Zeitschrift-Artikel: Ein Land öffnet sich (Eindrücke einer Russland-Reise)

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Titel: Ein Land öffnet sich (Eindrücke einer Russland-Reise)
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Ein Land öffnet sich (Eindrücke einer Russland-Reise)

Vortext

Text

Das monotone Rattern der Räder begleitet uns, während wir uns im Schlafwagenabteil des Zu­ges befinden, der von Odessa nach Kiew fährt. 13 Stunden dauert diese Fahrt und so habe ich Zeit, die ukrainische Landschaft zu betrachten und die Eindrücke der letzten 14 Tage zu ver­arbeiten.

Was hat mich in dieses Land gezogen? Sind es die zahlreichen Bücher, die ich über das Land und die Situation der Christen hier gelesen habe? Liegt es an den vielen rußlanddeutschen Geschwistern, die nun seit einigen Jahren in Deutschland wohnen und deren kernige, ur­wüchsige Frömmigkeit mich immer wieder er­frischt hat?

Jedenfalls bin ich dankbar, daß der Herr mir diese Reise ermöglicht hat. Mit mir war Andrej Rempel unterwegs, der in diesem Land aufge­wachsen ist und bisher beim ERF für russische Sendungen zuständig war. Neben seinen Auf­gaben als Rundfunkjournalist hat er es über­nommen, mir als Übersetzer beizustehen.

Die Hinreise verlief ohne größere Zwischenfälle; zwar wurde ich in Ost-Berlin gründlich, aber freundlich untersucht, weil wir eine Anzahl russischer Bibeln usw. mitgenommen hatten, und ich mußte mir manche Frage gefallen las­sen. In letzter Minute wurden wir dann mit einer Sonderbegleitung zum Flugzeug gebracht, und etwa zwei Stunden später waren wir be­reits in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, von wo aus wir unsere Reiseroute Kiew-Kischi­now-K rasnodar-Odessa-Kiew fortsetzten.

Ich möchte nun versuchen, meine vielen - na­türlich sehr subjektiven - Eindrücke zusammenzufassen und zu ordnen.

Wir haben von der riesigen UdSSR nur einen kleinen Teil besuchen können: Die Ukraine und die Moldau-Republik. Da die Ukraine zu den Republiken gehört, deren Lebensstandard über dem Durchschnitt vieler anderer Republiken liegt, sind meine Eindrücke natürlich nicht repräsentativ für die gesamte UdSSR. Es gibt mit Sicherheit viele Gegenden in diesem Land, denen es, zumindest wirtschaftlich gesehen, schlechter geht als den Ukrainern.


Die wirtschaftliche Situation

Offensichtlich kam ich mit völlig falschen Vorstellungen in diesen Teil der UdSSR. Ich erwartete, daß die Käufer in lange Schlangen vor den Lebensmittelläden anstehen würden und daß sie bleiche, verschüchterte Menschen wären. Statt dessen erlebte ich - besonders in Kiew - ein außergewöhnlich lebensfrohes Volk, meist nach westlicher Mode derart gut geklei­det, daß ich manchmal etwas mitleidige Blicke einfing und man mich dem anderen Teil Deutschlands zuordnete.

Es gibt große Läden, sogar Kaufhäuser, in de­nen man natürlich keine Riesenauswahl findet, aber was man zu einem bescheidenen Leben benötigt, ist reichlich vorhanden_ Zucker war in den letzten Wochen rationiert worden, aber alles andere war in ausreichender Menge zu bekommen_ So haben wir auch vor den Le­bensmittelläden keine Menschenschlangen ent­deckt, wohl aber vor Läden, in denen gerade irgend eine besondere Warenlieferung, wie z.B. Porzellan, eingetroffen war. Dort kam es sogar zu kleineren Keilereien um die vordersten Plätze, so daß die Polizei kommen mußte, um die Ordnung wieder herzustellen.

Natürlich muß man ein wenig laufen, um alles für eine Mahlzeit Notwendige zu kaufen, aber "das macht den Einkauf interessant", wie uns die Geschwister dort lachend bezeugten.

