Zeitschrift-Artikel: Die List der Gibeoniter

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Titel: Die List der Gibeoniter
Typ: Artikel
Autor: Carsten Görsch
Autor (Anmerkung):

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Titel

Die List der Gibeoniter

Vortext

Text

Das Problem mit der Barmherzigkeit


Die Eroberungsfeldzüge des Volkes Israel im Buch Josua sollen zu einem nützlichen Handbuch für den Glaubenskampf werden, der uns verordnet ist. Vor allem in den ersten zwölf Kapiteln stellt Gott uns die häufigsten Fehler und die gängigsten Fallen im Glaubensleben vor Augen. Die Schilderungen dieser Kapitel sind lebende Lektionen aus längst vergangenen Zeiten. Damals abgefasst im Kampf gegen Fleisch und Blut auf historischen Kriegsschauplätzen, sind sie uns heute auf den geistlichen Schlachtfeldern unserer Herzen hilfreich, wo die Mächte der Finsternis jede List anwenden, um uns von einem siegreichen Glaubensleben abzuhalten.


Jericho, ein Problem – zu groß für mich!


Uneinnehmbar lag die bis zum Himmel befestigte Kanaaniterstadt vor dem Volk der Hirten und Schafzüchter, die kaum über militärische Erfahrung verfügten. Ein scheinbar unlösbares Problem, dass der Herr der Heerscharen seinen Erlösten zumutete. Tatsächlich aber wollte er ihnen seine Macht zeigen, als er sie der Übermacht der Kanaaniter gegenüberstellte. So auch heute: die großen Sünden fallen zuerst, wenn sich ein Mensch bekehrt, danach folgt der ‚Feinschliff‘ auf dem Gebiet der Charaktersünden. Oftmals dauert er lange und ist unangenehm wie der Bohrer des Zahnarztes. Jericho lehrt uns, dass Gottes Macht und Weisheit ausreicht für jedes Problem unseres Lebens – egal wie groß es auch sei.


Ai, ein Problem – zu klein für mich!


Der Eroberung Jerichos folgt der Feldzug gegen Ai. Einem glorreichen Sieg folgt eine schmähliche Niederlage. Israel unterschätzt diese „Kleinigkeit.“ Zeitgleich begeht Achan den Ungehorsam gegen Gott, indem er vom Beutegut Jerichos heimlich für sich nimmt. Er bezahlt dies mit dem Tod durch Steinigung. Ungehorsam gegen das Wort Gottes und die Unterschätzung vermeintlicher Kleinigkeiten sind die gängigsten Muster, nach denen die Kinder Gottes fallen. Bis heute sind es „die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben“ (Hoh 2,15) und die „Toten Fliegen, die das Öl des Salbenmischers stinkend und gärend machen: „Ein wenig Torheit hat mehr Gewicht als Weisheit und Ehre.“ (Pred 10,1).
Wir unterschätzen „die kleinen Sünden“ des Rauchens, des Trinkens, der Bequemlichkeit, der Unbeherrschtheit, der Lüge, usw. in ihren Auswirkungen auf unsere Brauchbarkeit für den HERRN. Bedenken wir aber, dass es ein Kopfstoß
des großen Fußballers Zidane war, der seiner glorreichen Karriere ein schmähliches Ende bereitete und der französischen Nationalmannschaft bei der WM 2006 wahrscheinlich den Titel kostete. „Ai“ redet heute noch …


Gibeon – mein Problem lös ich allein!


