Zeitschrift-Artikel: William Carey (1761 - 1834) Pioniermissionar in Indien

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Titel: William Carey (1761 - 1834) Pioniermissionar in Indien
Typ: Artikel
Autor: Frank W. Boreham
Autor (Anmerkung):

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Titel

William Carey (1761 - 1834) Pioniermissionar in Indien

Vortext

Text

"Erwartet große Dinge von Gott; unternehmt große Dinge für Gott."


William Carey wird oft der "Vater der modernen Mission" genannt. Er war ein sehr entschlossener Mann, und obwohl er als Sohn eines armen Webers und Lehrers geboren wurde, lernte er, noch bevor er 20 Jahre alt war, Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch und Holländisch und konnte die Bibel in sechs verschiedenen Sprachen lesen. Sein Interesse an Fremdsprachen wurde ihm vor allem in Indien zum großen Vorteil, wo er als Missionar die Serampore­Druckerei gründete. Durch seine Bemühungen wurde die Bibel oder wenigstens Teile davon in 36 Sprachen und Dialekten gedruckt und veröffentlicht.
Außer den Predigten und Bibelausgaben in den ver­schiedenen Landessprachen übersetzten Carey und seine Mitarbeiter auch indische klassische Literatur ins Englische und erarbeiteten Grammatiken und Wörterbücher von mehreren indischen Sprachen.
Die Serampore-Druckerei ermöglichte 300 Millio­nen Menschen einen Zugang zur Bibel.


Der Flickschuster von Moulton

Die Sonne steht schon im Westen und schickt ihre schrägen Strahlen durch die hohen Baumkronen. Sie wirft lange Schatten auf die grünen, sanft gewellten Felder. Gescheckte Kühe liegen friedlich auf den stillen Weiden von Northamptonshire und kauen gemächlich das Gras wieder. Plötzlich hört man auf dem Weg Schritte. Manche von den Kühen stehen entrüstet auf und starren auf die seltsame Gestalt, die ihre Nachmittagsträume so rauh unterbrochen hat. Doch dieser Mann macht ihnen keine Angst, denn sie haben ihn schon oft vorbeigehen sehen. Es ist der Flickschuster des Dorfes. Heute morgen erst ist er auf demselben Weg nach Northampton gewandert. In seinem Mantelsack trug er Schuhe, seine Arbeit von zwei Wochen, zu einem Kunden von der Regierung. Und jetzt trottet er den Weg zurück nach Moulton mit einer großen Lederrolle auf dem Rücken, die ihm Arbeit für eine oder zwei weitere Wochen verschaffen wird. Die Kühe starren ihn genau an. Heute würde ihn die ganze Welt so ansehen, wenn sie es nur könnte. Denn dieser Mann ist William Carey.
Die Kühe sehen ihn an, aber er hat keine Augen für sie. Seine Gedanken sind in Übersee, weit weg, Er ist ein Träumer, aber einer, der auch etwas von Geschäften versteht. Es ist noch nicht 20 Jahre her, da entdeckte er in einem hohen Kastanienbaum, der gar nicht weit von diesem Weg entfernt steht, ein Vogel­nest, das er zu gern haben wollte. Er kletterte hinauf - und fiel herunter. Wieder kletterte er hoch, und wieder fiel er herunter. Zum dritten Mal stieg er hinauf, und beim dritten Sturz brach er sich ein Bein. Ein paar Wochen später - das Bein war noch fest verbunden - mußte ihn seine Mutter für ein oder zwei Stunden allein lassen und ermahnte ihn, er solle, solange sie fort war, ja keine Dummheiten machen. Als sie wiederkam, saß er auf seinem Stuhl, mit rotem Kopf und noch ganz aufgeregt, und auf seinem Schoß hielt er das Vogelnest!
"Hurra, Mutter! Endlich habe ich es geschafft! Hier ist es, sieh mal!" Du willst mir doch wohl nicht erzählen, daß du noch einmal auf den Baum geklettert bist!"
"Ich konnte nicht anders, Mutter. Ich konnte es nicht lassen, wirklich nicht! Wenn ich mit einer Sache anfange, dann muß ich sie auch zu Ende bringen!"
Auf Denkmälern, die zu Ehren von William Carey errichtet wurden, auf Büsten, Plaketten und Sockeln, auf Titelseiten seiner unzähligen Biographien oder unter Bildern, die von ihm gemalt wurden, habe ich oft Inschriften gelesen, bewegende Worte, die er, der so redegewandt war, einmal gesagt hat.
Aber diesen Satz habe ich dabei nie entdeckt. Und doch ist die Antwort, die er damals seiner Mutter gab, wohl das bezeichnendste Wort, das Carey je ausge­sprochen hat.
"Wenn ich mit einer Sache anfange, dann muß ich sie auch zu Ende bringen!" Wenn man genau hinsieht, wird man diesen Satz in seinen Gesichtszügen wieder-finden können - jetzt, da er mit träumerischem Blick den Weg herunterkommt. Wir wollen ihm folgen und werden feststellen, daß er dabei ist, etwas Großes an­zufangen, das er zweifellos auch zu Ende führen wird, koste es, was es wolle.


