Zeitschrift-Artikel: China – eine Neuauflage der Kulturrevolution?

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Titel: China – eine Neuauflage der Kulturrevolution?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

China – eine Neuauflage der Kulturrevolution?

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Wenn man einigen christlichen Medien Glauben schenken kann, befinden sich zur Zeit die vielen Christen in China in einer Verfolgungssituation, die noch heftiger agiert, als zur Zeit der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung. So zitiert das „Asia Harvest Team“ einen chinesischen Gemeindeleiter: „Die Dinge hier sind wie in Maos Tagen! Wir hätten nie gedacht, dass wir zu solch einer Zeit zurückkehren würden. Die jüngere Generation von Gläubigen hat niemals schwere Verfolgung erfahren und sie sind erschüttert. Bitte bete, dass sie geduldig ausharren werden, und ihr Glaube geprüft und wie reines Gold erfunden wird.“ „Gemeindeleiter, mit welchen wir arbeiten, sagten uns, dass die Lage noch schlimmer sei als zur Zeit der Kulturrevolution.“ Weiter wird dort berichtet, dass hunderte von Pastoren der „Hausgemeinden“ verschwunden sind und man vermutet, dass viele davon umgebracht wurden. Andere wären in „schwarzen Gefängnissen“ inhaftiert und würden dort erbarmungslos gefoltert, während ihre Familien nichts über sie erfahren. Das Christliche Medienmagazin „PRO“ berichtete am 8. August 2018: „Die Hilfsorganisation für verfolgte Christen, Open Doors, kritisiert die ‚zunehmend harte Vorgehensweise der Regierung und Behörden in China gegen die Kirchen‘. Diese erinnere an die Jahre unter Mao Tse Tung, erklärte das Hilfswerk auf Anfrage. Razzien und Verhaftungen in Gottesdiensten, Schließungen und Abrisse von Kirchen unterstrichen die Entschlossenheit von Staatschef Xi Jinping, seine Forderung nach der Unterordnung der Kirchen unter die kommunistische Führung durchzusetzen.“ Open Doors selbst setzt China in ihrem aktuellen Weltverfolgungsindex 2018 auf Platz 43 bei den „Verfolgerstaaten“ – also weit hinter der Türkei, Kenia und Mexiko und berichtet und zitiert aus einer Petition vom 30. August 2018, die von 279 Unterzeichnern aus 21 Provinzen an die Regierung gerichtet wurde: „Massivste Eingriffe seit der Kulturrevolution. In dem Papier fordern sie die Regierung auf, ihre ‚gewalttätigen Übergriffe‘ einzustellen. Derartiges habe es ‚seit der Kulturrevolution nicht mehr gegeben‘. Beispielhaft werden in der Petition die Zerstörung von Kreuzen auf Gebäuden genannt, weiterhin der erzwungene Beitritt von Gemeinden zu staatlich kontrollierten religiösen Organisationen, das erzwungene Singen von Liedern zur Verherrlichung des Staates, die Verweigerung der Versammlungsfreiheit und einiges mehr. In der Provinz Henan mussten zwei Drittel der Kirchen schließen, über 7.000 Kreuze wurden auf behördliche Anweisung hin zerstört.“ Eine Anzahl ähnlicher Berichte kann man im Internet nachlesen. Wie kann man diese Nachrichten einordnen? Es ist richtig, dass in einigen Provinzen die Kreuze von den staatlich kontrollierten „Drei-Selbst-Kirchen“ entfernt wurden. Das haben wir in der Provinz Zhejiang mit eigenen Augen gesehen. Wobei man allerdings auch bemerken muss, dass die sog. „Untergrundkirchen“ (auch „Hauskirchen“, also die nicht nichtregistrierten, illegalen Gemeinden) mit wenigen Ausnahmen keine eigenen Gebäude besitzen, sondern ihre Versammlungen in gemieteten öffentlichen Räumen, Hotels oder Fabrikhallen abhalten und daher von diesen Aktionen nicht