Zeitschrift-Artikel: Ein langes Leben in einer kurzen Zeitspanne

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Titel: Ein langes Leben in einer kurzen Zeitspanne
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ein langes Leben in einer kurzen Zeitspanne

Vortext

Zum 450. Todestag des Märtyrers John Bradford

Text

Eine Säule der Reformation

Am Morgen des 15. Juli 1555 wurden auf dem Londoner Smithfield zwei Männer bei lebendigem Leib verbrannt. Der eine war der 19-jährige John Leaf, der andere der 45-jährige John Bradford.
Sie gehörten zu den 288 Menschen, die während der 5-jährigen Herrschaft Maria Tudors, der
„Bloody Mary“, um ihres Glaubens willen hingerichtet wurden. Der Reformator John Bradford wird neben Latimer, Cranmer und Ridley als eine der „vier Säulen der Reformierten Kirche von England“ (1) angesehen. Mayhew schreibt über ihn:
„John Bradford ist als einer der heiligsten Männer seit der Apostelzeit bezeichnet worden, als ein
Wunder seiner Zeit und als einer der geistlichsten unter den Reformatoren. Wenn wir bedenken, wie gottgeweiht die Reformatoren waren, kann er als ein wahrhaftiger Riese unter Riesen angesehen werden. Und in einer Zeit geistlicher Pygmäen wie der unseren gibt es vieles, das wir von diesem großen Streiter für den Glauben lernen können.“
(2)

Irdische und himmlische Schätze

Bradford wurde in der Nähe von Manchester geboren. Er erhielt eine großzügige Ausbildung und zeigte eine besondere Begabung in Latein und Mathematik. Letzteres trug dazu bei, dass er die rechte Hand Sir John Harringtons wurde, des Schatzmeisters über das Heer und die königlichen
Schlösser. 1547 begann er, ähnlich wie Luther, ein Jura-Studium. Während dieser Zeit kam er durch das Evangelium zum Glauben, welches durch die Reformatoren neu ans Licht gebracht worden war. Er verkaufte sein Gold und seine Juwelen, seine Ketten und Ringe und verschenkte
den Erlös an die Armen. Mit großem Eifer widmete er sich der Lektüre von Gottes Wort und wechselte – auch darin ist eine Parallele zu Luther – zum Theologie-Studium. Seine theologische Ausbildung erhielt er in Cambridge an der Pembroke Hall, wo auch später George Whitefield
studierte. Dort machte er die Bekanntschaft von Bischof Ridley, der ihn 1550 ordinierte.
Ridley empfahl ihn auch wegen seiner Frömmigkeit und seiner Begabung dem protestantischen
König Edward VI, der ihn als einer der sechs königlichen Kaplane berief, die als eine Art Wanderkommission in ganz England umherzogen, um die Lehren der Reformation unter das Volk zu bringen. Mit großem Eifer und tiefer Wirkung auf die Herzen der Menschen lehrte Bradford Gottes Wort.
Auch am königlichen Hof predigte er in einer „machtvollen und prophetischen Weise“, indem er
die Sünden der hohen Herrschaften geißelte und sie zur Buße rief. Auf den plötzlichen Tod eines
gottlosen Lord Somerset anspielend, beschwor er sein vornehmes Publikum: „Sollte Gott euch schonen, die ihr doppelt so böse seid? Nein, das wird er nicht tun! Ob ihr wollt oder nicht, ihr werdet den Kelch des Zornes des Herrn trinken. Das Gericht des Herrn, das Gericht des Herrn!“, rief er weinend mit klagender Stimme. (3)
Sein Studienfreund Samson berichtete über ihn: „Überall wohin er kam, widerstand er ohne Ansehen der Person jedem sündigen und falschen Betragen, besonders, wenn jemand schwor oder schmutzige Reden führte oder ein papistischer Schwätzer war. Solche verließen nie ungerügt seine Gesellschaft. Aber das tat er mit solcher göttlichen Gnade und christlicher Hoheit, dass allen Widersachern der Mund gestopft war; denn er sprach mit Kraft und doch so zartfühlend, dass alle begreifen konnten, wie sehr sie sich selbst schadeten, und dass sein Bemühen nur zu ihrem Nutzen war, indem er sie näher zu Gott brachte.“ (4)


