Zeitschrift-Artikel: Kuba

Zeitschrift: 124 (zur Zeitschrift)
Titel: Kuba
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Kuba

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Text

„Möglichst in den nächsten Wochen und Monaten keine Ausländer einladen und vor allem keine Reisen in den Osten des Landes planen!“ – diese Empfehlung wurde von den staatlichen Behörden an die Gemeinden in Kuba gerichtet, nachdem die Wirbelstürme „Gustav“ und „Ike“ im August und September über das Land gefegt waren und es ruiniert hatten. Zwei Drittel der Bananen- und Yucapflanzen, wie auch die Zuckerrohr- und Tabak-Plantagen und etwa ein Drittel der restlichen Ernte an Gemüse und Obst wurden vernichtet. Etwa 450.000 zerstörte Häuser, darunter 5.000 Schulen, waren die traurige Bilanz. „Eine solche Katastrophe hat es in der Geschichte Kubas noch nie gegeben“, sagte der Präsident Raúl Castro. Doch die Kubaner sind ein stolzes Volk und besonders der politischen Führung fällt es schwer, ihre Hilflosigkeit angesichts dieser Katastrophe zuzugeben und den Westen um Hilfe zu bitten. Während die Hauptstadt Havanna wie durch ein Wunder weitgehend verschont wurde, herrscht besonders im Osten und Westen des Landes der Notstand. Die Transportkosten sind explodiert, Benzin kostet inzwischen fünfmal so viel wie Diesel, die Läden sind leer und der bisher blühende Schwarzmarkt wird von der Regierung brutal unterdrückt, sodass niemand mehr wagt, die verbliebenen Produkte an den Straßen anzubieten. Als wir in der letzten Novemberwoche dieses Jahres Kuba besuchten, gab es weder Obst noch Gemüse zu kaufen. Um Brot zu besorgen musste sich unser Gastgeber auf die Suche begeben, um in einer 5km entfernten Stadt einige Stangen zu erwerben.