Ein Herz für die Mission


Sein kleines Zuhause kann man nicht als eine elegant eingerichtete Wohnung bezeichnen. Denn obwohl er Geistlicher, Schuster und Schulmeister in einer Person ist, bringen ihm diese drei Berufe
zusammen doch nicht mehr als etwa 36 Pfund im Jahr ein. Wenn man sich in dem kleinen Raum umsieht, findet man ein paar Hokker, das Schusterwerkzeug und ein paar Bücher: die Bibel, eine Ausgabe von den Reisen des Captain Cook und eine holländische Grammatik. Außerdem hängt noch eine eigenartige Karte an der Wand. Die muß man sich genauer ansehen, denn man kann Geschichte und Erdkunde darin studieren. Es ist eine Weltkarte aus Leder und braunem Papier. Carey hat sie eigenhändig hergestellt.
Diese Karte müssen wir uns genau ansehen, sagte ich, denn sie ist so etwas wie ein Abbild von Careys Seele. Als er eben den Weg herunterkam und weder nach rechts noch nach links sah, dachte er über die Welt nach. Er ist ein Hansdampf in allen Gassen und doch auch ein Mann, der nur ein einziges Ziel verfolgt. "Vielleicht", sagte er vor sich hin, "meint Gott wirklich das, was er sagt!" Die Welt, die Welt" "So sehr hat Gott die Welt geliebt!... Gehet hin in alle Welt!... Die Reiche der Welt sind unseres Herrn und seines Christus geworden! Immer geht es um die Welt.
Tag und Nacht wurde Carey von diesem einen Gedanken verfolgt. Die Weltkarte hing in seinem Zimmer an der Wand, aber dort hing sie nur, weil sie schon längst in seinem Herzen hing. Er dachte darüber nach, er träumte davon und predigte darüber. Und er staunte, denn wenn er mit seinen Pfarrkollegen darüber sprach oder vor seiner kleinen Gemeinde über dieses wichtige Thema predigte, hörten alle mit respektvollem Interesse und gesammelter Aufmerksamkeit zu, aber sie taten nichts.
Schließlich hielt Carey am 31. Mai 1792 seine große Predigt, die Predigt, die man als den Beginn der modernen Missionsbewegung bezeichnen kann, eine Predigt, die Geschichte machte. Das war in Nottingham. Der Text lautete: "Spanne deine Seile lang und stecke deine Pflöcke fest, denn du wirst dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken, und deine Nachkommen werden Völker beerben und verwüstete Städte neu bewohnen."
"Wenn da alle Leute die Stimme erhoben und geweint hätten", so schreibt Dr. Ryland, "so wie die Kinder Israel in Bochim, hätte ich mich nicht darüber gewundert. Das wäre nur eine angemessene Reaktion auf die Predigt gewesen, denn Carey bewies mit so einmaliger Klarheit, was es für ein Verbrechen war, in der Sache Gottes so passiv zu bleiben!"
Aber seine Zuhörer weinten ganz und gar nicht. Sie warteten noch nicht einmal! Sie standen auf und gin­gen aus der Kirche, genau wie sonst auch. Als Carey von der Kanzel herunterkam und sah, wie sich die Leute zerstreuten, ergriff er Andrew Fuller bei der Hand und sah ihn gequält und unglücklich an: "Sollen wir denn nicht irgend etwas tun?" fragte er. "Ach, Fuller, rufen Sie die Leute doch zurück, rufen Sie sie zurück! Wir können es doch nicht wagen, so einfach auseinanderzugehen, ohne etwas zu tun!" Das Ergeb­nis dieser leidenschaftlichen Bitte war die Gründung einer Missionsgesellschaft. Und William Carey bot sich selbst als der erste Missionar dieser Gesellschaft an.
"Wenn ich mit einer Sache anfange, dann muß ich sie auch zu Ende bringen!" sagte er, als er noch ein Schuljunge war.
"Wir können es doch nicht wagen, so einfach aus­einanderzugehen, ohne irgend etwas zu tun!" rief er als junger Pfarrer aus.
"Spanne deine Seile lang und stecke deine Pflöcke fest!"
"Erwartet Großes! Wagt Großes!"
In der sensiblen Vorstellung Careys erschien die er­schütternde Vision von einer Welt, die in höchster Gefahr war, und er konnte keinen Schlaf mehr finden, bis die ganze Kirche auf den Beinen war und etwas tat für die Rettung der Verlorenen. Man hat es sehr schön ausgedrückt, daß es Gott am Ende des 18. Jahrhun­derts gefallen habe, eine schläfrige und lethargische Kirche durch den Klang einer lauten und aufdringli­chen Alarmglocke aus ihrem Schlummer aufzuwek­ken. Und es war William Carey, der in jener Stunde des Erwachens am Glockenstrang zog.
"Wir können es doch nicht wagen, so einfach aus­einanderzugehen, ohne irgend etwas zu tun!"
"Spanne deine Seile lang und stecke deine Pflöcke fest!"