Nicht die schwerste, aber wahrscheinlich die nachhaltigste Niederlage kassierte Israel bei seiner Auseinandersetzung mit den Gibeonitern.
Diese handelten mit List gegen die Auserwählten Gottes (Jos 9,4). Kein Bogenschuss, kein Klingenschlag, noch nicht mal ein Handgemenge, nur eine List – und Israel büßte für immer heilige Vorrechte ein. Denn die Gegner bekamen durch einen voreiligen Schwur der Führer des Volkes Gottes ein dauerndes Bleiberecht in Israel. Wir werden diese List genauer studieren, um uns warnen zu lassen. Vorab aber sei der Klarheit halber gesagt, dass es der Selbstsicherheit der Führer
Israels zuzuschreiben war, dass diese Katastrophe passieren konnte, denn den Mund des Herrn befragten diese nicht, als sie eine wichtige Sache zu beurteilen hatten. (Jos 9,15). Die List der Gibeoniter warnt uns vor einer falsch verstandenen
Autonomie, die Gott nicht braucht, um Dinge unseres Lebens zu entscheiden. Sie warnt uns davor, lediglich auf unsere Erfahrung, unsere Menschenkenntnis und andere vermeintliche Stärken zu vertrauen, ohne aber Gott in unsere Probleme mit einzubeziehen.


Verfolgung und Verführung


Der List der Gibeoniter geht die Allianz der Kanaaniter voraus. (Jos 9,1) Diese rotteten sich zusammen, als sie von der Unbezwingbarkeit des Gottesvolkes hörten. Die Gibeoniter jedoch waren ihren Landsleuten einen Schritt voraus: sie begriffen, dass gegen die Macht Gottes kein „militärisches Kraut“ gewachsen war. Deshalb griffen sie zur List. Bis heute spielt der Feind das gleiche Spiel: er verfolgt oder verführt. Wobei die Verfolgung der Gemeinde Gottes ihr erfahrungsgemäß besser bekommt als die Verführung. Es tut uns gut, wenn der Druck auf uns wächst, wenn wir unseren Glauben behaupten, erklären und verteidigen müssen. Es tut uns nicht gut, wenn wir uns vor Langeweile „umhauen“ und durch die subtile Aufweichung von gesunden Denkweisen kampfunfähig gemacht werden. Mit Besorgnis beobachten wir, dass mitteleuropäische Christen so ziemlich in jedem Bereich des Lebens wehrlos dastehen: ihre Kinder tanzen ihnen auf der Nase herum, beim Bekenntnis kommen sie ins Stottern und bei Problemen erwarten sie eher Hilfe von Menschen als von Gott.


Auf die Tränendrüse drücken!


Die Gibeoniter jedenfalls drückten auf die Tränendrüse – und das mit Erfolg. Es sah schon ziemlich erbärmlich aus, was sie da schauspielerten: „Sie nahmen abgenutzte Säcke für ihre Esel, und abgenutzte und geborstene und zusammengebundene Weinschläuche, und abgenutzte und geflickte Schuhe an ihre Füße, und abgenutzte Kleider auf sich; und alles Brot ihrer Zehrung war vertrocknet und war schimmlig.“ (Jos 9,4-5). Sie logen vor, von weither zu kommen, obwohl sie gleich von nebenan waren. Sie heuchelten Unterwürfigkeit, nur um nicht sterben zu müssen. Vor allem aber heuchelten sie Glauben, wo doch keiner war: „Aus sehr fernem Lande sind deine Knechte gekommen, um des Namens Jehovas, deines Gottes, willen …“ (Jos 9,9) Dies alles beeindruckte Israels Leiter doch sehr. Sie waren bewegt. Sie schauten sich alles genau an, ja sie nahmen sogar von dem Brot der scheinheiligen Feinde des Gottesvolkes. Aber den Mund des Herrn befragten sie nicht!

Wir sind keiner Not verpflichtet!


