Zeitschrift-Artikel: Lohnt es sich, zu beten? (4. Teil)

Zeitschrift: 56 (zur Zeitschrift)
Titel: Lohnt es sich, zu beten? (4. Teil)
Typ: Artikel
Autor: William MacDonald Carl T. Knott
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1247

Titel

Lohnt es sich, zu beten? (4. Teil)

Vortext

Text

Wie können wir kühn im Gebet und doch ehrfürchtig sein?

Jesus lehrt uns, daß wir hartnäckig bitten sol­len (Luk. 11,8). Alan Johnson schrieb zu diesem Vers: "Wenn wir das griechische Wort des Ur­textes einmal genau betrachten, so heißt es nicht "ausdauernd" bitten, sondern "kühn" oder "unverschämt". Diese Stelle lehrt uns also nicht ausdauerndes Gebet, sondern mutiges, kühnes Gebet . . .". Norman Grubb schrieb hierzu in demselben Sinne: "Jesus machte hier eine atemberaubende Bemerkung über Gebet . . . Er sagte, ein Beter solle sein wie jemand, der so fest entschlossen ist, das zu bekommen, was er will, daß er alles daransetzt und eine rich­tige Nervensäge wird, bis er es endlich hat. Spät nachts weckt er seinen Nachbarn; er mißachtet die Warnung, daß sein Klopfen die Kinder aufwecken könnte; ja, er klopft sogar noch energischer, nachdem er dies gehört hat, weil er weiß, daß das seinen Nachbarn in dop­pelter Geschwindigkeit zum Öffnen der Türe bewegen wird, um dem Lärm ein Ende zu machen; und schließlich bekommt er alles von ihm, nicht nur drei Laibe Brot, sondern alles, was er wollte, und zweifellos von einem auf die Palme gebrachten "edlen Spender".

Jesus erklärt, daß er dies alles nicht bekam, weil der Nachbar sein Freund war, sondern einfach, weil er so hartnäckig darum bat (wörtlich heißt es an jener Stelle sogar: "un­verschämt darum bat"). Und wenn nun ein un­williger Freund auf diese Weise schon zur Großzügigkeit bewogen werden kann, wie steht es dann mit einem willigen Vater? Christus ermahnt uns hier sicherlich nicht zur Vorsicht oder zögerndem Verhalten, sondern zu großer Kühnheit im Gebet, die gleichzeitig mit großer Demut gekoppelt ist (Hebr. 6,15).

Abraham'war kühn, als er für die Gerechten in Sodom eintrat (1. Mose 18,23-32). Jakob war kühn, als er mit dem Herrn bei Pniel kämpfte (1. Mose 32,24-29). Moses war kühn, als er nach dem Tanz ums goldene Kalb für das Volk Israel eintrat (2. Mose 32,32), als er darum bat, Gott möge mit ihnen ziehen (2. Mose 33,12-18), und auch, als sich die Israeliten über das "tägliche Brot" beschwerten (4. Mose 11,10-15).

Auch der Psalmist wendet. sich kühn an Gott: "Wache auf, werde wach, mir Recht zu schaffen und meine Sache zu führen, mein Gott und Herr!" (Ps. 35,23). "Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß uns nicht für immer!" (Ps. 44,24); und: "Erhebe dich" (Ps. 94,2).

Habakuk demonstrierte gegen Gott, als dieser das Volk durch die Babylonier bestrafen wollte (Hab, 1,1-4; 1,12-17).

Natürlich sollte sich unsere Kühnheit und Ehr­erbietung Gott gegenüber im Gebet die Waage halten. Wir sollten dabei Seine Größe und Ma­jestät nie aus dem Auge verlieren, und wir sollten nie respektlos oder in einem zu locke­ren Umgangston mit Ihm reden. Prediger 5,1 ermahnt uns, nicht voreilig etwas vor Gott zu reden; Ps. 111,9 und 5. Mose 28,58 erinnern uns daran, daß der Name des Herrn heilig und herrlich ist.

Einige zitieren Jesaja 45,11 als Rechtfertigung dafür, daß man Gott etwas im Gebet befehlen könne ("Und wollt ihr mir Befehl geben wegen des Werkes meiner Hände?"). Es ist jedoch er­sichtlich, daß Gott Selbst dies als Frage for­muliert hat. Es gebührt sich nicht für einen Diener, dem Herrn Anweisungen zu geben. Wenn wir sagen, wir "befehlen" Gott etwas an, dann im Sinne von "wir legen es ver­trauensvoll in Seine Hände". Wir wollen unsere Kühnheit im Gebet klar auf die konkreten Zu­sagen in Gottes Wort stellen, aber wir wollen auch daran denken, Dem mit Respekt zu be­gegnen, Der uns auffordert, Ihn zu bitten.


