Zeitschrift-Artikel: Erinnerungen an Wang Ming-tao (1900 -1991)

Zeitschrift: 61 (zur Zeitschrift)
Titel: Erinnerungen an Wang Ming-tao (1900 -1991)
Typ: Artikel
Autor: David Adaney
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1444

Titel

Erinnerungen an Wang Ming-tao (1900 -1991)

Vortext

Text

Am 28. Juli 1991, drei Tage nach seinem 91. Geburts­tag, wurde Wang Ming-tao von seinem Herrn in die ewige Herrlichkeit abgerufen.
Obwohl in Deutschland nur wenigen bekannt, war er in China neben Watchman Nee der bekannteste Verkün­diger des Wortes Gottes.
Mit 23 Jahren Haftstrafe hatten die Kommunisten unter Mao Tse-tung auf die kompromißlose Haltung dieses Bußpredigers reagiert. 1979 wurde er als kranker Mann aus dem Gefängnis entlassen.
David Adaney, der mit Wang Ming-tao in den Jahren vor und nach seiner Haft Kontakt hatte, gibt uns mit seinen Erinnerungen einen lebendigen Eindruck von der Festigkeit und geistlichen Entschiedenheit dieses Kämpfers für die Wahrheit des Evangeliums. Die Autobiographie Wang Ming-taos, die er kurz vor seiner Inhaftierung geschrieben hat, ist vor wenigen Monaten auch in deutscher Sprache erschienen (siehe Buchbesprechungen).


Von dem Tag an, als ich Wang Ming-tao zum ersten Mal in Beijing getroffen habe, hat er einen großen Einfluß auf mein Leben gehabt.
Ich hatte mit der IVCF China in Chongqing zusam­mengearbeitet. Nun, da der Krieg zu Ende war, kehrten Studenten an die Universitäten im Osten zurück und ich wurde gebeten, mit den gläubigen Studenten, die nach Beijing zurückgekommen waren, Kontakt aufzuneh­men. Wir beschlossen, mit einer Gebetskonferenz in der Kirche von Wang Ming-tao zu beginnen, der dann eine Reihe evangelistischer Veranstaltungen folgen sollten, bei denen Herr Wang als Sprecher vorgesehen war.
Mich beeindruckte besonders seine klare Evange­liumsverkündigung und die Fähigkeit, sich die Auf­merksamkeit der Studenten zu bewahren, auch wenn er langesprach . Viele lernten durch seine Predigt Christus kennen.
Ich kann mich besonders an eine Zeit der Gemein­schaft in Tianjin erinnern, als wir 1950 China verlie­ßen. Damals gab er mir ein Exemplar seines Buches "Diese 50 Jahre" - die Geschichte seines Lebens bis dahin. Ich sah ihn erst 1981 wieder, als Ruth und ich ihn in seinem Haus in Shanghai besuchten, kurz nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. Seine unerschütterliche Liebe zum Herrn und die Entschlos­senheit, an der Wahrheit des Wortes Gottes unbeweg­lich festzuhalten waren immer eine Inspiration für mich.


Ein moderner "Johannes der Täufer"


Ich sah in Wang Ming-tao stets einen modernen "Johannes der Täufer". Er hat die Sünde und diejeni­gen, die die Wahrheit des Wortes Gottes leugneten, furchtlos an den Pranger gestellt. Einige warfen ihm vor, er würde die Trennung von der Welt überbetonen, aber in Wirklichkeit war sein Lehren zutiefst praktisch, denn er sprach die tatsächlichen Probleme an, denen junge Leute gegenüberstehen, die in einer nicht-christ­lichen Gesellschaft leben. Er hat sie dahin geführt, sich nicht aus der Gesellschaft zurückzuziehen, sondern ein Leben der Gerechtigkeit zu leben. Jedoch hat er sich unnachgiebig geweigert, mit irgendwelchen Personen oder Organisationen Kompromisse einzugehen, von denen er den Eindruck hatte, daß sie sich der Reinheit der Lehre und des Lebens widersetzten, wie dies in der Schrift gelehrt wird.
Aus diesem Grund verbinde ich mit seiner Person Begriffe wie "gerecht", "kompromißlos", "unerschüt­terlich" und "mutig", aber ich möchte auch seine Gabe, junge Christen zu ermutigen und zu lehren, erwähnen. Er wurde oft als jemand betrachtet, der allen, mit denen er nicht übereinstimmte, sehr distanziert und kritisch gegenüberstand, aber ich lernte in ihm einen Freund kennen, tief geliebt von vielen Menschen, denen durch sein Lehren und die hohen Ansprüche, die er an das Leben des Christen stellte, geholfen worden war.
Frau Wang Ming-tao ist eine äußerst gütige Dame, die sich auch nicht scheute, ihren Mann auf irgendwel­che Fehler hinzuweisen, die er ihrer Meinung nach machte. Ich habe auch davon gehört, wie sie durch ihr Leben in der Zeit der Inhaftierung ein Zeugnis war. Eine Frau, durch die sie mit Grausamkeit behandelt wurde, zog sich eine sehr schmerzhafte Krankheit zu. Frau Wang pflegte sie, betete für sie und führte sie schließlich zum Glauben an Christus.