Wir Menschen sind leicht zu erweichen, wenn wir Elend sehen. Gott sei es gedankt. Aber auch das Erbarmen gehört unter die Zucht des Heiligen Geistes. Wir sind keiner Not verpflichtet, sondern nur unserem Herrn! Wir müssen nicht alle
Probleme der Welt beheben, genauso wenig wie unser Herr nicht alle Kranken und Schwachen seiner Zeit heilte. Wir müssen nicht spenden, nur weil das Anliegen der Missionsgesellschaft herzerweichend vorgebracht wurde. Wir müssen
niemand in unsere Gemeinde aufnehmen, nur weil er angibt, in einer anderen schlecht behandelt worden zu sein. Wir müssen die Charakterschwächen unserer Tochter oder unseres Sohnes nicht als eine Schutzbehauptung akzeptieren, wenn sie benutzt werden, um sündiges Verhalten zu entschuldigen. Wir müssen nicht zum Allianz-Gebetsabend gehen, nur weil es um die Einheit unter den Christen so schlecht bestellt ist. Wir müssen gar nichts – außer sterben. Ansonsten sind wir freie Christenmenschen, die tun und lassen können, was Gott will.


Der Geist der Zeit ist unglaublich „barmherzig“!


Der Geist der Zeit ist sehr „barmherzig“. Er hat Mitleid mit dem armen alten Menschen, der im Altenheim vor sich hin leidet. Deshalb darf man seit einigen Jahren in Holland ganz legal Menschen töten. In den meisten Apotheken erhält
man das „Kit für den süßen Tod“, dass es einem Arzt erlaubt, mit einigen Narkotika einen Menschen von seinem Leid zu befreien aus lauter „Barmherzigkeit“. Eben dieselbe lässt der Gynäkologe walten, wenn er das mehr oder weniger stark behinderte Kind per Ausschabung aus dem Mutterleib in die Nierenschale befördert. Es wäre ja so oder so kein lebenswertes Leben gewesen, weder für die Mutter noch für das Kind. Die gleiche „Barmherzigkeit“ ist es, die viele empfinden, wenn eine Frau vergewaltigt oder ein Kind missbraucht wird – nicht so sehr für die Opfer, sondern scheinbar oft für den Täter. Denn der hatte eine so schwere Kindheit. Der Geist der Zeit ist „barmherzig“ …


Und die Gemeinde?


Bekanntlich macht dieser Geist auch nicht vor den Pforten der Gemeinde Gottes halt. Manche abgedroschene Phrase kann man kaum noch ertragen: „Wir dürfen nicht richten!“ „Das steht uns nicht zu!“ „Das muss man verstehen!“ „Er ist
nun mal so!“ „Sie kann nun mal nicht anders!“ „Wir müssen auch für Neues offen sein!“, etc. Sicherlich haben alle diese Aussagen ihren Platz und ihren Sinn. Jedoch verwundert mich die Häufigkeit und die Einseitigkeit, mit der sie gebraucht werden. Vergessen scheinen die eindeutigen Aufforderungen der Apostel, Sünde zu richten, heilig zu sein, sich abzusondern vom Bösen, den Kampf gegen Sünde und Fleisch aufzunehmen, offenbares Unrecht zu brandmarken, zu prüfen, was wirklich wahr ist. Unsere Gemeinden stehen in Gefahr, nur noch soziales Auffanglager für die Gestrandeten der Gesellschaft zu werden.


Wir verlieren Segen!


Das alles hat Auswirkungen auf unsere geistliche Kampfkraft. Wir verbünden und verbrüdern uns mit Menschen, deren geistlicher Stand fragwürdig ist. Oft ist uns quantitatives Wachstum der Gemeinde wichtiger als qualitatives. Aber Menschen fordern Kraft und fordern Zeit. Und solche, die gar nicht bereit sind, Hilfe anzunehmen und biblische Lösungsvorschläge zu akzeptieren, lassen oft keine Zeit und Kraft für andere. Jede Stunde, die Du mit einem Menschen verbringst, der sich nicht helfen lassen will, ist eine Stunde, die einem Menschen, der wirkliche Hilfe von Dir braucht, verloren geht. So einfach ist das! Und doch tun wir uns schwer, „nein“ zu sagen, abzulehnen und „unbarmherzig“ zu reagieren.


