Zeitschrift-Artikel: Hiskia - der Mann, der Gott vertraute

Zeitschrift: 130 (zur Zeitschrift)
Titel: Hiskia - der Mann, der Gott vertraute
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1288

Titel

Hiskia - der Mann, der Gott vertraute

Vortext

Bibeltext: 2.Chr. 29, 12-36

Text

Gute Vorsätze reichen nicht …

Das Vorbild und der eindrückliche Appell Hiskias an die Leviten zeigte deutliche Wirkung: Die Leviten machten sich auf und „heiligten sich“ (Verse 12-15).

Es blieb nicht bei guten Vorsätzen, wie sie oft nach einer vollmächtigen Verkündigung des Wortes Gottes gefasst werden – oder beim Lesen einer bewegenden Biographie, die uns Tränen in die Augen treibt. „Was man eigentlich tun sollte – sollte man eigentlich tun!“, lautet ein bekanntes Sprichwort und das wurde hier praktiziert.

Angespornt durch das Vorbild Hiskias, der als Führer des Volkes nicht nur Worte machte, sondern zur Tat geschritten war und bereits die Türen des Tempels geöffnet und ausgebessert hatte, gewannen die Leviten Mut und Kraft. Und sie beachteten eine wichtige Reihenfolge: Zunächst heiligten sie sich selbst, um anschließend
„nach dem Gebot des Königs, den Worten des Herrn gemäß“ (Vers 13) den Tempel zu reinigen.

Immer dann, wenn Führer im Volk Gottes durch vorbildliches Verhalten „den Worten des Herrn gemäß“ ihren Appellen Glaubwürdigkeit verleihen, kommt etwas in Bewegung, geschieht Veränderung. Wenn „Führer führen in Israel“, wird das Volk immer „freiwillig folgen“ (Ri 5,2). Das zeigen die Geschichtsbücher der Bibel, das bestätigt die Kirchengeschichte und das beweist auch die Gegenwart. Sowohl Erweckung wie Abfall sind meist die Folge eines positiven oder negativen Vorbildes!

Interessant auch, dass die Leviten, die nun aktiv werden, namentlich aufgezählt sind (Verse 12-14). Das macht deutlich, dass der Herr diejenigen wertschätzt, die ihn in Zeiten des allgemeinen Verfalls durch Heiligung und Gehorsam ehren. Obwohl die Namen dieser Männer in Israel wohl kaum bekannt waren und sehr wahrscheinlich in der nächsten Generation bald vergessen wurden, hat Gott ihnen in der Bibel ein Denkmal gesetzt. „Die mich ehren, werde ich ehren!“, rief ein Mann Gottes dem nachlässigen Hohenpriester Eli zu (1Sam 2,30). Was ist uns die Zustimmung Gottes wert? Gilt sie mehr, als alle Lobhudeleien der Christen und alle Verdienstkreuze
dieser Welt? Jim Elliot schrieb einmal in sein Tagebuch:

„Es war eine lange Lehrzeit, bis ich gelernt hatte: nur vor Gott zu leben, sich das Gewissen nur von Ihm formen zu lassen und nichts zu fürchten als das Abweichen von Seinem Willen.“(1)

Reinigung in konzentrischen Kreisen …

Sicher ist es nicht ohne Bedeutung, wie nach der persönlichen Heiligung der Leviten nun die Reinigung des Tempels vollzogen wurde. Zuerst gingen die Priester „in das Innere des Hauses des Herrn“ (Vers 16), brachten allen Schmutz und Unrat in den Vorhof des Tempels, den dann die Leviten entsorgten, indem sie ihn an den Bach Kison brachten.

Priester wie Leviten waren vertraut mit den jeweiligen Aufgaben und kannten auch die Grenzen ihres Auftrags, wobei die Priester mit der Reinigung im Innersten des Tempels begannen. Darin liegt eine wichtige Lektion sowohl für unser persönliches Leben, wie auch für das Gemeindeleben.

Es genügt nicht, wenn „Äußerlichkeiten“ verändert oder korrigiert werden, solange im Herzen, oder eben im „Allerheiligsten“ keine Veränderung und Reinigung stattgefunden hat. Das war ja genau die Sünde der Pharisäer, die großen Wert auf äußere Reinheit legten, aber „innen voll Raub und Unenthaltsamkeit“ waren (Mt 23,25). Der Bußruf des Herrn an die Scheinheiligen der damaligen Zeit gilt auch uns, die wir viel von Heiligung und Absonderung reden und schreiben, aber oft verborgene Bosheiten und Gebundenheiten in unseren Herzen dulden und pflegen: „Reinigt zuerst das Innere des Bechers und der Schüssel, damit auch das Äußere rein werde!“ (Mt 23,26)

Es ist trauriger Weise oft zu beobachten, dass Christen, die größten Wert auf Äußerlichkeiten legen und daran den Grad der Frömmigkeit oder Gottesfurcht messen, oft „übertünchten Gräbern“ gleichen, oder – wie man es heute sagen würde – eine „Leiche im Keller“ verborgen halten.

