Zeitschrift-Artikel: Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist (Teil 4)

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Titel: Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist (Teil 4)
Typ: Artikel
Autor: Benedikt Peters
Autor (Anmerkung):

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Titel

Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist (Teil 4)

Vortext

Text

Alle brauchbaren Diener des Herrn im Lauf der
ganzen Kirchengeschichte waren Beter.
Die Reformation
Dass der große Reformator Martin Luther ein
Mann des Wortes Gottes war, ist allgemein
bekannt, dass er ein Beter war, hingegen nicht
so sehr. Luthers „Famulus“ Veit Dietrich, der mit
diesem von April bis Oktober 1530 auf der Veste
Coburg war, schrieb einmal an Melanchthon:
„Ich kann mich nicht genug wundern, wie
einzigartig in diesen harten Zeiten dieses Mannes
Festigkeit, Freude, Glaube und Hoffnung
sind. Er nährt sie auch ohne Unterlass durch eifriges
Studium des göttlichen Wortes. Es vergeht
kein Tag, an dem er nicht zum mindesten drei
Stunden – und gerade die zum Studium geeignetsten
– auf das Gebet verwendet“ (Loewenich,
S. 312–313)
Von Hugh Latimer, einem der Reformatoren
Englands, schreibt Spurgeon in einem Artikel
von „The Sword and the Trowel“:
„Wenn wir lesen, dass Hugh Latimer ununterbrochen
auf seinen Knien lag und rief: ‚Gott,
gib England das Evangelium wieder!‘; dass er
zuweilen so lange betete, bis er sich nicht mehr
erheben konnte, weil er ein alter Mann war; dass
man ihn vom Fußboden des Gefängnisses aufheben
musste und dass er trotzdem weiterflehte:
‚O Gott, gib England das Evangelium wieder!‘,
dann wundern wir uns mit Recht darüber, weshalb
nicht auch einige von uns so beten … Eine
Erweckung ist vor der Tür. Die Wolke hängt über
England, und wir wissen nicht, wie wir sie herunterbringen.
O, dass Gott einige treue Geister
finden möge, die als Blitzableiter fungieren, um
das göttliche Feuer herabzuleiten. Wir sehnen
uns danach, aber unser kümmerlicher Atem hat
keine Kraft, reicht nicht aus, kommt nicht aus
der Tiefe, kann sich nicht durchsetzen.“ (Hayden,
S.40-41)
Die Methodistische Erweckung im 18. Jahrhundert
Das Jahr 1739 wird gewöhnlich als das erste Jahr
jener Erweckung genannt, die im Lauf weniger
Jahrzehnte die ganze angelsächsische Welt
erfasste und bleibend veränderte. Die Hauptwerkzeuge waren Georg Whitefield und die
Brüder John und Charles Wesley.
„Das Treffen an der Fetter Lane wurde zu
einem denkwürdigen Anlass. Außer den rund
sechzig Herrnhutern waren da nicht weniger als
sieben der Oxforder Methodisten, nämlich John
und Charles Wesley, George Whitefield, Westley
Hall, Benjamin Ingham, Charles Kinchin und
Richard Hutchins, alles ordinierte Geistliche der
Church of England. Wesley schreibt in seinen
Tagebüchern: ‚Um drei Uhr morgens lagen wir
vor Gott im Gebet, als die Kraft Gottes so stark
über uns kam, dass viele vor unbändiger Freude
laut riefen, während mehrere zu Boden fielen.
Als wir uns ein wenig vom Schauer vor der überwältigenden
Majestät der göttlichen Gegenwart
erholt hatten, riefen wir alle laut wie mit einer
Stimme: »Wir preisen Dich, o Gott; wir bekennen,
dass Du Herr bist.«‘ Dieses Pfingsten an jenem
Neujahrstag konnte nie mehr vergessen werden.
Es war eine herrliche Vorbereitung auf die
gewaltige Arbeit, in die Whitefield und die Wesleys
eintreten sollten. Es kann uns nicht mehr
verwundern, dass das Jahr, das so anfing, das
bemerkenswerteste in der gesamten Geschichte
des Methodismus werden sollte“ (Luke Tyerman:
The Life of the Reverend George Whitefield, Bd. I, S. 155)
Whitefield berichtet in seinen Tagebüchern