Demut des Herzens

Über seine Lebensgewohnheiten wird folgendes berichtet:
Er schlief nicht mehr als vier Stunden und legte auch im Bett sein Buch nicht aus der Hand, bis der Schlaf kam. Sein übergroßer Eifer für Gott, sein Lesen und Beten füllten beinahe sein ganzes Leben aus. Er aß nie mehr als einmal am Tag und das auch noch sehr sparsam. Sein anhaltendes Studium vollführte er auf den Knien. Er konnte während des Essens in tiefes Nachdenken verfallen, wobei er seine Augen mit dem Hut verdeckte, unter dem gewöhnlich viele Tränen herunter liefen und in das Essen fielen. Er fertigte sich eine Liste an mit den gröbsten und abscheulichsten Sünden, die er in der Zeit vor seiner Bekehrung begangen hatte.
Diese vergegenwärtigte er sich immer wieder, um Gott das Opfer eines zerbrochenen Herzens zu bringen, sich der Errettung in Christus durch den Glauben zu vergewissern, Gott für die Erlösung von den bösen Wegen zu danken und darum zu bitten, in der Gnade zu wachsen und ein heiliges Leben zu führen, das vor Gott angenehm und wohlgefällig sei. Wie alle Menschen, die Gott machtvoll gebraucht, hatte er ein tiefes Bewusstsein seiner eigenen Erbärmlichkeit und Verdorbenheit. Wenn er einen Betrunkenen sah oder jemand fluchen hörte, begann er zu klagen: „Herr, ich habe einen betrunkenen Kopf und ein fluchendes Herz
.“
Wenn er einen Schwerverbrecher sah, der zur Hinrichtung geführt wurde, rief er gewöhnlich aus:
„But for the grace of God, there goeth John Bradford.“ (Wäre Gottes Gnade nicht, dort ginge John Bradford).
Ein Biograf bemerkt: „Er konnte im Verborgenen so sehr über seine Sünden weinen, dass man dachte, er würde nie wieder lächeln können. Wenn er dann in der Öffentlichkeit auftrat, war er so harmlos fröhlich, dass man meinen konnte, er habe noch nie geweint.“
Sein vernichtendes Urteil über sich selbst und sein tiefer Eindruck von der Gnade und Majestät Gottes stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu den Thesen der Selbstachtungs und Selbstliebe-Aposteln unserer Tage. Wenn er in seiner Gott- und Selbsterkenntnis auch nur annähernd vom Heiligen Geist und von der Heiligen Schrift geprägt war – und daran kann angesichts der vielen Männer und Frauen Gottes in der Bibel und Kirchengeschichte, die zu einer ähnlichen Sicht gekommen sind, wohl kein Zweifel bestehen – dann handelt es sich bei der Theorie der Selbstliebe um groben Unfug, der uns von einer gesegneten Gottesbeziehung wegbringt.


