Zeitschrift-Artikel: Erinnerungen an meinen Bruder Jim Elliot

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Titel: Erinnerungen an meinen Bruder Jim Elliot
Typ: Artikel
Autor: Bert Elliot
Autor (Anmerkung):

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Titel

Erinnerungen an meinen Bruder Jim Elliot

Vortext

Die Auswirkungen seines Todes auf mein Leben

Text

Bert ist der ältere Bruder von Jim Elliot. Er und seine Frau Colleen arbeiten seit 1949 als Missionare in Peru.

Jim war der dritte Sohn von R. Fred Elliot, einem Hirten und reisenden Evangelisten, der ursprünglich aus Kanada kam, aber den Großteil seines Lebens in Portland/Oregon lebte.

Unsere Mutter Clara Luginbuhl war eine Chiropraktikerin. Vater lernte sie auf einer Farm in Roosevelt/Washington kennen, als er mit unserem Onkel Harry Ironside auf Reisen war.
Von diesem Onkel hat er viel gelernt.

Zum Frühstück gab es bei uns zu Hause häufig „Quaker oats“, aber immer auch eine Portion
Manna aus der Bibel. Wir vier – drei Jungen und ein Mädchen – lernten deshalb früh Gottes Wort
zu respektieren und zu lieben. Unser Vater gab es uns jeden Morgen mit auf den Weg.

Diese selten gewordene, aber unschätzbar wertvolle Gewohnheit bringt noch immer gute Früchte – jetzt schon in der dritten Generation unserer Familie. Wir hörten nicht nur das Wort Gottes, wir sahen auch die Auswirkungen auf das glückliche Leben unserer Eltern.

Unser Zuhause wurde regelmäßig durch Besuche von Missionaren und reisenden Predigern bereichert. Diese Gäste weckten in uns das Verlangen,
unser Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen – sei es zu Hause oder in der Mission irgendwo weit draußen.

Es gab eine Zeit, da überlegten wir tatsächlich als komplette Familie in die Mission zu gehen.
Unser ältester Bruder Bob hatte medizinische Interessen, ich – der zweite – begeisterte mich für technische Dinge, während Jim intellektuelle Neigungen hatte. Als begeisterte Leseratte fühlte er sich zum Lehrer berufen. Unsere jüngste Schwester Jane hatte zu dieser Zeit ihre Talente noch nicht entdeckt. Aber dieser Traum wurde so nie verwirklicht – Gottes Wege sind immer höher als unsere Wege.


Nichts für Jim

Ich erinnere mich noch genau, wie ich eines Tages nach Jim rief. „Kannst du mal deine Bücher liegen lassen, und mir bei der Reparatur meines alten „Essex“ helfen?“ Mit ölverschmierter gerunzelter Stirn fragte er mich etwas später: „Kannst du so ein Gewerkel wirklich genießen?“. Es war offensichtlich, dass Bücher für ihn einen weit erfüllenderen Lebensinhalt bedeuteten, als an alten Autos herumzuschrauben.


Jims Kämpfernatur


Ich weiß auch noch, wie ich mich damals als der Größte in der Familie fühlte. Ich war Jim körperlich weit überlegen, bis er eines Tages vom Wheaton-College nach Hause kam ... Er hatte dort den Ringkampf gelernt. An jenem Tag begriff ich recht schnell, dass es in Zukunft weiser war, unsere Meinungsverschiedenheiten in Wortgefechten auszutragen, statt die Fäuste zu
gebrauchen, wie wir es bisher gewohnt waren.

Auch den Abend werde ich nicht vergessen, als wir zusammen als Straßenprediger auftraten.
Jim war ein angriffslustiger Redner. Ich hingegen legte mehr Wert auf die Gunst meiner Zuhörer. Als ich zaghaft und diplomatisch meine Predigt begann, fühlte ich plötzlich einen harten Stoß in meinen Rippen. Jim zischte recht deutlich in mein Ohr: „Junge, lass es raus!“.
Dieser Ratschlag führte damals allerdings dazu, dass ich völlig aus dem Takt geriet.

Im Jahr 1955, nach sechs Jahren Dienst im peruanischen Regenwald, kehrten meine Frau Colleen und ich in unsere Heimat Portland zurück. Unterwegs machten wir in Ecuador Halt, um Jim und seine Frau Elisabeth zu besuchen. Auf dieser Reise begegneten wir auch Pete Fleming, der unter den Quichuas in den Anden arbeitete. Außerdem machten wir einen Abstecher zu Ed und Marilou McCully auf ihrer Missions-Station im Dschungel. Ebenso kehrten wir auch bei Nate Saint ein, als wir auf unseren Flug mit der MAF nach Shandia warteten.