Wie können wir entscheiden, wann wir beten oder unseren gesunden Menschenverstand benutzen sollen?

Diese Frage stellt sich uns wohl am ehesten, wenn es darum geht, was wir frühstücken oder anziehen sollen. Es gibt viele Entscheidungen von geringerer Tragweite, die wir selbst treffen können, ohne den Herrn deshalb fragen zu müssen. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, was wir tun sollen, und wenn wir hierbei nicht gegen ein biblisches Prinzip verstoßen, dann läßt uns der Herr die Freiheit, wie wir uns entscheiden.

Während uns also Gott in einigen Lebensberei­chen Entscheidungen ganz nach unserem Er­messen treffen läßt und dies gutheißt, dürfen wir doch folgendes nicht aus dem Auge verlie­ren:

Erstens: Gott interessiert sich auch für die al­lerkleinsten Kleinigkeiten in unserem Leben. Er hat sogar alle unsere Haare gezählt.

Zweitens: Wenn wir meinen, wir sollten nur mit größeren Angelegenheiten zu Gott kommen, wer bestimmt dann, was größere und kleinere An­gelegenheiten sind? Wer kann voraussehen, welche langfristigen Ergebnisse und weitrei­chenden Konsequenzen aus einer sogenannten Kleinigkeit erwachsen können?

Drittens: Es gibt wirklich nichts, was Gott zu klein wäre. Charles Spurgeon meinte einmal: "Ich hörte, wie jemand über einen gottes­fürchtigen Mann sagte: 'Herr Soundso ist ja ein liebenswürdiger Mensch, aber doch ein wenig sonderbar. Neulich hat er für einen Schlüssel gebetet, den er verloren hatte.' "

Offensichtlich war jener Herr sehr erstaunt darüber, daß man mit so einer Kleinigkeit zu Gott kommen könnte, und er war noch er­staunter, als ich ihm sagte, ich würde auch um die allerkleinsten Dinge beten. "Was", meinte der andere, "Gott wegen eines verlorenen Schlüssels belästigen?" "Doch", meinte ich, "das geht. Wie wichtig muß denn eine Sache sein, damit Gott sich dafür interessiert? Wenn dafür eine bestimmte Größe erforderlich wäre, dann müßten wir aus der Bibel die Mathematik des Gebets lernen. Oft machen uns aber die kleinen Dinge mehr Mühe als die großen Ent­scheidungen. Wenn wir darüber nicht auch mit Gott reden könnten, würde es uns um einen großen Trost bringen."

Der 1. Petrus-Brief ermutigt uns dazu, daß wir alle unsere Sorgen, nicht nur die großen An­liegen, auf den Herrn werfen dürfen, weil Er für uns sorgen wird.

Viertens und letztens: Es gibt Probleme, die wir nach unserem gesunden Menschenverstand entscheiden. Doch jeder hat da seine eigene Auffassung von dem, was gesunder Menschen­verstand ist. Und sehr oft ist dieser gesunde Menschenverstand tatsächlich das Gegenteil von einem Leben aus dem Glauben heraus. Ein Freund meinte einmal zu mir: "Der gesunde Menschenverstand ist manchmal nicht viel bes­ser als Rattengift in den Angelegenheiten Gottes."


Warum sollen wir denn überhaupt beten, wenn Gott schon vorher weiß, was wir wollen?

Es ist richtig, daß Gott alles weiß, daß Er auch schon vorher weiß, was wir wollen. Doch hier muß sich die Wahrheit mit der Tatsache die Waage halten, daß Gott Sich dafür ent­schieden hat, uns die Wahl und die Handlungs­freiheit zu lassen. Er hat Sich dafür entschie­den, uns anzuhören und uns unter den richtigen Bedingungen unsere Bitten zu gewähren. Jakobus 4,2 sagt deutlich, daß wir nichts haben, weil wir nichts bitten. Wenn wir Gott um etwas bitten, nehmen wir eine Stellung der Abhängigkeit und Unterwürfigkeit ein, mit der wir Gott ehren.

Wir sollten beten, weil der Herr es uns geboten hat. Die Aufforderungen in Lukas 11, "bittet, sucht, klopft" beziehen sich auf das Gebet. Lukas 18,1 lehrt uns als eine unserer Ver­pflichtungen, wir sollen "allezeit beten". 1. Thess. 5,17, "betet ohne Unterlaß", ist eben­falls ein Gebot. Gehorsam verlangt Gebet.