von der ersten Zeit der Erweckung: „Wir hatten
ein Liebesmahl mit den Brüdern an der Fetter
Lane und verbrachten die ganze Nacht im dringlichen
Gebet, mit Psalmen und Danksagung“
(Journals, 1. Jan 1739) „Der Geist der Fürbitte nimmt
in meinem Herzen Tag für Tag zu“ (5. Jan). „Wir
hatten wieder ein Liebesmahl und verbrachten
die ganze Nacht in Gebet und Danksagung an
der Fetter Lane“ (7. Jan). „Dann begab ich mich zu
einem Liebesmahl an die Fetter Lane, wo ich die
ganze Nacht im Gebet verbrachte“ (4. Feb).
Über G. Whitefield sagt der Biograph Philips:
„Das große Geheimnis der Kraft im Leben
Whitefields war seine Gebetsfreudigkeit. Er war
außerhalb des Heiligtums ein Fürst unter den
Predigern, aber nur deshalb, weil er im Heiligtum
wie ein Jakob gerungen hatte. Sein Antlitz
leuchtete, wenn er vom Berg herunterkam, weil
er oben lange mit Gott allein gewesen war“ (zitiert
bei E. F. Harvey: Sieghaftes Beten, S. 12). Whitefield sagte einmal in einem Brief von
sich selbst: „Ich weiß gar nicht zu sagen, wie oft
ich mich ins Gebetskämmerlein flüchte. Täte ich
es nicht, ja, betete ich nicht in einem gewissen
Sinne ohne Unterlass, könnte ich nie jene innere
Zuversicht und Festigkeit behalten, deren ich
mich durch Gottes Segen täglich erfreue.“
Erweckungen im 19. Jahrhundert
Über den großen Evangelisten D. L. Moody sagt
R. A. Torrey: „Ich war mit D. L. Moody persönlich
gut bekannt und kann es bezeugen, dass er ein
wesentlich größerer Beter als Redner war. Immer
wieder wurde er mit schier unüberwindlichen
Hindernissen konfrontiert, aber er wusste den
Weg, auf dem alle Schwierigkeiten gelöst und
überwunden werden können … Er wusste und
glaubte von ganzem Herzen, dass nichts zu
schwierig ist für den Herrn und dass das Gebet
alles vermag, was Gott vermag“ (zitiert bei E. F. Harvey,
S. 16).
Bevor die Erweckung im Jahre 1859 die
Gemeinde heimsuchte, sagte C. H. Spurgeon
in einer Predigt: „Wenn Gott sein Angesicht
verbirgt, können wir nichts tun, um sein Reich
auszubreiten. Keine Erkenntnis, kein Eifer,
keine Begabung schaffen es. Brüder, was wir
tun können, ist dies: Wir wollen so lange zum
Herrn schreien, bis er uns wiederum sein Angesicht
enthüllt. Alles, was uns fehlt, alles, was wir
brauchen, ist Gottes Geist. Geht nach Hause
und betet darum. Gönnt euch keine Ruhe, bis
Gott sich offenbart. Bleibt nicht stehen, wo ihr
seid, seid nicht zufrieden mit dem ewig gleichen
Trott, seid nicht zufrieden mit dem immer gleichen
Ablauf von Formalitäten. Erwache, Zion,
erwache, erwache, erwache! … Was für eine
Veränderung gab es in den Gebetszusammenkünften!
Jedermann schien ein ‚Kreuzritter‘ zu
sein, der das himmlische Jerusalem belagerte,
ein jeder schien gewillt, die himmlische Stadt
‚im Sturm‘ einzunehmen durch die Gewalt der
Fürbitte. Und bald kam der Segen über uns, er
kam in solcher Überfülle, dass wir keinen Raum
hatten, ihn aufzunehmen … Was hatten wir für
Gebetsversammlungen! … der Heilige Geist war
in so furchterregender Weise gegenwärtig, dass
wir in den Staub gebeugt wurden … Der Heilige
Geist kam wie ein Regenschauer, der den Erdboden
erweicht, welcher sich nun willig pflügen
lässt. Es dauerte nicht lange, bis wir von links
und von rechts den Ruf hörten: ‚Was muss ich
tun, um errettet zu werden?‘“ (Iain Murray: The Forgotten
Spurgeon, S. 42. 43)
Erweckungen im 20. Jahrhundert
Bei einigen dieser Erweckungen kann man
zurückverfolgen, dass sie eine Frucht von
Gebetsversammlungen waren, die schon im 19. Jahrhundert begonnen hatten. E. T. Koshy
schreibt zu den Wurzeln einer späteren Erweckung
auf dem indischen Subkontinent: „Im
Jahr 1898 wurde die Gebetswoche des Moody