Mir fiel auf, daß das Straßenbild dieser auffal­lend schönen, gepflegten und sauberen Stadt vor allem durch viele junge und alte Männer und Frauen bestimmt wurde, die entweder Blumen, Eis, Getränke, Pfannekuchen, Obst, Gemüse, Bilder und anderes anzubieten hatten und of­fensichtlich einen guten Absatz hatten. Auf diese legale Weise schaffen sich viele Leute ein "kleines" Nebeneinkommen, welches oft das Dreifache des monatlichen Verdienstes aus­macht.

Diese neue Möglichkeit, Kooperative zu gründen - sich selbständig zu machen - nutzen auch viele Christen. Wir lernten einen Bruder ken­nen, der einen kleinen Betrieb besitzt und zur Zeit etwa 60 weitere Christen beschäftigt die dort das Sechsfache eines normalen Monatsge­haltes verdienen und auf diese Weise auch mis­sionarische Arbeit im Lande unterstützen möchten.

Während die Grundlebensmittel und Mieten un­gewöhnlich preiswert sind, muß man allerdings für Elektrogeräte, Luxusartikel usw. sehr viel Geld bezahlen.

In Krasnodar (Kaukasus) und besonders in Ki­schinow (Moldau) bekamen wir allerdings etwas andere Eindrücke. Hier sah man kaum gepflegte Häuser oder Straßen, sondern viel Schmutz, und, besonders in den Nebenstraßen und Außenbe­zirken, oft verkommene Häuser. Hier waren es die Straßen, die auch das Autofahren "interes­sant" machten. In der Moldau-Gegend schienen uns die Menschen überhaupt düsterer und mißtrauischer zu sein, ganz anders als die Ukrainer in Kiew mit ihrer ansteckenden Le­bensfreude und Freundlichkeit. Dennoch haben auch die Außenbezirke dieser nicht so schönen Städte ihren besonderen Reiz: Ungeteerte Straßen, viele kleine, manchmal malerische Holzhäuschen, von einem bunten Bretterzaun und sehr viel Grün umgeben. Wenn man dann erst einmal diese Häuser betritt, wird man von der Gemütlichkeit der Räume und von der un­vorstellbaren Gastfreundschaft der Besitzer überwältigt.

Es gibt große wirtschafliche Probleme in der UdSSR, die auch nicht mehr verschwiegen werden und nur langfristig gelöst werden können. Doch scheinen die Menschen dort wieder Hoffnung zu schöpfen, auch wenn die Demokratisierung zunächst mit einigen Ver­teuerungen verbunden sein wird.


Die politische Stimmung

In den Tagen, als wir die Ukraine besuchten, fanden im Kreml die Wahlen zum Obersten
Sowjet statt. Oberall liefen die Fernseher und übertrugen zum ersten Mal dieses Ereignis in alle Welt. Oft, besonders wenn das Wort "Pe­restroika" fiel, klatschten die Zuschauer ver­gnügt in die Hände und gaben damit ihrer Zustimmung zur Reformpolitik Ausdruck.

Man trifft auch Leute, die sehr kritisch die Demokratisierung verfolgen, aber im allge­meinen spürt man deutlich die Symphatie, die man Gorbatschow und seiner Politik entgegen­bringt.

In Kiew sahen wir gleich am Tag unserer An­kunft vor dem Hauptpostgebäude eine große Menschenmenge, die dort angeregt diskutierte. Man hatte einige Plakate angeklebt, und mit glühenden Gesichtern wurde irgendeine politi­sche Entscheidung in Frage gestellt. Man spürte diesen Menschen geradezu die noch etwas ver­haltene, unterdrückte Freude über die neue, ungewohnte Freiheit ab. Die Miliz diskutierte entweder mit, oder sah gelassen dem Treiben zu. Oft konnten wir sehen, wie in Unterfüh­rungen selbstgemalte Plakate angeklebt wurden, um die sich sofort eine Menschentraube ver­sammelte.

Was auch immer an der Reformpolitik kritisiert werden kann: Zur Zeit darf man in der UdSSR seine Meinung frei äußern, ohne Angst haben zu müssen.