Ein Vorbild in schwerer Zeit

In ganz China war Herr Wang bekannt wegen seines Dienstes als Lehrer und Schriftsteller. Sie bewunderten sein mutiges Eintreten für die Wahrheit während der Japanischen Besetzung, als er es ablehnte, der offiziellen Religionsorganisation beizutreten. Auch unter den Kommunisten wich er von seiner Haltung nicht ab, daß, wenn die Gemeinde sich der Regierung auch nicht widersetzen soll, sie doch keine Einmischung oder Beschränkung dulden darf, welche die Verkündigung des Evangeliums hindert.
Er wurde der Führer all derjenigen, welche die Gefahr sahen, daß die Gemeinde so von der Politik vereinnahmt werden und damit ihre geistliche Kraft verlieren könnte. Durch seine kühne Haltung wurden Christen im ganzen Land ermutigt und zweifellos wurden jenegestärkt, die in den darauffolgenden Tagen der Prüfung ein Zeugnis in ihren Häusern aufrecht erhielten.

Weil er in China und Übersee so bekannt ist, wurde er der Repräsentant der "Independent House-Chur­ches". Es gibt viele Leiter von Hausgemeinden, aber ihre Namen sind im Westen nicht bekannt. Im Gegen­satz zu ihnen ist Wang Ming-tao jemand, für den das ganze Volk Gottes in der Chinesischen Kirche in Übersee betete.
Als ich Herrn Wang zum ersten Mal nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis traf, sagte er sofort: "Ich war vielleicht wie Petrus, aber nie wie Judas." Als wir bei einer anderen Gelegenheit über seine, von Arthur Reynold herausgegebene Autobiographie "Ein Stein wird geschliffen", sprachen, sagte er: "Ich mag den Titel nicht. Ich bin noch nicht geschliffen." Und dann fügte er hinzu: "Viele Leute haben einen guten Anfang, wenige ein gutes Ende. Sage den jungen Leuten, sie sollen feststehen und sich entschlossen auf die Seite des Herrn stellen."
Die Erfahrung seines eigenen Versagens hat ihn zweifellos demütiger gemacht und in ihm das tiefe Verlangen geweckt, daß Christen "den guten Kampf' wirklich bis ans Ende ihres Lebens kämpfen sollen.
Von der Geschichte Wang Ming-taos können wir lernen, wie Gott in Zeiten der Krise einen geistlichen Führer erwecken kann, dessen Zeugnis von Gottes Vertrauenswürdigkeit und dessen beständige Treue dem Wort Gottes gegenüber viele Christen ermutigt, unbeweglich an ihrem Glauben festzuhalten. Sein andauerndes Gebet und die Ermahnungen, die er den vielen mitgibt, die ihn besuchen, sind eine Stärkung für Hausgemeinden in ganz China.


Was wir von Wang Ming-tao lernen können

Aus den Lektionen, die man von Wang Ming-tao lernen kann, würde ich die folgenden besonders her­vorheben:
1. Die Wichtigkeit seines Dienstes als Hirte und Schriftsteller vor 1955. Sein Einfluß war so groß, weil er in der Verbreitung des Wortes Gottes, sowohl durch den Predigtdienst als auch durch seine Zeitschrift, so treu war.
2. Die Unerschrockenheit, mit der er jeder Regierung und allen religiösen Kräften widerstanden hat, die der Gemeinde Jesu Christi Schaden zufügen konnten.
3. Seine Fähigkeit, in Streitfragen zu erkennen, was auf dem Spiel stand. Das hatte einen kompromißlosen Widerstand gegen die Duldung von gottloser Führer­schaft oder von Lehren, welche die Autorität des Wortes Gottes in der Gemeinde unterhöhlen könnten, zur Folge.
4. Seine Bereitwilligkeit, um Christi willen zu leiden und die Fähigkeit, andere anzuspornen, bis ans Ende seines Lebens mit ihm festzustehen.
5. Seine unabhängige Geisteshaltung, die ihn vor allen organisatorischen Verflechtungen mit ausländi­schen Missionsgesellschaften bewahrte, so daß seine kommunistischen Kritiker ihm niemals vorwerfen konnten, der "Running Dog" (Handlanger) der Impe­rialisten zu sein.

(Übersetzt von H.J. Stecher)


Nachtext

"Gott scheint sich geradezu besondere Mühe zu geben,
uns mit Menschen zusammenzuführen,
die böse, gewalttätig, stolz, empfindlich, egoistisch und grausam sind.
Murrend begehren wir gegen Gott auf,
weil Er uns nicht freundlicher behandelt.
Wir beklagen uns, daß uns ein so schweres Los trifft.
Und wir sehnen uns danach, der Situation zu entfliehen.
Wir erkennen nicht,
daß Gott uns absichtlich an diesen Platz, zu diesen Menschen gestellt hat,
damit die Ecken unserer Persönlichkeit,
die Er so gut kennt,
im Laufe der Zeit vollkommen glattgeschliffen werden mögen."

Wang Ming-tao

Quellenangaben