Wir sollten beten, weil Gebet die Welt verän­dert. Jemand meinte einmal hierzu: "Wenn ich bete, erlebe ich Führungen. Bete ich nicht, passiert auch nichts." Jesus sagt: "Bittet, so wird euch gegeben" (Joh. 16,24). Und Jakobus bezeugt uns, daß das eindringliche Gebet eines Gerechten viel ausrichtet.

Das Gebet bestimmt auch das Maß unserer Wirksamkeit für Gott. Es wurde schon richtig gesagt, daß unser Einfluß an der Anzahl derer gemessen werden kann, die unsere Gebete be­nötigen, und an der Anzahl derer, die für uns beten. Wir sollten beten, weil das Werk Gottes ohne Gebet nicht getan werden kann. Man kann zwar einen Dienst ohne Gebet tun, aber dann ist es'nicht Gottes Werk.

Wir sollten beten, weil wir der Vollmacht nie näher sind als wenn wir in dem mächtigen Namen Jesu beten. Wir werden nie vollmächtig sein, nicht einmal im Himmel, doch im Gebet üben wir weitaus mehr Macht aus als wir es auf irgendeine andere Weise tun könnten. Wir sollten beten, weil, wie es ein Schriftsteller einmal ausdrückte, wir Ereignisse von welt­weiter Bedeutung und den Lauf der Geschichte ändern können durch die einfachen Mittel des Fastens und Betens. Ich meine, es war auch derselbe Schriftsteller, der die Aussage machte, die Christen hielten durch das Gebet das Gleichgewicht der Mächte aufrecht.

J.H. Jowett schrieb:
"Welche Dienste liegen doch in unserer Hand, um im Wunderreich des Gebets Wunder wirken zu können! Wir dürfen Sonne und Wärme an kalte, finstere Orte bringen. Im Gefängnis der Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit dürfen wir das Licht der Hoffnung entzünden. Gefan­genen dürfen wir die Ketten lösen. Wir können auch in ein fernes Land Gedanken und Trost an unser Zuhause mitnehmen. Wir können de­nen, die im geistlichen Kampf schwach gewor­den sind, eine himmlische Erfrischung übermit­teln, selbst wenn sie auf der anderen Seite des Ozeans arbeiten. Wunder über Wunder auf un­sere Gebete hin! Und die großen Wunder lassen auf sich warten, weil wir nicht auf unsere Knie fallen und beten."

Es ist schon eine erstaunliche Sache, daß der uns von Gott gegebene Wille dazu benutzt werden kann, Gott durch unsere Gebetsunwil­ligkeit zu behindern und sich ihm zu widerset­zen_ Möge das den Lesern dieses Artikels nie­mals nachgesagt werden können. Wir alle haben es nötig, unsere Gebetslosigkeit zu bekennen, darüber Buße zu tun, und zu beten.


Sollten wir laut oder leise beten, wenn wir allein sind?

Gott hört uns gut, ob wir nun laut oder leise beten, und deshalb - hängt es davon ab, was uns lieber ist. Manche fühlen sich wie in einem Selbstgespräch, wenn sie laut beten, doch ein fortgesetztes lautes Beten ist das beste Heil­mittel dagegen. Manche sind der Ansicht, lau­tes Betens erhöhe die Konzentration und ver­leihe dem Gebet mehr Wirklichkeit. Viele der Gebete Jesu waren hörbare Gebete. Wenn wir laut beten, hat es den Vorteil, daß wir die Kunst, uns mit Gott zu unterhalten, besser lernen, wenn wir hören, wie es klingt. David sagt: "Ich aber will zu Gott ruf en" (Ps. 55,17).


Dürfen wir einfach »Du« zu Gott sagen?

Im Griechischen, der Ursprache des Neuen Te­stamentes, gibt es keine zwei Anredeformen, kein "Sie" und "Du"; es gab nur ein Wort, mit dem Jesus z.B. einmal den Vater anredete, und dann wieder die Jünger. Im Englischen ist es heute ähnlich mit der Form "You", die sowohl für • die formelle Anrede als auch für den ver­trauten Umgang gilt.

Wir dürfen Gott mit "Du" anreden; diese ver­trauensvolle Anrede kann dennoch unsere ganze Ehrerbietung enthalten und muß durchaus nicht plump oder respektlos sein. Es kommt wie bei allem auf die Herzenshaltung an. Wir brauchen auch kein antiquiertes Bibeldeutsch mit Gott zu reden; er versteht nicht nur Lutherdeutsch, sondern er spricht unsere Alltagssprache.