Die geistliche Situation

Natürlich interessierte uns vor allen anderen Dingen die Situation der Christen in Rußland. Unter welchen Bedingungen leben sie, wie sieht ihr praktischer Zustand aus und welchen Ge­fahren sind sie ausgesetzt?

Zunächst einige Zahlen, die allerdings nur aus vorsichtigen Schätzungen bestehen; genaue Zah­len gibt es bisher nicht.

In der UdSSR bekennen sich immerhin etwa 33% der Bevölkerung zum christlichen Glauben. Davon gehören etwa die Hälfte, ca. 45 Mill., den orthodoxen Kirchen an, die in zahlreiche Gruppen gespalten sind. Etwa 9 Mill. gehören zur röm.-kath. Kirche und etwa 7 Mill. zählen sich zu den Protestanten.

Die größten protestantischen Denom inationen sind:
Evangeliums-Christen-Baptisten (etwa 800.000 Mitglieder)
Lutheraner (etwa 600.000 Mitglieder)
Pfingstler (etwa 300.000 Mitglieder)
Reformierte (etwa 100.000 Mitglieder)

Während unserer 14tägigen Reise haben wir ausschließlich Gemeinden der Evangeliums­Christen-Baptisten besucht, die sich in drei Gruppen unterteilen:
1. Registrierte
2. Nichtregistrierte (sog. "Untergrundgemein­den")
3. Autonom Registrierte

Die größte Gruppe, die "Registrierten", hatten sich vor vielen Jahren den Anordnungen des Staates unterworfen, um sich weiter versam­meln zu können. Der Preis dafür war, daß Ju­gend-, Kinder- und evangelistische Arbeit ver­boten waren.

Diese Gruppe hat eine zentrale Leitung in Moskau und jeweils eine Leitung in den Hauptstädten der Republiken. Diese Gremien standen in dem Ruf, politisch unterwandert oder zumindest stark beeinflußt zu sein.

Eine weitere große Gruppe von Gemeinden bil­den die "Nichtregistrierten", die in den 60er Jahren nicht mehr länger unter der Kontrolle des Staates stehen wollten und dann die sogen. "Untergrundgemeinden" gründeten. Im Westen sind diese Gemeinden vor allem durch Männer wie G. Wiens, N.P. Chrapow, M.I. Chorew usw. bekanntgeworden, deren Bücher und Berichte durch das Missionswerk "Friedenstimme", das die Anliegen der nichtregistrierten Gemeinden im Westen vertritt, veröffentlicht wurden. Diese Gemeinden nahmen in den vergangenen Jahr­zehnten teilweise große Benachteiligungen und Verfolgungen auf sich, um ihrer Überzeugung treu zu bleiben. Zur Zeit werden sie nicht mehr verfolgt und es gibt auch keine Gefan­genen mehr, die um ihres Glaubens willen in­haftiert sind.

Eine dritte Gruppe, die "Autonomen", haben sich in den letzten Jahren gebildet und beste­hen meist aus nichtregistrierten Gemeinden, die sich jetzt autonom registrieren lassen können,
ohne einer Zentrale oder einer anderen Art von Kirchenleitung unterstehen zu müssen. Die Gemeinden sind uns durch eine sehr missiona­rische Einstellung und durch ihre Beweglichkeit aufgefallen. Solche Selbständigkeit und Offen­heit für Veränderungen ist gleichzeitig eine Chance und Gefahr für diese Geschwister.

Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, daß man sich vor einer Schwarz-Weiß-Beurteilung der drei Gruppen hüten muß. Es gab regi­strierte Gemeinden, die ähnlichen Verfolgungen ausgesetzt waren wie die nichtregistrierten, und es gab auch einzelne Untergrundgemeinden, die weitgehend ungestört arbeiten konnten. Wir haben dem Herrn hingegebene Geschwister in allen drei Gruppierungen getroffen, und ich möchte mich vor einem Urteil hüten, auch wenn meine Sympathie auf Seiten der ehemals verfolgten Geschwister ist.

