Zeitschrift-Artikel: Sauerteig und postfaktisches Denken

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Titel: Sauerteig und postfaktisches Denken
Typ: Artikel
Autor: Thomas Lange
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Titel

Sauerteig und postfaktisches Denken

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Eine Feststellung Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Frage, ob es in bibeltreuen, evangelikalen Gemeinden lehrmäßigen Sauerteig gibt, relativ einfach zu beantworten. Die jeweiligen Leiter behielten den Überblick und vielen falschen Lehren wurde „die Tür vor der Nase“ zugeschlagen. Verschiedene Publikationen warnten vor aufkeimenden „neuen Wegen“, die zumeist aus den USA, mit etwas Verspätung nach Europa schwappten. In noch früheren Zeiten wurden sogar Stellungnahmen verfasst. Zu erinnern wäre an zwei der bekanntesten: die Berliner Erklärung von 1909, die sich kritisch mit dem „Pfingstgeist“ auseinandersetzt (wobei an dieser Stelle nicht pauschal allen Pfingstgemeinden die Bibeltreue abgesprochen werden soll) und die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel, die sich gegen die Bibelkritik richtet. Beide Papiere wurden seit ihrer Verfassung in bibeltreuen Kreisen weitestgehend als Richtschnur akzeptiert. Natürlich gab es schon immer Tendenzen, welche sich eher von der Schrift weg bewegten, als auf sie zu. Aber das Spektrum dieser „neuen Wege“ war überschaubar und es wurde ihnen entsprechend begegnet. Man wusste sich allein der Heiligen Schrift verpflichtet. Die Bibel galt als unantastbar, irrtumslos und allgenügsam. Den Einheitsbestrebungen der Ökumene stand man nüchtern gegenüber und hielt standhaft die Lehre der Heiligen Schrift gegen jeglichen Versuch der Vereinnahmung und Liberalisierung. Die Frage nach der Irrtumslosigkeit der Schrift stellte sich nicht. Heute sehen wir uns einem weiten Feld von Falsch- und Irrlehren gegenüber und nicht selten scheint man den Überblick zu verlieren. Das Desaster Hinsichtlich der Flut von verwirrenden Ansichten gleicht es einer Katastrophe, dass eine zunehmende Müdigkeit unter Evangelikalen eingesetzt hat, sich mit den verschiedenen Strömungen kritisch auseinanderzusetzen und diese zu prüfen. Man will es um jeden Preis verhindern, in eine bestimmte Ecke gestellt oder gar richtend wahrgenommen zu werden. Manche Verantwortliche geben zu verstehen, dass sie sich diesem Kampf nicht mehr aussetzen wollen und deshalb einfach schweigen. Die grundlegenden Erklärungen aus Berlin und Chicago spielen vielerorts immer weniger eine Rolle. Woran liegt es? An geistlicher Müdigkeit oder Desinteresse? Ist die Gabe der Unterscheidung abhanden gekommen? Oder ist man gegen diverse Strömungen einfach machtlos? Ist Resignation der Grund? Die Verteidigung des Glaubens (nach Judas 3) scheint zum Stiefkind mutiert zu sein. Die unweigerliche Folge ist, dass in immer mehr Gemeinden und Werken, die als bibeltreu galten, still und heimlich der Zeitgeist einzieht und der Sauerteig um sich greift. Die Rolle der modernen Medien und die zugeklappte Bibel Die modernen Medien haben dabei offensichtlich einen nicht unerheblichen Anteil. Per Smartphone oder Tablet haben wir mittlerweile zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff auf alles Mögliche – und das ungefiltert. Von Ökumenebestrebungen über Charismatik bis hin zur Allversöhnung, christlichem New-Age und Mystik ist alles präsent. YouTube, Facebook