. So wurde Ahmadullah schließlich ein überzeugter Kommunist. „Teilen“ entwickelte sich für ihn zum Lebensprinzip, das er später in der Bibel entdeckte und das ihn bis heute entscheidend prägt. Als junger Mann entschied er, Jura zu studieren und wurde Kriminal-Kommissar. Eine unerwartete Begegnung mit der Bibel Eines Tages bekam er den Auftrag eine Familie zu inspizieren, die in Verdacht stand, Christen zu sein. So führte er die Hausdurchsuchung aus und untersuchte alle verdächtigen Gegenstände, besonders die vorhandene Literatur. Dabei fiel ihm ein Buch auf mit dem Titel: „Kommt her zu mir alle ihr Mühseligen und Beladenen!“ Ohne zu ahnen, dass dieses Buch Teile der Bibel enthielt, nahm er es mit nach Hause, um es zu lesen, der Spruch darauf hatte ihn neugierig gemacht. In den folgenden Tagen kam sein Schwager zu Besuch, sah das Buch und erklärte ihm, dass es ein Auszug aus der Bibel der Christen sei. Er schenkte ihm eine vollständige Bibel und gab sich seinem Schwager gegenüber erstmals als heimlicher Christ zu erkennen. Erfreut nahm Ahmadullah dieses Geschenk an, begann darin zu lesen und war fasziniert. Besonders von dem Kapitel im Matthäus-Evangelium, worin er nun die Worte, die ihn so angesprochen hatten, im Zusammenhang lesen konnte: „Kommt her zu mir …“ Als ihn kurze Zeit später der Schwager auf die Bibel ansprach und fragte, ob er darin gelesen habe, bekannte sich Ahmadullah freudig dazu. Aber er hatte eine Menge Fragen über Aussagen in der Bibel, die er nicht verstehen konnte. Darauf machte sein Schwager ihn mit einem „Zeltmacher-Missionar“ aus Südafrika bekannt, mit dem er sich dann drei Monate lang fast täglich traf, um die Bibel zu lesen und darüber zu diskutieren. Radikale Umkehr Wie für alle Muslime war die Trinität Gottes für Ahmadullah ein großes Problem. Dazu kamen viele Fragen, die ihm beim Lesen des Alten Testamentes aufkamen: Wie kann Gott seinem Volk Israel den Befehl geben, Feinde zu töten und ihr Land mit Gewalt einzunehmen, wo doch im Neuen Testament befohlen wird, Feinde zu lieben? Es war für den Missionar nicht leicht, auf alle Fragen eine befriedigende Antwort zu finden. Irgendwann gab er ihm den „Jesus-Film“ und bat Abdullah, unbedingt diesen Film anzusehen, damit er das Leben Jesu und die Bedeutung der Kreuzigung verstehen lernt. Nachdem Ahmadullah diesen Film angeschaut hatte, wurden all seine Fragen plötzlich bedeutungslos. Er erkannte, dass Jesus auch für ihn gestorben war, um das Problem der Sünde zu lösen. Es war der Tag, wo er sein Leben im Glauben seinem Erretter Jesus anvertraute. Zwei Tage später ließ er sich taufen und bekannte sich damit als Christ mit allen Konsequenzen, die er bald zu spüren bekommen sollte.   Die Bekehrung zieht Kreise Ein Jahr lang traf sich Ahmadullah regelmäßig mit dem Missionar, der mit ihm eine Jüngerschafts-Beziehung begonnen hatte. Danach begann er eine „Hauskirche“ in seiner Wohnung. Es war die Zeit, als der „Islamische Staat Afghanistan“ gegründet wurde und wenige Jahre später die radikalen Taliban immer mehr Einfluss bekamen. Und so gerieten die wenigen Christen stark unter Druck. Ahmadullah wurde als Kriminalbeamter aus seinem Amt abgesetzt. Drei Jahre lang wollte seine Frau nichts mit dem Christentum zu tun haben. Aber dann kam sein Schwager samt Familie zu Besuch und durch das Zeugnis seiner Ehefrau kam dann auch Abdullahs Frau zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus. So wuchs die kleine Hausgemeinde und im Jahr 2011 gab es in Kabul sieben kleine Gemeinden, die sich dann zusammenschlossen zur „Afghanisch christlichen Gemeinde“. Hier wurden dann auch Konferenzen zur Ermutigung der Christen durchgeführt und es entstand eine kleine Literaturarbeit.  