Was unseren gemeindlichen Gottesdienst betrifft, sollte unser „Heiligtum“ rein sein von allem philosophischen und theologischen Unrat und in allem den Aussagen des Wortes Gottes entsprechen. Wenn unser Gottesbild und unser Menschenbild allein von der Bibel geprägt ist, sind wir „automatisch“ immun gegen die meisten
Irrlehren der Kirchengeschichte. Was unseren Herrn Jesus selbst betrifft, so sollte unser Bekenntnis eindeutig sein:

Jesus Christus – vollkommen Gott und vollkommen Mensch zugleich, ohne Fähigkeit zu sündigen und dennoch am Kreuz für uns „zur Sünde gemacht“ (2Kor 5,21) um dort unser Stellvertreter zu sein. Der für unsere Sünden starb und „unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,24) und jetzt „zur Rechten
Gottes ist und sich auch für uns verwendet“ (Röm 8,34).

Das sind nur einige der vielen wichtigen Glaubensinhalte, die uns typologisch im Allerheiligsten, im Heiligtum und im Vorhof des Tempels vorgestellt werden und die wir vor jedem Zugriff zu verteidigen haben.

Wie sehr in unserer Zeit das „Haus Gottes“ verunreinigt ist, bekommt man fast wöchentlich in kirchlichen oder auch evangelikalen Wochenblättern und Zeitschriften dokumentiert. Allein die Diskussion der letzten Monate und Jahre um das „Sühneopfer Christi“ zeigt, wie viel Dreck und Unrat an fundamentaler Irrlehre über die
Person unseres Herrn Jesus in der Christenheit Platz gefunden hat oder stillschweigend geduldet wird.

Das Sündopfer „für ganz Israel“

16 Tage lang hatten die Priester und Leviten den Tempel gereinigt und geheiligt sowie alle Gegenstände des Hauses Gottes an ihren von Gott bestimmten Platz gestellt. Eine ziemlich lange Zeit, die deutlich macht, welche Menge an Schmutz und Überresten vom Götzendienst vergangener Generationen zu entsorgen war.
Aber schließlich kam der Tag, an dem die Reinigungsarbeiten abgeschlossen waren und der König Hiskia mit seinen Obersten den Tempel mit den entsprechenden Opfertieren betrat und die Priester mit dem Blut der Tiere den Altar entsündigten um in Gegenwart des Königs und der Volksmenge Sühnung „für ganz Israel“ zu tun (Verse 20-24).

„Für ganz Israel“ wird in Vers 24 zwei Mal betont, weil Hiskia ausdrücklich nicht nur an sein Königreich Juda dachte, sondern auch an das untreue Nordreich Israel. Hiskia scheint der erste König nach der Reichsteilung gewesen zu sein, dessen Herz „für ganz Israel“ schlug. Sein Vorbild ermutigt, trotz aller Trennungen und Fehlentwicklungen für das ganze Volk Gottes in unserer Zeit Sorge und Verantwortung zu tragen. Auch wenn wir keine „stellvertretende Buße“ im buchstäblichen Sinn tun können, so können und sollen wir doch für alle Kinder Gottes im Gebet eintreten. Die Tatsache des „einen Leibes“ (1Kor 12,12-31) darf nicht Theorie bleiben, sondern muss gelebt werden. Das bedeutet, dass uns der Zustand unserer Mitgeschwister – egal in welchem „Lager“ sie sich befinden – nicht egal sein darf. Ihr geistlicher Zustand wirkt sich auch auf unser geistliches Leben aus und umgekehrt. Dieses Wissen wird uns demütig und verantwortungsbewusst machen. Besonders dann, wenn wir mit vermeintlichen Fehlentwicklungen und Sünden von Geschwistern konfrontiert werden, die sich auf einem Weg befinden, den wir nicht mitgehen können. Die Verpflichtung „für die Brüder das Leben zu lassen“ (1Joh 3,16) beschränkt sich nicht auf einen speziellen Gemeinschaftskreis, sondern umschließt alle Kinder Gottes.

Darin ist uns auch Abraham in seinem Verhalten Lot gegenüber ein leuchtendes Vorbild. Er rang im Gebet um seinen Neffen (1Mo 18, 14-33; 19,29) und riskierte sein Leben für ihn, als dieser durch eigene Schuld in Gefangenschaft geraten war (1Mo 14, 14-16).