Gebet sollte ein natürliches Gespräch sein. Wir sollten so mit Gott reden, wie wir sonst auch reden. Wir brauchen uns vor Gott nicht zu ver­stellen. Unsere Gebetssprache sollte kein Test dafür sein, wie geistlich wir sind.


Ich traue mich nicht zu beten, weil ich nicht solche Worte gebrauchen kann, wie andere Christen

Das sollte ein Plus und kein Minus sein. Du liegst genau richtig, wenn Du einfach mit Gott redest und dabei kein Amtsdeutsch oder irgendwelche "kanaanäischen" Ausdrücke ver­wendest, die Dir überhaupt nicht liegen.

R.M. Offord schrieb dazu:
"Bitte Gott in Schlichtheit Wahre Bedürftigkeit vergißt Formalitäten. Was uns auf dem Herzen brennt, werden wir ihm so sagen, wie die Funken vom Amboß des Hufschmieds stieben. Eine Seele, die nach Gott und Seiner Gnade dürstet, hat keinen Gefallen an kunstvoll for­mulierten Phrasen, langatmigen Sätzen oder umständlichen Wörtern. Wie kurz sind doch die Sätze jenes unsterblichen und unwandelbaren Gebetes, das Jesus Seine Jünger lehrte! Nicht ein langes Wort findet sich darin. "Versuchung" ist mit das längste, und die meisten Wörter haben nur zwei Silben. Möchtest Du andere im Gebet anleiten? Dann sprich dabei kein Wort, das die anderen nicht verstehen könnten. Drücke ihre Bedürfnisse genauso aus wie Deine eigenen."

Wir sollten auch daran denken, daß kurze, in­tensive Gebete in der Öffentlichkeit oft ein Zeichen für längere persönliche Gebetszeiten sind. Jemand, der nämlich öffentlich Dauerge­bete führt, betet vielleicht zuhause niemals so. Das Gebet aus Matthäus 6 kann in weniger als einer Minute gebetet werden. Dies wiederum lehrt uns, daß wirksames Gebet nicht unbedingt lang sein muß.


Handelt Gott nur auf Gebet hin?

Hier würde so mancher mit einem unüberlegten "Natürlich tut er das" antworten. Doch viel­leicht sollten wir nicht zu schnell zu diesem Schluß gelangen. Zumindest ist es möglich, daß Gott seit Erschaffung der Welt nichts anderes tut außer dem, was unsere Gebetser­hörungen darstellt.
Wenn ich Menschen begegne, die sich gerade für Jesus entschieden haben und Christen ge­worden sind, dann frage ich oft: "Wer hat für Sie gebetet?" Und meistens nennen sie dann eine Großmutter, einen Nachbarn oder einen Freund, der immer für sie gebetet hat.

Spurgeon sagte:
"Das Gebet ist der Vorläufer der Gnade. Wenn wir die Heilsgeschichte betrachten, so werden wir feststellen, daß kaum jemals eine besondere Gnade Gottes diese Welt erreichte, ohne daß nicht vorher gebetet worden wäre ... Gebet ist immer das Vorwort des Segens. Es ist so­zusagen der Schatten, den der Segen voraus­wirft ... Bekämen wir den Segen, ohne darum bitten zu müssen, dann wäre er in unseren Augen vielleicht etwas ganz Gewöhnliches. Doch wenn wir darum gebeten haben, dann ist die Gnade Gottes in unseren Augen wertvoller als der kostbarste Edelstein."

In seinem Buch "God and the Nations" schrieb Harry Lacey:'

"Es ist fraglich, ob der Mensch, ob Christ oder Nichtchrist, überhaupt etwas erhält außer durch Gebet» Die Aussage, die Gott in Hesekiel 36,37 macht, 'auch noch um dieses werde ich mich vom Hause Israels erbitten lassen, daß ich es ihnen tue ... ist wahrscheinlich ein blei­bendes Prinzip_ Obwohl Gott so gerne gibt, freut er sich sehr, wenn die Menschen Ihn suchen und auf Seine Gnade warten; dies entspricht Seiner erhabenen Würde."

Wir haben nichts, weil wir nicht bitten, und nicht etwa, weil es nicht in Gottes wunder­barem Plan wäre (Jak. 4,2).

"Nicht auf die Länge des Gebets, sondern auf die Kraft kommt es an. Wenn unser Gebet nicht so viele Schwanzfedern des Hochmuts, sondern statt dessen ein recht kräftiges Paar Flügel hätte, so würde es um so besser auf­steigen." C.H. Spurgeon

(Fortsetzung folgt)

Nachtext

Quellenangaben