Zeitschrift-Artikel: Hiskia

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Titel: Hiskia
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hiskia

Vortext

„Und es geschah im dritten Jahr Hoseas, des Sohnes Elas, des Königs von Israel, da wurde Hiskia
König, der Sohn des Ahas, des Königs von Juda. Fünfundzwanzig Jahre war er alt, als er König
wurde und er regierte neunundzwanzig Jahre in Jerusalem; und der Name seiner Mutter war Abi,
die Tochter Sekarjas. Und er tat, was recht war in den Augen des Herrn, nach allem, was sein Vater
David getan hatte.“ (2Kö 18,1-39)

Text

Der König Hiskia ist neben Josia einer der beiden Könige Judas, in dessen Regierungszeit Gott eine gewaltige Erweckung schenkte. Das Gericht Gottes über sein Volk war schon durch die Propheten Hosea und Jesaja ausgesprochen und wurde wenige Jahrzehnte nach dem Tod Hiskias durch die Babylonier vollzogen. Doch kurz vor dem Untergang erlebte Juda einen erstaunlichen geistlichen Aufbruch, eine weitreichende Reformation. Das berichten die Bücher der Könige (2Kö 18-20) und Chronika (2Chr 29-32), und außerdem auch der Prophet Jesaja in Jes 36-39. In den Büchern Könige und Chronika wird das Leben Hiskias jeweils aus verschiedenen Perspektiven geschildert: 2. Könige betont mehr die politischen und moralischen Reformen, die Hiskia durchführte, während 2. Chronika auf die Reinigung des Tempels und die Wiederherstellung des Gottesdienstes einschließlich des Passah-Festes eingeht und ausführlich berichtet, worüber 2. Könige völlig schweigt.
Erweckung in der Endzeit des Volkes Gottes

