Zeitschrift-Artikel: Lieber Bruder P.!

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Titel: Lieber Bruder P.!
Typ: Artikel
Autor: Winfried Knebes
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 1297

Titel

Lieber Bruder P.!

Vortext

Den folgenden Beitrag schickte uns Winfried Knebes, der seit über 10 Jahren als Evangelist im
Staatsgefängnis von Palmasola, Santa Cruz (Bolivien) arbeitet.
Er bekommt auf Umwegen und mit großer Verspätung fest+treu nachgeschickt und las letztens
den Artikel „Lieber Bruder Timotheus“ von Dieter Ziegeler, der vor zwei Jahren (f+t 02/2007) in
unserem Blatt erschien.
Beim Lesen dieses fiktiven Briefes erinnerte er sich an einen Aufsatz, der „in einer stillen Stunde“
geschrieben wurde und „dann in irgendeine Schublade wanderte“. Vor einigen Tagen beim Aufräumen
kam er wieder ans Tageslicht.
Er schickte ihn mit den Worten: „Falls Ihr ihn gebrauchen könnt, veröffentlicht ihn, wenn nicht,
vernichtet ihn.“ Doch wir glauben, dass dieser Beitrag lesenswert ist, besonders wenn man beachtet,
dass der Autor als freier, „allein vom Herrn abhängiger Missionar“ in einem Gefängnis und
unter Umständen arbeitet, die dem Apostel Paulus nicht unbekannt waren.

Text

Lieber Bruder P.!
Leider sehen wir uns genötigt, uns in dieser Form an Sie zu wenden. Wir sind als anerkannte, überörtliche und international arbeitende Missionsgesellschaft wahrlich einiges gewöhnt. Nur, lieber P., was denken Sie eigentlich bei all dem, was Sie da so treiben und schreiben? Erst einmal eignet sich ihr Lebenslauf eher für eine Bewerbung bei der Fremdenlegion als für eine ordentliche Missionsgesellschaft. Seien wir ehrlich: Einfach so wird heute niemand öffentlich ausgepeitscht oder gar ins Gefängnis geworfen! Wir haben eine Menge Missionare „im Feld“ stehen – und nicht einer
von ihnen hat solche Probleme, ganz im Gegenteil: Oftmals gehen Sie in den besten Häusern und Palästen ein und aus, werden nicht selten hoch geehrt und öffentlich ausgezeichnet. Ja, aber wenn man auf eigene Faust unterwegs ist, passiert es natürlich schon mal, dass man unter die Räuber fällt oder schiffbrüchig wird. Würden Sie für eine öffentlich-rechtlich anerkannte Sozietät arbeiten, so wären Sie in der Stadt, in der Wüste oder wo auch immer stets gut gerüstet