Gefangenschaft und Martyrium

Nachdem Bradford drei Jahre in der Öffentlichkeit für den Herrn gewirkt hatte, starb Edward VI. Seine Halbschwester Mary kam an die Macht.
Sie bekämpfte die Lehren der Reformation und wollte den katholischen Glauben wieder einführen.
Bradford wurde inhaftiert und nach zwei Jahren zum Scheiterhaufen verurteilt. Auch im Gefängnis versuchte er rastlos, dem Herrn zu dienen, indem er das Evangelium bezeugte und durch seine Schriften vielen zum Segen wurde. Zeitweise war er mit Cranmer, Ridley und Latimer in einer Zelle. Sie erlebten zusammen eine Zeit der gegenseitigen Ermutigung und des sorgfältigen
gemeinsamen Bibelstudiums. Alle vier endeten als Märtyrer.
Seine außergewöhnliche Hingabe an Christus und sein bedeutender Ruf als Prediger machten ihn im Gefängnis zum Gegenstand von höchstem Interesse. Große Anstrengungen wurden unternommen, ihn vom Protestantismus abzuwenden und zur katholischen Kirche zurück zu holen. Aber alle Bemühungen waren vergebens. Wie er lebte, so starb er.
Als die Frau des Gefängniswärters ihm die Nachricht von seiner bevorstehenden Hinrichtung überbrachte, nahm er die Mütze ab und sagte:
Ich danke Gott dafür. Schon lange habe ich darauf gewartet, und darum überrascht es mich nicht; denn ich habe täglich mit dieser Sache gerechnet, der Herr mache mich ihrer würdig.“
Er verteilte seine letzten Habseligkeiten an die Gefängniswärter und nutzte die letzten Stunden
seines irdischen Lebens zum Gebet. Auch als er beim Scheiterhaufen angekommen war, legte er sich ausgestreckt auf den Boden, um zu beten.
Er bestand darauf, dass der Diener des Sheriffs seine Jacke bekam. Der großen Menge, die sich zu diesem Schauspiel versammelt hatte, rief er zu:
O England, England, tue Buße für deine Sünden, tue Buße für deine Sünden! Hüte dich vor dem Götzendienst, hüte dich vor den Antichristen, dass sie dich nicht verführen!“
Er bat alle Welt um Vergebung und vergab aller Welt. Der Hauptanklagepunkt gegen Bradford und seinen Leidensgenossen Leaf war, dass sie die Lehre vom katholischen Messopfer nicht
anerkennen wollten. Vielleicht hat Bradford auf diese Debatte um das Abendmahl angespielt, als
er Leaf auf dem Scheiterhaufen zurief:
Sei getrost, Bruder, denn wir werden heute bei dem Herrn ein frohes Nachtmahl halten.“

Als er das Stroh in die Arme nahm, sagte er:
Eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.
Townsend beschließt seine Biographie über Bradford mit folgenden Sätzen:
Man kann von ihm sagen, er lebte ein langes Leben in einer kurzen Zeitspanne. Von seiner Ordination als Diakon bis zu seinem Martyrium waren ihm nur fünf Jahre vergönnt, sein geistliches Amt auszuüben, von denen er nicht weniger als zwei Jahre im Gefängnis zubrachte. Bis zu dem großen Tag, an dem die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, kann niemand vollständig ermessen, wie viel England den Mühen und den Gebeten dieses gottgeweihten Mannes verdankt." (5)


Der zentrale Streitpunkt

Was war der Grund für diesen grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen? Bradford schrieb aus dem Gefängnis:
Die Hauptursache, weshalb ich als Ketzer verurteilt wurde, war die, dass ich leugne, das Sakrament des Altars (das nicht das Abendmahl, sondern - wie jetzt von den Päpstlichen gehandhabt – schlicht eine Perversion ist) sei die reale, natürliche und leibliche Gegenwart von Christi Leib und Blut unter der zufälligen Gestalt von Brot und Wein.
Das heißt also, weil ich die Transsubstantiation leugne, die eine Geliebte des Teufels und Tochter und Erbin der antichristlichen Religion ist.
“ (6)
Es ist merkwürdig, den eklatanten Unterschied zwischen der Gleichgültigkeit gegenüber biblischen Wahrheiten in unserer Zeit und der Prinzipientreue der Reformatoren zu sehen. In der 2001 unterzeichneten Charta Oekumenica verpflichten sich die Unterzeichner, „dem Ziel der eucharistischen Gemeinschaft entgegenzugehen“.
Einer von ihnen, der Präsident des Bundes evangelisch-freikirchlicher Gemeinden (Baptisten und Brüdergemeinden) erklärt dazu:
„Die Charta ist ein Aufruf dazu, Schritte ‚auf die sichtbare Einheit der Kirche Jesu Christi’ zuzugehen. Ziel ist es, miteinander Abendmahl feiern zu können und die Taufe gegenseitig anzuerkennen.“ (Die Gemeinde, Juli 2003)
Die Reformatoren haben in der Lehre vom katholischen Messopfer einen unüberwindlichen
Gegensatz zum biblischen Evangelium gesehen. Luther schreibt in den Schmalkaldischen Artikeln,
die zu den Bekenntnisschriften der evangelischlutherischen Kirche gehören, „dass die Messe im Papsttum der größte und schrecklichste Gräuel sein muss, weil sie stracks und unwiderleglich gegen diesen Hauptartikel (über das Amt und Werk Jesu Christi oder unsere Erlösung, Anm. d.
Verf.) strebt …“ (7)
In der Antwort auf Frage 80 des Heidelberger Katechismus, der 1563 verfasst wurde, wird dieser Gegensatz auf den Punkt gebracht:
Was für ein Unterschied besteht zwischen dem Abendmahl des Herrn und der päpstlichen Messe?
Das Abendmahl bezeugt uns, dass wir vollkommene Vergebung aller unserer Sünden haben durch das einmalige Opfer Jesu Christi, das er selbst einmal am Kreuz vollbracht hat. (Hebr 7,27; 9,12.25-28; 10,10.12-14; Joh 19,30; Mt 26,28; Lk 22,19.20) und dass wir durch den Heiligen Geist Christus eingeleibt werden (1Kor 6,17; 10,16), der jetzt mit seinem wahren Leib im Himmel zur Rechten des Vaters ist (Hebr 1,3; 8,1.2) und dort angebetet werden will (Joh 4,21-24; 20,17; Lk 24,52; Apg 7,55.56; Kol 3,1; Phil 3,20.21; 1Thess 1,10).

