Zeitschrift-Artikel: Immanuel – "Gott ist mit uns"

Zeitschrift: 164 (zur Zeitschrift)
Titel: Immanuel – "Gott ist mit uns"
Typ: Artikel
Autor: C.H. Spurgeon
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Titel

Immanuel – "Gott ist mit uns"

Vortext

Text

Gott naht uns voll Erbarmen Der Evangelist Matthäus erzählt uns am Schluss seines ersten Kapitels, dass der Name des Erlösers auf Gottes Geheiß Jesus sein sollte, und dieser Name Jesus wird auch gleich übersetzt: „Denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.“ In diesem Zusammenhang nennt Matthäus dann noch einen anderen Namen, der die Bedeutung des Namens Jesus unterstreicht, nämlich: „Immanuel … was übersetzt ist: Gott mit uns“. Ja wirklich, er ist Jesus, der Retter, weil er der Immanuel, der „Gott mit uns“ ist. Dadurch, dass er auf die Erde kam, überbrückte er einen Abgrund zwischen Gott und den Menschen, der sonst völlig unüberbrückbar war. Seine göttliche Natur verlieh seinen Leiden, die er als wahrer Mensch erduldete, eine Kraft und Bedeutung, durch die alle Mächte, die gegen uns waren, besiegt wurden, sodass uns nun Heil und ewiges Leben zugänglich sind. O Jesus, dein Name ist der teuerste und schönste aller Namen im Himmel und auf Erden, ich liebe den Wohlklang deines Namens umso mehr, als er dasselbe sagt wie Immanuel, „Gott mit uns“. Unser Retter ist Gott Daher ist er mächtig, wirklich zu erretten. Er ist „Gott mit uns“, und daher kann er Mitleid haben mit unseren Schwachheiten. Er ist Gott und daher unendlich weise. Er ist Mensch und daher voll Erbarmen. Lasst uns deshalb nie einen Augenblick an der Gottheit Jesu zweifeln, denn sie ist eine fundamentale Wahrheit unseres Glaubens. Es kann sein, dass wir es nie völlig verstehen, wie Gott und Mensch in einer Person vereint sein können, denn wer kann die Tiefen Gottes erforschen (vgl. 1Kor 2,9ff.)! Sie gehen weit über unser Fassungsvermögen hinaus. Unser Boot könnte umschlagen und uns in den Wellen begraben, wenn wir uns zu weit von der Küste der klaren Offenbarung der göttlichen Wahrheit auf das weite, unbegrenzte Meer dieser göttlichen Geheimnisse hinauswagen wollten. Lasst es uns als Gegenstand des Glaubens festhalten, dass dieser Jesus, der in der Krippe in Bethlehems Stall in den Armen der Jungfrau lag und der am Fluchholz hing, um den Tod eines Übeltäters zu erleiden, trotzdem der Erbe aller Dinge ist (Hebr 1,2). Obwohl er die Ausstrahlung der Herrlichkeit seines Vaters und der Abdruck seines Wesens ist, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein (Phil 2,6), denn alle diese Herrlichkeit gehörte ihm, sodass er sagen darf: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Jesus von Nazareth war keinesfalls ein Engel. Dieses Thema wird von dem Schreiber des Hebräerbriefes im ersten Kapitel ausführlich behandelt. Es konnte kein Engel sein, denn ihm wurden Ehren zuteil, die niemals einem Engel zuteilgeworden sind, selbst dem herrlichsten nicht. Jesus war auch nicht eine untergeordnete Gottheit oder ein zur Gottheit erhobenes Geschöpf, wie einige törichterweise gesagt haben. Alle diese Vermutungen und Redereien sind abgeschmackt und verwerflich. Christus war so gewiss Gott, wie er es nur sein konnte, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Wenn es nicht so wäre, wäre nicht allein die große Kraft unserer Hoffnung dahin, sondern auch der herrliche Gedanke, dass Gott in Christus Menschengestalt annahm, würde sich in ein Nichts auflösen. Das Wesen der Menschwerdung bestand doch gerade darin, dass Gott selbst sich in das Gewand des menschlichen Fleisches hüllen wollte. Wenn er als ein anderes Wesen gekommen wäre, würde