Bible Institute in einer Gebetsversammlung an
jedem Samstag Abend fortgesetzt, in der man
um weltweite Erweckung betete. Es entstanden
Gebetsversammlungen in Indien, in Ostasien, in
verschiedenen Ländern Afrikas und in Lateinamerika.
Die Gebetsversammlungen in Chicago
standen in besonderer Verbindung zu einer Kette
von Gebetsversammlungen, die in Melbourne
stattfanden, und einem Gebetskreis von mehreren
Tausenden, der von der Keswick Convention
ausstrahlte. Alle diese Faktoren trieben die
Christen in Indien zum Gebet um Erweckung“
(E. T. Koshy: Brother Bakht Singh of India, S. 90).
John „Praying“ Hyde war amerikanischer
Missionar, der von der Presbyterianischen Kirche
nach Nord-Indien ausgesandt wurde. Er war
als Beter das Hauptwerkzeug einer Erweckung
unter den Hindus, die so weit um sich griff, dass
man diese später „The Punjab People‘s Movement“
nannte (Die Punjabi Volksbewegung). Es
kamen dabei Zehntausende zum Glauben. Im
Frühjahr 1904 schloss sich John Hyde mit anderen
Missionaren der gleichen Region (Punjab) zur
Punjab Prayer Union zusammen. Die Mitglieder
dieser Vereinigung beantworteten folgende
fünf Fragen mit Ja und bekräftigen das mit ihrer
Unterschrift:
Betest Du um Erweckung 1. in Deinem eigenen
Leben, im Leben Deiner Mitarbeiter und in
der Gemeinde?
2. Sehnst Du Dich nach größerer Kraft des Heiligen
Geistes in Deinem Leben und deiner
Arbeit und bist Du davon überzeugt, dass Du
ohne Seine Kraft nicht weiterkommst?
3. Wirst Du darum bitten, dass Du dich des
Namens Jesus nicht schämst?
4. Glaubst Du, dass Gebet das wichtigste Mittel
ist, um diese geistliche Erweckung zu erreichen?
5. Bist Du bereit, jeden Tag so bald wie möglich
nach 12 Uhr Mittags eine halbe Stunde zu
reservieren für das Gebet um diese Erweckung?
Bist Du bereit, so lange zu beten, bis
die Erweckung kommt? (Carré, Praying Hyde)
Bakht Singh kam am 6. Juni 1903 in Sargodha im
Punjab zur Welt. Ein Jahr nach seiner Geburt entstand
die oben genannte Punjab Prayer Union.
Etwa zwanzig Jahre später kam Bakht Singh zum
lebendigen Glauben. Man kann mit Recht sagen,
er sei eine späte Frucht jener Gebetsbewegung.
Aber es beteten auch andere Christen für Indien:
„Es ist erstaunlich, was in Honour Oak geschah
in den 30er Jahren, zur gleichen Zeit, da Gott
in Indien anfing Bakht Singh in außergewöhnlicher Weise zu gebrauchen. Der Geist Gottes
gab der Gemeinde in Honour Oak eine Last, mit
besonderem Ernst für Indien zu beten. George
Patterson, einer der Ältesten, war von Indien
zurückgekehrt mit einer schweren Bürde für
Indien, und diese legte sich auf alle Gläubigen in
Honour Oak, bis sie anfingen zu Gott zu schreien
um sein Eingreifen in Indien. Sie flehten ihn auf
Grund von Jesaja 43,19 an, in Indien ein Neues
zu wirken. Zweimal in der Woche lagen über
hundert Gläubige auf den Knieen und riefen zu
Gott, Er möge ein Werk in Indien tun und seinen
Namen verherrlichen“ (Koshy, S. 92).
Eine Antwort auch auf diese Gebete war die
Berufung, Ausrüstung und Sendung Bakht Singhs
zu seinem außergewöhnlichen Dienst in Indien.
Er war das Hauptwerkzeug einer Gemeindebewegung,
die in den Vierzigerjahren des vorigen
Jahrhunderts anfing und durch die in ganz
Indien sechs- oder siebenhundert Gemeinden
entstanden sind. Sie sind, weitgehend bedingt
durch das Vorbild von Bakht Singh, geprägt von
der apostolischen Maxime „wir wollen im Gebet
und im Wort Gottes verharren“.
Der Gründung der ersten dieser Gemeinden
ging viel Gebet und zuletzt eine ganze Gebetsnacht
voraus:
„Wir suchten einen stillen Ort für eine Gebetsnacht
auf … Wir knieten nieder und begannen zu
