Zeitschrift-Artikel: Kerzen, Kaffee und ein wenig Licht...

Zeitschrift: 113 (zur Zeitschrift)
Titel: Kerzen, Kaffee und ein wenig Licht...
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1200

Titel

Kerzen, Kaffee und ein wenig Licht...

Vortext

»Emerging Church« – die postmoderne Kirche

Text

Ein neuer evangelikaler Trend, der die bisherige
Evangelisations-Praxis und das Gemeindeleben
verändern und prägen soll, wird mit etwas Verspätung
nun auch im deutschsprachigen Raum
bekannt gemacht: die »Emerging Church«.

Dadurch soll eine neu geschaffene, „ganzheitliche“, nicht aus alten Strukturen abgeleitete Kirche entstehen, welche man nicht mehr mit der „modernen“, sondern mit der „post-modernen“ Brille sieht und gestaltet.
Dan Kimball, Pastor der „Graceland-Church“, ist einer der Repräsentanten dieser neuen Bewegung. Er hat den Begriff „Retro-Spiritualität“ geprägt und seine Sicht in dem Buch „Emerging
Church – die postmoderne Kirche“ vorgestellt, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.
In einem „idea-Spezial“ vom Herbst 2005 wurde nachdrücklich auf dieses Buch hingewiesen. Allen
Verantwortlichen in der Jugendarbeit und allen „die ihre evangelistischen Ansätze radikal hinterfragen wollen“ wurde es sehr empfohlen und zur „Pflichtlektüre für Studierende der Theologie“
erklärt.
Rick Warren, Pastor der „Saddleback-Church“ und Autor der Bestseller „Leben mit Vision“ und „Gemeinde mit Vision“ hat das Vorwort geschrieben und neben Howard Hendricks (Professor am
Dallas Theological Seminary und Autor des Buches „Bibellesen mit Gewinn“), Brian McLaren,
Chip Ingram und anderen Autoren an diesem Buch mitgearbeitet. An der deutschen Ausgabe
haben Dr. Peter Aschoff (Leiter der Alpha-Kurs- Arbeit in Deutschland) und der Künstler und
Schriftsteller Fabian Vogt mitgearbeitet.


»Auslaufmodell« Willow-Creek?

Die Tatsache, dass der Autor von „Gemeinde mit Vision“ (Rick Warren) diese neue Sicht von Kirche und Evangelisation stark propagiert, zeigt die Kurzlebigkeit hochgepriesener und erfolgsversprechender „neuer“ Konzepte oder Modelle.
Denn das Modell Willow-Creek (die „besucherfreundliche Kirche“) hat in den vergangenen 20
Jahren für viel Veränderung gesorgt: Christliche Symbole wurden aus den Gemeinderäumen ent-
fernt, eine aufwändige Beleuchtung, Bestuhlung, Beschallung usw. wurde angeschafft. Musiker,
Schauspieler und Tänzer boten ein professionelles Programm, die Predigt wurde mancherorts
zeitlich gekürzt, um keinen Besucher zu überfordern – alle sollten sich wohlfühlen und zufriedene
Konsumenten bzw. Dauergäste in einem Gebäude sein, dass mehr einem Kino-Saal als einer Kirche glich.
Aber nun gehört dieses Konzept der vergangenen „Moderne“ an, weil angeblich die „postmoderne“ Generation nichts mehr damit anfangen kann und in diesen Veranstaltungen kaum noch zu sehen ist.
Tatsächlich ist im deutschsprachigen Raum eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Überzeugte
„Willow-Creek“-Mitarbeiter haben ihr Bestes gegeben, sind teilweise ausgebrannt und mussten
nur zu oft erleben, dass ihre großen Erwartungen von der Realität korrigiert wurden. Bei aller
Begeisterung wurde in vielen Fällen das geistliche Klima vor Ort auf Dauer kaum verändert,
mancherorts gab es sogar Streit und Trennungen.
Nun soll eine „neue“ Vision von Kirche neu motivieren und so werden die nächsten Großveranstaltungen vielleicht noch unter der alten Fahne, aber mit neuen, postmodernen Inhalten und Konzepten durchgeführt.
Brückenbauer zwischen der modernen und postmodernen Szene scheint Rick Warren zu sein, der als einer der bekanntesten und erfolgreichsten Gemeindegründer und Autoren der „Moderne“
angesehen wird. Nun aber setzt er sich vehement für die „Emerging Church“ ein:
„Ich bete darum, das Gott durch dieses Buch neue Gemeinden ins Leben rufen wird ... Wir brauchen Gemeinden, die eine Vision haben und postmodern, zeitgemäß und zeitlos zugleich sind.“ (S.8)


