Zeitschrift-Artikel: Hugh Latimer (1485 - 1555)

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Titel: Hugh Latimer (1485 - 1555)
Typ: Artikel
Autor: Frank W. Boreham
Autor (Anmerkung):

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Titel

Hugh Latimer (1485 - 1555)

Vortext

Ein Märtyrer der Reformation

Text

Hugh Latimer war ein Märtyrer der Reformation in England. Er studierte in Cambridge und wurde zum Priester geweiht, dann zum Kaplan des Königs Hein­rich VIII. ernannt. Später wurde er Bischof von Worce­stershire. Er weigerte sich, die sechs Artikel des Königs zu unterzeichnen, denn er sah in ihnen eine Rückkehr Englands zum Katholizismus. Aus diesem Grund wur­de er im Tower in London festgehalten und dort später durch die Königin Maria auch eingekerkert. Unter ihr wurden er und Nicholas Ridley und fast 300 weitere führende Protestanten auf dem Scheiterhaufen verbrannt.


Der Volksprediger am Königshof

Es herrscht Aufregung in den Straßen von London! Wer ist das nur, den die Menge sehen will, wenn er durch die Hauptstraße "Strand" kommt? Frauen reißen die Fenster auf und sehen voller Bewunderung hinaus, Ladenbesitzer rennen schnell hinter ihren Verkaufsti­schen hervor und stürzen sich ins Gedränge, als er nä­herkommt; Lehrlinge werfen ihr Werkzeug beiseite und laufen aus vielen kleinen Gäßchen und Wegen hinaus auf die Straße; Fuhrleute binden die Zügel fest und lassen ihre Pferde einen Moment lang ohne Aufsicht stehen; die Gasthäuser leeren sich, während der Zug immer näher rückt. Jeder bemüht sich, wenigstens einen Blick auf das Gesicht dieses Mannes zu werfen, wenn möglich, den Klangseiner Stimme zu hören, oder, noch besser, seine Hand zu ergreifen, wenn er vorübergeht.
Dieser Mann ist Hugh Latimer, der Schrecken der Übeltäter, das Idol des einfachen Volkes, und mit den Worten eines Chronisten seiner Zeit "der ehrlichste Mann in ganz England". Einzig durch seine Charakter­stärke hat er sich aus der armseligen Hütte eines Land­arbeiters zum Bischofspalast hochgearbeitet, eine Lei­stung, die im 16. Jahrhundert ohne Beispiel und noch nie dagewesen war.
"Mein Vater war ein Lehnsmann", sagte er in einer Predigt, die er in Gegenwart des Königs hielt, "und konnte keinen Quadratmeter Land sein eigen nennen; er bearbeitete ein paar Äcker, die ihm im Jahr höchstens drei bis vier Pfund einbrachten, und auf diesem Land plagte er sich und schaffte soviel wie ein halbes Dutzend Männer. Er hatte Weideland für hundert Schafe, und meine Mutter molk Tag für Tag dreißig Kühe. Mich aber schickte er zur Schule, sonst könnte ich nicht heute vor Eurer Majestät predigen."
Doch sein Aufstieg hat ihn keineswegs verdorben. Er bewahrt sich auch in all seiner Berühmtheit die Haltung der einfachen Leute. Er fühlt wie sie, denkt wie sie und spricht auch wie sie. Von ihm wird wie von seinem Herrn und Meister erzählt, daß das einfache Volk ihn gern hört. Auf Domkanzeln und in königlichen Schloß­kapellen spricht er eine Sprache, die das Volk leicht verstehen kann, er benutzt vertraute Bilder aus der ländlichen Umgebung, der Küche oder dem Kontor; er vermeidet sorgfältig die Pedanterie der Gelehrten und die Kleinlichkeit der Theologen.
Seine Predigten sind, wie Macaulay sagt, "die simple Sprache des einfachen Mannes, der mitten aus dem Volk stammt, der sich ganz und gar eins macht mit ihren Bedürfnissen und Gefühlen und der ihre Meinung mutig vertritt."
Wegen dieser furchtlosen Art, mit welcher der stäm­mige alte Hugh Latimer die Schandtaten der vornehmen Leute, die Hermelinmäntel und goldene Kragen trugen, ans Licht brachte, begrüßten ihn die Londoner begei­stert, als er durch eine der Hauptstraßen kam, um in Whitehall zu predigen. Sie drängten sich, um einmal seinen Mantel zu berühren, und schrien ihm zu: "Gib's ihnen nur, Vater Latimer!"
Da geht er nun; ein Mann mit gesundem Empfinden, mit aufrichtigem Gefühl, mit ernsthaften Absichten und einer deutlichen Sprache; ein Mann, dessen blasses Gesicht, die gebeugte Haltung und die abgemagerte Gestalt zeigen, daß es ihn einiges gekostet hat, sich vom Pflug zum Palast hinaufzukämpfen; ein Mann, der aller Welt erscheint wie ein alter jüdischer Prophet, der plötzlich in das prosaische Alltagsleben von London versetzt wurde!
Er geht durch die Straßen, und die Leute drängen sich um ihn und zeigen ihm ihre Sympathie. Er liebt das Volk und freut sich über das Vertrauen, das sie in ihn setzen. Sein Herz ist einfach und menschlich genug, in dem Beifall, der in seinen Ohren klingt, die süßeste Musik zu empfinden. Soviel zu London; jetzt müssen wir weiter nach Oxford!



