Zeitschrift-Artikel: Über die Diskussion des Verhältnisses zwischen Bibel und Psychologie

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Titel: Über die Diskussion des Verhältnisses zwischen Bibel und Psychologie
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
Autor (Anmerkung):

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Titel

Über die Diskussion des Verhältnisses zwischen Bibel und Psychologie

Vortext

Text

I. Theoretische Ansätze


Die Vereinbarkeit des christlichen Glaubens mit der Psychologie ist heiß umstritten. Die Diskussion kon­zentriert sich dabei vor allem auf einen Teilbereich der Psychologie, die sogenannte Klinische Psychologie oder Psychotherapie.
Um dem Leser bei seiner eigenen Urteilsfindung eine Hilfestellung zu geben, wird der Diskussionsstand hier zusammengefaßt und auf einige wichtige Veröffentli­chungen hingewiesen.
In Anlehnung an Carter/Narramore, Crabb und Ou­weneel lassen sich bei dieser Auseinandersetzung in der "christlichen" Literatur fünf Grundpositionen unter­scheiden.


1. Das reduktionistische Modell
("Nicht-anders-als" - Ansatz)

Vertreter dieses Ansatzes lesen die Bibel durch die Brille ihrer jeweiligen psychologischen Theorien und benutzen die Aussagen der Heiligen Schrift lediglich als Anschauungsmaterial ihrer eigenen psychologischen Erklärungsmuster. So ist für sie die Lebensgeschichte Josephs beispielsweise nichts anderes als eine Kompen­sation seines Minderwertigkeitsgefühls aufgrund sei­ner Geschwisterposition. Die Berichte über dämoni­sierte Menschen sind nach diesem Ansatz nichts ande­res als Beschreibungen neurotischer und psychotischer Erscheinungen usw.
In diesem Modell werden biblische Begriffe wie Sün­de, Fleisch, Gewissen psychologisch (meist psychoa­nalytisch) umgedeutet. Das Christentum verliert da­durch seinen Inhalt und seine Kraft.


2. Das dualistische Modell
("Getrennt, aber gleichwertig")

Nach dieser Auffassung ist die Bibel ein zuverlässiger Leitfaden, wenn es um Fragen des christlichen Glau­bens und der christlichen Lebensführung geht. Bei psychischen Störungen jedoch gibt sie über die ange­messene Behandlung genauso wenig Auskunft wie im Falle einer Lungenentzündung oder Karies. Der Um­gang mit psychischen Problemen fällt in den Bereich der "wissenschaftlich gebildeten" Psychotherapeuten. Es gibt also nach diesem Modell getrennte Bereiche, der geistliche für den Seelsorger und der psychische für den Psychotherapeuten.

Die grundsätzlichen Probleme dieses Ansatzes sind leicht auszumachen:

a.) Es gibt keine neutrale, wertfreie Psychotherapie, sondern Konzepte, die auf ganz bestimmte Vorannah­men z.B. hinsichtlich des Menschenbildes und der moralischen Werte beruhen.
Diese Vorannahmen sind im Falle der Psychothera­pien größtenteils unbiblisch.
b.) Psychische Störungen stehen oft im Zusammen­hang mit Problemen wie Schuld, Angst, Groll, unkon­trollierten Trieben, falsch gesetzten Prioritäten und Selbst­sucht, oder haben ihren Ursprung darin. Selbst beim oberflächlichen Lesen der Bibel stellt sich schnell her­aus, daß sie zu dieser Art von Problemen eine Menge zu sagen hat.
c) Das Modell geht von einer Aufteilung des Men­schen in einen seelischen und einen davon getrennten geistlichen Bereich aus. Von der Heiligen Schrift her läßt sich dieser Dualismus nicht nachvollziehen.