Worum es geht

Propagiert wird eine „Retro-Spiritualität“, worunter Dan Kimball eine „Rückkehr zu einer ursprünglichen Form des Christentums“ versteht, in der „entsprechende Symbole (ausgedehnte Lobpreiszeiten, Liturgie, intensive Gebetszeiten, starker Gebrauch der Bibel und von Textlesungen“ (S. 25) eine wesentliche Rolle spielen. Dazu gehört für ihn auch die Empfehlung von Weihrauch und Räucherstäbchen, Tanz, Klatschen, Handauflegung, Bilder mit religiösen Motiven, Musik, bunte Kirchenfenster, keltische Kreuze, schwarze Vorhänge usw. Auf diese Weise möchte er eine „sakrale Atmosphäre“ schaffen, die alle Sinne anspricht, zumal „in der postmodernen Kultur
Dunkelheit für Spiritualität steht“ (S. 130).
Inwiefern die Einführung dieser Elemente in den Gottesdienst „eine Rückkehr zu der ursprünglichen Form des Christentums“ sein soll, bleibt schleierhaft. Eher wird man an katholische und orthodoxe Traditionen oder an jüdische, vorchristliche Gebräuche erinnert.
Im Neuen Testament werden nur Wasser (Taufe) und Brot und Wein (Abendmahl) als Symbole der Gemeinde erwähnt, wobei manche auch die Kopfbedeckung der Frauen (1Kor 11) dazuzählen.
Alle anderen „sakralen“ Gegenstände und Rituale sind in einer Zeit eingeführt worden, als das Licht des Worte Gottes „gedimmt“ wurde – bis zur völligen geistlichen Dunkelheit im Mittelalter.


Es gibt aber auch erfreuliche Einsichten!

Diese erfreulichen Einsichten sind zwar nicht neu, sondern als elementare Wahrheiten jedem Bibelleser bekannt. Dennoch sollen diese Erkenntnisse hier dankbar erwähnt werden, weil sie vielerorts in der „modernen“ Generation vernachlässigt wurden:

Eine biblische Definition von Gottesdienst
„Wenn von Gottesdiensten gesprochen wurde, dann meinte man damit ursprünglich die Zeit, in der die Gemeinde zusammenkam, um Gott in der Anbetung zu ´dienen´. Inzwischen scheint es mehr so zu sein, dass wir mit der Musik, der Predigt usw. den Gottesdienst-Besuchern dienen! ... Ich will damit betonen, dass wir uns als Kirche nicht in erster Linie versammeln, um Menschen zu dienen, sondern um Gott anzubeten.“ (S. 110-111)
Leider wird diese biblische und wichtige Definition vom Autor selbst nicht konsequent beachtet, denn mit wenigen Ausnahmen wird der Gottesdienst als „ganzheitliche Erfahrung“ verstanden oder als Veranstaltung, die sich „unter anderem an die richtet, die noch gar keine Erfahrung mit Kirche gemacht haben.“ (S. 101)

»Organische Gottesdienste«
Anstelle eines durchorganisierten, „modernen“ Verlaufs einer Gemeindeversammlung wird der „organische Gottesdienst“ empfohlen, in dem für „spontane Führung durch den Heiligen Geist Raum bleibt“ und der Einsatz der Gaben, die Gott der Gemeinde gegeben hat, möglich ist.

»Die postmoderne Kirche braucht Hirten, keine Manager« (S.232)
In Kap. 20 dieses Buches werden treffende Erfahrungen mit dem Kirchen-Management der vergangenen Jahrzehnte geschildert. Als biblisches Gegenstück wird die Leitung der Gemeinden durch hingegebene, dienende Hirten vorgestellt, die „sich an Beziehungen orientieren, nicht an umwerfenden Zielen“ (S. 240).
Sehr vernünftig ebenso die Empfehlung, lieber Gemeinden zu teilen, als große Kirchen aufzubauen und auch in der Gestaltung der Räumlichkeiten für eine familiäre Atmosphäre zu sorgen, in der die Aufmerksamkeit nicht auf Menschen, sondern auf das Wort Gottes gerichtet wird.

