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Zeitschrift-Artikel: Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 3)

Zeitschrift: 163 (zur Zeitschrift)
Titel: Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 3)
Typ: Artikel
Autor: William Kaal
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 52

Titel

Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 3)

Vortext

In den ersten beiden Teilen des Artikels über Isaac Watts wurde neben einem Überblick über das Leben des berühmten englischen Dichters das vorgestellt, wofür er bis heute am meisten bekannt ist – seine geistlichen Lieder. Er verfasste über 600 Lieder für die Gemeinde – viele davon sind bis heute in Gebrauch – und hatte damit einen prägenden Einfluss auf die Kirchengeschichte, insbesondere im englischsprachigen Raum. Daneben schrieb er dutzende von Kinderliedern, die geistliche Wahrheiten kindgerecht zum Ausdruck bringen. Obwohl selbst kinderlos, lagen ihm Kinder und ihre geistliche Unterweisung besonders am Herzen. Nicht zuletzt weil er viele Jahre im Haus der Familie Abney lebte, deren Kinder er aufwachsen sah und häufig unterrichtete. Weniger bekannt ist, dass Watts darüber hinaus zahlreiche Bücher und Abhandlungen über theologische und gesellschaftliche Themen schrieb, die insgesamt sechs große Bände füllen. Einige dieser Werke sollen hier abschließend kurz angerissen werden.

