Zeitschrift-Artikel: Einleitende Bemerkungen zur Offenbarung (Schluß)

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Titel: Einleitende Bemerkungen zur Offenbarung (Schluß)
Typ: Artikel
Autor: Martin Heide
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Titel

Einleitende Bemerkungen zur Offenbarung (Schluß)

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Text

Zur Auslegungsgeschichte der Offenbarung


Einen neuen Einschnitt erfährt die Ausle­gungsmethodik durch das Werk des Abtes Joa­chim von Floris (gest. 1202). Joachim berechnet die Dauer der Zeit des Neuen Testamentes auf 42 Generationen (entsprechend den 42 Genera­tionen von Abraham bis Jesus Christus) = 1260 Jahre. Danach würde das Friedensreich - na­türlich eine Zeit der Mönche - beginnen, in dem glückliche Menschen in kontemplativen Kommunitäten (nach dem Vorbild früher "Mönchs"-Orden wie die der Therapeuten bei Philo von Alexandrien, 25 n. Chr.) unter einem Mönchsorden gedeihen. Er glaubte die Kirche und sich als in der unmittelbaren Endzeit be­findlich. Auch er sieht also prinzipiell die Of­fenbarung als Kirchengeschichtsbuch an, wenn er auch im Gegensatz zu den "Jüngern" des Ticonius ein wirkliches Reich erwartete, an dessen Schwelle er sich dachte. Der Mönchs­orden der Franziskaner nahm dann auch tat­sächlich diesen Gedanken auf; eine Segenszeit konnte also nur unter ihrem Einfluß gedeihen; da sie aber noch im Streit mit dem Papst standen und der Frieden eben noch auf sich warten ließ, warteten sie weiter auf dieses Reich und erklärten den Papst und die Kleri­ker zum Antichristen und seinem Gefolge.

Diese Identifikation des Papstes mit dem An­tichristen hat die Kirche über drei Jahrhunderte bis nach der Reformationszeit geprägt. Ein gründlicher Einblick in die Schriften Daniels, die Rede des Herrn (Match. 24) und natürlich im Kontext damit in die Offenbarung hätte sie eigentlich davon überzeugen müssen, daß der Antichrist und die Trübsalszeit eine jüdische Bedeutung hat; der Papst kann bestenfalls ein Antichrist sein (1. Joh. 2), nicht aber der An­tichrist!

Typisch für solche und ähnliche spektakulären Auslegungsergebnisse ist das subjektive Bibellesen - man fragt nicht: Was will Gott uns in Seinem Wort mitteilen? Von wem redet Er?, sondern geht wie selbstverständlich davon aus, daß z.B. die Offenbarung nicht nur für uns, sondern auch über uns geschrieben ist - als würde es nie ein anderes Volk als die Christen geben! Aber schon dem Abraham, der als erster in der Bibel als "Prophet" bezeichnet wird (1. Mo. 20,7), hat Gott Dinge mitgeteilt, die ihn nicht unmittelbar betrafen, nämlich das Gericht an Sodom und Gomorra (1. Mo. 18)! Als Söhne, zu denen wir gemacht sind (vgl. Gal. 4), möchte der Vater uns Einblick in Seine Ge­danken und Heilswege geben, auch wenn sie uns nicht direkt betreffen!


Die Reformatoren

Die Reformatoren Luther und Calvin standen dem apokalyptischen Material der Offenbarung sehr skeptisch gegenüber, was sich größtenteils daher erklärt, daß sie den katholisch-allegori­sierenden, zum Teil märchenhaften Auslegungen der ganzen Bibel keinen Vorschub leisten woll­ten. Die Offenbarung ist das einzige neute­stamentliche Buch, das Calvin nicht ausgelegt hat, und Luther schrieb in der Vorrede zur Offenbarung Johannes, im Jahr 1522:

". . . Mir mangelt an diesem Buch verschiede­nes, so daß ich es weder für apostolisch noch für prophetisch halte . . daß ich es dem vierten Buch Esra (eine apokryphe Schrift) gleich achte und in allen Dingen nicht spüren kann, daß es von dem Heiligen Geist verfaßt sei".