Ein weiter Horizont

Das Leben William Careys kann man als Ergebnis und Beispiel für ein wichtiges Prinzip bezeichnen. Dieses Prinzip hat niemand besser ausgedrückt als der Prophet Jesaja, aus dessen feurigen Reden auch Ca-reys Bibeltext stammt. "Deine Augen", so heißt es da, "werden den König schauen in seiner Schönheit, sehen werden sie ein weithin offenes Land" (Jes. 33,17). Die Schau vom König steht hier in einem engen Zusammenhang mit der Schau von einem wei­ten Land; die Offenbarung des Herrn führt zur Offen­barung eines endlosen Landes.
Das 18. Jahrhundert ist im wesentlichen das Jahr­hundert John Wesleys und William Careys. In dem berühmten Bibelkreis in der Aldersgate-Straße däm­mert die Schau vom König in seiner Schönheit in der Seele John Wesleys. Und in den folgenden fünfzig Jahren wurde diese Sicht durch die Arbeit John Wesleys im ganzen englischen Volk verbreitet. Die methodistische Erweckung im 18. Jahrhundert ist eins der frohmachendsten Ereignisse in der Geschichte Europas. Als dann John Wesley seine Botschaft allen Menschen nahegebracht hatte, stand William Carey auf, um ihnen die Vision der Kontinente vor Augen zu stellen.
"Wir müssen etwas tun!" rief er aus.
"Spanne deine Seile lang und stecke deine Pflücke fest!"
"Erwartet Großes! Wagt Großes!"

Nachdem wir uns nun diese Zusammenhänge vor Augen geführt haben, ist unser Blick geschärft für die Bedeutung der Vorgänge in der Schusterstube. Dort sitzt Carey, die Bibel, aus der er seinen Lieblingstext gelesen hat, aufgeschlagen vor sich und die selbstge­machte Weltkarte an der Wand. Das ist kein Zufall, vielmehr besteht ein geheimer und unvermeidlicher Zusammenhang zwischen beiden. In der Bibel schaute Carey den König in all seiner Herrlichkeit; auf der Weltkarte bekam er den Eindruck von dem weiten Horizont. Für ihn waren diese beiden Dinge untrenn­bar miteinander verbunden. Er wurde in Bewegung gesetzt durch die Erkenntnis des Herrn, die er aus der Bibel bekam, und genauso durch die Vision von dem weiten Land, zu der ihn die Karte inspirierte.
Und so verließ er sein Land und machte Geschichte.