"Der ehrlichste Mann Englands" auf dem Schaffott

Es herrscht Aufregung in den Straßen von Oxford! Wer ist das, um den sich die Menge drängt, als er vom Haus des Bürgermeisters zum großen Platz vor dem Balliol College unterwegs ist?
Wieder lehnen sich Frauen weit aus dem Fenster; Ladenbesitzer lassen ihre Verkaufstische im Stich; Lehrlinge werfen ihr Werkzeug beiseite; und Fuhrleu­te lassen ihre Pferde stehen, damit sie ihn anstarren können. Und wieder ist es Hugh Latimer! Er ist noch ein bißchen magerer geworden seit dem letzten Mal, als wir ihn in London sahen; denn er hat inzwischen den Palast mit einem Gefängnis vertauscht. Die Leute drän­gen sich immer noch um ihn und machen ihm das Vorwärtskommen schwer. Aber diesmal umringen sie ihn, um ihn zu verwünschen! Es ist die alte Geschich­te, in der das Volk an einem Tag "Hosianna!" schreit und am nächsten "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"
Die Volksmenge ändert ihre Meinung sehr schnell. Seit damals, als wir ihn in London sahen, ist die Königs­krone auf ein anderes Haupt übergegangen; der Hof hat sich gründlich geändert, um sich den Launen der neuen Herrin anzupassen; die Regierung hat eine deutliche Wende vollzogen, um der Stimmung des Hofes gerecht zu werden; und das Volk ist wie eine Schafherde seinen Führern gefolgt. Sie sind nun bereit, die Männer zu krönen, die sie vorher am liebsten gekreuzigt hätten, und die zu kreuzigen, die sie damals krönen wollten.
Aber Hugh Latimer und sein Begleiter - denn diesmal ist er nicht allein - sind nicht von der Art, die ihr Fähnchen nach dem Wind richten. Hugh Latimer ist immer noch der "ehrlichste Mann von ganz England". Sein Gewissen ist immer noch sein einziger Ratgeber; seine Zunge ist noch frei, seine Seele nicht käuflich!
In Oxford schichtete man fiebernd Holz zum Schei­terhaufen auf. Zwei Männern galt es, echten Briten, die mutig waren und es wagten, zu ihrem Wort und Tun zu stehen. Zwei Männern von der festen Art, die auch das Schlimmste nicht erschüttert, zwei Männern, die Ge­lübde halten und noch im Feuer Christus folgen.
Die Flammen loderten empor, doch konnte auch der dichte Rauch Latimers Seele nicht ersticken. Er sprach zu Ridley: "Freu dich nur, in England wird jetzt eine Kerze entzündet, die durch Gottes Gnade wohl nimmer­mehr verlöschen wird!"
Die Leute, die die zwei umstanden, sie raunten wei­ter, was er sagte. Latimers Licht wird nie verlöschen, so sehr auch Stürme toben werden. Latimers Licht wird immer leuchten, bis einst Trompeten schallend rufen zum Jüngsten Tage des Gerichts.
Der historische Bericht lautet: "Bischof Ridley trat zuerst in die Schranken, angetan mit seinem bischöfli­chen Gewand. Und bald danach kam Bischof Latimer, wie gewöhnlich in seinem Gefangenenrock. Meister Latimer mußte es nun geschehen lassen, daß der Wach­soldat ihm diesen Rock herunterzog. Darunter trug er ein Leichentuch. Als er bereit war, befahl er mit In­ brunst seine Seele Gott und überließ sich dann dem Henker. Dabei sagte er zum Bischof von London die prophetischen Worte: 'Gnädiger Herr, an diesem Tag werden wir in England eine Kerze anzünden, die nim­mermehr ausgelöscht werden wird!'"
Aber nun ist es Zeit, daß wir noch einmal ungefähr 40 Jahre zurückgehen in eine Epoche, die lange vor den beiden Prozessionen liegt, deren Zeuge wir gerade waren. Wir müssen noch genauer wissen, an welcher Flamme das Licht, das diese Kerze entzündete, selbst angesteckt wurde.