Von Wasserschöpfern und Holzfällern


In christlichen Gemeinden gibt es „Wasserschöpfer“ und „Holzfäller“, die irgendwann einmal zum Volk Gottes gestoßen sind – aus welchem Grund auch immer. Sie haben nie eine echte Bekehrung erlebt. Genauso wenig, wie die Gibeoniter je
ein auserwähltes Volk waren. Aber weil sie um Aufnahme baten, eine rührselige Geschichte zu erzählen hatten und vielleicht zudem auch noch ein frommes Vokabular benutzten, haben wir uns breitschlagen lassen. Wir nennen sie „Brüder“ oder „Schwestern“ obwohl wir so unsere Zweifel haben. Wir geben ihnen irgendwelche kleineren Aufgaben oder Posten und machen sie uns nützlich. Aber Zweifel bleiben.

Notfall-Plan: Beten!


Wachsamkeit ist von Nöten. Nicht nur nach bestem Wissen und Gewissen zu prüfen, sondern Licht und Weisung vom Herrn zu erflehen. „Vertraue auf den Herrn mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand!“,
ermahnt uns Salomo in Sprüche 3,5. Der Feind versucht es auf jede erdenkliche Weise. Deshalb sollten wir auch besonders im Gebet an unsere Gemeinde-Leiter denken, welche über die Aufnahme von Geschwistern in die Gemeinde
wachen. Sie sind es, die der Gemeinde diesbezüglich Empfehlungen aussprechen. Wir sollten anhaltend und ernstlich für diese Brüder beten: Dass Gott sie bewahrt vor einem autonomen Urteil, welches nicht nach seinem Willen fragt. Auch für sie gilt: „… ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5).


Wovor wir uns also hüten sollten …


Die List der Gibeoniter ist eine Warnung an die Gemeinde Gottes. Wir können daraus lernen, dass manchmal Verführung gefährlicher ist als Verfolgung. Auf jeden Fall sollten wir mehr auf Qualität als auf Quantität in den Gemeinden setzen. Wir sollten uns niemals dazu hinreißen lassen, ein Urteil nur nach augenscheinlicher Menschlichkeit zu fällen. Rührselige Geschichten und eine „fromme“ Sprache sollten uns die Sinne nicht vernebeln. Wir brauchen göttliche Weisheit, um Wahrheit und Täuschung unterscheiden zu können. Manchmal ist „ein gebrochenes Versprechen ein gesprochenes Verbrechen“ (Erich Fried). Wir sollten uns hüten, vorschnelle Versprechen abzugeben, die wir hinterher zu halten gezwungen sein könnten. Vor allem aber lehrt uns die List der Gibeoniter, niemals ein Urteil zu fällen, dass nicht im Licht Gottes gesucht und bestätigt worden ist.

Nachtext

Werte, die ewigen Bestand haben

„Wir haben im irdischen Leben mancherlei Dinge im Besitz, welche erschüttert werden können. Die Veränderlichkeit ist allen Dingen unauslöschlich eingeprägt. Dennoch haben wir etwas, was „unbeweglich“ ist (Hebr 12,27: „Auf dass da bleibe das Unbewegliche“. Wenn alles Bewegliche uns genommen würde, müssten wir einen unverwelklichen Trost
empfangen über dem Unbeweglichen, das da bleibt. Welche Verluste ihr auch je erfahren habt, … so freut ihr euch doch über eure gegenwärtige Erlösung. Ihr steht unter seinem Kreuz und vertraut ganz allein auf den teuren Verdienst des Blutes Jesu, und auf diesen Schatz der Erlösung in ihm hat kein Steigen und Fallen der Werte den geringsten Einfluss …
Gott ist dein Vater. Kein Wechsel der Umstände kann dir dies rauben … Unsere Hoffnung ist über den Wolken, und darum schauen wir ruhig auf die Trümmer alles Irdischen. Wir freuen uns allezeit in dem Gott unseres Heils …“

C.H.Spurgeon

Quellenangaben