3. Das biblizistische Modell
(nur die Bibel, keine Psychologie)

Die Autoren dieses Modells gehen davon aus, daß die Bibel alle notwendigen Informationen liefert, um bei psychischen Problemen erfolgreich Hilfestellung lei­sten zu können. Die Existenzberechtigung einer (Klini­schen) Psychologie als Wissenschaftsdisziplin wird geleugnet.
Lediglich bei psychischen Störungen, die eine biolo­gische Ursache haben, wird die Hilfe eines Arztes ak­zeptiert. Deidre und Martin Bobgan, die Autoren des Buches "Psychotherapie oder biblische SeelsOrge", sind Vertreter dieses Ansatzes.
Verglichen mit den bisher genannten Modellen weist dieser Ansatz insofern in die richtige Richtung, als die Bibel darin für alle Bereiche des menschlichen Daseins bedingungslos als unfehlbares Wort Gottes ernst ge­nommen wird. Auch hat er seine Verdienste darin, die Unvereinbarkeit zwischen dem Menschenbild, dem Weg der Lösung in psychischen Krisen, den ethischen Wert­vorstellungen usw. der Bibel einerseits und der ge­bräuchlichen Psychotherapiekonzepte andererseits zu zeigen.
Biblizistische Seelsorgemodelle - vor allem die Pio­nierarbeit von Jay Adams ist hier zu nennen - haben dazu beigetragen, die Psychotherapie zu "entmystifi­zieren": Die psychotherapeutischen Konzepte geben sich einen wissenschaftlichen Anstrich, der auch viele Chri­sten vor Ehrfurcht erstarren läßt. Tatsache ist jedoch, wie die biblizistischen Autoren zeigen, daß sie weitge­hend auf Annahmen und Setzungen beruhen, die weni­ger Ergebnisse der Wissenschaft sind, sondern die Ideen, Vorlieben und Interpretationsmuster der jeweiligen Be­gründer widerspiegeln. Den biblizistischen Autoren ist es zu verdanken, das Vertrauen vieler Christen in Got­tes Wort auch bei der Bewältigung psychischer Krisen gestärkt zu haben.
Die Frage ist jedoch, ob die Anwendung biblischer Prinzipien die (Klinische) Psychologie als Wissenschafts­disziplin erübrigt. Gibt die Bibel tatsächlich Auskunft über alle für die Bewältigung psychischer Krisen hil­freichen Fakten?
Damit soll nicht der Anwendung unbiblischer Thera­piemodelle das Wort geredet werden. Vielmehr geht es darum, auf der Grundlage biblischer Prämissen, wie in anderen Wissenschaftszweigen auch, die Zusammen­hänge zu erforschen bzw. vorhandene Ergebnisse auf ihre Brauchbarkeit für einen Christen zu prüfen.
Die Aufteilung der Zuständigkeiten, wobei der Arzt für körperliche und der Seelsorger für psychische Stö­rungen zuständig ist, beruht auf einem Leib-Seele­Dualismus, der sich wohl aus der griechischen Philoso­phie (Platonismus) ableiten läßt, jedoch weder durch die Bibel noch durch die psychosomatische Forschung bestätigt wird (siehe dazu Ouweneel "Herz und Seele",
S. 57 ff.).


4. Das Integrations-Modell
(Integration: Versuch, verschiedene, manchmal wesensfremde Teile zu einem Ganzen zusammen­zufügen.)

Die meisten christlichen Fachleute auf dem Gebiet der Psychotherapie versuchen, eine Synthese aus den biblischen Aussagen und ihrem psychologischen Fachwissen herzustellen. Sie machen in der Behand­lung psychischer Störungen Anleihen bei den verschie­denen Psychotherapiekonzepten und übernehmen Me­thoden und Erklärungsmuster, die für sie nicht im Wi­derspruch zur biblischen Wahrheit stehen. Bekannte Vertreter dieses Ansatzes sind Carter/Narramore, Crabb, Horie, Pfeifer, Dieterich und Wanner.
Die Gefahr dieses Vorgehens liegt darin, die Bibel durch die Brille einer unchristlichen Theorie zu sehen und umzudeuten. Nur zu leicht bleiben die unbibl ischen Werte und Veränderungskonzepte in ihrem Kern erhal­ten und werden lediglich mit einem christlichen Zuk­kerguß versehen. Als Beispiel dafür sei das Konzept der Selbstliebe erwähnt, das aus der Humanistischen Psy­chologie stammt und von vielen christlichen Psycholo­gen vertreten wird.
Das Problem dieses Modells liegt darin, daß es kein sorgfältig ausgearbeitetes Raster, kein Sieb gibt, um für einen Christen brauchbare Aussagen der Psychologie von unbrauchbaren, weil im Widerspruch zur Bibel ste­henden, zu trennen.


