Zeitschrift-Artikel: "Ins Kino gegangen und Gott getroffen..."

Zeitschrift: 74 (zur Zeitschrift)
Titel: "Ins Kino gegangen und Gott getroffen..."
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1656

Titel

"Ins Kino gegangen und Gott getroffen..."

Vortext


Die Geschichte von Willow Creek

Text

Gedanken zu einem Buch von Lynne und Bill Hybels


Bill Hybels und die von ihm gegründete und geprägte Willow Creek-Gemeinde mit dem Ansatz »Kirche für Distanzierte« ist in den letzten Jahren auch in Deutschland be­kannt geworden. Durch seine Vorträge u. a. auf dem Nürnberger Kongreß, auf dem Kirchentag in Hamburg und auch durch eine Anzahl Bücher, die inzwischen in deutscher Sprache erschienen sind und überall stark empfohlen werden, ist er und sein Programm zur Zeit zu einem viel­zitierten Hoffnungsträger für Gemeinde­wachstum geworden.

In den letzten Monaten kamen oft An­fragen, wie man Willow Creek beurteilen soll. Ob es sich hier um eine neue charisma­tische Welle oder nur um eine neue Varian­te der Gemeindewachsturriskonzepte han­deln würde.

Daher kann man dankbar sein, daß vor einigen Wochen ein Buch von Lynne und Bill Hybels in deutscher Sprache veröffent­licht worden ist, in dem die Geschichte die­ser Gemeinde in Verbindung mit der Le­bensgeschichte Bill Hybels und seiner Frau geschildert wird. Dieses Buch ist recht le­bendig und vor allem mit einer auffallen­den Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ge­schrieben worden, so daß jeder Leser — egal wie er zu Willow Creek steht— einigen Stoff zum Nachdenken und zur Selbstprüfung haben wird.

Die nun folgenden Ausführungen sol­len keine abschließende Beurteilung von Willow Creek sein. Ich habe 13ill Hybels persönlich nur 1993 in Nürnberg gehört und war bei einem Interview mit ihm an­wesend. Außerdem habe ich einige seiner Bücher gelesen, Willow Creek selbst aber noch nicht »life« erlebt. Daher gründet sich mein Meinungsbild vor allem auf das zu­letzt erschienene Buch, das allerdings zum großen Teil autobiographische Züge trägt und daher die Motivation, die Prinzipien und die Arbeitsweise Bill Hybels aus erster Hand erkennen läßt.


Eine seltene Akzeptanz

Erstaunlich ist, daß Willow Creek in Deutschland von Gemeindewachstums­gruppen (»AGGA«), der »GGE« und ande­ren charismatischen Gruppierungen, aber auch von der Evangelischen Allianz und einigen konservativen Gemeinschaften in seltener Einmütigkeit als das Programm zur Stunde auf den Leuchter gestellt wird, obwohl sich Willow Creek nach eigenen Aussagen nicht als eine charismatische, sondern eher als eine im guten Sinn fundamentalistische, evangelikale Ge­meinde versteht. Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß die Bücher von Willow Creek als Coproduktion von den Verlagen Projektion J und Brockhaus vertrieben werden, wobei der erstere stark charisma­tisch geprägt ist (Veröffentlichungen von extremen Charismatikern wie Benny Hinn, John Wimber, C. Peter Wagner und »Pro­pheten« wie Mike Bickle, Rick Joyner usw.) und der andere der Verlag der »Elberfelder Bibel« ist, der sich zumindest von der Her­kunft her als ein Verlag der sog. »Brüder­versammlungen« versteht.