Leider sind an manchen Orten die Spannungen zwischen den Gruppen sehr groß und man kann nur beten, daß Gott den verantwortlichen Brü­dern Demut, Gnade, Liebe, Buß- und Verge­bungsbereitschaft schenkt. Wir haben aber auch Orte kennengelernt, wo Gott ein sehr ver­trauensvolles, brüderliches Verhältnis zwischen diesen Gruppen geschenkt hat, und wir sind dankbar dafür.

Die Tatsache allerdings, daß in dem Bund der registrierten Gemeinden auch die Pfingstler sind und dadurch einen Teil der Gemeindeglieder ausmachen, hat dazu geführt, daß die meisten dieser Gemeinden immer wieder mit charisma­tischem Gedankengut in Berührung kommen.

Im Unterschied zu diesen "gemäßigten" Pfingstlern im Bund, die übrigens im allge­meinen die Charismatische Bewegung sehr kri­tisch beurteilen und teilweise ablehnen, gibt es auch die nichtregistrierten Pfingstler, die als sehr radikal gelten und teilweise grobe Irrleh­ren vertreten. Dazu kommen noch die in den letzten Jahren entstandenen charismatischen Gruppen, die z.B. Reinhard Bonnke zur Feuer­konferenz und zu Evangelisationen in die UdSSR eingeladen haben.

Interessant und zugleich erschütternd war für mich die Tatsache, daß in allen Gruppen der
Evangeliums-Christen-Baptisten die ins Russische übersetzten Bücher, Schriften und Videos von Yonggi Cho, R. Bonnke, Kenneth Hagin usw. bekannt und teilweise beliebt waren. Das war für mich der Anlaß zu vielen Gesprächen und Vorträgen, die ich an allen Orten zu diesen Themen halten konnte und die auf großes In­teresse stießen und lebhafte Diskussionen aus­lösten.


Offene Türen

Sehr ermutigend war für uns die Beobachtung, daß wir in allen Gemeinden Geschwister an­trafen, die ein Herz für Evangelisation haben und die jetzige Freiheit nutzen, um auf der Straße, in den Parks, vor Bahnhöfen usw. das Evangelium zu predigen. In einer Gemeinde gehen die Geschwister schon seit über einem Jahr jeden Sonntag in den Stadtpark, um dort Freiversammlungen zu halten.

Es entstehen christliche Zeitschriften; Traktate können gedruckt werden, und in Kischinew (Moldau) haben wir miterlebt, wie die erste moldauische Bibel - in Kischinew gedruckt! -verteilt und verkauft wurde.

Zwar gibt es für die Gläubigen bisher noch keine gesetzlich gesicherte Freiheit, das Evangelium zu verkündigen, aber die Behörden greifen nur in Ausnahmefällen ein, und wir haben Beispiele dafür erlebt, daß Gemeinden teilweise von den Stadtverwaltungen eingeladen wurden, um in öffentlichen Gebäuden mit ihren Chören aufzutreten.

Diese neue Freiheit ist ein großes Geschenk, und sie evangelistisch zu nutzen, scheint mir das Gebot der Stunde zu sein. Die Bevölkerung ist für das Evangelium offen, es kann Literatur gedruckt werden, und es wird wahrscheinlich auch bald möglich sein, eine offizielle Ver­lagsarbeit zu beginnen. An manchen Orten öffnen sich Krankenhäuser, Kinderheime, Be­hindertenheime und Gefängnisse, wohin Christen zum Dienst und zum Zeugnis eingeladen werden.


Das Gemeindeleben

Die Gemeinden selbst sind teilweise sehr groß (1.500 und mehr Glieder), so daß die vorhan­denen Räume nicht für alle Besucher ausrei­chen. In einigen Städten mußten viele Besucher der Zusammenkünfte mit einem Stehplatz zu­frieden sein.

