Zeitschrift-Artikel: Im Knast haben Heuchler keine Chance

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Titel: Im Knast haben Heuchler keine Chance
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Im Knast haben Heuchler keine Chance

Vortext

Text

Während unserer Reise nach Sibirien und in den fernen Osten im April dieses Jahres waren wir auch einige Tage in No­wosibirsk zu Gast, um in den dortigen Ge­meinden Vorträge zu halten und mit eini­gen Brüdern Gemeinschaft zu haben, die uns schon seit Jahren zu Freunden gewor­den sind.
Hier trafen wir auch Viktor Leskow wie­der, von dem wir in den vergangenen Aus­gaben gelegentlich berichtet haben. Wir konnten ihm einen Geldbetrag übergeben, der von Lesern von »Fest und treu« einge­gangen war und der bei ihm und seiner Frau große Freude und Dankbarkeit ausge­ löst hat. Nach wie vor lebt er mit seiner Fa­milie auf einem Zimmer und ist damit zu­frieden. Das Geld möchte er benutzen, um eine weitere Evangelisationsreise in eine Gegend zu starten, wo unvorstellbare Ar­mut, Gottlosigkeit und Unmoral herr­schen. Diese Leute liegen ihm so am Her­zen, daß er überlegt, mit seiner Familie in eines dieser verkommenen Dörfer überzu­siedeln.
Die Gemeinde, in welcher Viktor ein geistliches Zuhause gefunden hat, ist in­zwischen um weitere zehn »Knackis« ge­wachsen. Kornelius Kröker, einer der Älte­sten dieser Gemeinde und selbst Vater von 10 Kindern, ist für diese jungen Männer in jeder Beziehung ein Vater geworden, der sie geistlich und auch in allen Alltagspro­blemen mit der nötigen Liebe und Festig­keit begleitet.

Es war für uns eine große Freude, mit diesen Brüdern Gemeinschaft zu pflegen, denn sie haben sich nicht nur bewährt, sondern sind den anderen Gläubigen ein Vorbild an Hingabe und Dienstbereitschaft. Gemeinsam betreuen sie vier Gefängnisse in der Umgebung von Nowosibirsk, wo sie regelmäßig evangelistische Veranstaltungen durchführen und auch die Bibelkreise betreuen, die inzwischen in diesen Gefängnissen entstanden sind.

An einem Abend ha­ben uns einige dieser Brüder bei Tee und Brot ihre Bekehrungsge­schichte erzählt, die ich hier stark gerafft wieder­geben möchte. Vielleicht werden einige Leser er­muntert, für diese jungen Männer und ihre Arbeit für den Herrn zu beten.


Genadi Timochin
»Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kann ich sagen, daß ich zwölf Jahre von meinen Eltern, dreizehn Jahre vom Staat und die beiden letzten Jahre von meinem Herrn erzogen wurde.

Als Schwererziehbarer habe ich zwei­einhalb Jahre in verschiedenen Heimen zugebracht und schließlich zehneinhalb Jahre im Gefängnis wegen Raubüberfällen und Schlägereien.'
Im Knast, wo ich mit meinen Freunden Alkohol und Drogen konsumierte (was meine Haftzeit verlängerte), hörte ich, daß einige Häftlinge mit Drogen Schluß ge­macht hatten, weil sie an Christus gläubig geworden waren. Ich hielt das für unmög­lich, bis ich einige Tage später mit ihnen zusammentraf. Es war, als würde eine Wand zwischen uns stehen. Sie waren kaum wiederzuerkennen und ihre Aus­strahlung war so rein und fast kindlich, daß ich keinen Mut hatte, sie anzuspre­chen oder zur Rede zu stellen.

Kurze Zeit später bekam ich ein christli­ches Buch und bald hatte ich auch Gele­genheit, in der Isolierhaft ein Neues Testa­ment zu lesen. Dort habe ich auch zum ersten Mal ernsthaft gebetet, Gott möge mir ein neues Leben schenken.
Als ich in die normale Haft zurückkehr­te, lernte ich Genja kennen, der inzwischen zum Glauben gekommen war. Von ihm hörte ich auch, daß Viktor Leskow, der in der 8. Zone dieses Gefängnisses saß, Christ geworden war.
Aber wenn ich auch zu Gott gebetet hat­te, so hatte ich doch noch keine echte Be­freiung erlebt. Ich war wie mit Ketten ans Rauchen gebunden und mir schien es, als würde jede Zigarette, die ich mir anzünde­te, ein Hammerschlag auf die Nägel sein, die Jesus am Kreuz festhielten. Schließlich erfuhr ich nach einem weiteren Gebet eine echte Befreiung und ich denke, daß das auch der Zeitpunkt war, wo ich mir der Vergebung meiner Sünden durch den Glauben an den Herrn Jesus gewiß wurde.
In diesem Gefängnis wurde ich wenige Monate später getauft. Da ich von Viktor Leskow betreut wurde, der inzwischen entlassen war, habe ich mich nach meiner Entlassung auch dieser Gemeinde in No­wosibirsk angeschlossen. Hier möchte ich mein weiteres Leben zur Ehre Gottes und zum Nutzen meiner Mitmenschen einset­zen.«