betroffen sind. Sie haben allgemein auch weniger Schwierigkeiten mit dem Staat, solange sie nicht durch öffentliche Aktionen provozieren und Anstoß erregen. Richtig ist auch, das wohl alle Straßen, Gebäude und Plätze videoüberwacht sind und auch immer mehr Kameras mit Gesichtserkennung installiert werden. Wobei argumentiert wird, dass mit diesen Maßnahmen die Kriminalität in China sehr stark nachgelassen habe. Von betroffenen Christen wurde uns bezeugt, dass sie vermehrt Anrufe von der Partei oder von Vorgesetzten bekommen, die bezüglich ihrer Haltung zum Staat und zur Religion Fragen stellen. Im Internet kann man Videos sehen, wo Sicherheitsbeamte große illegale Gemeinden aufsuchen und die Gemeinde auffordern, sich staatlich registrieren zu lassen. Auch Festnahmen und Handgemenge kann man deutlich erkennen. Auf einigen Videos kann man auch sehen und hören, wie bei einer solchen Aktion der Pastor einer großen Gemeinde die versammelten Mitglieder auffordert, diesen Auftritt per Handy aufzunehmen und zu verbreiten. Bei den Wortgefechten vor dem Publikum werden die Beamten ausgelacht und die Argumente des Pastors mit großem Beifall bedacht. Schließlich werden die Beamten Fahnen schwenkend und tanzend „niedergesungen“, während die anwesenden Polizisten peinlich berührt den Kopf senken und die Gemeinde lautstark ihren „Sieg“ ­feiert. Richtig ist auch, dass in Peking mindestens zwei bekannte große „Untergrund-Gemeinden“ von der Polizei geschlossen wurden, weil sie öffentlich gegen die Kontrolle des Staates und für ihre gesetzlich festgeschriebene Religionsfreiheit demonstriert haben. Die andere Seite der Medaille Tatsache ist aber auch, dass wir im August diesen Jahres in der Provinz Zhejiang mehrere Gemeinden besucht haben und vor einem Publikum von jeweils ca. 100 bis 400 Christen das Wort Gottes verkündigen konnten, ohne dass es irgendwelche Probleme gab. Zusätzlich konnten wir an einer Freizeit für Studenten teilnehmen, die alle jung im Glauben waren. Die Freizeit fand in einem sehr schönen und großen staatlichen Freizeitgelände statt. Wir konnten die Bibelarbeiten halten, es wurde gesungen – es gab keine Störungen. Weiterhin existieren viele christliche Buchhandlungen mit einem großen Angebot guter christlicher Literatur. Man kann auch online eine Menge christlicher Bücher bestellen, auch wenn es richtig ist, dass man Bibeln nur auf Umwegen online bestellen kann. Aber Bibeln kann man nach wie vor in den registrierten Gemeinden kaufen, welche die offiziellen Verkaufsstellen für Bibeln sind. Zwei CLV-Bücher in chinesischer Übersetzung („Das Gebetsleben Jesu“ und „Kann denn Liebe Sünde sein?“) wurden mit staatlicher Genehmigung und ISBN-Nummer gedruckt und können überall verkauft und gekauft werden. Zur Zeit wird offiziell für das bekannte und in China beliebte Buch von Wilhelm Busch „Jesus unser Schicksal“ eine Nummer bei der zuständigen Behörde beantragt – ohne „Schmiere“ und ohne „Vitamin B“. Was Gemeindeleiter auch berichten Wir haben viele Gemeindeleiter, die nicht nur aus einer Provinz kamen, nach ihrer aktuellen Einschätzung der Situation gefragt. Alle bestätigen, dass sie natürlich unter Beobachtung stehen, aber keiner von ihnen irgendwie im Dienst eingeschränkt ist. Einige von ihnen, die Ärzte oder Professoren an der Uni sind, deren Christsein allen Kollegen bekannt ist, werden wegen ihrer guten Arbeit und weil sie grundsätzlich Bestechung ablehnen und jeden Patienten gleich gut behandeln, zu Direktoren ihrer Krankenhäuser befördert. Ein langjähriger Freund