Bibeln und Gesangbücher abstauben!
Während im „modernen“ Gottesdienst kaum noch jemand eine Bibel mitbrachte und leider meistens oberflächliche, kurzlebige Chorusse per Beamer an die Wand geworfen wurden, werden jetzt die Christen ermutigt, ihre Bibeln mitzubringen und auch den guten alten Kirchenliedern Beachtung zu schenken:
„Gute Kirchenlieder kommen in der postchristlichen Kultur gut an, weil sie frisch sind, unbekannt und eine reichhaltige Geschichte erzählen. Sie bergen eine tiefe theologische Wahrheit und eröffnen einen ganz neuen Blick auf Gott und sein Wesen.“ (S. 144)

Evangelisation ist mehr als ein Hingabe-Gebet (S. 197)
Die Zeiten werden für out erklärt, in denen Evangelisationen in Form von Feldzügen, Entertainment, Show usw. durchgeführt wurden. Evangelisation wird wieder als die Aufgabe eines jeden Jüngers definiert. Ein glaubwürdiger Lebensstil, Kontaktpflege mit Menschen in der Umgebung, also das, was bereits vor Jahrzehnten als „Freundschafts-Evangelisation“ bezeichnet und empfohlen wurde, wird jetzt als effektive Evangelisationsmethode gesehen.
Allerdings besteht hier die Gefahr, das bei einer einseitigen Betonung der persönlichen Evangelisation die Wichtigkeit der vollmächtigen und verständlichen evangelistischen Verkündigung vernachlässigt wird.

Zwei Schritte vor und drei Schritte zurück!
Wenn auch in der »Emerging Church « nicht unbedingt neue, aber immerhin einige altbekannte biblische Prinzipien neu entdeckt und zur Praxis empfohlen werden, so finden doch gleichzeitig einige sehr bedenkliche Schritte in eine Richtung statt, die mit urchristlichen Überzeugungen nichts zu tun haben:

1. Sakrale Räume, Ästhetik und Spiritualität

Weil in der Postmoderne angeblich Erfahrungen, Gefühle und Atmosphäre bestimmend sind, bekommt die Ästhetik einen besonderen Stellenwert und damit wird das Christentum wieder zu
etwas Äußerlichem, Sinnfälligem umgedeutet, was eine Umkehrung biblischen Christentums bedeutet.

Weil ein postmoderner Gottesdienst vom ersten Augenblick an ein „visuelles Erlebnis“ sein soll
(S. 129), werden wieder Gegenstände eingeführt und als „sakral“ (heilig) bezeichnet, die in der Reformationszeit unter dem Urteil „profan“ aus dem Gottesdienst entfernt wurden.
So wird vieles wieder hervorgeholt: Samt, Teppiche, keltische Kreuze usw., das Licht soll gedimmt
werden, „um das Bedürfnis der neuen Generation nach Dunkelheit im Gottesdienst“ (S. 130) zu befriedigen.
Religiöse Bilder, bunte Kirchenfenster und viele jetzt wieder empfohlene „sakrale“ Gegenstände
kann die röm.-kath. Kirche viel besser und reichhaltiger vorweisen und so besteht die Gefahr, dass durch diese neue Bewegung so etwas wie eine Gegenreformation eingeleitet wird. Was Spiritualität und Ästhetik betrifft, ist die röm.- kath. Kirche kaum zu übertreffen. Auch die unkritische Begeisterung von Dan Kimball für Taizé (S. 140) sollte alarmieren.
Christliche Buchhandlungen und Läden werden sich über den bereits jetzt schon enorm gestiegenen Umsatz von Kitsch in Form von Kreuzen, Ketten, Klüngel usw. freuen.
Dass der Gottesdienst im NT „in Geist und Wahrheit“ (Joh 4, 23-24) stattfinden soll, wird bei der
Betonung von Äußerlichkeiten völlig vergessen. Diese Betonung steht im direkten Widerspruch zu dem, was auf S. 107 zu lesen ist:
“Einfach und schlicht. Kein Schnickschnack. Christus ganz im Zentrum, sehr an der Gemeinschaft
und an der Teilnahme jedes Einzelnen orientiert. Sehr ursprünglich. So war der Gottesdienst der frühen Kirche.“