Eine seltene Bandbreite

Es ist nicht leicht, Bill Hybels und sein Programm mit wenigen Sätzen zu beurtei­len. Einige seiner Auffassungen und Prak­tiken muß man eindeutig als unbiblisch ab­lehnen (z. B. Frauen als Älteste und die völ­lige Gleichstellung von Mann und Frau in der Gemeinde, vgl. S. 143; 255). Andere Praktiken wie der Einsatz von Tanz, Thea­ter, Musik und Medien usw. bei den Gemeindeveranstaltungen, wird man — je nach Hintergrund — für bedenklich halten oder verwerfen. Völlig unverständlich ist mir allerdings Hybels Zusammenarbeit mit einem Irrlehrer wie Robert Schuller (S. 57; 80), der mit seinem »Positiven Denken« und »Positiven Bekennen« die Christen­heit mit Ideen und Vorstellungen vergiftet hat, die einerseits zentrale biblische Aussa­gen auf den Kopf steilen und andererseits derart unsinnig sind, daß es unbegreiflich ist, wie Christen mit normalem Verstand diesem Mann Vertrauen schenken kön­nen.(1)

Andererseits ist man positiv erstaunt, wenn wenige Seiten später von dem guten Einfluß von John MacArthur auf Bill Hybels und Willow Creek die Rede ist (S. 89; 119).

Ein ähnliches Wechselbad der Gefühle erlebt man, wenn von R.C. Sproul und sei­nem Seminar in Willow Creek zum Thema »Heiligkeit« die Rede ist, das »zentral in Bills geistlicher Entwicklung war« (5. 115/ 116) und man einige Zeilen später liest, daß durch »Jack Hayford und andere gottes­fürchtige Männer und Frauen Bill ein neu­er, geistlicher Zugang zur Anbetung ver­mittelt wurde« (S. 117). R.C. Sproul ist als konservativer, calvinistischer Theologe und Autor bekannt, während Jack Hayford als extremer Charismatiker einen Namen hat.

Vielleicht lüftet sich an dieser Stelle auch das Geheimnis, warum Bill Hybels zu einer Integrationsfigur für Charisma tiker, Fundamentalisten und Evangelikale ge­worden ist.


Fragen, die wir uns stellen müssen

Aber auch wenn man aus den genann­ten Gründen nicht in die Begeisterung für Willow Creek einstimmen kann, sondern in dieser — wie ich meine — unbekümmer­ten und naiven Zusammenarbeit mit sehr fragwürdigen Leuten eine neue, nicht so leicht zu durchschauende Gefahr auf die Evangelikalen zukommen sieht, wirft Bill Hybels und Willow Creek einige brennen­de Fragen auf, die das Mark unseres prakti­schen Christseins und Gemeindelebens treffen:


1. Was ist Kirche?
Das Bild von der Willow Creek-Kirche als einer Lebens- und Dienstgemeinschaft, in der man alle Sorgen, Nöte und Aufgaben teilt, wo einer für den anderen da ist und jeder als Glied des Leibes ernst genommen wird, fordert heraus. Auch wenn ich die Gemeindesicht von Bill Hybels nicht teilen kann und in einigen Teilen für unbiblisch halte, hat mich der praktische Aspekt die­ ses Gemeindelebens, die praktische Liebe und Anteilnahme, beschämt.


2. Welche Sorge haben wir um die Verlorenen?
Die Leidenschaft, die Phantasie und der Einsatz von Willow Creek, um Außenste­hende zu Christus zu bringen, ist vorbild­lich. Auch wenn man einige Methoden ab­lehnen oder in Frage stellen mag, kann man sich über die Motive und Ziele dieser von Liebe geprägten, aber harten Arbeit nur freuen.


3. Wo bleibt unsere Offenheit und Ehrlichkeit?
Lynne und Bill Hybels schonen sich selbst in ihrem Buch nicht. Ihr persönli­ches Versagen, Sünde, falsche Sichtweisen und Lebenshaltungen, die u. a. bis zur Ehe­krise und zum geistlichen Zusammen­bruch führten, werden in einer Aufrichtig­keit geschildert, die dem Leser hilft, eige­nes Fehlverhalten zu erkennen und eine geistliche Offenheit im Gemeindeleben an­zustreben.