Man hat den Eindruck, dass diese ErweckungDie Geschichte Hiskias ist deswegen für uns besonders aktuell, weil wir uns als Gemeinde des Neuen Testamentes ebenfalls in der Endzeit befinden. Die begann bekanntlich bereits mit Pfingsten, befindet sich aber heute – wenn wir die Zeichen der Zeit richtig deuten – im letzten Stadium. Interessant ist, dass diese Erweckung – wie es scheint – ohne eine längere geistliche Vorgeschichte über das Volk Gottes kam. Wir lesen jedenfalls nichts von jahrelangen öffentlichen oder geheimen Gebetsversammlungen, die einer Erweckung oftmals vorausgehen. Das kann man später in der Kirchengeschichte immer wieder beobachten, aber hier in der Endzeit Israels scheint das nicht der Fall gewesen zu sein. in keiner Weise zu prognostizieren war, sondern an den „fahrenden Platzregen“ erinnert, wie ihn Luther im Jahr 1524 trefflich und eindrücklich geschildert hat:
„Liebe Deutsche, kauft, solange der Markt
vor der Türe ist; sammelt ein, solange
Sonnenschein und gut Wetter ist; braucht
Gottes Gnade und Wort, solange es da ist!
Denn das sollt ihr wissen: Gottes Wort und
Gnade ist wie ein fahrender Platzregen, der
nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen
ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin
ist hin, sie haben nun nichts mehr. Paulus
brachte ihn nach Griechenland. Hin ist hin;
nun haben sie die Türken. Rom und das
lateinische Land haben ihn auch gehabt;
hin ist hin, nun haben sie den Papst. Und ihr
Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn
ewig haben werdet. Denn der Undank und
die Verachtung werden ihn nicht dableiben
lassen. Darum greift zu und haltet fest, wer
greifen und halten kann! Faule Hände müssen
ein böses Jahr haben.“
1
Schlechte Voraussetzungen
Hiskia wuchs in einer gottlosen Umgebung auf. Sein Vater Ahas war ein überaus grausamer und gottloser König und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sein Sohn in einem frommen Internat für seine zukünftigen Aufgaben vorbereitet wurde. Einzig die ausdrückliche namentliche Erwähnung der Mutter Hiskias, Abi (Kurzname von Abijah „Mein Vater ist Gott“) und ihres Vaters Sekarja („der Herr gedenkt“) scheint nahe zu legen, dass mütterlicherseits ein positiver Einfluss vorhanden war. Das wäre ein starker Trost und eine Ansporn für Mütter an der Seite ungläubiger oder ungeistlicher Männer, ihre Kinder für den Herrn zu erziehen und für ein Leben in der Nachfolge Jesu vorzubereiten. Immerhin wurde der Sohn des gottlosen Ahas aus uns unbekannten Gründen bei der Geburt „Hiskia“ genannt („meine Stärke ist Gott“) und tatsächlich hat Hiskia in seinem späteren Leben seinem Namen Ehre gemacht – er vertraute Gott! Genau das ist auch das große und einmalige Prädikat Gottes über diesen König:
„Er vertraute auf den Herrn, den Gott Israels;
und nach ihm ist seinesgleichen nicht gewesen
unter allen Königen von Juda noch unter
denen, die vor ihm waren“
(2Kö 18,5).
Ein solcher König, dessen Gottvertrauen von keinem anderen König im Volk Gottes übertroffen wurde, sollte uns tatsächlich zum Studium und zur Nachahmung herausfordern! Eine weitere Besonderheit im Leben Hiskias ist die, dass auf sein flehendes Gebet hin sein Leben um exakt 15 Jahre verlängert wurde und als Zeichen dafür ließ Gott die Schatten an der Sonnenuhr des Ahas um zehn Stufen rückwärts gehen (2Kö 20,8-11). Auch das ist einmalig in der Bibel. Schließlich gehört Hiskia zu den wenigen Königen, deren Lebensende nicht von Sünde oder Götzendienst überschattet war, sondern von „guten Taten“. Er starb nicht „ohne vermisst zu werden“, sondern wurde nach seinem Tod mit einem ehrenvollen Begräbnis unter Anteilnahme des ganzen Volkes gewürdigt (2Chr 32,32-33).
Erweckung ist immer Gnade!
Aus den wenigen bisherigen Beobachtungen können wir lernen, dass Erweckungen immer und in jedem Fall Gnadenerweise Gottes sind. Man kann Erweckung nicht organisieren. Es gibt kein verlässliches Rezept dafür, wie manche Persönlichkeiten in der jüngeren und älteren Kirchengeschichte vergeblich beweisen wollten. Erweckung ist immer ein Geschenk Gottes. Manchmal ist es Gottes Antwort auf anhaltendes Gebet und intensives Bibelstudium, aber oft auch ein nicht einkalkulierbarer „fahrender Platzregen“. Das sollte uns Zuversicht geben und Mut machen auch in unserer Zeit, wo die äußeren Umstände und Zustände im Volk Gottes auf alles andere als auf eine Erweckung hinweisen. Auch wir leben in der Endzeit. Trägheit, Lauheit, Gleichgültigkeit und Weltförmigkeit sind auffällige Kennzeichen von uns Christen in Europa. Evangelikale Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt wie „Gottesdienst ohne Mauern“ oder „Die Gemeinde, welche die Welt umarmt“ beschreiben ungewollt den aktuellen Zustand der Gemeinden auch in unserem Land, der von A.W. Tozer bereits vor über 50 Jahren sehr treffend beschrieben wurde:
„Dass wir, die zum Umgang mit Engeln, Erzengeln
und Seraphim erschaffen wurden, ja,
mit Gott selbst, der sie alle gemacht hat –
dass wir, zu freien Adlern in den Lüften berufen,
jetzt so weit herabgesunken sind, dass
wir mit den gewöhnlichen Hühnern auf dem
Bauernhof scharren – dies, so meine ich, ist
das Schlimmste, was dieser Welt geschehen
konnte!“
2
Oder nicht weniger drastisch:
„Eine schwache Kirche äfft eine
starke Welt zur Belustigung
intelligenter Sünder nach – und
zu ihrer eigenen ewigen Schande.“
3
Wir erleben als Christen in unseren Breitengraden tatsächlich zur Zeit eher „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ als Zeiten der Erweckung. Aber ein Haufen Mist kann Dünger für ein großes Feld sein. Daher sollte uns die Geschichte Hiskias Mut machen, „Großes von Gott zu erwarten und Großes für Gott zu tun“, wie der Pioniermissionar William Carey gesagt, getan und in Indien erlebt hat. Endzeit darf niemals ein Grund für Resignation oder ein Alibi für Trägheit sein. Schon gar nicht eine Beruhigungspille für Ungehorsam! „In jeder Krise steckt eine Chance“ – das hört man in letzter Zeit aus allen Richtungen, sowohl von Politikern wie auch von Wirtschafts-Managern. Deswegen sollte das niedrige geistliche Niveau oder die gegenwärtigen Krisen der Gemeinden ein Ansporn sein, nicht in fromme Windbeutel zu investieren, sondern zu den Wurzeln und den soliden Fundamenten unseres Glaubens zurückzukehren.
Der Wert geistlicher Vorbilder
Das Bilder bilden ist eine Alltagsweisheit. Ebenso die Tatsache, dass Vorbilder prägen und den Kurs eines Lebens beeinflussen können. Der junge Hiskia hatte ein Vorbild, einen Maßstab für sein Leben, an dem er sich orientieren und messen konnte und wollte. Ein Vorbild, das ihm half das zu tun, was in den Augen Gottes recht war:
„Und er tat, was recht war in den Augen
des Herrn, nach allem, was sein Vater David
getan hatte“
(2Kö 18,3).
War sein leiblicher Vater, König Ahas, ein gottloser Mann und daher in keiner Weise geeignet, um das geistliche Leben seines Sohnes positiv zu prägen, so suchte Hiskia in seiner Ahnenreihe nach Orientierung und fand David, den König Israels, den „Mann nach dem Herzen Gottes“. Es ist ein Segen, wenn man in seinem leiblichen Vater ein Vorbild und einen Wegweiser zu Gott findet. Das lesen wir z.B. von dem König Asarja, der sich von seinem Vater Amazja positiv prägen ließ (2Kö 15,3). Von diesem Amazja lesen wir allerdings, dass er „tat, was recht war in den Augen des Herrn, nur nicht wie sein Vater David; er tat nach allem, was sein Vater Joas getan hatte“ (2Kö 14,3).
Als junger Christ hat mich eine Szene sehr bewegt, die Wilhelm Busch in der Biographie über seinen Bruder, „Johannes Busch – ein Botschafter Jesu Christi“, schildert. Da stehen die beiden Söhne am Sarg ihres Vaters – Wilhelm etwa 24 Jahre alt und Johannes im Alter von 16 Jahren. Sie nehmen Abschied von einem Mann, der ihnen als geliebter Vater, Pfarrer und bekannter Evangelist ein leuchtendes Vorbild war:
„Wir beide standen sehr lange still an seinem
Sarg. Dann gaben wir uns am Sarg die Hand
zu stillem Bündnis: wir wollen das Erbe des
Vaters aufnehmen, wir wollen den Heiland
lieb haben.“