Alexander Charinow
»Als ich zum dritten Mal im Knast saß, um eine Haftstrafe von sechs Jahren abzu­brummen, bekam ich zum Geburtstag ein kleines Kreuz zum Umhängen geschenkt. Ich hatte keine andere Vorstellung vom Kreuz, als daß dieses kleine Anhängsel ein Glücksbringer sein könnte. Vielleicht könnte dieses Kreuz mein kaputtes Leben irgendwie auf eine gute Schiene bringen.
Damals erinnerte ich mich an einen or­thodoxen Nachbarn und entschloß mich, ihn nach Beendigung meiner Haftzeit auf­zusuchen und um Rat zu fragen.
Diesen Vorsatz habe ich tatsächlich spä­ter wahr gemacht und dieser fromme Nachbar gab mir den Rat, nicht nur ein Kreuz an meinem Hals zu tragen, sondern mich auch des öfteren zu bekreuzigen. Schließlich war ich sogar bereit, mich in ei­ner orthodoxen Kirche taufen zu lassen und dafür 8 Rubel zu zahlen, was damals in den 80er Jahren keine Kleinigkeit war. Aber der Pope wies mich ab: »Geh, ich tau­fe dich nicht, weil du noch keine Messe be­sucht hast!«
Ärgerlich über diese Abfuhr beschloß ich, nichts mehr mit der Kirche zu tun zu haben, sondern mein altes Leben weiterzu­führen. So begann ich wieder zu stehlen.
Das Kreuz als Glücksbringer hatte versagt.
Erst in meiner 5. Haftzeit — ich habe ins­gesamt 17 Jahre hinter Gittern zugebracht — bekam ich ein Neues Testament in die Hände. Ich las, aber verstand nichts.
Kurz darauf bekam ich zu meiner gro­ßen Überraschung von meinem älteren Bruder, der als Häftling in einer anderen Abteilung dieses Gefängnisses saß, eine Broschüre mit dem Titel »Der Weg zu Chri­stus« zugeschoben. Wenige Tage später traf noch ein Brief von ihm bei mir ein, den er im Sicherheitsgefängnis geschrieben hatte. Dort in der Einzelhaft hätte er das Neue Testament gelesen und sei nun an Jesus Christus gläubig geworden.
Mich traf diese Nachricht wie ein Schlag vor den Kopf und ich fragte mich, ob mein Bruder den Verstand verloren hatte. Im­merhin stand er auf der kriminellen Karriereleiter ganz oben und hatte bereits 26 Jahre seines Lebens im Gefängnis zuge­bracht. Eigenartigerweise war er kurz nach seiner Bekehrung entlassen worden und nun besuchte er mich als ein in doppelter Hinsicht »Freier«. Es war nicht zu leugnen: er war tatsächlich ein anderer Mensch ge­worden und als er mir seine Umkehr schil­derte, spürte ich, daß er nicht nur eine neue Schallplatte aufgelegt hatte.
Die Gespräche mit meinem Bruder führten dazu, daß ich auch eines Tages mein Leben dem Herrn Jesus übergab. Mir war klar, daß ich nun nicht mehr rauchen konnte und daß ich — was mir noch viel schwerer zu sein schien — nicht mehr flu­chen durfte. Mit Gottes Hilfe bin ich nicht nur von beiden Lastern frei geworden, sondern mit der Zeit legten sich auch mei­ne Aggressionen und mein bisher brutales Auftreten veränderte sich.
Im Jahr 1993 wurde ich entlassen, und da mein Bruder bereits schon Kontakt mit der Gemeinde hatte, wo auch Viktor Mit­glied war, habe ich mich auch dieser Ge­meinde angeschlossen. Wie dankbar bin ich, daß ich nun die Gefängniseinsätze un­serer Gemeinde organisieren darf, um dort, wo ich einen großen Teil meines Le­bens hinter Gittern verbracht habe, das Evangelium zu verkündigen.«


Eduard Konstantinow
»Bis zum Jahr 1990 hatte ich nie ein Neu­es Testament oder ein Evangelium in Hän­den gehabt. Gott war mir völlig unbekannt. Meine Erziehung erhielt ich auf der Straße, wo die Fäuste das Sagen hatten und so dauerte es nicht lange, bis meine Freiheit auf ein paar Quadratmeter Gefängniszelle reduziert wurde.

Aber die Zeit im Knast machte mich nur noch härter und hier bekam ich den letzten Schliff, was Kriminalität, Schlägereien, Drogen und Alkohol betrifft. Es dauerte nicht lange, bis ich im Gefängnis Chef der »Hooligans« wurde.

Um die Langeweile zu vertreiben, be­gann ich im Knast zu lesen: Tolstoi und an­dere russische Klassiker, die ich mir in der Bibliothek ausleihen konnte. Damals be­gann ich auch darüber nachzudenken, was wohl der Sinn meines Lebens sein könnte und unter dem Einfluß der Literatur be­schloß ich, mein Leben in eigener Kraft zu verändern.