Etwas milder urteilt er 1530:

" ... Es haben wohl viele sich daran versucht, aber bis auf den heutigen Tag nicht Sicheres aufgebracht, etliche viel Ungereimtes aus ihrem Kopf hineingedeutet . . . dieweil es eine Offenbarung künftiger Geschichte und insbeson­dere Unglücke der Christenheit sein soll, erachten wir, daß es der nächste und gewisseste Weg sein sollte, wenn man die vergangene Geschichte . . nähme und dieselbe mit diesen Bildern (d.h., den Bildern der Offenbarung) zu­sammenhielte und so auf die Worte hin vergli­che ...".


Die Jesuiten

Die eigentliche Abkehr von der Auslegungspra­xis seit Ticonius und Augustin bis Luther brachten seltsamerweise die Jesuiten. Gegen­über den Reformatoren sind sie im Zugzwang, um den Papst vom Makel des Antichristen zu befreien; gleichzeitig sind sie "von Haus aus" der Tradition verpflichtet - was ist da leichter als der Griff in den Bücherschrank zu den alten Auslegern wie Irenäus, Hippolytus, Victorinus etc?! Bahnbrechend wirkte hier Franciscus de Ribera (gest. 1591), der in einem 600seitigen Kommentar die Geschehnisse vom sechsten Siegel an (Offb. 6+7) als zu seiner Zeit noch zukünftig sah; er lehrte eine Sammlung und Rückführung der Juden und ihre Annahme ei­nes Pseudomessias während der Drangsal; damit konnte der Papst gar nicht mehr der Antichrist sein! Einen interessanten Sprung in Riberas Auslegung findet man jedoch ab Offb. 20; vieles ist ihm in diesem Kapitel "obscurissi­mus" (höchst merkwürdig), und er unterbricht seine ab Kap. 6 streng chronologische Ausle­gung, um nun wieder zur Auslegung der eta­blierten Kirche seit Augustinus zurückzukehren: Das tausendjährige Reich sei die Zeit der Gemeinde (allerdings seit Christi Tod am Kreuz, nicht, wie bei Augustin, seit Konstan­tin), die Herrschenden in Offb. 20, 4+5 sind die frühen Märtyrer, die jetzt schon (!) mit Chri­stus im Himmel herrschen, usw. Ribera "springt" also nur zugunsten des Papstes in seiner Auslegungschronologie für die Zeit der Trübsal in die ferne Zukunft (und stimmt darin mit den ganz alten Auslegern überein), sonst spiegelt er die Auslegung der starken katholi­schen Tradition seit Augustin wider.

Auch die Jesuiten haben also nichts Neues er­arbeitet, sondern nur dankbar auf Altes zu­rückgegriffen, da es ihrer Sache diente. Aller­dings zwangen sie ihre Widersacher u.a. dazu, sich sachlich und an Hand von Bibelkontexten mit der Offenbarung auseinanderzusetzen. Selt­samerweise wird in der heutigen Theologie Ri­beras Auslegung als die erste "wissenschaftli­che" bezeichnet, womit sich diese Leute selbst das Zeugnis geben, daß sich ihre sogenannte Wissenschaftlichkeit nicht wesentlich von der der Jesuiten unterscheidet, indem sie mit Vorurteilen und vorgefaßten Methoden an die Bibel herangehen, ohne auf den Heiligen Geist zu vertrauen. So kann man sagen, daß die Je­suiten in einer gewissen Weise "zurück zum Anfang" gingen, d.h., zu der Auslegung der frühen Kirche, wenn auch aus zweifelhaften Motiven.