Die Messe aber lehrt, dass die Lebendigen und die Toten nicht durch das Leiden Christi Vergebung der Sünden haben, es sei denn, dass Christus immer noch täglich für sie von den Messpriestern geopfert werde; und, dass Christus leiblich in der Gestalt des Brots und Weins sei und deshalb darin angebetet werden soll.
Also ist die Messe im Grunde nichts anderes als eine Verleugnung des einmaligen Opfers und Leidens Jesu Christi (Hebr 9,6-10; 10,19-31) und eine vermaledeite Abgötterei.


Worin besteht das Vermächtnis Bradfords für uns, die wir in einer ganz anderen Zeit leben?

--> Bradford hat sehr groß von Gott und seiner Gnade und Allmacht und sehr gering von sich selbst gedacht. „Wäre Gottes Gnade nicht, würde ich dort gehen“ ist ein geflügeltes Wort im englischen Sprachraum geworden.
--> In einer Zeit großer lehrmäßiger Beliebigkeit nach dem Motto „Hier stehe ich, ich kann auch anders“ erinnert er uns daran, dass es Überzeugungen gibt, die wichtiger sind als unser irdisches Leben.
--> Seine Hingabe und sein Märtyrium waren Ausdruck seiner Überzeugung, dass Gott in seiner Majestät einen uneingeschränkten Anspruch auf unser Leben hat. Gott ist nicht in erster Linie für uns da, sondern wir für Gott.
In unserer Zeit wirken unsere Gebete oft wie eine lange Einkaufsliste für den himmlischen Supermarkt. Wir tun so, als wäre Gott der Geschäftsführer in diesem Dienstleistungsbetrieb und wir als Kunden König.
--> Bradford sprach in seinen letzten Augenblicken von der engen Pforte und dem schmalen Weg. Er erinnerte an die Kosten der Nachfolge Christi. Niemand kann bezweifeln, dass der Weg schmal für ihn war. Wo verläuft dieser schmale Weg für uns in einer Zeit der Anpassung und Bequemlichkeit? 

Nachtext

Quellenangaben

1 Ryle, J.C.: Fünf Märtyrer – Treu bis in den Tod, Bielefeld, 1995, S. 158
2 Mayhew, Richard A.: John Bradford (1510-55) in www.graceandtruth.org. uk/Articles john_bradford
3 Ryle, J. C., S. 150
4 Mayhew, S. 1
5 Zitiert in Ryle, S. 158
6 Ryle, S. 16
7 Aland, K.: Luther Deutsch, Bd. 3, Göttingen, 1991, S. 340, siehe auch: Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Göttingen, 1998, S. 416