Robert C. Chapman war in England bekannt für seine selbstlose Liebe und Hilfsbereitschaft allen Christen gegenüber. Als er im Alter von 98 Jahren starb, schrieb man über ihn:

„Zu seinem Begräbnis in Barnstable kamen viele Menschen. Sie kamen aus dem ganzen Land. Baptisten, Methodisten, Kongregationalisten und Anglikaner kamen am Grab mit ‚Brüdern‘ zusammen – am Grab des Mannes, der sie durch sein Wort und sein Beispiel gelehrt hatte, dass alle wiedergeborenen Menschen Brüder und Schwestern in Christus sind. Und obwohl er nie auch nur einen Zentimeter von seinen Überzeugungen bezüglich der Anbetung und Leitung der Gemeinde abgewichen war, wussten doch alle, dass er sie von Herzen lieb gehabt und es immer von Herzen bedauert hatte, dass es nicht mehr Einigkeit in diesen Fragen unter Gottes Kindern gab. Sie wussten, dass sie einen wahren ‚Bruder‘ verloren hatten.“(2)

Wie es zur Anbetung kommt …

Doch zurück zu Hiskia und einer bewegenden Szene: Nachdem die Sühnung durch das Blut der geopferten Tiere geschehen war, stellten sich nach dem Befehl Hiskias die Leviten mit ihren Musikinstrumenten auf. Und zwar nach der Vorschrift Gottes durch den König David und durch Nathan, den Propheten (Vers 25).

Sie standen bereit, mit Zimbeln, Harfen und Lauten, dazu die Priester mit ihren Trompeten. Aber keiner wagte, sein Instrument nach Gutdünken einzusetzen. Erst als das Brandopfer auf dem Altar geopfert wurde, begann der „Gesang des Herrn“: die Trompeten schmetterten und die übrigen Instrumente begleiteten den Jubel. Auch hier ist wieder die Rede von der Musik mit den „Instrumenten Davids“ (Vers 27) und von dem Gesang „mit den Worten Davids und Asaphs, des Sehers“ (Vers 30).

Das Brandopfer spricht typologisch von der Hingabe unseres Herrn, als er sich selbst Gott opferte, um den Vater zu erfreuen und zu verherrlichen: Wir sind nicht nur begnadigt und mit Gott versöhnt, sondern sogar „angenehm“ gemacht! Wer das verstanden hat, der kann tatsächlich nur in Jubel ausbrechen und Gott für
diese große Gnade und Liebe danken.

Damals knieten der König Hiskia und alle, die bei ihm waren, nieder und beteten Gott an, ebenso wie die Leviten, die „mit Freude“ Gott lobsangen, sich vor ihm verneigten und anbeteten
(Vers 30).

Mit dieser Anbetung war aber auch „Weihe“, „Schlachtopfer und Dankopfer“ (Vers 31) aus „willigen Herzen“ verbunden. Und das wird immer die Folge sein, wenn Gott uns die Augen und Herzen für den Wert und die Auswirkungen des Opfers seines Sohnes öffnet. Die Hingabe und Weihe Christi wird auch in uns den Wunsch wecken und vertiefen, unser Leben aus Dankbarkeit und Liebe als „Brandopfer“ zur Ehre und Freude Gottes hinzugeben. „Anbetung“ und „Lobpreis“ werden im Leben jedes Gläubigen und jeder Gemeinde zu einem bloßen Ritual, wenn sie nicht aus aufrichtigen, liebenden Herzen entspringen. Lautstärke, Emotionen, Tränen
und salbungsvolle Worte allein sind kein Barometer für echte Anbetung – diese ist immer mit Herzenshingabe an den Herrn verbunden.

Wo bleiben die Priester?

Am Schluss dieses Kapitels wird noch eine bemerkenswerte Feststellung gemacht, die auch für uns von aktueller Bedeutung ist: Es standen nicht genügend Priester zur Verfügung, um die vielen Opfertiere zu opfern, welche in großer Menge und mit einem „willigen Herzen“ vom Volk gebracht wurden. Der Grund: Im Gegensatz zu den Leviten hatten sich viele Priester nicht geheiligt und konnten deshalb ihren Dienst nicht ausüben. Immerhin waren sie aufrichtig und ehrlich genug, um nicht zu heucheln und in einem unreinen Zustand Gott zu nahen. Im
Gegensatz dazu waren die Leviten „redlichen Herzens, sich zu heiligen, mehr als die Priester“ (Vers 34). Und deshalb standen die Leviten ihren Brüdern bei, um die Lücken zu füllen, bis auch der letzte Priester sich geheiligt hatte.