5. Psychologie auf biblischer Grundlage

Sowohl in Bezug auf biblizistische als auch auf inte­grationistische Modelle gingen die wesentlichen Impul­se von amerikanischen Autoren aus. Sie haben die Not gesehen, daß die Seelsorge mehr und mehr von Psycho­logen übernommen wurde, die quasi eine Ersatzreli­gion etablierten und daß auch viele Christen mangels christlicher Alternativen mit ihren Problemen bei ihnen Zuflucht suchten. Dem amerikanischen Hang zum Prag­matismus folgend, haben sie Seelsorgekonzepte ent­worfen, die wichtige Pionierfunktionen haben, jedoch von Einseitigkeiten und Widersprüchlichkeiten nicht frei sind. Vor allem mangelt es an einer sorgfältig aus­gearbeiteten Fachphilosophie, die ihren Ausgangspunkt in der Heiligen Schrift hat und in ihr verankert ist. Eine solche Fachphilosophie einschließlich eines christlichen Menschenbildes kann nicht das Ergebnis der Integra­tion von Bibel und Psychologie sein, sondern muß am Anfang stehen. Sie muß die Kriterien liefern, an denen vorhandene Ergebnisse und Konzepte der Psychologie auf ihre Annehmbarkeit für Christen geprüft werden. Gleichzeitig würde sie die Basis darstellen für die empi­rische Forschung und Entwicklung anwendungsbezo­gener Konzepte. Den Versuch einer Grundlegung in dieser Hinsicht findet man bei Ouweneel.
Die Psychologie im vorwissenschaftlichen Sinn hat eine lange Tradition in der Christenheit. Der Begriff "Psychologie" geht wahrscheinlich zurück auf den Re­formator Philipp Melanchthon. Das erste ausdrücklich als "Psychologie" bezeichnete Buch stammt von dem calvinistisch geprägten Professor der Universität Marburg, Rudolf Goeckel (1547-1628). Es trug den Titel "Psychologia, hoc est, de perfectione hominis" (Psy­chologie, das ist, über die Vervollkommnung des Men­schen). Nachdem sich die Psychologie vor mehr als hundert Jahren als eigenständige akademische Diszi­plin etablierte, haben sich zahlreiche Richtungen auf
unterschiedlicher weltanschaulicher Basis entwickelt (materialistisch, phänomenologisch, naturalistisch, idealistisch usw.). Eine Psychologie auf biblischer Basis ähnlich wie die in den letzten Jahrzehnten entstehende (kreationistische) Biologie auf biblischer Basis gibt es leider bislang nicht.


II. Sollte ein Christ psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen?

Tatsache ist, daß es zahlreiche Christen gibt, die unter psychischen Störungen leiden. Sie sind natürlich verun­sichert durch die unterschiedlichen, teils widersprüch­lichen Standpunkte. Sollten Christen, wenn sie - um extreme Beispiele zu nennen - schizophren sind oder autistische Kinder haben, psychiatrische Hilfe in An­spruch nehmen? Ist Psychotherapie tatsächlich im be­sten Fall wirkungslos, in den meisten Fällen jedoch schädlich, wie beispielsweise Bobgan und MacDonald behaupten?
Zu der Frage der Wirksamkeit von Psychotherapien sind etwa 3.500 Untersuchungen veröffentlicht wor­den, mehr als ein Mensch lesen kann. Verschiedene Metaanalysen, die sich auf Studien berufen, in denen psychotherapeutisch behandelte Menschen mit Kontroll­gruppen von Nichtbehandelten mit gleichen oder ähnli­chen Symptomen verglichen wurden, kommen zu fol­genden übereinstimmenden Ergebnissen:

- 80% der behandelten Patienten ging es nach der Therapie besser als den Nichtbehandelten. Diese Er­folgsquote ist vergleichbar mit einer allgemeinen medi­zinischen Behandlung, wenn man z.B. mit Kopf- oder Magenschmerzen zum Arzt geht, oder von systemati­schem Unterricht, in dem Schülern Prozentrechnung u.ä. beigebracht wird.
- Bezogen auf die Frage, welche der verschiedenen therapeutischen Richtungen am effektivsten arbeitet, könnte man mit Alice im Wunderland sagen: "Every­hody has won and all must have prizes" (Jeder hat gewonnen und alle müssen Preise bekommen). Es gibt keine mittleren Wirkungsunterschiede zwischen den ver­schiedenen Therapiearten. (Huber, Grawe, Ouweneel, S. 327 ff.)