Das Attentat Am 29. November 2014 erlebte genau diese Gemeinde in Kabul das grauenhafte Attentat von schwer bewaffneten Taliban-Terroristen. Sie drangen in den Versammlungsraum ein, feuerten auf die Christen, von denen fünf sofort erschossen wurden. Ahmadullah selbst wurde in den Knien von Kugeln getroffen. Der anwesende südafrikanische Missionar und seine beiden kleinen Kinder wurden erschossen. Die anderen Christen versuchten sich zu verstecken, während die alarmierte Polizei eintraf und sich ein etwa vier Stunden langer Schusswechsel ergab, bis einige der Terroristen erschossen wurden und der Rest von ihnen sich als Selbstmord-Attentäter in den Tod sprengte. Ahmadullah träumt noch heute von diesen grausamen Szenen, als die Kinder des Missionars schrien und dann erbarmungslos niedergestreckt wurden. In der folgenden Zeit wollte die Polizei von ihm Namen und Adressen von allen Christen in Afghanistan bekommen – aber er verweigerte jede Auskunft und war nicht bereit, auch nur einen von ihnen zu verraten. Darauf wurde er unter Hausarrest gestellt, sein Handy wurde überwacht und es wurde ihm verboten, Kabul zu verlassen. Durch die Vermittlung eines Freundes unter den Polizisten bekam Ahmadullah die Chance, sich wegen der Schussverletzungen in Indien operieren zu lassen, seine Frau und Kinder mussten aber in Kabul bleiben.  Neue Möglichkeiten und Aufgaben Zwei Monate hielt sich Ahmadullah nach der Operation in Neu Dehli versteckt, während in Kabul sein Haus untersucht und alles Verdächtige beschlagnahmt wurde. 2016 bekamen seine Frau und Kinder die Genehmigung, nach Indien auszureisen und so war die Familie wieder vereint. Inzwischen hatte er sich einer kleinen Gemeinde von afghanischen Christen angeschlossen, die ebenfalls aus ihrer Heimat nach Neu Delhi geflohen waren. Dazu kam auch die 28-jährige Witwe Samira mit ihren beiden Kindern, deren Mann bei dem gleichen Massacker getötet wurde. Sie wohnt nun zusammen mit zwölf Personen in zwei Zimmern. Diese Christen werden in Neu Delhi von den Behörden geduldet – allerdings bekommen sie keine Arbeitserlaubnis. Umso mehr versuchen diese mittellosen Geschwister zusammenzuhalten, einander zu helfen und auch das Evangelium den ungläubigen Afghanen in Indien durch persönliche Kontakte zu vermitteln. Öffentliche Evangelisation ist in Indien tabu – aber die Gemeinde hat inzwischen eine kleine Anzahl von evangelistischen Schriften und Bibelkursen gedruckt, welche in persönlichen Begegnungen weitergegeben werden können. Ahmadullah hat hier als älterer und erfahrener Bruder mit einigen jungen, begabten Mitarbeitern eine wichtige Leitungs-Aufgabe bekommen, um seinen Geschwistern beizustehen und mit ihnen das zu teilen, was Gott ihnen in die Hände legt. Und wir haben die Möglichkeit für sie zu beten und sie zu ermutigen, in diesen schwierigen Umständen auf Gott und seine Verheißungen zu vertrauen und die vorhandenen, bescheidenen Möglichkeiten zu nutzen, ihren Landsleuten und den anderen Muslimen im Land das Evangelium zu bezeugen.

Nachtext

Einige der Personennamen wurden aus Sicherheitsgründen verändert.

Quellenangaben