Der "kleine Bilney"

Anfang des 16. Jahrhunderts besuchte einer der größ­ten Gelehrten der Renaissance, Desiderius Erasmus, England. Nachdem er an den dortigen Universitäten mit offenen Armen empfangen worden war, kehrte er auf den Kontinent zurück und vertiefte sich wieder ganz in seine Forschungen.
In Cambridge jedoch hatte er zumindest auf einen Ge­lehrten einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck gemacht. Das war Thomas Bilney, der oft auch der "kleine Bilney" genannt wird. Er empfand die Leere der Religion, in der er aufgewachsen war, und spürte, daß Erasmus ein Geheimnis besaß, das englischen Augen anscheinend verborgen war. Deshalb schwor er sich, jede einzelne Zeile zu erwerben, die aus der Feder dieses großen Meisters geflossen war, koste es, was es wolle. In Frankreich übersetzte Erasmus das Neue Testament ins Lateinische.
Bilney brachte es durch seinen Erfindungsreichtum und seinen Eifer fertig, daß auch er bald ein Exemplar davon in die Hände bekam. Welche Wirkung dieses Buch auf ihn ausübte, mag er selbst erzählen: "Meine Seele war krank", so sagt er, "und ich sehnte mich nach Frieden, aber ich konnte ihn nirgendswo finden. Ich ging zu den Priestern, und sie legten mir bestimmte Bußleistungen und Wallfahrten auf, aber aus diesen Dingen konnte meine arme, kranke Seele keinerlei Nutzen ziehen. Doch schließlich hörte ich von Jesus. Als das Neue Testament zum ersten Mal von Erasmus übersetzt und herausgebracht wurde, kam für mich das Licht. Ich kaufte mir das Buch, das mich zunächst eher dadurch anzog, daß es in lateinisch geschrieben war, als daß es das Wort Gottes war, denn zu der Zeit wußte ich noch nicht, was das Wort Gottes bedeutete. Als ich zum ersten Mal darin las - ich erinnere mich noch sehr gut daran - stieß ich zufällig auf diese Worte: 'Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.' Dieser eine Satz hob durch Gottes inneres Wirken meinen armen zerschlagenen Geist so machtvoll empor, daß selbst meine Knochen vor Freude und Fröhlichkeit aufspran­gen. Es war so, als ob plötzlich der Tag anbreche nach einer langen dunklen Nacht."
Aber was hat das alles mit Latimer zu tun?
In jenen Tagen predigte Latimer in Cambridge, und alle, die ihn hörten, waren wie gebannt von seiner Aufrichtigkeit und seiner scharfen Redekunst. Latimer war damals ein strammer Verteidiger der alten Religion und ein unversöhnlicher Feind all derer, die versuch­ten, neue Erkenntnisse einzuführen. Von allen Kloster­brüdern war er der pedantischste, der eifrigste, der sich am meisten einsetzte.
Bilney hörte eine seiner Predigten und hatte ihn sofort gern. Er erkannte, daß dieser Prediger im Irrtum gefan­gen war, daß seine Augen noch nicht geöffnet waren für die erhabene Wahrheit, die seine eigene Seele mit sol­cher Freude erfüllt hatte. Aber er erkannte auch Lati­mers Aufrichtigkeit, seinen Ernst und seine unwider­stehliche Macht und sehnte sich danach, das Instrument von Latimers Erleuchtung zu werden. Wenn er für ihn doch nur das tun könnte, was Aquila und Priscilla einst für Apollos taten! Wenn er ihm Gottes Wege doch noch vollkommener erklären könnte! Das wurde der Traum und einzige Wunsch in Bilneys Leben. "0 Gott", rief er, "ich bin ja nur der kleine Bilney und werde niemals etwas Großartiges für Dich tun. Aber schenke mir doch bitte die Seele dieses Hugh Latimer. Welche Wunder könnte er dann tun in Deinem heiligen Namen!"