von uns, der als Professor in der Tumorforschung tätig ist, hat an seiner Uni ein Seminar mit dem Thema „Leben mit Perspektive“ angeboten und genehmigt bekommen. Es haben sich etwa 1.000 Studenten dafür angemeldet, obwohl er nur für etwa 30 Studenten Platz hat. Bei seinen Vorlesungen über ethische Fragen und Lebenshilfe zitiert er oft die Bibel, so dass ihn immer wieder Studenten außerhalb der Vorlesungen persönlich aufsuchen, Fragen nach dem Evangelium stellen, zum Glauben kommen und sich taufen lassen. Wie kann man diese scheinbar widersprüchlichen Berichte erklären? China ist bekanntlich ein enorm großes Land und unsere Erfahrungen, die wir in den vergangenen 14 Jahren dort gemacht haben, sind sicher nicht repräsentativ für das ganze Land. Dennoch wage ich eine Einschätzung – auch wenn sie sich auf die Erfahrungen in den Großstädten im Süd-Osten des Landes stützen und wir kaum Erfahrung mit den ländlichen Provinzen im Norden Chinas gemacht haben: Untergrundkirchen (also illegale, nicht registrierte Gemeinden) bekommen dann Probleme, wenn sie durch öffentliche Aktionen oder Demonstrationen auf sich aufmerksam machen, oder wenn sie sich kritisch zur Regierung äußern und aggressiv ihre Rechte für Religionsfreiheit einfordern. Solche illegalen Gemeinden aber, die in ihrer Verkündigung bewusst auf politische Themen verzichten und deren Mitglieder ansonsten fleißige uns loyale Arbeiter und ehrliche Steuerzahler sind, werden natürlich überwacht, bekommen aber mit wenigen Ausnahmen keine Probleme. In den letzten Jahren besuchten wir regelmäßig eine „Little-Flock“-Gemeinde, die jahrelang in einem Gebäude ihre Versammlungen durchführten, in dem in der Etage unter ihnen die Polizei ihre Station hatte. Wenn ich mich recht entsinne, war unten am Haus sogar ein Hinweisschild befestigt, in welcher Etage welche der beiden Parteien anzutreffen ist. Berichte, dass zahlreiche Pastoren festgenommen, gefoltert werden und plötzlich unauffindbar verschwinden, wurden uns bisher nicht bestätigt. Was aber auch nicht bedeutet, dass solche Maßnahmen nirgendwo vorkommen können. Unser Eindruck ist, dass gewisse unsachliche, übertriebene Meldungen über Christenverfolgungen in China meist nicht von Leuten verbreitet werden, die China besucht haben, sondern aus zweiter oder dritter Hand stammen und daher ein einseitig gefärbtes, verzerrtes Bild liefern. Was wirklich Sorgen bereitet … Die Bildungs- und Familienpolitik unserer Bundesregierung, welche die „Ganztagsbetreung“ unserer Kinder in Schulen zum Ziel hat, „die Lufthoheit über unseren Kinderbetten zu erobern … um eine kulturelle Revolution zu erreichen“ (so der jetzige Finanzminister Olaf Scholz im Jahr 2002), ist in China schon lange durchgesetzt worden. In den vergangenen Jahren haben wir uns bei unseren Besuchen in China immer gewundert, warum so gut wie keine Kinder und Jugendliche in den Gemeinden zu sehen sind. Lange Zeit haben wir geglaubt, dass es an der Tatsache der „Ein-Kind-Familie“ liegt. Inzwischen sind aber auch zwei Kinder erlaubt und wahrscheinlich wird das nicht viel ändern, weil die chinesische Regierung schon längst Ganztagsbetreuung von der Kita an eingeführt hat. Die Schüler kommen meist erst um 18 Uhr nach Hause und müssen dann oft noch bis 21 Uhr Schularbeiten machen. Die Eltern sind fast ausschließlich beide berufstätig – bisher haben wir in den Gemeinden nur ein Ehepaar kennengelernt, wo der Vater zu Hause bleibt, um das Kind zu betreuen. Für die Ehefrauen und Mütter ist es so selbstverständlich, dass sie