Zeitschrift-Artikel: John Paton - Missionar unter den Kannibalen der Neuen Hebriden (1.Folge)

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Titel: John Paton - Missionar unter den Kannibalen der Neuen Hebriden (1.Folge)
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

John Paton - Missionar unter den Kannibalen der Neuen Hebriden (1.Folge)

Vortext

Text

John Paton (1824 — 1907)

Missionar unter den Kannibalen der Neuen Hebriden

1.Folge


Männer wie H. Taylor, Charles Studd, Jim El­liot und Samuel Hebich sind uns einigermaßen bekannt und wir verbinden mit diesen Namen entsprechende Länder und Erdteile.

Wer aber kennt schon das Lebenswerk des Schotten John Paton, der im vergangenen Jahrhundert außergewöhnliche "Abenteuer" als Missionar unter den Menschenfressern der Neuen Hebriden erlebte. Diese ebenfalls recht unbekannte Inselgruppe findet man auf dem Globus in der Nähe von Australien, im Stillen Ozean.

Es sind etwa 18 Jahre her, daß ich in der "Brockensammlung" der Anstalt Bethel für ein paar Groschen eine alte Autobiographie dieses Mannes erwarb, die 1897 erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Aber bis vor wenigen Wochen stand dieses Buch ungelesen in mei­nem Bücherschränk, weil mich der schlichte Titel "Missionar auf den Neuen Hebriden" nicht sonderlich zum Lesen reizte.

Jetzt, nachdem ich dieses Buch mit wachsender Spannung gelesen habe, verstehe ich, warum diese Autobiographie vor 90 Jahren ein Best­seller war, von dem in wenigen Jahren über 300.000 Exemplare in England verbreitet wur­den.

Um den F+T Lesern einen kleinen Einblick in das an Erfahrungen reiche Leben Patons zu ermöglichen, möchte ich etwas aus seinem Leben weitergeben.

Kindheit und Jugend

John Paton wuchs im Süden Schottlands in ei­nem armen, jedoch an 11 Kindern reichen, gottesfürchtigen Elternhaus auf. Der Vater war ein "Strumpfwirker" und muß eine au­ßergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein. Sein Vorbild hat das Leben Johns entscheidend geprägt. Er erzählt von ihm:
"Unser Haus hatte drei Räume; der eine war das Territorium meiner Mutter und war Küche, Wohn- und Eßzimmer zugleich; auch enthielt er zwei große, hohe, luftige Betten mit Umhängen. Das zweite Zimmer, am anderen Ende des Hauses, war meines Vaters Werkstätte, in der fünf oder sechs Strumpfwirkstühle standen, die, fleißig in Bewegung, die Kaufleute von Dumf­ries mit echter guter Ware versorgten.

Eine dritte Stube, zwischen den beiden gelegen, war klein; sie hatte nur Platz für ein Bett, einen kleinen Tisch und einen Stuhl; ein schmales Fensterchen brachte nur wenig Licht. Dies war das Heiligtum der Hütte. Hierher sahen wir unsern Vater sich mehrmals täglich, gewöhnlich nach jeder Mahlzeit, zu­rückziehen; wir hörten ihn die Tür verriegeln, und wir Kinder errieten durch eine Art geisti­gen Instinkt (denn die Sache war zu heilig, um sie zu besprechen), daß unser Vater dort für uns bete, wie der Hohepriester im Allerheilig­sten. Mitunter hörten wir den ernsten Ton der bewegten Stimme, die bat, als ob es unser Leben gelte, und wir lernten es, nur auf Ze­hen an dem Zimmerchen vorüber zu schlei­chen, um nicht zu stören. Die übrigen Men­schen wußten es wohl nicht, woher die Strahlen von Glück und Freundlichkeit, das liebevolle Lächeln in des Vaters Züge kamen; wir aber wußten es: es war der Widerschein der Nähe Gottes, in deren Bewußtsein er stets lebte.

Nirgends, weder in Tempeln noch in Domen, auf den Höhen der Berge noch in Tälern, kann ich je die Nähe Gottes mehr empfinden, mehr Sein direktes Wirken auf den Menschen fühlen, als es in unserer ärmlichen Hütte der Fall war. Wenn durch irgendeine undenkbare Katastrophe alles aus meiner Seele und meinem Gedächtnis hinweggeschwemmt würde, was sich auf Reli­gion bezieht, so würden die Gedanken doch zu diesen Szenen der frühen Kindheit heimkehrend das Echo der Gebete und des Rufens hören und jeder Zweifel würde schwinden mit den Worten: er ging mit Gott um, warum dürfte ich es nicht auch tun?"