ich nichts Besonderes, nichts Beachtenswertes, nichts Tröstliches für uns darin sehen. Welche Bedeutung hätte es für mich gehabt, wenn sich ein Engel entschlossen hätte, Mensch zu werden? Das brächte mir keine Freude in mein Herz und öffnete mir keine Quelle des Trostes. Eine Quelle auserlesener Freude! Aber „Gott mit uns“ – das ist eine Quelle auserlesener Freude. Gott – der ewige, unendliche Gott – ist mit uns; ja, das ist ein Thema von glückseliger Harmonie und Tiefe. Wenn die Engel eine solche Botschaft bringen, haben sie ein Recht, die Nacht zum hellen Tag zu machen und den Hirten zu verkündigen: „Fürchtet euch nicht! … [Wir] verkündigen euch große Freude … Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf der Erde, an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Diese Botschaft ist die Offenbarungen und Weissagungen der Seher und Propheten wert, und außerdem verdient sie einen neuen Stern und die Sorgfalt, womit der Heilige Geist uns diese Nachricht aufzeichnete. Ja, diese Botschaft ist die Leiden wert, welche die Apostel und Bekenner erduldet haben. Sie achteten ihr Leben nicht, sondern standen zu der Wahrheit: „Gott [war] in Christus … die Welt mit sich selbst versöhnend“ (2Kor 5,19). Diese Botschaft verdient auch heute, mit heiliger Glut hinausgetragen zu werden – bis an der Welt Ende. Ist sie es nicht auch wert, dass wir sie durch ein gottgeweihtes Leben darstellen? Wie recht hat der Apostel, wenn er sagt: „Anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Er, der offenbart worden ist im Fleisch, ist gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit“ (1Tim 3,16). Das Kind von Bethlehem ist „Gott mit uns“. Gott – darin liegt seine Größe; „Gott mit uns“ offenbart seine Gnade. Gott allein, das könnte uns in Furcht versetzen; „Gott mit uns“, das erfüllt uns mit Hoffnung und Vertrauen. Er lässt sich tief herab Von unserem Immanuel sagt die Heilige Schrift: „Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist“ (Joh 1,3). Er war der Schöpfer aller sichtbaren Dinge. Er regierte im Himmel als wesensgleich mit dem Vater. Es bedeutete für die Engel Glückseligkeit, ihm Anbetung darzubringen; jeder Seraph war beglückt, wenn er von ihm einen Befehl erhielt; die himmlischen Heerscharen beteten zu seinen Füßen an. Es fehlte ihm nicht an himmlischen Wesen, die ihn lobten, noch fehlte es ihm an dienstbaren Geistern. Legionen von Engeln warteten auf seine Befehle. Aber nicht allein die himmlische Gewalt lag in seiner Hand, er war auch ein Herr aller irdischen Kräfte. Es gab nichts, was ihn noch hätte herrlicher machen können. Alle Dinge waren sein; außerdem hatte er die Macht, die irdischen Dinge zu vermehren, wenn er sie gebraucht hätte. Er konnte mit Recht sagen: „Wenn mich hungerte, ich würde es dir nicht sagen; denn mein ist der Erdkreis und seine Fülle“ (Ps 50,12). Und dieser Gott, dieses ewige Wesen – er, der von Ewigkeit her bei dem Vater war, an dem der Vater unendliches Wohlgefallen hatte, dieser Gott sieht auf die Menschheit mit Augen der Liebe herab. Er, der in Bethlehems Krippe lag, der das Leben eines Handwerkers führte, der arbeitete und etwas herstellte, er war und ist eins mit Gott dem Vater. Mit Recht kann Jesaja in seiner prophetischen Schau das „Kind“, das uns geboren wurde, und den „Sohn“, der uns gegeben wurde, mit hohen königlichen Titeln belegen: „… und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst“ (Jes 9,5). Lasst uns diese Wahrheit in der tiefsten Seele bewegen, dass es Gott selbst war, der vom Himmel herabstieg, um uns aus dem Verderben zu erretten. Es war kein geringeres Wesen, am allerwenigsten einer von uns