Welch ein Segen, wenn wir als Väter und Mütter unseren Kindern ein solches Erbe hinterlassen! Heute sehnen sich viele junge Christen nach Vorbildern in ihrer Familie oder Gemeinde und resignieren sehr oft, wenn solche nicht zu sehen sind oder ihren hochgesteckten Erwartungen nicht entsprechen. Aber dann können auch wir uns in unserer „geistlichen Ahnenliste“ schlau machen und per Biographie das Leben von Männern und Frauen studieren, deren Leben vorbildlich, herausfordernd und wegweisend war. Oswald Sanders hat das sehr schön ausgedrückt:
„Wenn es stimmt, dass man einen
Menschen an seinen Freunden erkennt, dann
erkennt man ihn auch an seiner Lektüre,
denn sie spiegelt seinen inneren Hunger und
sein Verlangen wider. […] Für den Leiter sind Biographien immer wieder
reizvoll, weil sie Persönlichkeiten vermitteln.
Kaum eine andere Gattung der Literatur
kann ihm besseren Unterricht über die
Wege Gottes mit seinen Leuten vermitteln
neben der Bibel. Man kann das Leben großer
Männer und Frauen nicht lesen, ohne dass
dadurch Begeisterung geschürt wird und ein
Verlangen nach ähnlicher Verwirklichung
entsteht.“
4
Hier nur einige der vielen Beispiele, wie das Lesen von Tagebüchern und Biographien das Leben vieler Christen entscheidend geprägt hat: Die Tagebücher von David Brainerd haben u.a. Jonathan Edwards, William Carey und Jim Elliot inspiriert und angespornt. Die Biographie Georg Whitefields hat bei C.H. Spurgeon und Georg Müller unauslöschliche Spuren hinterlassen. Durch die Tagebücher Georg Müllers wiederum haben Hudson Taylor und viele andere Mut gewonnen, allein im Vertrauen auf den Herrn den Schritt in die Mission zu wagen. Und wer kann die vielen jungen Männer und Frauen zählen, die in unserer Generation durch Jim Elliots Tagebuch „Im Schatten des Allmächtigen“ zu einem hingegebenen Leben in der Nachfolge unseres Herrn herausgefordert wurden.
Das alles entscheidende Lebensbild
Aber bei aller Wertschätzung guter Biographien sollen und wollen wir keine „Lutheraner“, „Calvinisten“, „Mennoniten“, „Wesleyaner“, „Darbysten“ oder weiterer „…isten“ werden. Auch Leben und Werk dieser Männer soll auf unseren Herrn Jesus hinweisen, dessen Leben und Vorbild das einzige vollkommene „Original-Muster“ für unser Leben sein und bleiben soll. So wie Hiskia nicht bei gottesfürchtigen Vorfahren wie Asa, Josaphat usw. stehen blieb, sondern sich David zum Vorbild nahm, sollten auch wir – bei aller Wertschätzung unserer geistlichen Väter und Mütter – „hinschauen auf Jesus, den Anführer und Vollender unseres Glaubens“ (Hebr 12,2).

 

1 „An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“

2 A.W. Tozer: „Verändert in sein Bild“, CLV, S.22
3 A.W. Tozer „Wie kann man Gott gefallen?“, CLV, S.50

4 Oswald Sanders „Geistliche Leiterschaft“, CMV, S.96/97

 

 

 

Nachtext

Quellenangaben