Das Wunder geschieht

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Eines Tages, als Latimer von der Kanzel herabsteigt, geht er so nah an Bilney vorbei, daß sein Talar fast das Gesicht des Gelehrten streift. Da schießt Bilney plötzlich ein Ge­danke durch den Kopf. "Ich bitte Euch, Vater Latimer", flüstert er, "würdet Ihr mir die Beichte abnehmen?" Der Priester winkt ihm, und Bilney folgt ihm in den Neben­raum.
Von all den seltsamen Geschichten, die seit der Ein­führung der Beichte reuige Sünder vor den Ohren ihrer Beichtväter ausgebreitet haben, war dies sicherlich die seltsamste. Bilney fällt vor Latimer auf die Knie und schüttet ihm sein ganzes Herz aus, all das, was er so lange für sich behalten hatte. Er erzählt von dem sehn­ lichen Verlangen seiner Seele, von dem Besuch des Erasmus, von dem Erwerb des latainischen Neuen Testaments und erzählt dann von dem Bibelvers, der ihn so getroffen hatte.
"Da stand es schwarz auf weiß", sagt er, und seine Augen füllen sich mit Tränen, "und das war genau das Wort, das ich brauchte. Die Buchstaben schienen zu leuchten: 'Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.' 0 Vater Latiffier", ruft er leidenschaftlich, als ihn die Erinnerung an sein Erleb­nis wieder überfällt, "ich bin zu Priestern gegangen, und sie haben mir nur zerbrochene Zisternen gezeigt, in denen kein Wasser war, und kümmerten sich nicht um meinen Durst. Ich habe die Last meiner Sünde getra­gen, bis meine Seele unter dieser Bürde schier zusam­menbrach. Und dann habe ich erkannt, 'daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin'. Und jetzt, da ich durch den Glauben gerecht gesprochen bin, habe ich Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus."
Latimer wird im Sturm erobert. Er istvöllig überwäl­tigt. Er kennt nur zu gut die nagende Unzufriedenheit und Sehnsucht, von der Bilney spricht. Jahrelang hat er selbst darunter gelitten. Zu Bilneys Verwunderung erhebt sich Latimer und kniet neben ihm nieder. Der Beichtva­ter sucht geistliche Anleitung bei seinem Beicht-kind! Bilney zieht das heilige Buch aus der Tasche, das ihm selbst soviel Trost und Freude gebracht hat. Er findet gleich die Stelle, die er sich immer und immer wieder vorlas: "Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vor­nehmste bin."
Das überirdische Licht erleuchtet Latimers Seele, und Bilney erkennt, daß das leidenschaftliche Gebet seines Herzens erhört wurde. Von dieser Stunde an leben Bilney und Latimer nur für das eine Ziel, Menschen der ver­schiedensten Art und in den unterschiedlichsten Lebens­umständen den unausforschlichen Reichtum Christi zu entfalten.
Hugh Latimer stand vor Königen und ihrem Hofstaat und erklärte: "Ein teuer wertes Wort! Es ist wert, daß man es annimmt. Es ist wert, daß Ihr es annehmt, Eure Majestät, denn was hier verkündet wird, braucht keine Schirmherrschaft. Es ist auch wert, daß Ihr es annehmt, Euer Exzellenz, Euer Gnaden, all Ihr adeligen, vorneh­men Damen und Herren, denn das Evangelium verlangt nicht irgendwelche Gunst von Euch. Es ist vertrauens­würdig, dieses Wort, wert, von Euch allen angenom­men zu werden!"

"Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen."
Niemals vergaß er die Würde und den Wert seiner Botschaft: sie war gewißlich wahr und uni ihrer selbst willen wert, daß auch die edelsten Menschen sie annah­men.
Und schließlich setzte er selbst für diese Botschaft sein Leben aufs Spiel!

Nachtext

Quellenangaben