beten … Wir kamen in den Genuss einer ungestörten
Gebetszeit bis morgens um sechs. Der
Geist Gottes stand uns bei und gab große Freimütigkeit.
Es schienen die Mächte der Finsternis
vor den Heerscharen des lebendigen Gottes
gewichen zu sein. Wie die Stunden verstrichen,
wurden wir immer tiefer in seine Gemeinschaft
gezogen und damit unserer quälenden Sorgen
entrückt. Bei Tagesanbruch schauten wir hinab
auf das unter uns liegende Land … Die Sonne
ging auf und tauchte ganz Madras in ein goldenes
Licht. Uns war, als wollte der Herr sagen:
‚Seht, die Stadt liegt vor euch; geht und nehmt
sie für mich in Besitz!‘ … Schließlich beteten wir
gemeinsam den Herrn an und brachen das Brot.
Das war ein für Madras bedeutsamer Tag, weil
an jenem Tag die Versammlung, wie wir sie jetzt
kennen, ins Leben gerufen wurde. Als wir dann
den Zug nach Madras wieder bestiegen, war uns,
als ob das Abteil in Flammen stünde, so sehr war
die Kraft und Gegenwart Gottes unter uns. Bei
jedem Halt kamen die aussteigenden Passagiere
neugierig vor unser Abteil um zu sehen, was da
vor sich ging, während wir immer wieder den Chorus ‚Du Herrlicher von Golgatha‘ sangen“
(Rajamani, R. R.: Durchbruch – Geistliches Erwachen in Südindien,
S. 91–93).
Im Herbst 1976 hatte ich das Vorrecht, Bakht
Singh persönlich kennen zu lernen, als er die
Schweiz besuchte. In einer Predigt, die er damals
in der Bethel Kapelle in Zürich hielt, sagte er:
„Im Westen gibt es ganz wenige Christen,
die beten können. Sie können gut predigen, sie
können schön singen, sie können viel Aktivität
entfalten, sie können harte Arbeit verrichten,
sie können viel Geld ausgeben für das Werk des
Herrn, sie können um die Welt reisen und das
Evangelium predigen, und doch wissen nur sehr
wenige, richtig zu beten … Der Herr hat gemäß
Lukas 6,12 die ganze Nacht gebetet … Es ist
möglich, eine ganze Nacht zu beten. Wir haben
es in Indien getan. Und immer, wenn wir befähigt
wurden, eine ganze Nacht zu beten, haben
wir erlebt, wie der Himmel sich auftat. Wir haben
gesehen, wie die mächtige Kraft Gottes wie
Feuer fiel. Wir haben gesehen, wie harte Herzen
weich wurden, und wir haben gesehen, wie Ketten
der Sünde zerrissen. Wir haben gesehen, wie
Leben verändert wurde – nicht durch Botschaften,
nicht durch Bibelwissen, nicht durch andere
Mittel, sondern durch Gebet, durch ausharrendes
Gebet, durch Gebetskampf, durch Gebetsnot!“
John Sung: Er war der große Evangelist der
Erweckung 1927–1937 in China. Tausende und
Abertausende kamen in den 13 Jahren seines
Wirkens in China zum Glauben. Über ihn schrieb
der Missionar Boon Mark, der ihn während zweier
Evangelisationen aus der Nähe kennengelernt
hatte: „Er redet wenig, er predigt mehr, aber am
meisten betet er“ (Lyall, S. 168).
Martyn Lloyd-Jones: Er war der vielleicht größte
Verkündiger und Evangelist Großbritanniens im
20. Jahrhundert. Man kann mit einem gewissen
Recht sagen, er sei für die englischsprachige
Welt in seinem Jahrhundert das gewesen, was
Spurgeon für das 19. war. Über ihn sagte seine
Frau Bethan einmal: „Niemand wird meinen
Mann wirklich verstehen, ehe er begriffen hat,
dass er zu allererst ein Mann des Gebets ist, erst
dann ein Evangelist.“
1974 sagte M. Lloyd-Jones während einer
Pastorenkonferenz in Bala (Wales): „Die beiden
größten Zusammenkünfte meines Lebens waren
beides Gebetsversammlungen. Um alles in der
Welt würde ich sie nicht verpasst haben wollen.“

Nachtext

(Mit dieser Folge beenden wir die Serie über das Gebet von Benedikt Peters, weil inzwischen das Buch mit den
weiteren Kapiteln unter dem Titel „Lehre uns beten“ erschienen ist – siehe Buchbesprechung auf Seite 21.)

Quellenangaben