Teilweise besitzen diese Gemeinden aber auch sehr große, schöne Versammlungshäuser, die einen krassen Gegensatz zu den "Bretterbuden" bilden, in denen andere Gemeinden sich ver­sammeln. Die autonome Gemeinde in Kischinew z.B. kommt mit etwa 400 Personen in einem Raum zusammen, der durch Wände aus Preß­pappe, Holz und Plastikfolie zusammengehalten wird. Sicherlich ist das geistliche Leben nicht vom Zustand der Versammlungshäuser abhän­gig, aber irgendwie schienen mir die "kleineren", bescheidenen Versammlungen geistlich mehr Ausstrahlung zu besitzen.
In Krasnodar konnten wir auch eine "Untergrundgemeinde" besuchen, zu deren Zusammenkünften sich etwa 100 Geschwister in einer Privatwohnung treffen.

Die Versammlungen selbst dauern 2 - 3 1/2 Stunden. Es wird viel gesungen; meist predigen drei Brüder, und es wird oft gebetet. Wir ha­ben Versammlungen erlebt, in denen am Ende der Stunde Menschen unaufgefordert nach vorne kamen, vor allen Anwesenden auf die Knie gingen und im Gebet laut ihre Schuld, Lauheit usw. bekannten. Darauf folgte spontan eine längere, bewegende Gebetsgemeinschaft, und um etwa 22 Uhr endete dann die Versammlung, die um 19 Uhr begonnen hatte.

Es ist in manchen Gemeinden Raum für Spontanetät. So wurde an einem Samstag kur­zerhand für 21.30 Uhr eine Sonderversammlung für uns einberaumt, die bis kurz vor Mitter­nacht dauerte_ Nur in den großen, etwas etab­lierten Gemeinden schaut man schon einmal auf die Uhr.


Gastfreundschaft

Überwältigt waren wir von der praktischen Liebe der Geschwister. Sowohl Andrej als auch ich waren zum ersten Mal in diesen Gemeinden; wir waren nicht angekündigt, hatten keine Adressen und kannten dort auch. keine Ge­schwister. Aber bereits nach wenigen Minuten entstand eine Verbundenheit und Gemein­schaft, die so freundschaftlich war, als würde man sich schon jahrelang kennen. Die Ge­schwister dort begegneten uns mit einem un­glaublichen, fast leichtsinnigen, Vertrauen.

Das Bibelwort "nach Gastfreundschaft trachtet" ist uns dort eindrücklich vorgelebt worden. Nach jeder abendlichen Verkündigung wurden wir in eine Familie eingeladen. Dort wurde uns oft noch um Mitternacht ein Essen serviert, wovon sicher selbst hohe Staatsbeamte in diesem Land nur träumen können. Die Ge­schwister schienen es für ein Vorrecht zu hal­ten, uns nur das Beste anzubieten. Diese herz­liche, unkomplizierte Bruderliebe habe ich als besonderes Andenken mit in den Westen ge­nommen.

Ein großer Mangel besteht an guter, weiter­führender Literatur, an Bibelauslegungen und apologetischen Büchern. Hier liegt für uns Christen im Westen die große und wichtige Aufgabe, bibeltreue Bücher zu übersetzen und herauszugeben, um dem Hunger nach gesunder, biblischer Lehre zu begegnen. Notwendig wäre es auch, daß begabte Brüder diese Gemeinden besuchen und in der Bibel unterweisen würden.


Gefahren

In allen Gruppierungen wurden uns folgende Gefahren genannt, die sich auch mit unseren Eindrücken deckten:

1. Die Gefahr falscher Lehren

Die jetzt offenen Türen sind bisher vor allem von Irrlehrern oder von schwarmgeistigen Gruppen benutzt worden, die eine Menge Li­teratur und Videos ins Land gebracht haben. Die Vertrauensseligkeit der russischen Ge­schwister ist allgemein sehr groß, und so übernehmen sie meist völlig unkritisch das, was ihnen angeboten wird. Da sie teilweise auch sehr emotional ansprechbar sind, stoßen dynamische Charismatiker auf große Sympha­tien.

In Kiew z.B. fanden wir uns in einer Ver­sammlung mit Bill Bright und einer Delegation von "Campus für Christus" wieder, und hatten uns die Verkündigung mit ihm zu teilen. Die
Gemeinde dort mußte sich an diesem Abend ein "Wechselbad" gefallen lassen. Während Bill Bright die "Erfüllung mit dem Heiligen Geist" per Schnellverfahren lehrte - die "Erfüllung" im Glauben annehmen, ein Gebet um Erfüllung nachsprechen und abschließend durch Hand­aufheben die Erfüllung bezeugen -, hatten wir natürlich ein ganz anderes Anliegen.