Die englischen Protestanten

Im englischen Protestantismus ist man da etwas vorsichtiger, das zeigt sich besonders bei Joseph Mede (um 1630). Aus der nach-reformatori­schen Zeit gibt es wohl kaum einen Gelehrten, der mit größerer Ehrfurcht an die propheti­schen Schriften heranging wie er_ Auch Mede wähnt sich, wie Joachim, in den 1260 letzten Jahren (entspr. den 1260 Tagen aus Offb. 11) der Christenheit; er zählt diese allerdings nicht ab Christi Geburt, sondern von der Etablierung der Kirche und dem Entstehen des Papsttums an, also ab ca. 350 n. Chr. (Seine "Trübsals­zeit" deckt also den gleichen Zeitraum ab wie Augustinus' tausendjähriges Reich!). Er sieht den Papst als Antichrist, kommt aber auf Grund unmißverständlicher Schrift aussagen nicht umhin, eine zukünftige Sammlung Israels und ein noch bevorstehendes tausendjähriges Reich zu lehren. Noch heute von Gewinn kann sein "Schlüssel zur Offenbarun" sein, in dem er auf die parallelen Zeitereignisse der 1260 Tage, 42 Monate, 3 1/2 Jahre von Of f enb. 11-18 hinwies: Wenn das Tier, der falsche Prophet, die Hure Babylon alle in dieser Zeit leben, so müssen notwendigerweise die Kapitel 11-18 von parallelen Zeitereignissen berichten und nicht in erster Linie von chronologisch aufeinanderfolg­enden Geschehnissen. Als erster hat er die heute so beliebten Diagramme entworfen, mittels derer ein Überblick über die Chrono­logie der Offenbarung erleichtert werden kann. Seine Schriften haben die deutschen Gelehrten Vitringa und Bengel beeinflußt sowie die Aus­legungspraxis Wesleys und seiner Zeit.

Was allerdings weder die frühe Kirche noch die Jesuiten (und höchstens in Ansätzen die Ausle­ger seit Mede) gelehrt haben, ist der prinzi­pielle Unterschied zwischen Israel und der Gemeinde oder Versammlung_ Von daher ist die Offenbarung selten frei von spektakulären Einzelheiten ausgelegt worden (vgl. Luthers Vorwort von 1530). Wenn Israel und die ek­klesia miteinander vermischt werden, dann gibt es immer wieder ungelöste Probleme, z.B.:

- Sind die 144000 in Offb. 7 Juden - oder zeigen hier die 12 Stämme "bildlich" die Versammlung? Wenn sie keine Juden sind, wer sind dann die Gläubigen aus "Völkern, Stämmen und Sprachen"?

- Wenn sich der Antichrist nach 2. Thess. 2 in den Tempel setzt - ist damit der jüdische Tempel gemeint oder der geistliche Tempel nach 1. Kor. 3?

- Wenn zwischen Offb. 4 und Offb. 19 auch die Versammlung als auf Erden beschrieben wird, warum steht dann nichts von der Entrückung in der Offenbarung?

- Wenn die Offenbarung über das Schicksal von gläubigen Juden und der Versammlung während der Drangsal berichtet (so sehen es noch heute die Mehrzahl der Ausleger!) - gilt dann nicht mehr, daß "da nicht mehr Jude noch Grieche" ist? Macht Gott in der Zukunft plötzlich unter den Gläubigen einen Unterschied? Kann über­haupt ein jüdisch-nationales Volk neben einem a-politischen Volk wie den Christen existieren? Lehrt nicht das NT die Ausschließlichkeit bei­der Systeme?! Römer 11 zeigt, daß "einige Zweige ausgebrochen sind durch den Unglau­ben". Israel als Nation (außer einem kleinen Überrest) steht nicht mehr in der Gunst Got­tes, da es den absoluten Unglauben gegenüber dem wahren Messias geoffenbart hat. Nach der Verwerfung Israels wandte sich Gott den Nationen zu, d.h. alle Nichtjuden (incl. eines jüdischen Überrestes, Röm. 9) "stehen durch den Glauben" (Röm. 11,20). Aber in der Zu­kunft wird Israel als Nation - die "natürlichen" Zweige - wieder in seinen "eigenen Ölbaum" eingepropft, wird es wieder in der Gunst Got­tes stehen.

Vorher jedoch werden die "wilden" Zweige, d.h. die Nationen ("Du" in Röm. 11), wieder aus­gerissen werden. Das heißt, wenn Israel wieder in der vollen Gnade Gottes stehen wird, wird es den Nationen (als Verantwortliche im christlichen Zeugnis) wegen ihres Unglaubens genauso gehen wie Israel damals: Wegen ihrer Untreue (Verwerfung Gottes wider besseres Wissen; der Abfall in 2. Thess. 2) werden sie gerichtet. (Es geht hier nicht um Gläubige, die ihr Heil verlieren, sondern um Verantwortliche innerhalb des christlichen Kulturgebietes; so, wie auch die ausgeschnittenen Juden von damals keine wiedergeborenen Juden waren, sondern Juden dem Namen bzw. der Nation nach.)