„Sozialistische Ideale“
Nach wie vor gibt es einige wenige Produkte auf Bezugsschein. Pro Person und Monat: 2,5 kg Reis, 1 Stück Seife, 1 kg Zucker, 1 kg Bohnen, 1 kg Nudeln, ¼ Liter Öl, ¼ Liter Milch pro Tag – aber nur für Kinder unter sieben Jahren. Es gibt keine Butter und keine Margarine. Für jede Person gibt es pro Tag ein Milchbrötchen für zwei Cent, wobei man sich rechtzeitig vor dem betreffenden „Laden“ einfinden muss und sich folgendes Ritual abspielt: „Bitte alle in einer Reihe aufstellen und das Heft mit den Bezugsscheinen auf Seite 16 aufschlagen!“ Danach tritt jeder gehorsam vor, um die zugestandene Anzahl Brötchen für die Familie in Empfang zu nehmen, die vorher auf dem Bezugsschein abgehakt wurde. Wer privat etwas kaufen oder verkaufen möchte, setzt sich großer Gefahr aus. In einem Hauskreis erfuhren wir von einer Schwester, dass ihr Bruder verhaftet wurde, weil er einige Kilo Rindfleisch „verschoben“ hatte und nun mit einer Strafe von 6 Jahren Gefängnis rechnen muss. Auch wenn Raúl Castro der neue Staatschef ist, so scheint sein zurückgetretener Bruder Fidel als „erster Generalsekretär der Kommunistischen Partei“ nach wie vor die Politik zu beeinflussen und verkündet vom Krankenbett aus, dass jede Abweichung vom sozialistischen Ideal „auf reife und effiziente Weise“ betraft werde. So wurde z.B. ein uns gut bekannter Bruder von einem argwöhnischen Nachbarn angezeigt, weil er wegen seiner Geschäftstüchtigkeit „über dem Durchschnitt lebte“ und mehrere Computer und andere technische Geräte besaß. Die Folge war, dass seine Wohnung von der Polizei durchsucht und der Besitz des Bruders anschließend auf ein „normales“ Maß minimiert wurde.
„… die mit Tränen säen …“
Wenn man sich vorstellt, dass ein normaler Arbeiter etwa 50 Cent pro Tag verdient und auch ein Rechtsanwalt oder Professor an der Universität nicht mehr als ca. 20 Euro im Monat erhält, versteht man, dass ein Überleben in Kuba ohne Korruption oder illegale Nebenarbeit kaum möglich ist. Daher wechseln viele Lehrer und andere Akademiker ihren Beruf, um sich als Schweine-Züchter oder Handwerker über Wasser zu halten. „Das Schwerste für uns Christen in Kuba ist, ehrlich zu sein!“ – klagte ein Bruder, der „vollzeitig“ dem Herrn dient. Inzwischen stellt die Regierung Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung, aber es fehlt das Geld, um Saat und Dünger zu kaufen. So waren wir ziemlich betroffen, als ein Farmer und Familienvater aus dem besonders armen und bergigen Osten berichtete, dass nach den Wirbelstürmen im Sommer seine gesamte Ernte vernichtet war und er nur noch ca. 20 kg Bohnen als Nahrungsmittel besaß. Er stand nun vor der schweren Entscheidung, diese Bohnen entweder seiner Familie als notwendige Nahrung zu
geben, oder sie als Saatgut für eine zukünftige Ernte einzusetzen. Bei dieser Entscheidung wäre ihm der Vers aus Ps 126 „Die mit Tränen säen …“ ganz neu und schmerzlich deutlich geworden. Dieser hingegebene Bruder fährt oft Sonntags mit dem Fahrrad 100 km, um eine Nachbargemeinde zu besuchen, dort das Wort Gottes zu verkündigen und die Geschwister zu ermutigen. Die praktischen Erfahrungen mit dem Herrn im schweren Lebensalltag geben seinem Zeugnis geistliche Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Apfeltee und Evangelium
Auch wenn man in Kuba noch nicht von einer geistlichen Erweckung reden kann, so entsteht doch durch die materielle Notsituation ein Suchen und Fragen nach geistlichen und ewigen Dingen. Es ist nicht so schwer, Nachbarn oder Bekannte zu evangelistischen Hauskreisen einzuladen. Wenn es dort dann noch etwas zu Essen gibt oder als besondere Attraktion Apfeltee aus Deutschland angeboten wird, dann hat ein solcher Hauskreis eine zusätzliche Anziehungskraft, durch die in den vergangenen Monaten zahlreiche Menschen zum Glauben gekommen und auch neue Gemeinden entstanden sind. So fährt z.B. unser Freund Horche jede Woche mit seinem Motorrad der sowjetischen Marke „MZ“ in eine ca. 70 km entfernte Stadt, um dort einen Hauskreis zu betreuen. Für diese Entfernung braucht er etwa 2 Stunden, weil die Straßen entsprechend schlecht sind und er seine Frau und Tochter auf dem Motorrad mitnimmt. Aber der Einsatz lohnt sich, weil durch diese jahrelange Arbeit inzwischen eine kleine Gemeinde entstanden ist und wir am letzten Sonntag im November miterleben durften, wie einige Frauen, die durch diesen Hauskreis zum Glauben kamen, sich taufen ließen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist die Freiheit für die Christen in Kuba größer geworden. Die Verhältnisse dort sind vergleichbar mit den Zeiten der ehemaligen DDR. Die Christen werden geduldet und nicht bedrängt, so lange sie sich nicht politisch verdächtig benehmen oder äußern. Freiversammlungen sind nur mit Genehmigung erlaubt, es gibt eine strenge Zensur für religiöse Literatur, aber privat oder als Gemeinde wird man nicht daran gehindert, seinen Glauben
auszuleben. Am letzten Sonntag unseres Besuches konnten wir daher auch auf einer Konferenz das Wort Gottes verkündigen, zu der etwa 280 Geschwister aus nah und fern auf teilweise abenteuerlichen Fahrzeugen angereist kamen.
Die Freude dieser Geschwister, einander zu sehen, sich auszutauschen, miteinander auf Gottes Wort zu hören und Gott durch frohen und lauten Gesang zu loben, möchte man gerne nach Deutschland exportieren, wo wir alle mehr oder weniger materiell übersättigt und geistlich „unterernährt“ sind.
„Kennt Ihr einen Wilhelm Busch?“
Kurz vor unserem Abflug hatten wir in Havanna noch eine nette und ermutigende Begegnung. Eine Schwester aus Deutschland hatte uns eine Gabe für einen Baptistenpastor und seine Frau mitgegeben, die sie vor Jahren einmal in Havanna kennen gelernt hatte. Ziemlich zentral gelegen fanden wir ein großes, altes Schulgebäude, dass zu einer Baptistenkapelle umgebaut wurde. Dort trafen wir den gesuchten Roberto und seine Frau Maria, die schon über 40 Jahre ihren Dienst in dieser Gemeinde tun, zu der über 800 Mitglieder gehören. Auf meine Frage, zu welcher „Sorte“ Baptisten sie gehören, äußerte Roberto mit Nachruck: „Zu den Konservativen!“ „Dann haben wir in C.H. Spurgeon einen gemeinsamen Freund, der im nächsten Jahr ‚175 Jahre alt‘ wird“, war meine Antwort, die ihn offensichtlich erfreute. Schließlich meinte er, er besäße ein wunderbares Buch: „Jesús nuestro destino“, von einem Deutschen, einem gewissen Busch, Wilhelm. Ob wir den kennen würden und ob er noch lebte? Als ich ihm darauf mitteilte, dass ich 1966 auf seiner Beerdigung war und ich diesem Mann geistlich viel verdanke, gab es keine Barrieren mehr zwischen uns. Mit bewegter Stimme erzählten sie uns, wie schwer das Leben in Kuba ist, wie sie zur Zeit kein Geld mehr für die nötigen Medikamente hatten und das Gott ihnen nun genau zu diesem Zeitpunkt die finanzielle Gabe der Schwester aus Deutschland zukommen ließ. Nach einem herzlichen gemeinsamen Gebet verabschiedeten wir uns, um wenige Stunden
später in das Flugzeug zu steigen, das uns aus dem armen, aber warmen Kuba, in das reiche, aber kalte Deutschland brachte.

Nachtext

Quellenangaben