Oft erlebten wir, daß vor uns Delegationen von Pfingstlern die Gemeinden besucht hatten oder ihren Besuch ankündigen ließen. So werden diese Christen dort zur Zeit von allen mögli­chen Lehren geschüttelt. Deshalb ist die bibli­sche Unterweisung von größter Wichtigkeit.

2.Die Gefahr der Verweltlichung

Mit der Möglichkeit, sich durch Nebenverdienste mehr Geld zu beschaffen und ausgeben zu können, ist die Gefahr der Verweltlichung sehr groß. Die neue Offenheit gibt die Möglichkeit für Computerspiele und allen möglichen anderen Zeitvertreib, und die westlichen Modeerschei­nungen und Moralauffassungen machen sich auch immer mehr in den Gemeinden bemerk­bar. Die Gefahr der Lauheit und Trägheit wird zunehmen.

3.Die Ausreise-Sucht

Diese Beobachtung hat mich besonders traurig gemacht. Gerade zu dem Zeitpunkt, wo zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Möglichkeit besteht, jede Form der Evangelisation zu nut­zen, um den vielen Völkern und Menschen der UdSSR das Evangelium zu verkündigen, Jugend-und Sozialarbeit zu beginnen, haben viele Ge­schwister - auch von denen, die nicht deutsch­stämmig sind - nur noch einen Wunsch: in den Westen zu kommen.
Leider wird dieser Drang auch noch von "Weissagungen" aus dem charismatischen La­ger unterstützt, die besagen, daß auf die Kin­der in der UdSSR schwere Zeiten zukommen werden. Die Folge ist, daß viele Gemeinden oft begabte und engagierte Geschwister auf diese Weise verlieren.

4.Mangelnde Gottesfurcht

Erfahrene Brüder aus den Gemeinden drückten das so aus: Mangel an einem Wandel vor Gottes Augen.

Das persönliche Glaubensleben des Einzelnen vor Gott wird oft vernachlässigt. Oft bestimmt die Macht der Tradition und der Gewohnheit das Leben der Gläubigen, so daß viel für eine Er­weckung unter den Christen gebetet werden muß.

5.Angst vor Aktivität

Die begründete Sorge um die gesunde Entwick­lung der jungen Geschwister führt teilweise dazu, daß man aus Angst vor gefährlichen Tendenzen und Unstimmigkeiten usw. geistlichen Aktivitäten von jüngeren Christen manchmal mit Mißtrauen begegnet. Das kann bewirken, daß die oft missionarisch interes­sierte Jugend noch mehr Sympathien für die charismatischen Aufbrüche bekommt und dorthin abwandert.


Unsere Aufgaben

In allen Hotels sind uns Vertreter westlicher Unternehmen begegnet, die unterwegs sind, um neue Umsatzmärkte in diesem Land zu er­schließen_ Überall fanden wir in den Gemeinden Spuren von Pfingstlern und Charismatikern, welche die offenen Türen und die großen Möglichkeiten klar erkannt haben und zu nut­zen wissen.

Was können wir tun und was tun wir?

Es gibt eine. Menge Gebetsanliegen, die viel­leicht durch diesen Bericht etwas deutlicher geworden sind. Wir haben die Möglichkeit, gute Literatur zu übersetzen und zu veröffent­lichen, oder aber zumindest bibeltreue englische Literatur in die UdSSR zu senden, die von vie­len jungen Geschwistern russischer Gemeinden gerne gelesen wird. Wir können durch Besuche Kontakte knüpfen und den Geschwistern mit den Gaben, die Gott uns geschenkt hat, die­nen. Gott bewahre uns davor, daß wir ego­istisch im geistlichen Reichtum ersticken und zur Fruchtlosigkeit erstarren, weil wir kein Herz und Auge für die Nöte und Bedürfnisse unserer Mitgeschwister haben.

Nachtext

Quellenangaben