und abgesichert, müssten weder Not noch Hunger leiden, wären gegen jede Unannehmlichkeit gefeit und immer ordentlich gekleidet. Oder sollte Ihnen nicht bewusst sein, welch jämmerliches Bild Sie da abgeben? Wissen Sie denn nicht, dass unser Gott auch Sie reich beschenken möchte, wie er es auch bei uns getan hat? Unsere Missionare sind kranken- und altersversichert. Und Sie? Man muss doch auch an Morgen denken, Herr P.! Aber da Sie auf Ihre Schwächen auch noch stolz sind (2Kor 12,10), kommt vermutlich jede Ermahnung zu spät! Und überhaupt sind Ihre Eskapaden wie die Flucht aus Damaskus wohl eher reif für Hollywood als für ein seriöses Missionswerk. Und was die „falschen Brüder“ angeht (2Kor 11,26), so sollten Sie, lieber Herr P., diese Einstufung doch lieber kompetenteren, ordinierten Brüdern überlassen! Und schon sind wir beim eigentlichen Thema: Wer hat Sie denn überhaupt ordiniert und als Prediger zugelassen? Sie berufen sich da auf ein obskures Wüstenerlebnis, das eher wie eine Fata Morgana anmutet und zählen sich so einfach zu den Aposteln. Nun, auch diese Bezeichnung sagt nicht viel aus, denn wer von diesen Herren hat denn wohl ein anerkanntes Theologisches Seminar besucht? Das mag in der Pionierphase noch angegangen sein, aber heutzutage, bei den jetzigen Ansprüchen, kann überhaupt nur noch hochqualifiziertes und motiviertes Personal ausgesandt werden, auch in die Dritte Welt! Und wer hat Sie überhaupt ausgesandt? Nach unserem Wissen wurde Bruder B. von der Jerusalemer Gemeinde offiziell beauftragt und ersuchte Sie dann, ihm als Assistent zur Seite
zu stehen. Zum Dank dafür haben Sie dann in Antiochien Ihren Missionsleiter im Stich gelassen
wegen Ihrer bekannten, unerbittlichen Intransigenz! Und seitdem bewegen Sie sich also auf eigene Faust und bringen überall die Gemeinden in Aufruhr. Bei Ihrem Vorleben (Phil 3,5.6) wundert es natürlich nicht, dass Sie von einem Extrem ins andere fallen. Heutzutage ist Toleranz angesagt, und überhaupt: wo bleibt die Liebe? Sie fallen da über einen armen Bruder her, der zugegebenermaßen in Unzucht lebt, und bezeugen dies auch noch öffentlich (1Kor 5,1)! Ein wahrer Gentleman übergeht solche Verfehlungen diskret, wo kommen wir hin, wenn wir all solche verstoßen, die kleine
Übertretungen begehen (1Kor 5, 9-13), die meisten Kirchen wären dann leer – wäre das denn Gottes Wille? Und wer soll dann für die Kosten aufkommen? Und wovon sollten wir leben, um Gottes Wort zu verkünden? Sollten wir etwa auch ein
solches Stromer-Leben beginnen wie Sie? Wie können Sie sich erdreisten, den lieben Bruder D. so öffentlich zu diffamieren (3Joh 9.10)? Er ist ein ordinierter Gemeindeleiter und kennt seine Pflichten! Selbstverständlich wird er nicht jeden selbst ernannten Apostel zulassen und ist durchaus ermächtigt, seine Schafe zu verweisen! Der Streit scheint Ihr täglich Brot zu sein. Anstatt zum Beispiel die Situation in Lystra zur Völker- und Religionsverständigung auszunutzen
(Apg 14,11) wie es große Gottesmänner vom Schlage eines J.P. II oder eines B.G. getan hätten. Aber Sie mussten natürlich wieder alles verderben und wundern sich dann auch noch über die Konsequenzen! Oder dachten Sie, die Herren dieses Mädchens in Philippi (Apg 16, 16-23) waren erfreut über das Ausbleiben ihres Einkommens? Bekehren:
Ja! Aber Kultur zerstören: Nein!, denn das gibt Ärger mit der UNESCO! Aber Sie machen ja nicht mal vor den jüdischen
Brüdern Halt (Apg 13, 44-51). Leicht könnte man Sie deswegen des Antisemitismus bezichtigen. Wo soll das denn alles noch hinführen? Sie legen sich wirklich mit allen an. Die Katholiken sind erbost, da Sie über Figürchen, Festtage, Legenden und Zölibat herziehen (Apg 19,24; Gal
4,10; 1Tim 1,4;4,3;4,7). Die Pfingstgemeinden haben Beschwerde eingelegt über Einmischung in ihre internen
Angelegenheiten, besonders das Zungenreden möchten sie sich nicht nehmen lassen!
(1Kor 14, 1-28). Lieber Bruder P., in dieser Angelegenheit teilen wir ausnahmsweise Ihre Meinung. Aber wo bleibt die Liebe zur Einheit? Machen wir doch das, was wir für richtig halten, aber verwehren anderen doch nicht das gleiche Recht! Auch Frauenrechtler (1Kor 14,34) und die Gay-Bewegung (Rö 1,27) haben wegen dieser Diffamierungen schon mit rechtlichen Schritten gedroht! Lieber Bruder P., Sie können Ihre einseitigen und verklemmten Ansichten nicht einfach zum Dogma erheben. Aber da selbst Bruder K. von Ihnen öffentlich gemaßregelt wurde, sollte uns eigentlich nichts mehr wundern (Gal 2,14). Im Fall der Thessalonicher maßen Sie es sich einfach an, diese des unordentlichen Wandels zu bezichtigen (2Thess 3,6). So weit geht Ihre Verbohrtheit (Apg 18,3), dass Sie sich mit dem einfachen Volk auf eine
Stufe stellen. Ihr Eigensinn wird auch dadurch deutlich, dass sie sich in Rom ein Haus mieten, anstatt, wie es sich gehört, mit der örtlichen ACK zu sprechen (Apg 28.30.31). Aber Sie kochen natürlich lieber Ihr eigenes Süppchen. Und niemand kann es entgehen, dass Sie kein ordentliches Predigerseminar besucht haben. Wären Ihre Predigten nicht so langatmig und wenig anziehend, wäre der arme Eutychus wohl gar nicht erst aus dem Fenster gefallen (Apg 20,9-12).
Es wäre müßig, die Liste der Beschwerden über Sie weiterzuführen. Dies alles hat Sie dorthin gebracht, wo Sie jetzt sind – im Gefängnis! Bereuen Sie, und retraktieren Sie! Nehmen Sie Abstand von Ihren überspitzten und intoleranten Briefen und Ihrem überhitzten Tun. Gehen Sie in sich, wenn Sie aufrichtig bereuen und sich bei den zuständigen Stellen entschuldigen, so werden sich gewiss nicht nur die Herzen, sondern auch die Gefängnistüren öffnen. Haben Sie keine Angst – für einen Mann mit Ihrer Erfahrung wird sich wohl ein Plätzchen finden lassen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, dass Sie doch noch zur Einsicht kommen und verbleiben mit freundlichen Grüßen

Gottfried Schleicher,

Generalsekretär und 1. Vorsitzender
Verein der Freunde und Förderer der missionarischen
Diakonie e.V.
Obersülzenberg bei Schleimhausen

Nachtext

Quellenangaben