Text

Katechismus für Kinder Während sich seine Lyrik durch genial verdichtete Zeilen auszeichnet, sind seine Prosa-Werke oft von ermüdender Länge, sodass ein Biograf spottet, Watts habe wohl den Geruch von Druckerschwärze geliebt. Selbst John Wesley war der Meinung, dass Watts Abhandlung über die Passion problemlos von 177 auf 24 Seiten hätte gekürzt werden können. Eine herausragende Ausnahme bildet sein 1730 erschienener Katechismus für Kinder, der in vielen prägnanten Fragen und Antworten biblische Lehre für Kinder erklärt: F: Kannst du aus dir selbst heraus Gott und Christus dienen und ihn lieben? A: Nein, das kann ich nicht aus mir selbst heraus, aber Gott wird mir durch seinen Geist helfen, wenn ich ihn darum bitte. Viele folgende Generationen wurden mit diesem Katechismus in Glaubensdingen belehrt. Spurgeon, der über ein Jahrhundert nach Watts lebte, rühmte ihn in höchsten Tönen: „Dr. Watts Katechismus, den ich selbst gelernt habe, ist so einfach, so interessant und so anregend, dass eine bessere Kondensation biblischer Lehre wohl nie geschrieben werden wird.“ Watts war überzeugt, dass es wichtig ist, Kindern einen verstandesgemäßen Zugang zu geistlichen Dingen zu ermöglichen. Er schreibt im Vorwort: „Obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass es große und herrliche Geheimnisse in unserem Glauben gibt, die nie hätten erkannt werden können, bis sie offenbart wurden, und einige von ihnen weit unser Verständnis übersteigen, wie die Lehre der heiligen Dreieinigkeit, die Menschwerdung des Sohnes Gottes, seine Genugtuung für unsere Sünden und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen des Menschen, so bin ich doch im Grunde gewiss, dass der Glaube eine sehr verständliche Sache ist, und weil es die vernünftigste Sache der Welt ist, bin ich überzeugt, dass es auf vernünftige Weise in die Herzen und Köpfe der Kinder gebracht werden muss, d.h. durch Verständnis.“ Hier und in vielen seiner anderen Schriften zeigt sich, dass Watts – sicherlich geprägt durch das Klima des Rationalismus – der Vernunft und dem Denken einen hohen Stellenwert einräumt. So ist er auch als Theologe immer bemüht, alle Fragen des christlichen Glaubens vernunftgemäß zu erklären und apologetisch zu arbeiten, betont aber im Gegensatz zur aufklärerischen Philosophie seiner Zeit, dass göttliche Offenbarung notwendig ist, um echte Theologie zu betreiben. Trinitätsfragen In diesem Sinne beschäftigte sich Watts auch intensiv mit Fragen zur Dreieinigkeit, die zu seiner Zeit in England kontrovers diskutiert wurden. John Biddle (1615–1662) hatte die vollständige Gottheit des Heiligen Geistes und Jesu in Frage gestellt und eine über Jahrzehnte anhaltende Diskussion in Gang gesetzt. Führende Theologen zur Zeit Watts wie Daniel Waterland (1683–1740) widersprachen den sogenannten Unitariern und bekräftigten das Nicänische Glaubensbekenntnis von 325 n. Chr., das ausdrücklich die volle Gottheit Jesu betont. Watts, der sich immer auf dem Boden der orthodoxen Dreieinigkeitslehre sah, war getrieben von dem Wunsch, die Aussagen der Bibel über Gott verstandesmäßig zu greifen und wehrte sich gleichzeitig gegen menschliche, scholastische Formulierungen zur Dreieinigkeit, die, wie er meinte, über die Schrift hinausgingen. In seiner Abhandlung „Die christ­liche Lehre der Dreieinigkeit“ von 1722 bemühte er sich, die biblische Lehre der Dreieinigkeit in 22 Artikeln darzulegen, deutete aber auch Grenzen an: „Obwohl diese Heiligen Drei offensichtlich und klar in der Schrift erkannt werden können als ein und derselbe Gott und doch als drei zu unterscheidende Personen, hat die Schrift uns doch nicht in klarer und offensichtlicher Sprache erklärt und präzise beschrieben, wie diese drei Personen ein Gott sind, oder wie diese Gottheit in drei Personen besteht.“ Er schlussfolgerte in Artikel 15: „Daher folgere ich, dass es nie notwendig zum Heil sein kann, die genaue Art und Weise zu kennen, wie ein Gott in drei Personen existiert oder wie diese drei Personen ein Gott sind“. Diese Haltung und einige Formulierungen zur menschlichen Natur Christi brachten ihm den Vorwurf ein, selbst unitarische Tendenzen zu haben. Zeit seines Lebens rang Watts mit dem richtigen Verständnis der Dreieinigkeit und traf dabei manche Aussagen, die uns heute fragwürdig erscheinen. Dennoch ist sicher, dass es sein großer Wunsch war, seinen Gott richtig zu kennen, wie ein Gebet drei Jahre vor seinem Tod zeigt: „Wie soll eine arme, schwache Kreatur in der Lage sein, so widersprüchliche Gedanken zu versöhnen und dieses Geheimnis [der Dreieinigkeit] zu verstehen? … Ich sollte doch den Gott kennen, den ich anbete, sollte er nun ein einziges Wesen sein oder eine dreifaltige Gottheit. Hilf mir, himmlischer Vater, denn ich bin die vielfältigen menschlichen, vagen Erklärungen leid.“ In seinem größten Vermächtnis allerdings, seinen Liedern, bezeugte er mehrfach die Gottheit Jesu und des Heiligen Geistes und prägte damit – mehr als alle Glaubensbekenntnisse – das Denken vieler Gläubigen. So heißt es in seinem bekanntesten Lied „When I survey the wondrous cross“ in der zweiten Strophe: „Forbid it Lord that I should boast save in the death of Christ, my God!