»Von Anfang an bestand kein Zweifel dar­über, daß die Willow Creek Community Church von einem Sünder geleitet wird. Die einzige Frage war, ob es ein ehrlicher Sün­der war oder einer, der seine Gemeinde täuschen und seine Liste von Sünden ver­bergen wollte.«(2)


4. Wie steht es mit unserer Leiterschaft?
Die Geschichte von Willow Creek zeigt deutlich, welche Kräfte mobilisiert werden können, wenn begabte und hingegebene Führer durch Vorbild und Fleiß zielgerich­tet in einer Gemeinde arbeiten und das geistliche Wachstum des Einzelnen im Auge haben.


5. Wie steht es mit unserer Hingabe?
Bei allen Vorbehalten, Bedenken und Befürchtungen, die in mir aufkommen, wenn ich darüber nachdenke, welche Re­sultate zu erwarten sind, wenn Willow Creek in Deutschland gedankenlos kopiert wird, hoffe ich sehr, daß die unbedingte Hingabe an Christus, um die es Bill HybeIs in diesem Buch geht, einen tiefen, nachhal­tigen Eindruck auf jeden Leser hat. Hier scheint ein Mann nicht um seine eigene Ehre besorgt, sondern von einer Liebe und Leidenschaft zu Jesus Christus, zu Seiner Gemeinde und zu den Verlorenen erfüllt zu sein.

»Es handelt sich hier nicht um eine einmali­ge Hingabe, sondern um die tägliche Kapi­tulation. Ich habe Gott immer wieder ver­sprochen, mein Leben völlig für seine Füh­rung zu öffnen — nur um wieder zurückzu­schrecken und einmal mehr zu versagen. Aber ich bin jedesmal wieder auf die Knie gefallen und habe wiederholt, daß es der ehrliche Wunsch meines Herzens ist, Chri­stus bedingungslos zu gehorchen und sein völlig hingegebener Nachfolger zu werden.
Das ist nichts Heldenhaftes. Und daher soll­te es die Norm in jeder Gemeinde sein. Lei­ter sollten ihre Gemeindeglieder dazu her­ausfordern, Jünger zu werden, die nur auf ein Wort Jesu warten und sich uneinge­schränkt unter die Autorität Christi in ihrem Leben zu unterwerfen... Völlige Hingabe —das sollte das Ziel eines Nachfolgers Christi auf den Punkt bringen. Es heißt nicht, wir sollen mehr geben, mehr tun, mehr mitar­beiten, mehr opfern, mehr dienen. Wenn Sie sich für die Führung Christi öffnen, wer­den seine Anweisungen manchmal lauten, mehr zu entspannen, das Tempo zu senken, sich auszuruhen. Der entscheidende Punkt ist, daß es sein Ruf ist. Wir müssen bloß ko­operieren. Unser Vertrauen in ihn sollte groß genug sein, so daß wir bereit sind, uns selbst ihm unterzuordnen und seiner Füh­rung zu folgen, wohin auch immer sie uns bringt.«(3)

Wenn diese Hingabe durch den Dienst Bill Hybels bei seinen Zuhörern und Le­sern geweckt wird, gibt es Hoffnung für die Evangelikalen in Deutschland.
Dann werden sie nicht in den Sog einer zur Zeit populären, erfolgreichen, aber ver­gänglichen »christlichen Modewelle« gera­ten, sondern ihr Herz und Leben unserem Herrn, Seinem Wort und Seinem Werk weihen. Nur eine neue Hingabe an Chri­stus, ein uneingeschränkter Gehorsam Sei­nem Wort gegenüber wird das praktische Gemeindeleben in Deutschland positiv verändern können. Dann werden die Chri­sten an Glaubwürdigkeit gewinnen und durch Christusähnlichkeit eine unbewuß­te, aber starke Anziehungskraft auf Distan­zierte ausstrahlen.






Nachtext

Quellenangaben

Anmerkungen:

(1) Vgl. zu Robert Schuller: W. Bühne: »Spiel mit dem Feuer«, CLV, Bielefeld 1993, S.132-133; S.211 220.
(2) Lynne und Bill Hybels: »Ins Kino gegan­gen und Gott getroffen — die Geschichte von Willow Creek«, Projektion J/Brockhaus 1996, S. 225
(3)ebd. S.232-233