Erstaunlich, dass ausgerechnet diejenigen, deren Auftrag es war, Gott zu nahen und ihm Opfer zu bringen, es mit der Heiligung nicht allzu ernst nahmen. Nun könnte man zu ihrer Entschuldigung einwenden, dass sie jahrelang keine Übung mehr in ihrem Dienst hatten, weil der Tempel über Generationen für den Gottesdienst
geschlossen war. Aber dieser Umstand betraf ja auch die Leviten.

Auch hier wird deutlich, dass es auf das Herz ankommt. Nun sind wir als neutestamentliche Gläubige sowohl „Priester“ (Anbeter), wie auch „Leviten“ (Diener) und keiner von uns sollte eine der beiden Aufgaben vernachlässigen. Aber ist es nicht so, dass heute diejenigen, denen eine besondere Einsicht in das Opfer und Werk unseres Herrn geschenkt wurde und die eigentlich jubelnde Anbeter Gottes sein sollten, es auch mit der Heiligung nicht so ernst nehmen? Und das solche, deren Herz und Dienst mehr Menschen zugewandt ist und die sich in Evangelisation, Mission und praktischer Nächstenliebe investieren, die Notwendigkeit der praktischen Heiligung und Hingabe mehr betonen und praktizieren? Ein Blick in die gegenwärtige Situation hier in Deutschland scheint diese Beobachtung zu bestätigen.

Dennoch: Große Freude!

„Und Hiskia und das ganze Volk freuten sich über das, was Gott dem Volk bereitet hatte; denn die Sache war plötzlich geschehen“ (Vers 36), mit diesem Eindruck endet das ergreifende Kapitel.

Alle Ehre gebührt Gott – Soli Deo Gloria! Nicht Hiskia war Mittelpunkt der Freude und Dankbarkeit, sondern der Herr, der alles bewirkt hatte.

Wer hätte im Traum daran gedacht, dass Gott in so kurzer Zeit „plötzlich“ eine solche geistliche Erweckung im Volk Gottes schenken würde? Das erinnert wieder an den „Platzregen Gottes“, von dem Luther geredet hat und der immer ein Gnadengeschenk Gottes ist. Sicher: Hiskia war dazu ein williges Werkzeug, das Gott benutzen konnte. Aber Urheber war allein Gott, dem einzig und allein alle Ehre gebührt!

Der „Gesang des Herrn“

Damals „begann der Gesang des Herrn“ (Vers 27). Jahrelang hatte man ihn nicht mehr gehört. Eine Generation junger Israeliten kannte ihn – wenn überhaupt – nur aus „zweiter Hand“. Ihre Ohren waren die Musik der Götzenfeste gewohnt. Paul Humburg hat in einer seiner wertvollen Betrachtungen über diesen Text geschrieben:

„Als damals der Gesang des Herrn über die Stadt Jerusalem hinwegbrauste, stand drüben am Ölberg ein Mann mit seinem Sohn – 16 oder 17jährig war er vielleicht – und arbeitete auf seinem Acker.

Da stützt der Sohn sich auf seine Hacke: ‚Vater, was ist das? O Vater, hör!‘ Der Vater schaut hinüber zum Heiligtum Gottes und sagt halb gedrückt und halb erfreut: ‚Das ist der Gesang des Herrn, so haben wir früher
im Tempel immer gesungen‘ …“ Eine ganze Generation, eine ganze Jugend von 16 oder 17 Jahren war aufgewachsen und hatte noch nie den Gesang des Herrn gehört …

Ihr älteren Brüder, ihr liefet gut, aber wer hat euch aufgehalten, dass ihr der Wahrheit nicht gehorchtet? Wer hat euch bezaubert? Ja, wer? Gebt Antwort! …

Solches Verhalten ist Schuld vor Gott. Solches kraftlose, freudlose Christentum steht den anderen – und zumal den Jüngeren – im Wege. Unsere Lauheit hält Gottes Werk auf!“(3)

Kann es sein, dass auch in unserer Zeit eine Generation junger Christen aufwächst, die nie eine echte, geistgewirkte und geheiligte Anbetung in den Gemeinden erlebt hat?

Nachtext

Quellenangaben

1 Elisabeth Elliot: „Im Schatten des 1 Allmächtigen – Das Tagebuch Jim Elliots“, CLV, S. 231J.
2 R.L. Peterson: „Robert C.Chapman – Der Mann, der Christus lebte“, CLV, S. 207/208
3 Paul Humburg: „Der Gesang des Herrn“, Aussaat, S. 16-17 (vergriffen).