Als John etwa 12 Jahre alt war, arbeitete er in dem Gewerbe seines Vaters mit. Damals begann die Arbeitszeit für ihn um 6.00 Uhr und endete um 22.00 Uhr mit je einer Pause nach den Mahlzeiten. Wenige Jahre später bewarb er sich um eine Lehrerausbildung in Glasgow. Es ist ergreifend zu lesen, wie John seinen Ab­schied von dem geliebten Vater schildert:

"Mein lieber Vater machte die ersten sechs Meilen des Weges mit mir. Seine Ratschläge und Tränen, seine Rede über das Heilige bei dieser letzten Wanderung sind frisch in meinem Gedächtsnis, als wäre es gestern gewesen; noch immer werden meine Augen feucht, wenn ich dieser Stunde gedenke.
Die letzte Zeit gingen wir fast schweigend nebeneinander. Mein Vater hatte den Hut in der Hand, seine langen, blonden Locken, die später schneeweiß wurden, hingen über seine Schultern. Seine Lippen bewegten sich in stil­lem Gebet für mich, und seine Augen waren voll Tränen. Am bestimmten Ort, wo wir uns trennen wollten, standen wir still. Er hielt meine Hand fest, blickte mir stumm in die Augen und sagte dann feierlich und liebevoll:
"Gott segne dich, mein Sohn! Deiner Väter Gott geleite dich und bewahre dich vor allem Übel!" Unfähig, mehr zu sprechen, bewegten sich seine Lippen wieder in leisem Gebet; in Tränen umarmten wir einander und schieden. Ich lief so schnell ich konnte, und als ich an einer Biegung des Weges mich umsah, stand der gute Vater noch, wo ich ihn verlassen hatte. Mein letztes Lebewohl ihm zuwinkend schritt ich um die Waldecke und war aus seinen Augen verschwunden. Aber mein Herz war zu voll; ich konnte nicht weiter; ich wendete mich vom Wege abseits und weinte. Dann stand ich auf, erstieg einen Baum, um auszuspähen, ob er
gegangen sei. In diesem Augenblick sah ich ihn das Gleiche auf einem Hügel tun, von wo er lange dorthin blickte, wo er mich wandern wußte. Dann stieg er hinab und kehrte heim - noch war sein Haupt unbedeckt, noch - das wußte ich - betete er für sein Kind! Ich beobachtete den geliebten Vater durch Tränen, bis er mir verschwand; ich setzte meinen Weg fort und gelobte mir wieder und wieder, mit Gottes Hilfe ein Leben zu führen, das nie Unehre oder Trauer über solche Eltern, wie Gott sie mir geschenkt, bringen könne. Das Bild meines Vaters, sein Rat, seine Gebete und Tränen, - die Straße, der Hügel, das Verschwinden der Gestalt mit unbedecktem Haupt, sind oft, oft lebendig vor meinem Geiste gewesen; sie sind es jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wo ich dies schreibe. Besonders in meiner Jugend ist der betende Vater oft mein Schutzengel gewesen! Es ist nicht Selbstgerechtigkeit, sondern die tiefste Dankbarkeit, die mich hier zu bezeugen drängt, daß das Andenken an diese Stunde mich von den herrschenden Sünden fern hielt und mich bei allen Studien anspornte, damit ich gewiß seine Hoffnungen erfüllen und in christlichem Leben und Tun seinem leuchtenden Beispiel folgen könne."

Stadtmissionar in Glasgow

Nach der Ausbildung in Glasgow und einer kurzen Zeit als Lehrer wurde Paton als Stadtmissionar angestellt. Sein Arbeitsgebiet war ein verwahrlostes Armenviertel. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entstand dort eine wunderbare Arbeit, in welcher Trinker, Diebe und "Taugenichtse" zum lebendigen Glauben kamen.

"Sonntagmorgen um 7.00 Uhr versammelte sich meine ernsteste, eifrigste Klasse zur Bibel­stunde. Es waren dies zwischen siebzig und hundert der allerärmsten jungen Leute beider­lei Geschlechts. Sie hatten keine anderen Kleider, als die sie täglich zur Arbeit trugen, in ihrem Besitz; sie waren sämtlich ohne Kopfbedeckung, viele barfuß. Es war eine Freude zu beobachten, wie die Erscheinung auch der Ärmsten unter ihnen an Reinlichkeit und Ordnung sich besserte, als sie nur einige male unsere Stunde besucht hatten, wie sie nach und nach Schuhe tragen konnten, wie sich die Kleidungsstücke langsam besserten und sauberer gehalten wurden, so daß sie bald auch unsere Tagesversammlungen und später die Kirche nicht zu scheuen hatten, wie es früher in ihren Lumpen der Fall gewesen war. Wie glücklich waren sie, wenn sie andere gewonnen hatten und sie mitbringen konnten; man sah sie, die armen Geschöpfe, bald ganz erfüllt von den Zwecken der Mission. Lange, nachdem sie durch Arbeitsamkeit und Sparen bessere Kleider besaßen, kamen sie doch in diese frühe Bibel­stunde in den Arbeitsonzügen, um nichts vor denen vorauszuhaben, welche sie mitbrachten und für deren Besserung sie solch warmes Herz hatten.