Während dieser Zeit — es war im Jahr 1990 — bekam ich von einem ungläubigen Freund ein Neues Testament geschenkt. Inzwischen war mir durch die Bücher von Dostojewski die Person Jesu vertraut. Schließlich wurde der Held des Buches »Schuld und Sühne« durch das Evangeli­um verändert und so las ich auch darin, ohne allerdings viel zu verstehen. Doch ei­nes wurde mir klar: Jesus ist der Ideal­mensch, dem es nachzueifern gilt.

Nach 8 Monaten wurde das Gefängnis aufgelöst und wir Insassen wurden ver­teilt. In der ungewohnten Umgebung des neuen Gefängnisses hatte ich viel Zeit, im Neuen Testament zu lesen und darüber nachzudenken. In der Einsamkeit keimte Hoffnung in mir auf, daß es ein anderes Leben geben könnte, denn angezogen von der Person Jesu, wollte ich nicht mehr in mein altes Leben zurück.

In dieser Zeit kamen zum ersten Mal Protestanten ins Gefängnis. Es waren Ad­ventisten, die den Jesus-Film zeigten. Da­mals lernte ich auch Dimitri kennen, der sich im Gefängnis bekehrt hatte und mit dem ich natürlich viele Gespräche führte. Als wir auf das Thema »Kampfsport« ka­men und Dimitri seine Überzeu­gung äußerte, daß dieser Sport sich nicht mit dem Geist des Neuen Testa­mentes vertragen würde, ging ich in die Luft, denn ich liebte und praktizierte diesen Sport. Doch im Inneren meines Herzens mußte ich ihm recht geben. Auch die Frage der Konfessionen sorgte für einen heftigen Streit. Dimitri hielt es mit den Adventisten, während ich die orthodoxe Kirche verteidigte, denn schließlich bekam ich von den Popen Zei­tungen, in denen der Kampfsport ange­priesen wurde.
Unsere Diskussionen über Kampfsport stellten wir ein, weil wir uns dabei nur an die Köpfe gerieten. Aber ich wußte: Dimitri betet für mich!
Als ich eines Tages auf den Sportplatz ging, um zu trainieren, wurde mir schlagartig bewußt, daß ich nicht länger so weiterleben konnte. Ich hatte im Grunde nicht mit Dimitri Streit, sondern mit Gott. In diesem Bewußtsein bin ich dort auf dem Sportplatz auf meine Knie gefallen und habe zu Gott geschrien. Ich kann nicht sagen, wie lange ich dort ge­weint, gebetet, meine Sünden bekannt und schließlich gedankt habe. Aber dort auf dem Sportplatz habe ich mein Leben dem Herrn Jesus übergeben.
Von diesem Tag an änderte sich mein Leben vollständig. Natürlich besuchte ich jetzt den Bibelkreis im Gefängnis und ich brach mit meinen bisherigen Le­bensgewohnheiten. Zunächst dachten meine früheren Kumpel, daß die lange Haftzeit meinen Geist verwirrt und aus mir einen anderen Menschen gemacht habe. Sie hörten mich nun im Gefängnis predi­gen und natürlich wurde mein Leben und das Leben meiner Mitchristen unter die Lupe genommen. Im Knast kann sich ein Heuchler nicht lange halten.
Nach meiner Bekehrung habe ich noch 5 Jahre im Gefängnis zugebracht. Diese Zeit war meine Bibelschule, in der ich Gele­genheit hatte, jede neue geistliche Er­kenntnis in der rauhen Alltagswirklichkeit unter Beweis zu stellen. Im Januar dieses Jahres wurde ich endlich entlassen und zwei Monate später fand meine Taufe bei Eis und Schnee statt. Zur Zeit habe ich kei­ne eigene Wohnung, aber ich darf in unse­rem Gemeindesaal übernachten. Auch eine Arbeitsstelle habe ich bekommen, aber in meiner freien Zeit gehört meine Kraft der Gemeinde und der Evangelisation un­ter Gefangenen.«


Offene Türen
In Rußland stehen die Gefängnistüren für evangelistische Einsätze im allgemei­nen sehr offen. Besonders die Gefängnisse, in denen unsere Brüder ihre Haftzeit abge­sessen haben und wo die Gefängnisleitung die grundlegende Veränderung dieser Männer beobachten konnte, unterstützen diese Arbeit nach Kräften und stellen gerne Räume zur Verfügung. Zur Zeit wird viel Literatur verteilt und auch die Emmaus­Bibelkurse finden Eingang in viele Gefäng­nisse.
Probleme gibt es gelegentlich dort, wo Charismatiker die Gefängnisse stürmen und mit unnüchternen Bekehrungs­methoden Schaden anrichten. Echten Wi­derstand gibt es bisher hier und da nur von der orthodoxen Kirche, die im ganzen Land beginnt, ihre Krallen zu zeigen und ihren Anspruch betont, die alleinige Kirche des russischen Volkes zu sein. Beten wir weiter für alle evangelistischen Einsätze in diesem großen Land und besonders auch für unsere Brüder, die das Licht des Evan­geliums in die Gefängnisse tragen.

Nachtext

Quellenangaben