2. »Frauen auf die Bühne!«

Original-Zitat Don Kimball: „Unabhängig davon, was Ihre Theologie zur Rolle der Frauen in der Gemeinde sagt, fände ich es sehr gut, wenn Sie Frauen so oft wie möglich auf die Bühne bringen
würden, egal, ob für die Predigt, die Ankündigungen, Lobpreisleitung, Zeugnis geben oder Schriftlesung. Das ist für die Emerging Church ausgesprochen wichtig.“
(S. 146)
Das ist nun wirklich keine „Retro-Spiritualität“, die sich an biblischen Normen orientiert!
Hat man in der „Moderne“ noch über die Rolle der Frau in der Gemeinde heftig gestritten, so scheint in der Emerging Church diese Frage bereits erledigt zu sein. Das steht aber nun – man mag es bedauern oder nicht – im deutlichen Widerspruch zu 1Kor 14,34, 1Tim 2,12 und zur Praxis der Urgemeinde.


3. »Alterspezifische Gottesdienste«

Weil zu befürchten ist, dass durch die neuen Gottesdienstformen Streit und Spaltungen hervorgerufen werden können, wird in solchen Fällen empfohlen, Tochtergemeinden „mit einer neuen Philosophie und einer neuen Kultur“ (S. 103) zu gründen. Diese Empfehlung erstaunt, weil an anderer Stelle auf die Bereicherung durch den Austausch und das Miteinander zwischen der alten und jungen Generation hingewiesen wurde.
Damit wird eine Praxis empfohlen, die nun wirklich nichts mehr mit Urchristentum zu tun hat und weder mit dem AT noch mit dem NT belegt werden kann.
Wenn schon die letzte Welle „Kirche für Kirchendistanzierte“ eine Fehlinterpretation von Kirche war, so besteht die Gefahr, dass die Emerging Church zu weiteren Spannungen und Spaltungen
solcher Gemeinden führen wird, die sich als „bibeltreu“ bezeichnen.
Es ist ein schwer wiegender Irrtum, „dass sich die Kirche ändern muss“ (S. 27) weil sich die Zeit,
die Generationen und die Gesellschaft verändern. Man kann eben nicht „postmodern, zeitgemäß
und zeitlos zugleich“ sein...


Was wir brauchen...

Wir brauchen Gemeinden, die sich an den zeitlosen Maßstäben des NT orientieren, um die zeitlos- gültige Botschaft der Bibel für die heutigen Menschen verständlich und glaubwürdig zu leben und zu predigen.
Es ist sicher gut und nötig, das postmoderne Denken und Lebensgefühl zu kennen um darauf
eingehen zu können. Aber es wäre ein absolutes Armutszeugnis, wenn unsere Gemeinden nach
der postmodernen „Pfeife“ tanzen würden, die von wenigen Philosophen, Architekten und Künstlern irgendwo ausgedacht und geschnitzt wurde.
Postmodernität ist eine vorübergehende Modewelle, die in unserer kurzlebigen Zeit in Wohlstandsländern nur solche beeinflussen wird, die bewusst oder unbewusst ihre Fahne nach dem derzeitigen Wind richten.
Ein Rat von Dan Kimball allerdings ist absolut biblisch und so wichtig, dass wir alle und auch er
selbst ihn zu Herzen nehmen und „hinter die Ohren“ schreiben sollten:

“Aber bitte, bitte, geben Sie vor allem auf Ihre eigene Seele Acht.
Sorgen Sie dafür und halten Sie am Gebet fest. Führen Sie ein
heiliges und reines Leben – seien Sie unschuldig wie Tauben –
in einer gefallenen und verdorbenen Welt. Bleiben Sie in enger
Verbindung mit dem Oberhirten der Gemeinde und bitten Sie
um seine Führung. Nichts ist wichtiger als das. Nichts.“
(S. 240)

Amen! 

Nachtext

Quellenangaben