Zeitschrift-Artikel: Wie sich die Zeiten ändern

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Titel: Wie sich die Zeiten ändern
Typ: Artikel
Autor: Thorsten Brenscheidt
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1638

Titel

Wie sich die Zeiten ändern

Vortext

Text

Einer landeskirchlichen Gemeinschaft verdanke ich
es, dass ich im Alter von 16 Jahren zum ersten Mal
entschiedene Christen kennen lernen durfte. Mit
bis zu 40 Jugendlichen trafen wir uns jede Woche
zu einem Bibelkreis. Es wurden aussagekräftige
Jugendlieder gesungen, in Kleingruppen gebetet
und anspruchsvolle Bibelarbeiten gehalten. Wir
forschten intensiv im Wort Gottes und meinten es
ernst mit der Nachfolge.
Bei den Silvesterfeiern war das geistliche Programm
der Höhepunkt des Abends. Diese Andachten
gaben eine klare Ausrichtung für das neue
Jahr. Über den Jahreswechsel gab es eine Gebetsgemeinschaft,
denn es war uns wichtig, das neue
Jahr mit Gott zu beginnen. Das war eine herausfordernde
Zeit – damals in den 80er Jahren.
Zwanzig Jahre später
Zwanzig Jahre später erlebten wir wieder eine Silvesterfeier
– am selben Ort, im selben Raum und
teilweise sogar mit den gleichen Leuten. Vor dem
Abendessen sprach jemand ein kurzes Dankgebet.
Nach einer ausgiebigen Essenszeit gab es Spiele an
den Tischen und in großer Runde. Kurz vor Mitternacht
bekam jeder ein Glas Sekt oder Saft und ging
nach draußen auf die Straße. Dort zündeten einige
Väter mit ihren Kindern Feuerwerkskörper an. Das
ging über eineinviertel Stunden lang. Die beiden
vollzeitlichen Prediger gingen zwischendurch ins
Gemeinschaftshaus zurück, um auszuspannen.
Meine Frau und ich traten gegen 1.30 Uhr den
Heimweg an. Zu Hause angekommen waren wir
völlig verwirrt. Unser erstes Bedürfnis war, zusammen
zu beten und so – wie wir es bisher gewohnt
waren – mit unserem Herrn in das neue Jahr zu
gehen. Über den Silvesterabend waren wir richtig
erschrocken. Bis auf das kurze Tischgebet waren
geistliche Programmpunkte Fehlanzeige. Es gab
keine Andacht oder sonstigen geistlichen Input
und auch keine Gebetsgemeinschaft – es wurde
noch nicht einmal die Möglichkeit, zusammen
beten zu können, eingeräumt oder angeboten.
Eine Woche später hatte ich einen der Prediger
am Telefon. Ich schilderte ihm meinen Eindruck,
doch er entgegnete mir: „Ist es denn weniger
geistlich, wenn wir einfach nur zusammen sind?“
Andere meinten, dass sie die Lockerheit und Freiheit
gegenüber früheren Jahren als Fortschritt
sehen. Für mich schien es eine Gleichgültigkeit
geistlichen Inhalten gegenüber und eher ein Zeichen
der Verflachung zu sein.