und Co. bieten uns ständig neue und interessante Beiträge, die gerade viele junge Leute ungeprüft konsumieren. Selbsternannte Lehrer posaunen selbstbewusst ihre Ansichten herum und bringen Verunsicherung. Inhalte, die mit der Bibel nicht in Einklang zu bringen sind, begehren Einlass in unser Denken. Das christliche Fernsehen trägt seinen Teil dazu bei, dass der Zuschauer immer orientierungsloser wird. Die Vermischung scheint keine Grenzen mehr zu kennen. Der katholische Gottesdienst wird ebenso übertragen, wie rhetorisch hochgepuschte Vorträge von Joyce Meyer und darauffolgend gute und bibeltreue Predigten. Für jeden ist in diesem Sammelsurium etwas dabei. Dies suggeriert, dass doch im Grunde alles gleichwertig sei. Unterschiede beständen lediglich in Nuancen, Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten. Und weil man immer weniger prüft, wird alles bedenkenlos aufgesogen während die Bibel oft zugeklappt im Regal verstaubt. Wir bekommen ja alles tafelfertig serviert. Warum sich dann noch selbst die Mühe machen und die Heilige Schrift studieren? Der Missstand, dass man nicht mehr in der Bibel „zuhause“ ist, trägt „faule Früchte“. Die evangelische Nachrichtenagentur idea, schreibt in Ausgabe 41.2018: „Lobpreismusik ist für junge Christen die wichtigste Glaubensquelle. Erst danach werden Gebet, Predigt und Bibellesen genannt …(!)“ Befragt wurden 3.187 Jugendliche zwischen 14 und 29 Jahren, eben genau das Altersspektrum, welches beispielsweise zur Zielgruppe der ICF-Bewegung gehört, in welcher es augenscheinlich vorrangig um das Erlebnis-Event und die damit verbundene „Ich-fühle-mich-gut“-Mentalität geht. Das sind sehr bedenkliche Entwicklungen. Die geistliche Schieflage ist enorm und scheint sich weiter zu verschärfen. Mit der Zeit entfernt man sich schließlich immer weiter von den Grundlagen der Heiligen Schrift, sodass man in ein postmodernes Denkmuster gerät, welches uns prägt, ohne dass wir es merken. Der geistliche Standard wird Schritt für Schritt herabgesetzt. Man meint jedoch weiterhin, auf dem rechten Weg zu sein. Man gehe ja schließlich mit der Zeit und da erfordert es eben diese oder jene Anpassung. Außerdem dürfe man nicht mehr alles so eng sehen! Wir wollen ja schließlich Menschen erreichen und das geht anscheinend nur, wenn man Abstriche macht, bzw. sich dem Zeitgeist anpasst. Das Desaster ist schließlich eine geistliche Profillosigkeit, die alles toleriert und die verschiedensten Ansichten gleichwertig nebeneinander stehen lässt. Der nächste Schritt nach der Toleranz wäre dann die Akzeptanz, das bewusste Mittragen der Dinge. Nach dem Tolerieren, dem Akzeptieren folgt dann das Protegieren. Will heißen: Ich fördere dann aktiv die Dinge. Postfaktische Züge? Hinzu kommt, dass unsere Zeitepoche großen Wert auf Gefühle legt. Sie stehen praktisch an oberster Stelle und geben den Ton an. Schaut man sich in der Gesellschaft um, begegnet man stets dem gleichen Muster. Man macht am liebsten, wonach man sich gerade fühlt. Alles andere ist nur lästige Pflicht. Richtig ist das, was sich richtig anfühlt. Absolute Wahrheit gibt es nur im persönlichen Bereich. Und so ist immer mehr zu beobachten, dass man innerhalb vieler Gemeinden tendenziell das tut, wonach einem gerade die Laune, bzw. das Gefühl ist. Wenn man sich am Sonntagmorgen nicht nach Gemeinde fühlt, geht man eben nicht. Wenn einem als Mitarbeiter etwas nicht mehr gefällt, hört man einfach auf