Wir hätten uns damals nicht träumen lassen, dass nur wenige Monate später diese vier wunderbaren Männer nicht mehr leben würden. Dazu auch Roger Youderian, den wir damals
nicht trafen.


Schmerzhafte Verluste

Niemals werde ich den Donnerstagabend im Januar 1956 in Portland vergessen. Nach etlichen
Tagen des Wartens, Bangens und Flehens zu Gott um das Leben der fünf Männer, erhielt unsere Familie die Bestätigung, dass alle tatsächlich tot waren. In diesen dunklen Stunden vor dem Morgengrauen saßen meine Eltern weinend da. Trauer und Schmerz überkamen sie wie die Wellen eines Ozeans. Sie dachten an diese so wunderbar von Gott vorbereiteten Männer, die ihm hingegeben dienten. Plötzlich waren sie von ihnen genommen – und sie weinten um sie. Doch dann fanden sie Trost in Gottes Willen, bis sie an die fünf Witwen dachten, die ohne ihre Männer dastanden. Da mussten sie wieder anfangen zu weinen. Aber wieder wurden sie getröstet, bis eine weitere Welle über sie hereinbrach: was würde aus den Kindern, die ohne Väter aufwachsen mussten. Und was würde aus den Missions-Stationen?

Mein eigenes Herz versuchte einen Sinn in dem Ganzen zu finden, was nur wie eine Tragödie und ein Verlust erschien. Eine Frage beschäftigte mich am meisten: “Wenn wir uns selbst Gott hingeben, in Gehorsam seinem Wort gegenüber, sollte er uns dann nicht beschützen, da wir für
ihn leben?”

Die Bedeutung von Jims Worten: „Wir haben allem entsagt für ein Kreuz” und Elisabeths späterem Ausspruch „Es gibt Schlimmeres als Sterben.” hatten meinen Verstand noch nicht erreicht. Erst nach und nach erkannte ich, dass durch ihren Tod am Palm Beach des Curaray Flusses neues geistliches Leben aufbrach und zu vielen strömte. In meinem eigenen Herzen kam
ich zu der Überzeugung, mich selbst völliger an den Herrn Jesus hinzugeben, was auch immer die Kosten dafür sein möchten.

Auf unserem Rückweg nach Peru hielten wir in Ecuador, um etwas Zeit mit der niedlichen kleinen
Valerie und ihrer Mutter Elisabeth zu verbringen; Elisabeth – eine Frau, deren Vertrauen und Gehorsam mich oft auf das tiefste beschämt haben. Als wir endlich in Lima ankamen, erfuhren wir, dass unser Gepäck in Chile sei, und dieses Dilemma brachte uns nach der Vorsehung Gottes
in die Stadt Cajamarca und damit zu einer weitreichenderen Arbeit als wir uns jemals hätten
vorstellen können. Wir hatten niemals beabsichtigt, irgendwo anders zu arbeiten, als unter den
Volksstämmen des Amazonas, aber Gott vergrößerte unseren Wirkungskreis. So verbrachten wir
viele Jahre zur Hälfte in den Bergen und die anderen sechs Monate im Dschungel. Gott gab uns gnädig Frucht und vervielfältigte die Anzahl der Gemeinden in den Bergen ebenso, wie er es
im Dschungel getan hatte.

Jims Leben und sein Tod haben mir eine Menge zu sagen. Jedes Mal, wenn ich jemand treffe, der von ihm gehört hat, werde ich automatisch als „Jim Elliots Bruder“ geehrt. Wir haben sehr viele getroffen, die aufgrund seines Zeugnisses jetzt dem Herrn dienen.

Mir persönlich hat es tief in meinem Innern bewusst gemacht, dass wirkliches Leben nur aus dem Tod kommt. Gott benutzte Jims Beispiel um mir die Augen darüber zu öffnen, was es bedeutet
„allezeit das Sterben Jesu am Leib umher zu tragen, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde.” (2Kor 4,10).

Wenn ich die 50 Jahre überdenke, seit mein Bruder Jim und seine Kameraden ihr Leben für Gott in Ecuador hingaben, erhebe ich mein Herz in Anbetung zu Gott, der Frucht aus Verzweiflung, Freude aus Leid und Leben aus Tod entstehen lässt. Das ist unser Gott, sowohl jetzt, als auch in Ewigkeit. 

Nachtext

Quellenangaben

Übersetzt von Tabitha Bühne; leicht gekürzt. Mit freundl. Genehmigung von CMML (Christian Missions In Many Lands).