Kerzen und Dämmerlicht
Anhand der sonntäglichen Gottesdienste sollte
deutlich werden, ob diese Feier nur ein Ausrutscher
war. Die bisherigen Gemeinschaftsstunden
am Sonntagnachmittag waren einigen Jüngeren
zu langweilig. Man fing an, sich parallel auch am
Sonntagmorgen zu treffen, womit kurze Zeit später
der Sonntagnachmittag wegfiel.
Rein äußerlich war schnell festzustellen, dass
sich vieles verändert hatte. Der Gottesdienstraum
war abgedunkelt, Kerzen und Dämmerlicht sollten
eine spirituelle Atmosphäre erzeugen. Schlagzeug
und Hardrock-Gitarre sorgten für „fetzigen“ Lobpreis.
Die Kanzel musste einem Stehtisch weichen,
an dem sich der Prediger lässig anlehnen konnte.
Wie von charismatischen Lobpreiszeiten
bekannt, versuchte auch hier die Frau des Predigers
die Besucher zu stimulieren: „Und jetzt
wollen wir wirklich in die Anbetung gehen!“ Der
Schalter wurde sozusagen umgelegt, indem sanfter,
melodischer Sound vom Synthesizer erklang.
Bildmeditationen per Beamer vermittelten, dass
Gott ausschließlich Liebe ist. Die Predigten selbst
enthielten durchaus biblische Wahrheiten, aber
etwas fehlte doch irgendwie. Begriffe und Themen
wie „Sünde“, „Buße“, „Hölle“ und „Gericht“ wurden
vermieden, von „Heiligung“ und „Absonderung“
ganz zu schweigen. Vor der Predigt wurde jeweils
ein Theater-Anspiel, Sketch oder eine Pantomime
aufgeführt.
Zwar war ich für meine konservative Haltung
bekannt, wurde aber per E-Mail dennoch um mein
Mitwirken bei einem Theateranspiel gebeten. Ich
erklärte höflich, dass ich kein Freund davon sei und
im Gottesdienst lieber Verkündiger statt Schauspieler
wäre. Ich wollte dann noch mal kurz persönlich
mit der anfragenden Person darüber sprechen.
Da sie mir künftig aus dem Weg ging, kam
es jedoch nicht dazu. Auf Predigtdienste wurde ich
dann schließlich auch nicht mehr angesprochen.
„Mini-Erlebtgottesdienst“?
Die sonntäglichen Zusammenkünfte nannten sich
nun „ERlebt-Gottesdienst“. Die Werbung dazu
betonte nicht das Wort, sondern allgemeine Worte:
„Erlebt – Musik, Worte, Theater, Gespräche, Snacks
und mehr. Erlebt – laut, leise, lustig, nachdenklich,
spannend, wertvoll. Erlebt – einfach ein Erlebnis.“
Für den monatlichen Jugendgottesdienst wurde
folgendermaßen geworben: „Ein Ort mit cooler Atmosphäre“, „gute Musik“, „knackige Message“
und „hinterher noch Snacks und jede Menge Fun“.
Eines Sonntags wurde dann ein besonderer
„ERlebt-Brunch-Gottesdienst“ angekündigt. Es
gäbe zwar auch eine Predigt (Unmutsäußerungen
bei einigen Gottesdienstbesuchern), diese sei aber
nur ganz kurz (Erleichterung bei selbigen). Im Programm
hieß es: „Sonntagmorgen einmal anders:
Wir erleben einen köstlichen Brunch und einen
‚Mini-ERlebtgottesdienst’! Wir beginnen mit einem
ausgiebigen Frühstücksbrunch, süß und deftig.
Unser anschließender Minigottesdienst besteht
aus Liedern, Gebeten und einer Minipredigt. Zum
Abschluss stehen warme Speisen am Buffet.“ Spätestens
jetzt wurde mir klar, dass ich hier am falschen
Platz war. Frustriert und enttäuscht fuhr ich
nach Hause. Dort angekommen entlud sich meine
Traurigkeit in Tränen. Ich war völlig verzweifelt –
zum einen, weil das geistliche Niveau immer mehr
abzurutschen drohte und die Einzelnen mitzog und
zum anderen, weil die Mitarbeiter nicht gesprächsbereit
waren.
Sie haben sich eindeutig und unbelehrbar
entschieden, mit Marketingmethoden à la Willow-
Creek die Gemeinde vor dem Aussterben zu