“ (Bewahre, Herr, dass ich mich rühmen sollte außer des Todes Christi, meines Gottes.) Dispensationale Strukturen Bemerkenswert ist seine vierzigseitige Abhandlung über die Heilsgeschichte mit dem sperrigen Titel „The harmony of all the religions which God ever prescribed to men and all his dispensations towards him“ (etwa: „Die Harmonie aller Glaubensgrundsätze, die Gott den Menschen jemals verordnet hat, und aller seiner Haushaltungen, die er für sie bestimmt hat). In ihr stellt er ein System von aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten vor, die er wie folgt definiert: „Die öffentlichen Haushaltungen (dispensations) Gottes gegenüber den Menschen sind diejenigen weisen und heiligen Verordnungen seines Willens und seiner Regierung, die er ihnen in aufeinanderfolgenden Perioden oder Zeitaltern der Welt enthüllt und auf irgendeine Weise geoffenbart hat. Dieselben enthalten die Pflichten, die er von den Menschen fordert, und die Seligkeiten, die er ihnen verheißt und die sie von ihm hier oder dort [d.h. in der ewigen Welt] zu erwarten haben; neben einer Anzeige der Sünden, die er ihnen verbietet, und der Strafen, die er ihnen anzutun droht, wenn sie dergleichen begehen würden. Kürzer können die Haushaltungen Gottes also beschrieben werden, dass sie gewisse festgesetzte moralische Vorschriften sind, nach welchen Gott mit den Menschen handeln will, insofern sie als vernünftige Geschöpfe anzusehen sind, die ihm ihres Verhaltens wegen sowohl in dieser als auch in der zukünftigen Welt Rechenschaft zu geben haben.“ Sein Schema der Haushaltungen umfasst sechs solcher Zeitabschnitte: Die Haushaltung der Unschuld oder Gottes Handeln mit Adam am Anfang Die adamitische Haushaltung des Gnadenbundes oder Gottes Handeln mit Adam nach dem Sündenfall Die noachitische Haushaltung oder Gottes Handeln mit Noah Die abrahamitische Haushaltung oder Gottes Handeln mit Abraham Die mosaische Haushaltung oder Gottes Handeln mit Israel Die christliche Haushaltung Auch wenn es sicherlich vermessen wäre, Watts als Dispensationalisten im heutigen Sinn zu bezeichnen, ist es doch erstaunlich, dass er lange vor der Brüderbewegung die Heilsgeschichte in Haushaltungen einteilte und eine Struktur vorstellte, die bis auf das Fehlen des Tausendjährigen Reiches (das er nicht für eine Haushaltung hielt) der bekannten Gliederung der Scofield Bibel gleicht. Denkhilfen Eines seiner bekanntesten und einflussreichsten nicht-lyrischen Werke ist „Improvemet of the mind“ (1741), ein Handbuch zur Schärfung der geistigen Fähigkeiten. Es wurde für viele Generationen von Studenten zum Standardwerk über das Lernen und Aneignen von Wissen und an den renommiertesten Universitäten wie Oxford und Cambridge eingesetzt. Es ist kein geistliches Werk, enthält aber viele praktische Ratschläge, die seiner durch die Bibel bestimmten Sichtweise entspringen und gibt einen Einblick in die Demut und Selbstdisziplin dieses erstaunlich produktiven Mannes. Im ersten Kapitel listet er grundsätzliche Regeln für die Vermehrung des Wissens an, von denen einige sinngemäß lauten: Erfinde und praktiziere geeignete Methoden, dich mit deiner eigenen Unkenntnis vertraut zu machen. Verschaffe dir hin und wieder einen Überblick über die unendlichen Weiten verschiedener Wissensgebiete. Bedenke, wie viele unzählige Fragen und Schwierigkeiten alleine in dem Gebiet bestehen, in welchem du die meisten Fortschritte gemacht hast. Beweise genügend Mut und Demut, eigene Fehler einzugestehen und Falschaussagen zu widerrufen. Hüte dich vor dem Stolz auf dein eigenes Denkvermögen und bilde dir nichts auf deine geistigen Fähig­keiten ein. In den folgenden Kapiteln unterscheidet er fünf Möglichkeiten der Wissensvermehrung, zeigt für jede ihre spezifischen Vorteile auf und gibt Hilfestellungen für ihren richtigen Gebrauch. Auch hier seien jeweils nur einige Ratschläge sinngemäß wiedergegeben. Beobachtung Die lobenswerte Neugier junger Menschen sollte gefördert und belohnt und nicht unterdrückt werden. Schreibe auf, was du besonders bemerkenswert findest. Sei vorsichtig, allgemeingültige Theorien aufgrund einiger weniger Beobachtungen aufzustellen. Lesen von Büchern Überfliege zunächst einige Kapitel um zu beurteilen, ob das Buch eine gründliche Lektüre wert ist. Wenn drei oder vier Personen sich einigen, das gleiche Buch zu lesen, wird es für sie alle von Vorteil sein. Wenn ein Autor seine Gedanken und Standpunkte nicht gut darlegt, markiere dir die Schwächen und nimm dir vor, es besser zu machen. Wenn ein Buch kein gutes Inhalts- oder Stichwortverzeichnis hat – erstelle dir eins. Unterricht Für die meisten Personen ist die Unterstützung von Lehrern beim Lernen absolut notwendig Der Lernende sollte die Veranstaltungen regelmäßig besuchen und auf alle Anweisungen des Lehrers achten. Der Schüler sollte sich nie mit bloßer Anwesenheit zufriedengeben. Unterhaltungen Es ist ein großes Glück mit Leuten bekannt zu sein, die weiser sind als man selbst. Sei nicht erschrocken oder provoziert durch Meinungen, die von deiner abweichen. Glaube dass es möglich ist von Leuten zu lernen, die weit unter dir stehen. Wenn es in deiner Macht steht, die Unterhaltung zu lenken, sieh zu, dass sie auf einen sinnvollen Punkt zusteuert. Verbanne strengstens alles aus einer Unterhaltung, was Hitzigkeit provozieren könnte. Nachdenken Durch eigenes Nachdenken können wir uns ein Urteil über Dinge bilden. Setze deinen gedanklichen Fleiß und deine Sorgfalt für jede Frage im Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit ein. Abschließend gibt er Hilfestellungen zur besseren Konzentration und zum Auswendiglernen (zum Beispiel natürlich durch Reime). Allein diese Auszüge zeigen, dass Watts nicht nur ein herausragender Dichter, sondern auch ein leidenschaftlicher Denker war. Obwohl er problemlos hohe weltliche Positionen hätte erlangen können, wusste er um eine höhere Berufung und wollte seine Begabungen zur Ehre Gottes einsetzen. Und weder seine schwache Physis noch sein ungewolltes Ledigsein hielten ihn davon ab, seinem Gott zu dienen und so für viele Gläubige bis heute zum Segen zu sein.

Nachtext

Quellenangaben

Ryrie, Charles: Dispensationalismus – Gottes Heilszeiten verstehen, CLV Bielefeld, 2016. Aniol, Scott: Was Isaac Watts Unitarian? Athanasian Trinitarianism and the Boundary of Christian Fellowship, Detroit Baptist Seminary Journal, Nr. 22, S. 91–103, 2017. Aniol, Scott: Was Isaac Watts a Proto-Dispensationalist? Detroit Baptist Seminary Journal, Nr. 16, S. 1–22, 2011. Wilkinson, R.W: Peculiar Ground – The Theology of Isaac Watts, Disseration, University of Durham, 1981.