Menschen. Er war „wahrer Gott vom wahren Gott“, der uns mit ewiger und unendlicher Liebe umfing. Wie oft habe ich diesen Gedanken in meinem Herzen bewegt, aber ich bin nie imstande gewesen, ihn so zum Ausdruck zu bringen, wie ich es gewünscht hätte. In die tiefste Tiefe der Erniedrigung! Wenn man mir sagen würde, dass alle Menschen sich um mein Wohlergehen kümmerten, so würde das doch nur wie ein Tropfen im Eimer sein gegenüber dem Wohlwollen, mit dem Gott mir begegnet. Diese Liebe trieb ihn, aus dem Himmel herabzukommen, um solche unwürdigen Rebellen, wie wir es waren, zu retten und zu erlösen. Alle Herablassung und alle Menschenfreundlichkeit, welche die Menschen von Anfang der Welt bisher ihren Mitmenschen erwiesen haben, sind nicht mehr als das Staubkorn, das die Waage nicht ins Wanken bringt, im Vergleich mit den ewigen Bergen der wunderbaren Liebe unseres Erretters. Welche erstaunliche Herablassung ist es doch, dass der Gott, der alle Dinge ins Dasein rief, die Gestalt eines seiner Geschöpfe annehmen sollte! In seiner Menschwerdung stieg unser Retter in die tiefsten Tiefen der Demut hinab. Für den unendlich großen und unfassbaren Gott wäre es schon eine staunenswerte Herablassung gewesen, wenn er sich herabgelassen hätte, die Gestalt eines geschaffenen Geistwesens anzunehmen, wenn er etwa ein Seraph oder Cherub geworden wäre. Nun aber ging er unendlich weiter, er wurde nicht Seraph, er wurde Mensch! Tief neigt der Himmel sich zu Armen: Emmanuel wollt sich uns nahn. Gott wurde Mensch, o welch Erbarmen! Du, Sein Volk bete staunend an! Henri Rossier Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Jesus nicht etwa nur ein unsterblicher Geist war, sondern dass er einen richtigen menschlichen Körper angenommen hatte, der hungern, leiden und in den Tod gegeben werden konnte. Jesus bekleidete sich mit der ganzen Stofflichkeit, die einen menschlichen Körper ausmacht, und unser Körper ist doch – so wunderbar er sonst auch geformt ist – aus irdischen Bestandteilen zusammengesetzt, wie sie uns überall umgeben. In unserem ganzen Körper befindet sich nicht ein Bestandteil, der nicht von der Substanz der Erde wäre, auf der wir leben. Wir ernähren uns von dem, was die Erde hervorbringt, und wenn wir sterben, kehren wir zu dem Staub zurück, von dem wir genommen sind. Ist es nicht sehr wunderbar, dass dieser gröbere Teil der Schöpfung, dieser Staub, in Verbindung kommen soll mit dem unbegreiflichen göttlichen Wesen, von dem wir so wenig wissen und von dem wir überhaupt nichts begreifen können? Welch eine Herablassung Gottes! Ich muss diesen Gegenstand dem weiteren Nachdenken eurer stillen Stunden überlassen. Verweilt dabei mit tiefer Ehrfurcht! Ich bin überzeugt, dass kein Mensch auch nur annähernd eine Ahnung von der großen Herablassung Gottes hat! Und er entschloss sich, in unserem Fleisch und Blut als „Gott mit uns“ unter uns zu wohnen. Und dann lasst uns auch nicht vergessen, dass für ihn dazugehörte, die Gestalt derjenigen Geschöpfe anzunehmen, die gegen ihn gesündigt hatten. Ich könnte mir viel leichter vorstellen, dass er die Gestalt solcher Geschöpfe angenommen hätte, die nie gefallen sind. Aber hier sind Menschen, die sich in Auflehnung gegen Gott befanden, und doch lässt sich der Herr nicht abhalten, gerade ein solcher Mensch zu werden, damit er uns von den Folgen unserer Rebellion erlösen und uns in die Reinheit zurückbringen könnte, zu der wir ursprünglich geschaffen worden waren. „O welch eine Tiefe!“, ist alles, was wir sagen können, wenn wir uns in diese Liebe versenken.

Nachtext

Quellenangaben

Aus: C.H. Spurgeon: Die herzliche Barmherzigkeit, CLV, S. 42–51