mitzuarbeiten. Wird man auf bestehende Missstände angesprochen, reagiert man nicht selten mit Entrüstung, weil die eigenen Gefühle verletzt wurden. Schließlich verlässt man die Gemeinde, weil man nicht mehr das bekommt, was man gerne möchte. Der Begriff, den es dafür gibt, nennt man postfaktisch: Mein Gefühl und Wohlfühlen hat oberste Priorität, unabhängig von Wahrheiten und Fakten. Postfaktisch beschreibt quasi die Folgestufe nach der Postmoderne. Es geht im Grunde nur noch um gefühlte Wahrheit. Jeder darf seine eigene haben. Verdrehte Lehren und postfaktisches Denken, bzw. Verhalten bilden einen geistlichen Cocktail, der den gesunden Glauben aktiv und massiv schädigt. Dadurch wird gesundes Glaubenswachstum beinahe unmöglich gemacht. Das Gegenstück hierzu wäre biblische Lehre und Gehorsam. Zurück zu den Wurzeln! Aus den oben dargelegten Gedanken ergibt sich unweigerlich folgende Schlussfolgerung, wenn wir im Glaubensleben gesund bleiben (werden) wollen und unsere Gemeinden geistlich gesund fortbestehen sollen. Wir benötigen dringend: Eine Rückbesinnung auf die absolute Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift (Ps 119,160). Die Überzeugung, dass die Heilige Schrift allgenügsam ist. Das heißt, dass sie für jeden Lebensbereich völlig ausreicht, um uns geistlich zu helfen (2Tim 3,16–17). Das Festhalten an der wörtlichen Bedeutung der Bibeltexte unter Beachtung des Kontextes und der jeweiligen heilsgeschichtlichen Zusammenhänge (Hermeneutik). Eine Rückbesinnung auf die Erkenntnis, dass die Heilige Schrift uns beurteilt und nicht wir die Heilige Schrift (Hebr 4,12–13). Eine neue (alte) Sicht auf die Notwendigkeit des permanenten und fortlaufenden Bibellesens und Bibelstudiums (Jes 34,16a; 1Tim 4,13). Ein gesundes Gottesbild: Das Bewusstsein, dass Gott nicht nur Liebe, sondern ebenso heilig und gerecht ist. Das Eingeständnis, dass uns an vielen Stellen die Gottesfurcht verloren gegangen ist (Ps 86,11; Spr 1,7; 8,13). Die Bereitschaft, unser eigenes Herz zu prüfen (Ps 139,24–25). Die ständige Bereitschaft zur Buße, auch wenn wir korrigiert werden (1Joh 1,9; Spr 28,13). Brüder und Schwestern, die Zusammenhänge und Lehrgrundlagen der Schrift kennen und diese verbreiten, sowie apologetisch agieren und den Inhalt des Glaubens verteidigen (Jud 3). Arbeitsbereiche in den Gemeinden, die von gottesfürchtigen und bibelfesten Mitarbeitern geleitet werden (Apg 6,3). Älteste oder Verantwortliche in den Gemeinden, die um ihren Auftrag wissen, die Herde zu weiden und diese Aufgabe mit ganzem Herzen wahrnehmen (Apg 20,28–31). Systematische Lehrunterweisung in den Gemeinden (Ps 119,17–18). Geschwister, die sich die Mühe machen, sich mit den verschiedenen Strömungen zu befassen und aufklärend wirken, sowie in den Gemeinden darüber informieren und ggf. vor negativen Tendenzen warnen (Wächterdienst) (Hes 3,17). Ein Bewusstsein der Tatsache, dass unsere Gefühle dem Gehorsam Gott gegenüber unterstellt sind. Den Wert auf die Veränderung des Herzens zu legen, statt den Fokus auf das Verhalten zu richten (Spr 4,23–27; Mt 15,18–20). Selektive Literatur- und Bücherarbeit, die biblisch gehaltvolle Publikationen empfiehlt. Vorbilder, die ein Beispiel für Hingabe sind (1Tim 4,12; Tit 2,7). Beginnen wir damit. Es geht um nichts Geringeres als um die Reinhaltung der christlichen Lehre und dem daraus resultierenden, geheiligten Leben zur Ehre des lebendigen Gottes.

Nachtext

Quellenangaben