bewahren und durch die oben erwähnten Stilmittel
Fremde anzulocken und die Jüngeren bei Laune zu
halten. Gehaltvolle Predigten waren einem „Evangelium
light“ gewichen, „deftige“ geistliche Kost
im wahrsten Sinne des Wortes einer 5-Minuten-
Terrine. Das Wort-Christentum musste einem
sinnlichen Christentum Platz machen und nach
jahrzehntelanger pietistischer Ausrichtung wurde
der schwärmerisch-charismatische Weg eingeschlagen.
Das Festhalten an den Vorgaben des
Wortes Gottes wich einem Pragmatismus, dem
nahezu jedes besucherfreundliche Mittel recht war,
um bloß das Haus voll zu kriegen.
Dank der gnädigen Führung Gottes konnten wir
uns einer Brüdergemeinde anschließen, dort unsere
Gaben einsetzen und nicht nur durch die Gemeinschaft Gemeinschaft,
sondern vor allem durch die bibeltreue Verkündigung
echte Glaubensstärkung, Ermutigung
und Korrektur bekommen.
Spiel, Spaß und Spannung
Doch wie ging es in der landeskirchlichen Gemeinschaft
weiter? Niemand erkundigte sich bei uns
nach dem Grund unseres plötzlichen Fernbleibens.
Freundliche E-Mails von mir an zwei mitarbeitende
Ehepaare blieben unbeantwortet. Von einem dieser
Paare übernahm eine Frau die hauptamtliche Leitung
der Kinder- und Jugendarbeit. Im vierseitigen
Rundbrief musste ich erneut feststellen, wie sehr
sich doch die Zeiten geändert hatten. Man liest
viel über Aktionen mit „Spiel, Spaß und Spannung“,
einem „stylischen Gottesdienstraum, die Band
rockt ab“. Dann kommt es zu einem Einschnitt im
Rundbrief: „Natürlich besteht meine Arbeit hier
nicht nur aus irgendwelchen Events und Aktionen.“
In der Erwartung auf einen geistlichen Aspekt lese
ich weiter: „Gerade persönliche Beziehungen zu
den Teens aufzubauen ist mir sehr wichtig.“ Konkret
wird das durch „verrückte Sachen machen, wie
Krawatten nähen, mit unserem GPS-Gerät Schätze
suchen, gemeinsam Kochen, Klettern gehen und
und und.“ Mit dem geistlichen Aspekt habe ich
also wieder einmal daneben gelegen. Auffallend ist
zudem, dass der Name Jesus auf vier DIN A 4-Seiten
nur ein einziges Mal vorkommt.
EC – oder Emerging Church?
Wohin führt die Umformung dieser landeskirchlichen
Gemeinschaft? Die Zugehörigkeit zum pietistischen
EC (Entschiedenes Christentum) ist Vergangenheit,
heute zählt das Vorbild eines anderen
„EC“, der Emerging Church. Äußeres Wachstum um
jeden Preis hat im Inneren seinen Preis – den geistlichen
Niedergang! Ein „Evangelium light“ erzeugt
oft Scheinbekehrte, die kaum etwas von Buße,
Zerbruch und Heiligung gehört haben. Außerdem
geschieht Absonderung nicht von der Welt, sondern
von den bibeltreuen Gläubigen. Diese werden
als konservative, ewig gestrige Fundamentalisten
gebrandmarkt, die als angeblich Gesetzliche und
Pharisäer ihren Kritikgeist pflegen.
Unbiblische, weltförmige Zielvorgaben haben
aber keine Verheißung, zumindest keine positive,
denn: „Wer die Welt in die Gemeinde holt, macht
die Gemeinde zur Welt!“
Dennoch baut unser Herr seine Gemeinde –
auch heute! Diese hat nach wie vor die Verheißung
seiner Treue und seiner Gegenwart. Jeder Gläubige
trägt aber mit Verantwortung, wie an Gottes Bau
gearbeitet wird: „Denn wir sind Gottes Mitarbeiter;
ihr aber seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
Gemäß der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe
ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein
anderer aber baut darauf. Jeder aber gebe Acht,
wie er darauf aufbaut.“ (1Kor 3, 9-10)

Nachtext

Quellenangaben