Das bedeutet allerdings nicht, daß sich jede Therapie und jeder Therapeut gleich gut für jede Symptomatik und jeden Patienten eignet. Es handelt sich um statisti­sche Mittelwerte. Nach einem Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes von Meyer et al. aufgrund einer Metaanalyse, die sich auf 897 metho­disch qualifizierte Studien bezieht, gelten diese Wir­kungsnachweise für relativ ausgearbeitete Therapiemo­delle verhaltenstherapeutischer, psychodynamischer und - mit gewissen Einschränkungen - gesprächstherapeuti­scher Orientierung.
Für andere Richtungen wie Gestalttherapie, Transak­tionsanalyse, biogenetische Ansätze, autogenes Trai­ning, systematische Familientherapie usw. stehen über­zeugende Wirksamkeitsnachweise aus (Meyer et al.). Aus diesen wenigen Anmerkungen wird deutlich, daß die Sache mit der angeblichen Nutzlosigkeit bzw. Schäd­lichkeit von Psychotherapie nicht so einfach ist. Sicher muß man bedenken, daß eine Effektivität von Psycho­ therapie hinsichtlich des Abbaus von "krankhaften" Sym­ptomen nicht ausschließt, daß sie vor allem für Christen schädliche Auswirkungen haben kann.
Was nützt es z.B. einem Christen, wenn ihm nach einer psychodynamischen Behandlung die Angst vor Spinnen oder geschlossenen Räumen vergangen ist, er aber gleichzeitig aufgrund der therapeutischen Beein­flussung Gott nur noch für eine Projektion seiner ver­drängten oder idealisierten Vatervorstellungen hält.
Es ist relativ einfach, einem Christen bei allgemeinen Lebensproblemen wie Eheschwierigkeiten, Schlaflo­sigkeit; Erziehungsproblemen etc. von einem Psychia­ter abzuraten und anhand der Bibel und der eigenen Lebenserfahrung eine Beratung vorzunehmen.
Schwieriger wird es bei tiefgreifenden Störungen wie Autismus und Schizophrenie, Anorexia nervosa und manisch - depressive Psychosen.
Psychiatrische Hilfe grundsätzlich zu verteufeln be­deutet, das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen zu vergrößern.
Ich halte es in solchen Fällen für dringend geraten, die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch zu nehmen, u.a. auch deswegen, weil man bei diesen Fachärzten die größte Fachkompetenz im Hinblick auf die Behandlung mit Psychopharmaka erwarten kann, die sich z.B. im Fall der Schizophrenie als sehr hilfreich erwiesen hat.
Sicherlich ist es am besten, als Christ die Hilfe eines bibeltreuen Psychiaters zu suchen. Leider sind diese nur sehr dünn gesät, sodaß diese Möglichkeit nicht immer gegeben ist. Unter solchen Umständen würde ich als Angehöriger eines an tiefgreifenden psychischen Störungen Leidenden auch den Rat eines ungläubigen Psychiaters suchen, seine auch über eine pharmakolo­gische Therapie hinausgehenden Vorschläge unter Gebet prüfen, ihm meine Bedenken offen sagen und gegebe­nenfalls seine therapeutische Hilfe annehmen.
Die Rücksprache mit Glaubensgeschwistern, die geist­liche Erfahrung und eventuell auch Sachkenntnis ha­ben, kann in diesem Fall sehr nützlich sein.

Nachtext

Quellenangaben

Literatur:
Bobgan, M.u.D., 1991, Psychotherapie oder biblische Seelsorge, Bielefeld.
Grawe, K., 1981, Vergleichende Psychotherapieforschung. In: Minsel, W. und Scheller, R. (Hrsg.): Brennpunkte der klinischen Psychotherapie, Bd. 1, München. Huber, U. 1987, Psychotherapie heute - Nur Gewinner? In: Psychologie heute Nr. 6,
MacDonald, W., 1991, Psychologie in der Gemeinde - die heilige Kuh der Evangelikalen? In: Fest und treu, Nr. 59 Meyer, A.E.‚ Richter, R., Grawe, K., Graf von der Schulenburg, J.M., Schulte, B., 1991, Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeuten-gesetzes. Auszugsweise in: Psychologie heute, Nr. 7
Smith, M.C., Glass, G.V.,1977, Meta-analysis of psycho­therapy outcome studier. In; American Psychologist,Nr.32