Pioniermissionar und Bihelübersetzer in Indien


In Nottingham hielt Carey seine aufrüttelnde Pre­digt, und in Indien praktizierte er sie dann selbst. Mit den Augen eines Staatsmannes und Strategen erkannte er, daß der beste Weg dafür, den in Europa verloren­gegangenen Boden wiederzugewinnen, darin lag, neue Eroberungen in Asien durchzuführen. Die Ge­schichte ist voll von erstaunlichen, gleichzeitig statt­findenden Ereignissen. Aber besonders bezeichnend ist wohl die Tatsache, daß am 11. November 1793, an dem Tag, an dem französische Revolutionäre das Kreuz von der Kathedrale Notre-Dame herunterhol­ten, es auf der Straße zerschlugen und damit dem Christentum abschworen, William Carey den Hoogh­ly hinaufsegelte, vor Kalkutta vor Anker ging und damit einen neuen Kontinent für Christus mit Be­schlag belegte. Und genau wie ein Staatsmann und Stratege machte er sich daran, in Indien die Arbeit zu tun, zu der er zu Hause seine Gemeinde aufgerufen hatte.
"Spanne deine Seile lang, stecke deine Pflöcke fest!" Mit einer Tuchfärberei fing er an und lernte dann ein Dutzend Sprachen. Er wurde Professor für Bengali, Sanskrit und Mahratta mit einem Gehalt von 1500 Pfund im Jahr. Das alles, um mehr und immer noch mehr Missionare einzustellen und die Arbeit zu vervielfältigen, durch die das Reich Jesu Christi in Indien gebaut werden sollte. Seine Übersetzungsarbeit war ein wahres Wunder.
"Wenn ich mit einer Sache anfange, dann muß ich sie auch zu Ende bringen!" sagte er damals, als er endlich das Vogelnest auf den Knien hielt.
"Tut etwas, tut doch etwas!" flehte er in innerer Qual, als er zusehen mußte, wie die Leute nach seiner Predigt auseinandergingen.
Und in Indien tat er wirklich etwas. Er plagte sich unbeschreiblich. Aber dadurch konnte er auch das Evangelium kreuz und quer in diesem riesigen Land verbreiten. Außerdem baute er die beste Hochschule im ganzen indischen Kaiserreich und schenkte den vielen Volksstämmen dort das Wort Gottes in ihrer eigenen Sprache.


Heimgang

Kurz bevor William Carey starb, kam Alexander Duff in Indien an, ein 24jähriger junger Mann aus dem schottischen Hochland, groß und gutaussehend, mit blitzenden Augen und einer leicht zitternden Stim­me. Ehe er sein eigenes Lebenswerk begann, besuchte er den Mann, der das Gesicht dieses Landes verändert hatte. An einem brütendheißen Tag im Juli kam er in der Hochschule an. "Da erblickte er einen kleinen alten Mann mit gelblicher Gesichtsfarbe in einer weißen Jacke, der mit schwankenden Schritten auf den Besucher zukam, seine Begrüßung entgegennahm und ihn mit ausgestreckten Händen feierlich segnete."
Die beiden mochten sich sofort. Carey, der schon am Rande des Grabes stand, freute sich sehr, den gut gewachsenen und gebildeten Schotten noch zu sehen, der sein Leben der Evangelisierung und Entwicklung Indiens gewidmet hatte. Und Duff hatte das Gefühl, daß der Segen des alten Mannes wie ein lieblicher Duft über seiner Arbeit bleiben würde, durch all die bedeutsamen und epochemachenden Zeiten hindurch, die noch vor ihm lagen.
Nicht lange danach lag Carey auf dem Sterbebett, und zu seiner großen Freude kam Duff, um ihn noch einmal zu besuchen. Der junge Schotte erzählte dem Veteran, wie sehr er ihn bewunderte und liebte. Mit flüsternder Stimme, die kaum noch zu hören war, hat der Sterbende seinen Besucher, doch mit ihm zu beten. Der willigte gern ein und nahm dann traurig Abschied von dem gebrechlichen alten Mann und wandte sich zum Gehen. Als er an der Tür war, glaubte er, seinen Namen gehört zu haben. Er drehte sich noch einmal um und sah, daß Carey ihn zu sich heranwinkte.
"Herr Duft', sagte der Sterbende, und sein Ernst verlieh seiner Stimme noch einmal neue Kraft, "Sie haben gerade so viel von Dr. Carey gesprochen. Wenn ich nicht mehr da bin, dann sagen Sie doch nichts mehr von Dr. Carey - sondern nur noch von Dr. Careys Heiland!"
Habe ich vorhin gesagt, als der unbedeutende Schu­ster auf dem Weg in Northamponshire die Kühe auf­schreckte, daß er nur über die Welt nachdachte? Da hatte ich unrecht: denn vor allem dachte er ja an den Heiland, den Heiland dieser Welt!
Und doch hatte ich auch wieder recht, denn die zwei Gedanken sind eigentlich nur einer. "Der König - die Kontinente" "Der Heiland - die Welt!"
Als er noch ein junger Mann war, wurde Carey die Schönheit des Königs offenbart. Die unausweichliche Folge war, daß er sein Leben mit der Eroberung des Landes verbrachte, das sich sehr weit vor ihm aus­dehnte.

Nachtext

Quellenangaben