Damit aber haben auch die Gläubigen aus den Nationen während der zukünftigen Zuwendung Gottes zu Israel automatisch den prinzipiellen Stand wie im AT (wie auch jetzt die gläubigen Juden den prinzipiellen Stand wie Nichtjuden haben): Israel steht dann in der unmittelbaren Gunst Gottes, die Nationen in der mittelbaren; so auch im tausendjährigen Reich, z.B. Jes. 2,2-4. Damit ist jedoch auch völlig aufgehoben, was Paulus über den einen Leib gelehrt hat, "wo nicht ist Jude, noch Grieche . .", d.h. wo kein Unterschied zwischen Jude und Nicht­jude ist. Und genau dieser Unterschied, der jetzt aufgehoben ist, wird in Offb. 4 ff. wie­der gemacht!


Die »Plymouth«-Brüder

Neues Licht in die Deutung der Offenbarung brachten die prophetischen Konferenzen zu An­fang des letzten Jahrhunderts in England. Ganz unbeeindruckt von den Traditionen der Kirche begann man wieder neu, das Wort mit dem Wort auszulegen. Entscheidend wirkte sich die Erkenntnis des Unterschiedes der Versammlung zu Israel aus. Die Versammlung als der eine
Leib, "wo nicht ist Jude noch Grieche", die etwas völlig Neues, ein "Geheimnis" darstellte, kann nicht gleichzeitig Israel sein! Wenn also in der Offenbarung ab Kapitel 4 von Israel die Rede ist und die "ekklesia" gar nicht mehr erwähnt wird - wo ist sie dann? Was ist mit den alttestamentlichen Prophezeiungen über Is­rael? Wann findet die Entrückung statt? Was bedeutet es, daß wir mit dem Christus in der Herrlichkeit erscheinen werden (Kol. 3)? Solche und ähnliche Fragen brachten reichen Segen, da man alleine das Wort gelten lassen wollte. (Was nicht heißen soll, daß man alte und neue Auslegungen ignorierte - im Gegenteil, man hat sie nutzen können - oder auch gründlichst wi­derlegt, wie z.B. Kelly in seinem späteren Werk über die Offenbarung den führenden protestan­tischen Ausleger Elliot).

Erst in dieser Zeit wurde ernsthaft die Frage formuliert, ob die Entrückung der Gläubigen vor der Drangsal stattfinden könne. Da auch von der damals erwachenden Neuapostolen-Bewe­gung ähnliche Lehren fomuliert wurden, hat man versucht, einen Zusammenhang zwischen den Visionen einer Margaret Campbell und der Auffassung Darbys herzustellen. Erst ca. 30 Jahre, nachdem Darby zu der Überzeugung ei­ner Vor-Entrückung auf Grund der Schrift ge­kommen war, behauptete ein Anhänger der Neu-Apostolen, Sir Robert Norton, diese Lehre sei ursprüngliches Gedankengut der neuaposto­lischen "Seherinnen". Als Begründung veröffent­lichte er eine recht wirre Prophetie der Miss Campbell, in der jedoch nicht eine Entrückung vor, sondern während der Trübsal ausgesprochen wurde; und nicht die Entrückung der ganzen Versammlung (wie es z.B. die Plymouth-Brüder lehrten), sondern nur eines Teiles der Kirche, einer Gruppe von Auserwählten.

Abgesehen von den bibelkritischen Auslegern (die außer interessanten historischen Daten zur Auslegungsgeschichte nur haarsträubenden Un­sinn hervorbringen) hat sich unter den bibel­treuen Christen die Situation seit der Refor­mation nicht wesentlich geändert; noch immer gibt es solche, die sich als vergeistigtes Israel bzw. im Friedensreich lebend (als Mitherr­sehende über was???) verstehen; solche, die ein Nebeneinander von Kirche und Israel in der Trübsalszeit lehren, und solche, die von der Ausschließlichkeit Israels und der Gemeinde und damit von der Entrückung vor der Trübsal überzeugt sind. Mehr denn je sind wir also darauf angewiesen, die Schrift allein mit der Schrift auszulegen, um uns in Abhängigkeit des Heiligen Geistes ein klares Urteil von den zu­künftigen Geschehnissen zu machen, denn:

"Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren was in ihr geschrieben ist ...".


Nachtext

Quellenangaben