arbeiten gehen und die Kinder mehr oder weniger vom Staat erzogen werden, dass der Vorschlag, sie mögen doch ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter zu Hause wahrnehmen, ihnen wie eine Schmach und Minderwertigkeits-Bescheinigung vorkommt. Das ist leider auch bei den Christen nicht anders, weil es scheinbar so zur chinesischen Kultur gehört. Bevor die Schüler das Abitur machen, werden viele von ihnen drei Jahre lang in einem Internat untergebracht. Während dieser Zeit haben die Eltern so gut wie keinen Einfluss mehr auf die Bildung und Erziehung ihrer Kinder. Also genau in den Jahren, wo Entscheidungen getroffen und Lebensweichen gestellt werden, stehen die Eltern abseits und müssen zusehen, wie ihre Kinder für völlig andere Lebensinhalte und Lebensziele erzogen und unterwiesen werden, als sie es sich christlich orientiert wünschen würden. Zum Glück gibt es an vielen Universitäten, an denen diese jungen Leute aus christlichen Elternhäusern meist später studieren, eine intensive und gesegnete evangelistische Studentenarbeit. Dort finden manche Studenten zu dem Glauben ihrer Eltern zurück. Aber ein großer Teil von ihnen hat mit dem Studium zunächst einmal alle Brücken zum christlichen Glauben hinter sich gelassen. Eine kleine Nebenbemerkung: Als wir einen uns lange gut bekannten, gläubigen Augenarzt fragten, warum fast alle Kinder, die wir sehen, eine Brille tragen, bekamen wir eine kurze, schmerzhafte Antwort zu hören: „Sie sind alle kurzsichtig, weil sie nicht mehr gewöhnt sind in die Ferne zu schauen. Sie sitzen den ganzen Tag vor ihren Monitoren oder Schulbüchern, haben keine Zeit oder Gelegenheit auf einen Spielplatz zu gehen oder in einem Wald herumzutollen und werden daher alle kurzsichtig.“ Der unglaubliche Leistungsdruck der Gesellschaft und oft auch der Eltern und zusätzlich die starke Beeinflussung durch digitale Medien schon im Kindesalter, wirken sich enorm auf die Charakterbildung und die Lebensziele aus. Was wirklich wichtig ist Die wichtigsten Themen bei unseren Gemeindebesuchen in China sind zur Zeit: Umgang mit der Sexualität, Ehe, Kindererziehung, Notwendigkeit der Kinder- und Jugendarbeit, Umgang mit Zeit und Geld, Lebensziele, Charakterbildung – was die Bibel dazu sagt. Für Chinesen, die in einer Schamkultur aufwuchsen, sind das Themen, über die man eigentlich nicht spricht, die aber brennend interessieren. Die Bibel bietet für alle diese wichtigen Themen eine Menge Beispiele und deutliche Anweisungen. Es ist eine Freude zu erleben, mit welcher Dankbarkeit die Geschwister zuhören und bereit sind, sich von Gottes Wort neu prägen und justieren zu lassen und auch das Vorbild unseres Herrn zum Maßstab zu nehmen. Die Erweckung in China geht weiter. Viele – meist junge Menschen und Studenten – kommen zum Glauben an den Herrn Jesus und zeigen ein großes Interesse an Gottes Wort. Ihr anerzogener Lerneifer und Fleiß hilft ihnen die Bibel zu studieren und Zeit dafür zu investieren. Viele Gemeinden wachsen enorm und von Jahr zu Jahr entstehen neue Gemeinden. Die große Sorge und Frage ist, wie es mit der nächsten Generation aussieht, wenn vor allem die Ehepaare nicht bereit sind oder nicht angeleitet werden, ihre von Gott bestimmten Aufgaben mehr zu achten, als dem Karieredruck nachzugeben. Beten wir für China und beten wir für Deutschland, dass uns in unserem Land eine ähnliche Entwicklung – was Erziehungs- und Familienpolitik betrifft – erspart bleibt, oder aber wir uns nicht zu spät auf solche Zeiten vorbereiten.

Nachtext

Quellenangaben