Meine Freude an eben dieser Bibelstunde gehört zu den größten und reinsten meines Lebens und meiner ganzen Seelsorge, obwohl sie viel Mühe machte. Was möchten meine jüngeren Mitbrüder davon denken, daß es galt, um 6.00 Uhr an die Türen Saumseliger zu pochen, um sie nicht fehlen zu sehen und die eben erwachende Gewohnheit neuen Lebens nicht wieder ver­kümmern zu lassen. Eine Zeitlang tat ich das, von Straße zu Straße gehend; später übernah­men es die Eifrigsten freiwillig, die Neulinge, die Gleichgültigen und die, welche unregelmäßig kamen, zu rechter Zeit zu rufen; die guten Leute halfen vielen damit, doch nicht am we­nigsten sich selbst, da ihr Interesse ein immer lebhafteres wurde."

Neben dieser gesegneten Arbeit als Stadtmis­sionar studierte er an der Universität Glasgow und hörte theologische und medizinische Vorle­sungen.

Der Ruf in die Mission

Bei aller Freude an der Arbeit unter den Ar­men standen jedoch die Heiden der Südsee vor seinem geistigen Auge. Ohne einem Menschen etwas davon zu sagen, betete und hoffte John, dort einmal dem Herrn dienen zu können.
Im dritten Jahr seiner Studien hörte er einen Aufruf der schottischen Presbyterianer, dem Missionar Inglis auf den Neu-Hebriden zur Hilfe zu kommen. Da sich jedoch auch nach zwei Jahren keiner meldete, beschloß die Syn­ode, jedes Mitglied sollte nach ernstem Gebet drei Namen von Männern auf einen Zettel schreiben, welche nach bestem Wissen für diesen Missionsdienst geeignet schienen.
John verfolgte mit großem Interesse dieses un­gewöhnliche Verfahren:

"Ich hörte die Verhandlungen mit dem lebhaf­testen Interesse an und ebenso folgte ich dem so ganz ungewöhnlichen Verfahren. Noch jetzt kann ich den Ernst der Wählenden vor mir se­hen und die Totenstille mir vergegenwärtigen, mit welcher die Versammlung die Rückkehr der Herren erwartete, welche sich mit den Wahl­zetteln entfernt hatten. Als diese mit feierli­chem Ernst verkündigten, Gott wolle auf diese Weise keine Antwort geben, die Stimmen seien so zersplittert, das Resultat ein so unbestimm­tes, daß man nicht einen Einzigen als bestimmt zu dem großen Werke bezeichnen könne, traten Tränen in meine Augen. Es schien eine Wolke der Trauer sich über die ganze Versammlung zu senken, die nochmals Gottes Beistand in erstem Gebet anrief.

In mir sprach es lauter und lauter: "Da kein besser geeigneter Mann sich findet, stehe auf und biete dich an!" Der Impuls zu rufen: "Hier bin ich! sendet mich?", war überwältigend! Doch aber war ich sehr zaghaft, ob ich nicht meine eigene Bewegung und meine heißen Wünsche fälschlich für den Willen Gottes hielte. Deshalb beschloß ich, über die Sache noch einige Tage ernstlich nochzudenken, sie von allen Seiten zu prüfen und Gott wieder und wieder zu bitten, mich das tun zu lassen, was Er wolle."

Als der Herr ihm schließlich die Gewißheit der Berufung gab und der Entschluß Patons bekannt wurde, hatte er fast alle gegen sich. Man stellte ihm die große und gesegnete Arbeit unter den Armen Glasgows und andererseits die Gefahren unter den Kannibalen vor, um ihn in Schottland zu halten.

Nur seine Eltern schrieben ihm:
"Wir haben uns jedes direkten Einflusses auf dich enthalten, um Gott ganz in dir walten zu lassen und nicht etwas zu erzwingen, das nicht Sein Wille ist. Nun aber, da dein Entschluß fest steht, können wir die sagen, warum wir Gott für Seine Führung danken. Du weißt, daß dein Vater von ganzem Herzen hoffte, Geistlicher werden zu können, daß die Verhältnisse es nicht zuließen. Als wir dich, unsern Erstgebo­renen besaßen, weihten wir dich dem Herrn, wenn Gott es annehmen wolle, als Boten des Herrn zu den Heide.  Es ist unser tägliches Gebet gewesen, Gott wolle dich zu diesem Werke bereiten, rüsten und dich diesen Weg führen, wenn es Sein heiliger Wille sei. Nun du entschlossen bist, bitten wir von ganzem Her­zen, der Herr wolle dich annehmen, dich behü­ten und schützen und dich viele Seelen für Ihn gewinnen lassen."

Nachdem John diesen Brief gelesen hatte, wich auch der letzte Zweifel an der Führung Gottes, und so verließ er am 18. April 1858 mit einem weiteren Missionar den heimatlichen Hafen in Richtung Melbourne.
                                                                                                                                                                   Fortsetzung folgt


Nachtext

Quellenangaben